Gastbeiträge

11/05/2017 - 07:30

Stadt-Mama Katharina

Ich erlebte eine Kindheit voller Gewalt - Gastbeitrag von Jasmin

Ich heiße Jasmin und habe eine Kindheit voller Gewalt erlebt. Ich bin in den 70er Jahren groß geworden und da war es „normal“, dass man als Kleinkind den ein oder anderen Klaps bekam. Ich denke, da war ich nicht die Einzige. Doch mit der Einschulung veränderte sich der Klaps - es wurden Schläge und die Angst zog in mein Leben. 

Meine Eltern hatten seit der ersten Klasse extrem hohe Erwartungen an mich. Bei vermeintlich schlechten Noten gab es Prügel. Dabei achtete mein Vater aber genau darauf, dass Kleidung die blauen Flecken verdecken würde. 

Einmal, in der zweiten Klasse hat er mir ein Veilchen geschlagen. Wie ich das in der Schule erklärte? Ich sei gegen eine Tür gelaufen - diese Antwort hatten mir meine Eltern eingetrichtert. 

Wenn ich Lernstoff nicht sofort verstanden habe, wurde mir ein Stift zwischen den Fingern durchgefädelt. Bei jeder falschen Antwort drückte mein Vater meine Hand zusammen - dagegen waren die Schläge auf den Hinterkopf schon fast angenehm. 

Es ist nicht verwunderlich, dass dieser Druck meiner Eltern Auswirkungen auf meine schulische Leistung hatte. Ich hatte so eine Panik vor Prüfungen, dass ich dank absoluter Blackouts nicht mal mehr meinen Namen auf das Blatt schreiben konnte. Daran änderte auch die Nachhilfe nichts, die meine Eltern finanzierten. Uns war klar, dass ich klug genug fürs Gymnasium war. Während ich aufgrund der massiver Prüfungsangst aber immer schlechtere Noten schrieb, führten meine Eltern dies auf meine anhaltende Faulheit zurück. 

Von meinen Lehrern bekam ich keine Unterstützung. Mein Vater ist Ausländer und einige Lehrer waren der Auffassung, ein Ausländer-Kind gehöre ohnehin nicht aufs Gymnasium. In der siebten Klasse wechselte ich schließlich auf die Realschule. 

Meine Mutter hat mich nie vor den Schlägen meines Vaters geschützt - im Gegenteil. Sie hat mich oft bei meinem Vater angeschwärzt oder hat selbst mit dem Kochlöffel zugeschlagen. Wenn mein Vater sich mal wieder abreagieren wollte, legte er immer zuerst seine teure Uhr ab. Da wusste ich, dass es nun wieder los geht. Ich musste dann ins Kinderzimmer und dort auf ihn warten, damit er mich nach Strich und Faden verprügeln konnte. Manchmal nahm er auch den Gürtel oder einen Holz-Kleiderbügel. 

Einmal erzählte meine Mutter meinem Vater eine völlig absurde Geschichte über mich und einen Jungen, da flippte mein Vater aus. Ich habe gedacht, er bringt mich jetzt um. Seitdem habe ich eine kaputte Bandscheibe im Lendenbereich.

Meine Eltern waren auch psychisch brutal. Sie nahmen mir zur Strafe Bücher weg, ich durfte zeitweise keine Freunde treffen oder zu Jugendgruppenstunden gehen. Phasenweise durfte ich sie nicht mehr mit Mama oder Papa anreden, denn sie seien nicht mehr meine Eltern - so etwas wie mich wollten sie nicht als Tochter. Sie sagten, sie würden mich nur durchfüttern, weil sie per Gesetz dazu verpflichtet wären. 

Die Zustande zu Hause hat kaum jemand mitbekommen. Ich sprach nur mit meiner besten Freundin und dem Leiter meiner Jugendgruppe darüber. Er wollte meine Eltern anzeigen, doch ich hielt ihn davon ab. Nach außen hin waren meine Eltern immer nett und freundlich. Vor einiger Zeit hat mich meine ehemalige Lehrerin angerufen und sich dafür entschuldigt, dass sie nichts mitbekommen habe. Ich möchte ihr das glauben, aber ich weiß auch, dass es für viele Menschen leichter ist wegzuschauen, wenn sie etwas ahnen….

Mit 12 Jahren wollte ich mal abhauen. Ich packte meinen Puppenkoffer. Meine Mutter bekam das mit uns sagte nur spöttisch, ich würde nicht weit kommen und dann ins Kinderheim gesteckt. 

Mit 17 wollte ich mich umbringen. Zu dieser Zeit hatte ich eine kleine Maus als Haustier und die hat mich von diesem Schritt abgehalten. Ich wusste, dass meine Mutter die Maus aussetzen würde und ich wollte nicht, dass dieses kleine Lebewesen wegen mir sterben muss…

Die körperliche Gewalt hörte auf, als ich volljährig wurde und meine Noten in der Berufsschule selbst unterschreiben konnte. Mit 19 bekam ich die letzte Ohrfeige von meiner Mutter. 

