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13/07/2017 - 06:30

Stadt-Mama Katharina

Warum ich was "Ordentliches" gelernt habe und trotzdem Minijobberin bin - Interview mit Jeanette

Wer sich mit Mini-Jobs über Wasser hält, ist selber schuld - so kann man den Tweet von CDU-Generalsekretär Peter Tauber lesen. Hätte man was Ordentliches gelernt, bräuchte man ja nicht als Minijobber arbeiten, schrieb der Politiker. Wir haben uns schrecklich über dieses Statement aufgeregt, weil wir wissen, dass viele Mütter gar keine andere Wahl haben, als einen Minijob anzunehmen. So wie Jeanette, sie ist alleinerziehend und hat drei Kinder. Wir haben mit ihr über ihre Situation gesprochen. 

Liebe Jeanette, Du bist dreifache Mama und alleinerziehend. Seit wann ist die Situation so? 

Ich bin seit August 2016 alleine mit den Kindern. Mein Mann und ich haben fast 4 Jahre um unsere Ehe gekämpft - der eine mehr, der andere weniger. Heute bereue ich, dass ich den Schritt nicht schon früher gegangen bin, es wäre besser gewesen für das Seelenheil meiner Kinder und meins. Wir haben sehr zu knabbern daran.

Du bist Krankenschwester, hast aber einen Job in einer Bäckerei - warum ist das so? 

Ja, ich bin staatlich examinierte Krankenschwester, momentan kann ich aber aufgrund meiner Situation und den 3 Kindern gar nicht wieder in meinen Beruf. Deswegen habe ich die halbe Stelle in einer Bäckereifiliale. Dort befülle ich jeden Morgen den Backshop im Supermarkt und mache vorne in der Filiale noch zusätzlich Spätdienste.

Ich habe leider keine Familie, die mich unterstützen könnte, wir vier müssen alles alleine organisieren. Meine großen Mädchen (12 und 14 Jahre alt) betreuen den Kleinen (5 Jahre alt) während ich Spätdienste in der Bäckerei habe. Sie müssen ihn vom Kindergarten abholen, wofür ich extra eine Genehmigung vom Träger brauchte. Anschließend kümmern sie sich zu Hause um ihn und ihre Schulaufgaben ect. Sie machen das toll, keine Frage - aber ich wünschte es würde anders gehen.

Erzähl mal, wie ein typischer Tag bei Dir aussieht.

Um 4:30 Uhr klingelt mein Wecker, ab ins Bad. Gegen 5 Uhr wecke ich die Mädels, gegen 5:20 Uhr starte ich Richtung Arbeit. Dort retourniere ich zuerst die Ware vom Vortag und säubere den Backshop. Anschließend befülle ich ihn mit der gelieferten Frischware. Dann helfe ich vorne noch in der Filiale bis ca. 7:30 Uhr.

Danach fahre ich nach Hause, die Mädels gehen zur Schule, ich mache den Kleinen für den Kindergarten fertig und bringe ihn dort hin. Danach kümmere ich mich um Haushalt und Einkaufen.  Mittags koche ich dann was vor, das die Großen nach der Schule essen können. Wenn ich Spätdienst in der Bäckereien habe, bin ich gegen 13 Uhr wieder dort und arbeite den ganzen Nachtmittag. Kurz nach 20 Uhr bin ich wieder zu Hause, spreche mit den Kindern über den Tag und bringe sie ins Bett. Dann räume ich die Küche auf, mache Wäsche oder was sonst so anfällt. Und da ich nebenberuflich noch selbstständig bin, muss ich da auch noch ein wenig arbeiten: Ich nähe dann noch.

Wenn ich keinen Spätdienst in der Bäckerei habe, mache ich am Nachmittag die alltäglichen Dinge: Die Kinder zu den Hobbies oder Freunden bringen, gemeinsam die Schule lernen, Gartenarbeit. So oder so: Mein Tag endet meist nicht vor Mitternacht. 

Was empfindest du als das Härteste als Alleinerziehende?

Die Sorge, ob ich alles richtig mache. Ich komme aus extrem schwierigen Verhältnissen. Ich wollte meinen Kindern eine liebevolle intakte Familie bieten - das ist leider so nicht mehr möglich. Ich habe Angst ihnen zu viel zuzumuten, ihnen zu viel Verantwortung zu übertragen -  ich weiß aber nicht, wie ich das anders machen soll/kann. Ich gebe mein Bestes, habe aber immer das Gefühl, dass es nicht reicht. 

