Gastbeiträge

22/12/2016 - 07:15

Land-Mama Lisa

Wenn Papa plötzlich stirbt: Wie seine Tochter mit der Trauer umgeht - Gastbeitrag von Caro

Ihr Lieben, wir haben heute ein ganz besonderes Stück füre Euch. Caro ist 24 und hat ihren Vater 2012 sehr plötzlich verloren. Wie sie die Liebe und die Trauer in Worte packt, ist bewunderswert. Sie hat für uns aufgeschrieben, wie sie die Jahrestage begeht. Jahr um Jahr. Und es ist uns eine große Ehre, ihren Text heute hier als Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen. In einer Zeit, in der wir unseren Liebsten ganz besonders nah sind - oder sein wollen. Danke Caro für dieses Stück und Dein Vertrauen.
 
2013, 8. März
 
Warum fürchtet man sich eigentlich so sehr vor Zahlen? Oder anders gesagt, vor Daten. Wir schreiben das Jahr 2013. Freitag, 8. März. Wieso habe ich so sehr Angst davor, wie dieser Tag wird? Was ich an diesem Tag durchleben muss? Nur weil sich der Tod heute zum ersten Mal jährt? Aber abgesehen davon, ist der Tod und der Schmerz nicht an allen Tagen genauso schlimm und unerträglich? Irgendwie nicht. Heute ist alles besonders präsent. Ich erinnere mich an diesen Tag vor einem Jahr nur verschleiert. Alles ist irgendwie verzerrt.
Ich wache auf, trau mich aber nicht die Augen auf zu machen. Öffne ich sie, wird es real. Aber ich höre von unten schon Stimmen und weiß, dass im Wohnzimmer Menschen sitzen, mit nur einem Thema im Kopf: Tod. Der Tod. Warum holt er einen so geliebten Menschen? Warum nimmt er uns einfach einen Menschen weg, den wir aber doch brauchen und lieben und der jetzt nicht einfach so tot sein kann? Tot. Tot. Ein Mensch ist tot.
Wie gelähmt stehe ich auf. Ich bin wie betäubt, weiß nicht, was ich denken soll, weiß nicht, was ich sagen soll, alles, was ich weiß, ist, dass jetzt alles anders ist. Und es niemals mehr so sein wird, wie es früher einmal war.
Die Anwesenheit des Todes ist überall zu spüren, egal wohin ich gehe. Sie legt sich wie ein dunkler Schleier über mich und umhüllt alles. Aber dennoch kann der Tod noch nicht richtig ins Bewusstsein gerückt werden. Irreal, nicht wirklich, ich komme mir vor wie in einem falschen Film. Ein wahr gewordener Alptraum, das ist es.
Mir ist nicht viel von dem Tag in Erinnerung. Nur, dass man irgendwie funktioniert hat. Man konnte irgendwie, trotz des Gefühls der Lähmung, einen Fuß vor den anderen setzen. Aber das war es dann auch.
Ich weiß noch, dass ich spazieren war. Ich weiß, dass ich geredet habe, darüber reden konnte, obwohl jedes Wort aus meinem Mund unwirklich war. Ich redete und redete, aber konnte es selbst nicht so richtig glauben. Manche Menschen können nicht schlafen, wachen ständig auf. Aber bei mir war das anders. Ich hätte die ganze Zeit schlafen können. Im Schlaf fühlt man nichts, spürt keinen Schmerz, kann sich vor der Wirklichkeit verstecken.
Und heute? Ich habe das Gefühl nicht atmen zu können. Es tut weh, irgendetwas, tief in mir, was ich in letzter Zeit ganz gut verdrängen konnte, tut so sehr weh. So, dass ich nicht richtig atmen kann. Der Schmerz schnürt mir die Kehle zu. Mir ist richtig schlecht. Und das, aufgrund von Zahlen, Daten, weil auf einmal wieder alles so präsent ist. Ich erlebe diesen Tag im letzten Jahr noch einmal auf Zeitraffer.
Schon die Tage vor dem Todestag- ich bin in die Vergangenheit zurück versetzt: Der Weg zum Notarzt. Die Notaufnahme im Krankenhaus. Die besorgten Blicke der Ärzte. Mein unbekümmertes Gefühl, dass alles nicht so schlimm ist. Dann, dass er dort bleiben muss. Meine beruhigenden Worte zu meiner Familie. Das Hoffen auf eine schnelle Genesung. Das Einpflanzen von Blumen. Ein schöner Garten erfüllt mit Träumen. Ein Gespräch im Krankenzimmer. Das Problem mit dem Sauerstoff. Das Atemzelt. Das künstliche Koma. Die Frage, was da zur Hölle eigentlich gerade passiert. Ganz viel Leere. Ein Krankenhausbett. Ein Mensch, der bald zur Leiche wird.
Ein Mensch, der nicht mehr von alleine atmen kann. Werte, die immer weiter sinken. Schläuche. Masken. Steriler Krankenhausgeruch. Eine versagende Lunge. Ein Herz, was ganz bald aufhören wird, zu schlagen. Ein Krankenpfleger, auf den ich am liebsten losgehen würde. Seine Worte, was passieren wird. Stille. Unerträgliche Stille. Ich kriege keine Luft. Ich muss hier raus.
Ich renne nach draußen, um wieder atmen zu können. Hier bin ich allein. Hier kann ich schreien, fluchen, weg von der unerträglichen Stille am Krankenbett. Ich schreie zu Gott. Ich kann nicht glauben, was gerade passiert. Ich bete und schreie und weine und fluche. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich renne wieder hoch, durchs Treppenhaus, mein Ziel ist nicht die Intensivstation, sondern die Kapelle. Sie ist zu. Ich breche im Treppenhaus zusammen und bitte Gott um ein Wunder, darum, dass er seine Allmacht zeigen soll. Aber er hört mich nicht, er reagiert nicht auf mich.
Ich gehe wieder zurück auf die Intensivstation. Jetzt ist es amtlich: Wir warten auf den Tod. Das kann aber noch dauern. Ich nehme die Hand von meinem Vater und bitte ihn, wach zu werden. Er darf nicht aufgeben, er soll kämpfen. Er darf uns nicht alleine lassen. Aber auch er hört mich nicht.
Ich fahre mit meiner Schwester nach Hause, weil es noch die ganze Nacht oder auch Tage dauern kann, bis alle Organe versagen. Aber dann ging es ganz schnell. Nach einer Stunde der Anruf, dass wir zurückkommen können, um Abschied zu nehmen.
Von einer Leiche, die nicht mehr mein Vater ist, sondern ein lebloser Körper, der unglaublich schnell kalt und gelb wird, wie man es sich niemals ausgemalt hätte. Von den Medikamenten aufgedunsen, und ohne Bart und Brille kann man ihn kaum wiedererkennen. Und von da an Leere. Ich bin betäubt, gelähmt und kann nichts mehr denken. Das ist jetzt ein Jahr her. Und jetzt sitze ich hier und kann nur schwer atmen. Es ist immer noch so verdammt unrealistisch.
 