Mit 23 habe ich meine erste Therapie begonnen um meine psychosomatischen Magenbeschwerden in den Griff zu bekommen. Im Rahmen der Therapie habe ich meine Mutter erstmals konfrontiert. Am Schlimmsten fand meine Mutter, dass ihre Tochter mit lauter „Irren beim Psychodoc“ rumsitzt. Ihre Erklärung für die Prügel: Ich sei ein schwieriges Kind gewesen, man hätte sich nicht anders zu helfen gewusst. Ich solle nun aufhören, in alten Geschichten herumzuwühlen. Von Schuldgefühlen war keine Spur. 

Auch heute bin ich für emotionale Erpressung empfänglich. Ich merke nach wie vor, dass ich es meinen Eltern recht machen will. Ich lasse mich immer wieder von ihnen einwickeln. Manchmal aber schaffe ich es schon, mich abzukapseln. Dann ist es mir egal, was meine Eltern über mich denken. 

Ich habe nun selbst eine Tochter und kann nicht verstehen, wie man seinem eigenen Kind so viel Gewalt antun kann. Unsere Kleine bringt mich oft an meine Grenzen. Und wenn ich merke, wie meine Wut ihr gegenüber zu groß wird, dann halte ich inne, und sorge dafür, dass wir erst mal etwas räumlichen Abstand gewinnen. Und wenn wir uns beide wieder beruhigt haben, versuche ich das Thema zu klären. Wenn ich dann doch mal zu laut geworden bin, dann entschuldige ich mich aufrichtig bei ihr. Ich bin keine perfekte Mutter, aber ich versuche meiner Tochter das Urvertrauen mitzugeben, das ich nie aufbauen konnte. Und bis jetzt scheint es zu funktionieren und ich hoffe, dass es mir auch noch in den nächsten Jahren gelingen wird. Denn ich liebe sie über alles.

Gewalt hat nichts mit Liebe zu tun - egal was die Eltern sagen. Sie zeugt nur von Schwäche. Es gibt unendlich Möglichkeiten, sich abzureagieren. Niemals sollte ein Kinderkörper oder eine Kinderseele dafür herhalten müssen. Die Spuren von Gewalt graben sich tief ein. Ich glaube, man kriegt sie nie wieder aus sich heraus - man kann nur lernen, damit zu leben. 

 

Tags: Gewalt, Schläge, Kindheit, Trauma, Eltern, Beziehung

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Kommentare

Flora — Do, 05/11/2017 - 08:54

dein Brief hat mich sehr berührt. Und auch sehr wütend gemacht, auf deine Eltern. Für ein derartiges sadistisches und systematisches Mißhandeln seines Kindes gibt es keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung. Hier geht es um schweren körperlichen Mißbrauch, um seelische Folter und die Inkaufnahme schwerer dauerhafter Schäden an deinem Körper und deiner Seele. Das ist ein Straftatbestand. Deine Eltern sind Täter und jeder, der davon weiß und wegsieht ist Mittäter. Es gibt keinen Grund, warum man den Kontakt zu solchen Straftätern aufrecht erhalten sollte. Die Schuld liegt allein bei deinen Eltern, kein Kind der Welt hat so eine Mißhandlung "verdient". Deine Eltern haben dich schwer vernachlässigt, dass kann man nicht mehr ändern. Aber dein eigenes Kind kannst du vor diesen sogenannten Großeltern schützen. Sie haben vor dir nicht Halt gemacht und ein Enkelkind steht ihnen noch einmal emotional ferner. Blutsverwandtschaft hat dich nicht vor der Gewalt gerettet und wird dein Kind auch nicht schützen. Schütze dich und dein Kind vor diesen Straftätern! Beende den Kreislauf von ewiger Gewalt und Traumatisierung. Ich wünsche dir viel Kraft auf deinem Weg.

Paula Deme — Do, 05/11/2017 - 09:20

Hallo Jasmin Ich habe ähnliches durchgemacht....Schläge, Abwertung, Liebesentzug, ein paar Selbstmordversuche als Jugendliche. Bin mit 17 ausgezogen und seit 4. Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter, zu meinem Vater schon bedeutend länger. Solch ein Verhalten, dass unsere Eltern an den Tag legten, ist durch nichts zu entschuldigen. Ich muss gestehen, dass in den letzten Jahren ohne Kontakt zu ihr / ihnen über mich hinaus gewachsen bin und meinen Seelenfrieden gefunden habe. Auch ich habe mich Jahrelang mit der Schuldfrage auseinandersetzen müssen und habe festgestellt: Wir waren Kinder. Wir hatten keine Schuld. Ich arbeite seit 1999 mit Kindern und kann meinen Eltern 1001 Möglichkeiten nennen wie man mit Kindern umgeht, auch "schwierigeren" Kindern...ohne Gewalt, Liebesentzug, Beschimpfungen, Abwertung und Liebesentzug. Nur das wollen sie nicht hören. Dann müssten sie zugeben, dass sie einen oder mehrere Fehler gemacht haben. Ich habe heute noch Nachwirkungen, nichts "schlimmes" wegen meiner "Kindheit" doch trotzdem..trotz Therapie. In meinem Blog versuche das das unter anderem auszuarbeiten und Betroffenen Mut zu machen. Als ich vor zwei Jahren das erste mal darüber sprach, hätte ich nie gedacht, dass wir so viele sind. So viele Menschen denen in der Kindheit die Hölle auf Erden bereitet wurde. Gern kannst Du Dich mit mir in Verbindung setzen, wenn Du reden möchtest. Oder Du schaust mal bei mir auf dem Blog vorbei: www.wasmansonichtsagendarf.ch Alles Gute auf deinem weiteren Weg! Sonnige Grüsse, Paula

