Gastbeiträge

12/02/2018 - 07:00

Land-Mama Lisa

Anders als geplant – Über eine Geschwisterliebe, die sich ihren Weg erst suchen musste

„Wir sind jetzt vier“ – So hieß das Buch, das ich mit der Maus während meiner zweiten Schwangerschaft immer wieder gelesen habe. Es handelt von einem Jungen, damals ungefähr in ihrem Alter, der eine kleine Schwester bekommt.

Die Geschichte spricht diverse Themen an - von der Einbindung des großen Geschwisterkindes in der Schwangerschaft bis hin zu Eifersuchtsproblemen, wenn das Baby da ist. Ich habe versucht, die Maus in alles rund um ihr Geschwisterchen einzubeziehen.

Geschwister: Die Vorstellung von der großen Liebe

Ich selbst hatte natürlich traumhafte Vorstellungen im Kopf davon, wie die beiden sich langsam annähern, die Maus ihre Schwester knuddelt und knutscht, wir tagelang gemeinsam im Bett liegen - gepackt von der Schönheit des Lebens und mit der Erkenntnis, dass die Zeit am besten stillstehen sollte. Mamagefühle und Pläne während der Schwangerschaft eben.

Wir hatten im Krankenhaus bereits ein Familienzimmer organisiert mit dem Gedanken, dass die Maus dann auch direkt bei allem dabei wäre, wir die Welt draußen vergessen und nur für uns sein könnten.

Kennt ihr das, wenn dann plötzlich alles anders kommt?

Unser Knödel kam zur Welt und wenige Stunden nach ihrer Geburt wurde ein schwerwiegender Herzfehler bei ihr festgestellt. Das Familienzimmer tauschten wir also kurzerhand gegen die kinderkardiologische Intensivstation ein.

Unter all den furchtbaren Gedanken die mir in diesen Stunden durch den Kopf gingen war natürlich einer davon: Wie soll denn jetzt hier bitte Geschwisterliebe aufkommen? Die Maus konnte ihre Schwester auf der Intensivstation natürlich nicht besuchen und auch später, als diese auf die normale Station verlegt wurde, war das nicht möglich, da die Maus eine schwere Grippe bekam.

Geschwisterrivalität? Das Baby bekommt eine Sonderbehandlung

Das, was ich auf jeden Fall vermeiden wollte, war nun unumgänglich – ihre Schwester bekam eine Sonderbehandlung. In den ersten Tagen drehte sich alles nur um sie und die Maus musste funktionieren. Sie lernte ihre Schwester erst fünf Tage nach deren Geburt kennen, als wir vorerst aus dem Krankenhaus nach Hause durften.

Jetzt denkt man: Endlich konnten sie sich in die Arme schließen. Nein, bei Knödel wurde eine Immunschwäche vermutet, was bedeutete, dass wir alle einen Mundschutz tragen mussten, weil wir mittlerweile alle krank waren. Hände desinfizieren und was vor allem für die Maus galt: Abstand von ihrer Schwester halten...

Die Immunschwäche ihrer kleinen Schwester hatte auch zur Folge, dass die Maus erstmal 10 Wochen nicht zur Tagesmutter gehen konnte, weil dort dauernd eines der anderen Kinder krank war. Somit hatte ich nicht nur beide Mädels bei mir zu Hause, sondern es wohnten plötzlich auch noch ganz viele Sorgen, Ängste, Zweifel und Schuldgefühle bei uns. Ich empfand diese 10 Wochen damals als absolut furchtbar.

Wie kann ich beiden Kindern gerecht werden?

Dauernd hatte ich das Bestreben, beiden Kindern trotz Knödels Erkrankung gerecht zu werden, die Maus am Leben teilhaben zu lassen, obwohl wir teilweise nicht mal Besuch empfangen konnten. Das alles, wo ich als Mama auch so viel zu verarbeiten hatte. Das ging an die Substanz...

Die größte Sorge für mich war aber, dass zwischen den beiden unter diesen Umständen niemals eine wirklich intensive Geschwisterliebe entstehen könnte. Da war ich mir sicher.

Jetzt sind fast zwei Jahre vergangen und jeden Tag erreichen mich von der Maus Sätze wie: „Ich liebe meine Schwester so sehr“ oder „Ich will aber bei Knödel sein und nicht in den Kindergarten gehen.“ Meine damaligen Sorgen waren so groß und heute zeigt sich: Sie waren völlig unbegründet.

Sorgen unbegründet: Die Geschwister lieben sich

Diese 10 Wochen sehe ich mit etwas Abstand als extrem positive Zeit für die Entwicklung ihrer Beziehung zueinander an. Die Maus war in dieser Zeit Teil des Geschehens. Diese 10 Wochen waren unser Familienzimmer.

Auch wenn die beiden sich nicht so knuddeln und knutschen konnten wie ich das gerne wollte, hatten sie eine intensive Zeit miteinander. Sie sind so völlig unterschiedlich und das meine ich nicht nur in Bezug auf Knödels Erkrankung. Sie ergänzen sich wunderbar. Die Maus setzt sich zu Knödel und zeigt ihr, wie man Türmchen baut und Knödel zeigt der Maus, dass es wunderbar ist, besonders zu sein.

Die Schwestern wachsen aneinander

Durch Knödel hat die Maus nochmal ein großes Stück an Empathie entwickelt und durch die Maus weiß Knödel nun, wie man den besten Quatsch machen kann. Jedes Mal, wenn sie getrennt sind, freuen sie sich später wieder aufeinander. Wenn die Maus mal nicht zu Hause ist, muss ich mit Knödel auf dem Arm zur Haustüre laufen und schauen, wann sie endlich kommt. Die Freude in ihrem Gesicht zu sehen, wenn die Tür aufgeht und sie dann endlich dort steht, ist unbezahlbar.

Und so kann ich am Ende in Bezug auf die Entwicklung ihrer Geschwisterliebe eines sagen: Es kam zwar alles anders aber sicher nicht schlechter. Geschwisterliebe entwickelt sich nicht nach Vorgaben und unseren Vorstellungen. Sie ist von Anfang an da.

Selbst wenn sie auf Hürden trifft sucht sie sich ihren Weg, egal wie schwer sie es manchmal hat. Es ist großartig zu sehen, dass meine Mädels trotz oder gerade wegen Knödels Erkrankung so unbefangen miteinander aufwachsen. Der Gendefekt ihrer Schwester spielt für die Maus überhaupt keine Rolle. Sie nimmt sie, wie sie ist und trifft auf uneingeschränkte Gegenliebe.

Unzertrennlich: Schwestern für immer

Ein unsichtbares Band hat sich zwischen den beiden gebildet. Ich hoffe, dass es niemals reißt. Rückblickend hätte ich in diesen 10 Wochen die Tränen gegen das Lachen auf meinen Lippen eintauschen sollen. Ich hätte die Sorgen wegschicken sollen, um Platz für die Freude zu machen. Was mir damals nicht möglich war, tue ich heute ganz bewusst.

Eure Sonja

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Tags: Geburt, Geschwister, Geschwisterkinder, Geschwisterliebe, Geschwisterstreit, Geschwisterrivalität, Schwestern, Herzfehler, Behinderung, Familie, Kinder, Liebe

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Kommentare

Anka — Mi, 02/14/2018 - 07:07

Liebe Sonja, was für ein toller Artikel. Du sprichst einem aus dem Herzen. Ich habe drei Kinder und auch eine ziemlich romantische Vorstellung von Geschwisterliebe ;-) ... manchmal klappt es, manchmal auch nicht. Liebe Grüße Anja von https://pinkshape.de

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