2014, 8. März
 
Wir fahren heute zum See. Letztes Jahr an Papas Todestag waren wir auch dort. Ich weiß mir ging es an diesem Tag schlecht, der Tod war immer noch so furchtbar unwirklich. Aber irgendwie tat es gut, dort zu sein. Ich erinnere mich, dass ich mich ihm dort sehr nah gefühlt habe.
Früher war der See ein beliebtes Ausflugsziel der ganzen Familie. Am Wochenende, als man als Kind noch alle Zeit der Welt hatte, sind wir dort spazieren gegangen, Tretboot gefahren, haben Eis gegessen und waren unbekümmert und glücklich. Jedenfalls ist das in meiner Erinnerung so.
Als ich älter und älter wurde, haben wir immer weniger solcher Ausflüge gemacht. Oder anders gesagt: Meine Eltern haben sie ohne uns Kinder unternommen, denn als Jugendliche oder im jungen Erwachsenenalter hat man kaum Zeit für solche Sachen. Solche Sachen? Wie idiotisch es mir jetzt, all die Jahre später vorkommt, Besseres zu tun gehabt zu haben als solche Sachen. Denn schlicht und einfach war damit gemeint, sich glücklich und geliebt zu fühlen, frei und unbekümmert, von der Familie umgeben.
Es ist traurig, dass einem viele Dinge erst später bewusst werden und man dann erst merkt, was für ein Glück man doch hatte. Wäre mir damals klar gewesen, dass mein Vater eines Tages sterben würde, ich hätte am liebsten jeden Tag mit meiner Familie am See verbracht. Aber einige Dinge weiß man scheinbar erst zu schätzen, wenn man sie nicht mehr hat.
Mit diesem Wissen und unseren Erinnerungen fahren wir heute wieder zum See und genießen unseren Familientag.
 