Melanie — Do, 05/11/2017 - 10:18

Ich bin so dankbar, dass es immer mehr Menschen zu geben scheint, die offen solche Geschichten erzählen. Ich habe auch so eine Kindheit erlebt und leide heute noch darunter, auch wenn ich mir oft sage "ich solle doch jetzt endlich mal drüber weg sein". Meine Eltern sind sich natürlich keines Unrechtes bewusst, wie bei Dir, ich sei halt so schwierig und so rebellisch gewesen. Es wird ein bisschen besser seit ich selbst Kinder habe und schockiert feststellen musste, dass sie mit ihnen genauso empathielos und grenzüberschreitend waren - da habe ich langsam geschafft die Reißleine zu ziehen und den Kontakt erstmal abzubrechen. Um mich und meine Kinder endlich zu schützen. Ich fange auch langsam an zu akzeptieren, dass ich noch wütend sein DARF, dass ich ihnen das (noch) nicht verzeihen muss, wie alle immer sagen. Das Schlimmste war eigentlich immer diesen Schmerz für mich zu behalten, sie immer noch zu schützen indem ich nicht darüber spreche wieviel Gewalt sie mir angetan haben. Deswegen ist Dein Artikel so gut und so wichtig. Ich habe mich mit diesen Erfahrungen immer von der Welt angeschnitten gefühlt - aber wir sind nicht allein.

Mette — Do, 05/11/2017 - 13:57

Liebe Jasmin, ich wünsche dir ganz viel Kraft, dass du es weiterhin schaffst, dich von deinen Eltern zu lösen. Mir geht es nach einem Kontaktabbruch deutlich besser. Ich möchte auch nicht, dass mein Kind von den Grosseltern etwas mitbekommt. Alles Gute!

Carolin — Do, 05/11/2017 - 15:44

Liebe Jasmin, vielen Dank für deine Offenheit! Trotz meines Entsetzens und der Traurigkeit über das, was du erlebt hast, war ich sehr erstaunt, dass du anscheinend noch mit deinen Eltern in Kontakt stehst und, in dem du ihnen versuchst vieles recht zu machen, immer wieder in deine Rolle von früher rutschst. Ich wünsche dir, dass du den Kontakt zu ihnen gern aufrecht erhälst und er dein Leben und das deiner Liebsten bereichert, denn wenn nicht, dann hast du jedes Recht der Welt, deinen Weg ohne sie weiterzugehen! Ich habe keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern und es geht mir damit (und einer Therapie) so viel besser! Alles Liebe für Dich!

Ina — Do, 05/11/2017 - 16:23

Liebe Jasmin, liebe Alle, da könnte ich auch viel von erzählen. Reue? Hab ich nie bemerkt. Sondern weiter Achsel zucken, war halt damals so oder Verdrängung vom Feinsten ... Eine Therapie bräuchte ich wohl, hab aber nie eine gemacht. Ich weiß, wenn ich einmal anfinge zu weinen, könnte ich nie wieder aufhören. LiebGruss Ina

Lilli — Do, 05/11/2017 - 21:22

Menschen die solche unfassbaren systematisch grausamen Gräueltaten über Jahre aufrecht erhalten und keine Reue empfinden haben einen einsamen, schmerzhaften,langatmigen Tod verdient und sonst gar nichts. Und schon gar nicht den Kontakt ihrer erwachsenen Kinder, die es auf irgendeine großartige Weise geschafft haben, die eigene Geschichte nicht zu wiederholen und diese in Frage zu stellen. Das ist wahre geistige Größe,wir der ich einfach nur den Hut ziehe. Solche Geschichten sollten zum nachdenken anregen: in einem System der Wirtschaftlichkeit gibt es einige Menschen die nicht mithalten können, weil sie durch ihre schlimme Geschichte niemals ihr Potentiale nutzen konnten. Genau diese Menschen möchte ich mittragen helfen, durch Steuern ofer soziale Aktionen. Sie haben dies verdient.

Nathan Davidson — Fr, 06/09/2017 - 08:46

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