Wenn Du solche Aussprüche "Wer was ordentliches gelernt hat, braucht keine 3 Jobs" hörst - was geht dann in Dir vor?

Da schwillt mir der Kamm!! Was hat man denn als Mutter, alleinerziehend oder nicht, für eine Wahl. Entweder man lässt seine Kinder den ganzen Tag in der Kita und geht voll arbeiten oder man arbeitet eben Teilzeit oder als Minijobber. Ich habe Kinder in die Welt gesetzt und möchte sie begleiten - also käme für mich eine Vollzeit-Stelle nicht in Frage. Aber ganz ehrlich? Die meisten Alleinerziehenden haben gar keine große Wahl - sie müssen arbeiten, damit die Kinder satt werden.  Diese Äußerung ist einfach abwertend allen Minijobbern gegenüber- ob gelernt oder ungelernt. Ich finde das einfach asozial. 

Gab es auch Momente, in denen Du dachtest, Dir geht Dir Kraft aus?

Oh ja. Ganz aktuell ist das so. Ich bin müde, wirklich müde. Ich muss mich zwingen aufzustehen. Das einzige, was mich aufstehen lässt sind meine Kinder. Es zehrt sehr. Ich kann nicht abschließen. Meine Kinder haben momentan auch ihre Sorgen und Ängste, Rückschritte ect. Manchmal wünsche ich mir einfach eine Insel für uns vier. Einfach mal wieder auf dem Boden ankommen, ohne Blessuren. Glücklich werden......

Woraus schöpfst Du deine Kraft und gibt es auch mal eine Auszeit für Dich?

Ich habe meine Kinder. Sie sind meine Rettung. Und mein Hobby, das Nähen, was ja auch mein Beruf geworden ist. Und dann ist da noch unsere ausgesuchte Familie: Die Patentante der Kinder samt Familie und Hund - das sind echte Herzensmenschen. Wir sehen uns nicht oft, aber wenn wir uns sehen, ist es wir Urlaub für mich.  Und ansonsten gehe ich in meine Nähecke und tobe mich da aus, höre laute Musik und dann geht es wieder einen Schritt weiter. Es geht immer voran, wenn auch manchmal nur in kleinen Schritten.

Wenn Du andere Mütter hörst, die sagen, sie seien Alleinerziehend mit Mann - was denkst Du da?

Ich kann das tatsächlich nachvollziehen - denn ich fühlte mich genauso vor der Trennung. Für meinen Ex zählte nur die Arbeit, ich habe alles drum herum gemacht und ihm den Rücken frei gehalten. Ich war also auch schon vor der Trennung praktisch alleinerziehend - was besonders weh tut, weil da ja eigentlich jemand ist, der einen unterstützen könnte...

Was würdest Du Dir von Politikern in Bezug auf Alleinerziehende wünschen?

Puh, ich bin politisch nicht so bewandert. Ich habe allerdings den Eindruck, dass das Kinder-Groß-ziehen hier nicht gewürdigt wird. Wenn ich an meine Rente denke, könnte ich nur heulen.

Tags: Interview, Minijob, Arbeit, Leben, Alleinerziehend, Job

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Kommentare

Julia — Do, 07/13/2017 - 09:51

"Um 4:30 Uhr klingelt mein Wecker, ab und Bad." Ins Bad soll es wohl heißen.

Snobfighter — Do, 07/13/2017 - 11:49

Stupid snob!

Maria — Do, 07/13/2017 - 10:14

Immerhin gibt es Menschen, die Minijobs haben. Die sich bemühen und arbeiten gehen. Das ist ja nicht nur ein Vorwurf an Mütter. Auch andere, die aus welchen Gründen auch immer nicht die richtige gemacht haben und nun immerhin Minijobs nachgehen, anstatt gar nichts zu tun. Dir, liebe Jeanette, wünsche ich alles Gute. Du scheinst sehr stark zu sein. Es kommt bestimmt der Punkt, an dem es besser wird. Eine Kur wäre doch auch mal eine Idee... Grüße

Sarah — Do, 07/13/2017 - 14:59

Was für eine starke Frau du bist. Ich habe Hochachtung vor dir und deinen Kindern. Nur eine dumme Frage. Verzeih: Kannst du als Krankenschwester nicht auch in Teilzeit arbeiten? Oder ist das aufgrund der Schichtarbeit nicht möglich? Ich hatte zwischenzeitlich auch einen Minijob, um meine Selbstständigkeit aufzubauen. Es ist echt hart und das Ansehen ist niedrig, obwohl ich weitaus höhere Bildungsabschlüsse als meine Chefin hatte.

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