2015, 8. März
 
Papa,
heute ist es drei Jahre her. Es kommt mir seltsam vor. Wir hatten heute einen wunderschönen Tag am See, die Sonne hat zum ersten Mal in diesem Jahr wieder richtig warm geschienen. Ich war glücklich. An einem Tag, der vor drei Jahren der Schlimmste in meinem Leben war. Heute aber habe ich mir gedacht, wir feiern diesen Tag dir zu Ehren. Wir feiern dich, dass du da warst, dass du gelebt hast. Und auch, weil wir uns einen schönen Tag verdient haben, denn immerhin war dieser Tag vor drei Jahren das Schlimmste, was uns je passiert ist.
Also sind wir zum See gefahren, wo wir auch kurz nach deinem Tod waren, wo wir schon letztes Jahr waren und das Jahr zuvor, wo wir jedes Jahr zu deinem Geburtstag waren, wo du immer gerne warst. Ich glaube du hättest das gemocht. Wir haben in der Sonne ein Picknick gemacht, mit Blick auf den See. Ich hoffe, du hast das alles irgendwie mitbekommen. Und warst irgendwie mit uns dort.
Ich habe heute viel gelacht, und will nicht, dass du denkst, dass es mir egal war, was für ein Tag heute ist. Ich habe heute auch geweint; als der Tag dann fast vorbei war, ich meine erste ruhige Minute alleine hatte. Ich habe im Radio den Sender umgeschaltet, und auf einmal kam „Der Weg“. Ich habe dieses Lied so oft gehört und dabei an dich gedacht und dabei geweint und dabei gewütet. Ja, alles. Es ruft in mir direkt Emotionen hervor. Und so ist es vorhin, als es auf einmal im Radio kam, direkt über mich hinein gebrochen: dass du tot bist. Dass du nicht mehr hier bist. Und mir blieb der Atem stocken. Ich fand es so unfassbar!! Und das jetzt schon drei ganze Jahre! Einfach unfassbar. Drei Jahre lebe ich jetzt schon ohne dich.
Einerseits ist die Zeit wie im Flug vergangen, und andererseits ist es jetzt schon so lange her. Ich habe damals noch nicht mal studiert. Jonte gab es noch lange nicht. Und so viele Sachen, die jetzt da sind, und bei denen ich mich nicht mehr erinnern kann, wie es ohne sie war. Aber du warst damals da. Und jetzt nicht mehr. Und wenn ich daran so denke, kommt es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, als ich dich ins Krankenhaus gebracht habe. Andererseits weiß ich überhaupt gar nicht, wie mein Leben jetzt aussehen würde, wenn du noch da wärst. Ich kann es nicht erahnen, es wird mir immer ein Rätsel bleiben. Und das meine ich in keiner Weise wertend. Die Zeit ist verrückt. Und der Tod auch. Und erst recht das Leben.
Ich liebe und vermisse dich.
Bis Bald!
 
2016, 8. März
 
Heute war ein schöner Tag. Wie jedes Jahr an deinem Tag hat heute die Sonne geschienen. Es sind immer die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres und es ist irgendwie verrückt, dass sie immer an deinem Tag fallen, so früh im März. Aber vielleicht kommt es auch nur mir so vor. Und vielleicht bin ich die Einzige, die die Sonnenstrahlen am achten März so wahrnimmt. Und vielleicht bist es auch einfach nur du, der mich mit Wärme umgibt. Vielleicht willst du mir somit zeigen, dass du bei mir bist, und das an diesem Tag des Jahres, deinen Tag, ganz besonders.
Ich habe heute mit Jonte am Wasser gespielt, wir haben viele Fotos gemacht und waren alle fröhlich. Ich genieße es immer so sehr mit der ganzen Familie am See zu sein- so wie früher. Ich bin dankbar, dass wir als Familie diese neue Tradition gefunden haben.
Sie ist für mich ganz wertvoll und besonders- weil du zwar tot aber trotzdem da bist.
 
Caro wurde in der Zeit der Trauer begleitet vom Verein Lavia für Familientrauerbegleitung. Wenn ihr selbst trauert - oder eure Kinder: Schaut, dass ihr solche Hilfe in Anspruch nehmt. Es ist Gold wert, in solch schwierigen Zeiten jemanden an seiner Seite zu haben. 

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Kommentare

AyE — Do, 12/22/2016 - 09:51

Lieber stadtlandmamablog, Liebe Caro, Ich bin eher die stille Leserin und kommentiere nie etwas, aber hier musste ich einfach. Liebe Caro, was du in deinen jungen Jahren erleben musstest hat nicht jeder durchgemacht. Man malt sich die Zukunft anders aus, die eigenen Eltern werden 90 und um sie herum ihre Enkelkinder und Urenkelkinder. Sie erzählen von den Zeiten am See und von Tagen die man sich nicht mehr vorstellen kann, eine Zeit ohne Internet, eine Zeit aus der Vergangenheit. Und du musstest deinen Vater von Anfang bis Ende begleiten. Ich hege tiefsten Respekt für deine Familie und dich und wünsche euch alles erdenklich gute. Mein aufrichtiges Beileid! Ich weiß nicht wie es sich anfühlt einen so geliebten Menschen zu verlieren. Dein Text hat Emotionen und Tränen hervorgebracht, ich habe es miterlebt denn ich habe in dem Moment nur erahnen können wie ich mich gefühlt hätte, wenn dort mein Vater gelegen hätte. Ohne den ich mir kein Leben vorstellen kann und hoffe er lebt ewig. Obwohl ich schon meine eigene Familie aufgebaut habe, Mann und Kind habe. Aber kein Mensch kann den geliebten Vater ersetzen. Ich danke dir für deinen wundervollen Text! Auch wenn es nicht meine Konfession ist, wünsche ich dir und deiner Familie, auch allen anderen dieser Welt besinnliche und frohe Weihnachten. Liebe, A.

Steffi — Do, 12/22/2016 - 10:57

Papa +12.04.2012 Ich kenne das Gefühl

Lena — Do, 12/22/2016 - 11:48

Ich war auf Kur mit meiner kleinen Tochter - 600 km weit weg von zu Hause. Ich bekam einen Anruf von meinem Bruder "Papa ist umgefallen, wahrscheinlich Schlaganfall". Die Untersuchungen ergaben eine schwere Hirnblutung, viele OP´s, viel Bangen. Er überlebte, kam in eine Rehaklinik. Man freute sich, es wird schon sagten alle. Leider wurde nichts wieder. Fast 2 Jahre sind rum, er ist ein schwerstpflegebedürftiger 54-jähriger, ohne Reaktionen, Sprachvermögen oder ähnlichem was einen Mensch ausmacht. Das ist nicht mehr mein Papa der da liegt. Ist der Tod vielleicht die bessere Alternative?

Becci — Mi, 03/08/2017 - 15:10

Ich habe meinen Vater 2010 verloren. Ich war im siebten Monat schwanger- mit seinem ersten Enkelkind. Das ein so wundervoller Mensch mit gerade mal 52 Jahren von heute auf morgen aus dem Leben gerissen wird kann ich bis heute nicht verstehen. Ich denke jeden Tag an meinen Vater und versuche meinen inzwischen zwei Kindern immer viel von ihm zu erzählen. Im letzten Dezember ist nun auch noch meine Mutter plötzlich verstorben. Ich hätte mir nie im Leben vorstellen können, mit 34 Jahren keine Eltern mehr zu haben. Sie fehlen mir beide so sehr - als Gesprächspartner, als Ratgeber, als Tröster, als Oma und Opa für meine Kinder, als Mama und Papa. Ich habe eine eigene tolle Familie, zwei wunderbare Geschwister und super Freunde. Aber die Eltern kann einfach keiner ersetzen.

Katrin — Do, 07/20/2017 - 19:19

Oh ja, dieses irreale Gefühl am Anfang; die Emotionen, ausgelöst durch ein Lied; der Gedanke, wie es wäre, wenn der geliebte Mensch noch da wäre; der tief empfundene Verlust, der einem fürs eigene Kind so leid tut; die neuen, geliebten Familientraditionen, die man doch mit Wehmut betrachtet, weil die alten unwiederbringlich verloren sind... Mama, +04.01.2006, du fehlst... die Zeit macht den Schmerz weniger scharf, weniger spitz, aber nie vergessen.

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