Interviews

06/11/2019 - 07:00

Stadt-Mama Katharina

Update: Mein Sohn wurde mit vier Jahren eingeschult - das war doch zu früh

Liebe Antonia, dein Sohn ist mit vier Jahren eingeschult worden und war somit das jüngste Kind, das jemals eingeschult wurde. Erzähl nochmal kurz wie das kam.

Wir leben in Bayern, hier beginnt das neue Schuljahr immer so um den 10. September. Mein Sohn ist im September 2011 geboren und wurde somit 10 Tage vor seinem 5. Geburtstag eingeschult.
Das kam, weil wir immer mehr Probleme im Kindergarten hatten. Er wollte dort partout nicht mehr hin, war mega traurig, dass er kein Vorschulkind sein durfte, weil die doch spanndendere Dinge tun. Er wollte Schulkind werden, Hausaufgaben machen.

In Gesprächen mit der Schulpsychologin und dem Kinderarzt wurde klar, dass wir irgendetwas tun müssen. Dann haben wir uns eine Montessori Schule angesehen. Die Pädagogin dort hat ihn hospitieren lassen und uns zugesagt ihn in die Klasse zu nehmen... (HIER KÖNNT IHR DAS ERSTE INTERVIEW DAZU LESEN)

Wir haben nach Ende des ersten Schuljahres nochmal ein Interview mit Dir geführt und damals sah es aus, als sei es die richtige Entscheidung gewesen. Dein Sohn war glücklich und kam in der Schule gut mit. Doch nun hast du uns gesagt, es sei doch ein Fehler gewesen, ihn so früh einzuschulen. Erzähl mal, wann die Lage gekippt ist? 

Der Arzt damals bei der Einschulungsuntersuchung sagte, dass es Probleme geben wird, wenn wir unseren Sohn nicht einschulen lassen. Gleichzeitig sagte er aber auch, dass wir nicht glauben sollten, dass die Schule total problemlos laufen wird. Ich war also vorbereitet und wusste, dass so eine frühe Einschulung kein Sonntagsspaziergang ist. Dennoch stehe ich bis heute dahinter, dass es die richtige Entscheidung war, ihn aus dem Kindergarten zu nehmen.  (HIER KÖNNT IHR DAS UPDATE NACH DEM ERSTEN SCHULJAHR LESEN)

Die Lage ist zum Ende des 2. Schuljahres, Anfang der 3. Klasse gekippt. Unser Sohn konnte sich schon immer gut wegträumen, wenn er wollte und hatte dann Schwierigkeiten, mit dem Tempo der anderen mitzuhalten. Er hat den Stoff zwar immer schnell und gut verstanden, da gab es nie Probleme. Aber er konnte sich nicht so gut fokussieren und auch bei den sozialen und emotionalen Themen merkte man sein junges Alter. Er begann, den zwei bis drei Jahre älteren Jungs nachzueifern und mutierte zum Klassenclown. 

Wie hat dein Sohn sich verändert durch die Situation? 

Er ging weiterhin gerne zur Schule, aber sein Verhalten änderte sich in eine Richtung, die ich nicht für gut befand.  

Für unseren Sohn war die Welt aber in Ordnung, er fand es cool, so große Freunde haben und strengte sich mächtig an, als Sechsjähriger mit 9-10Jährigen mitzuhalten. Natürlich fanden die ihn aber nicht alle so cool, weil er "klein" ist und ließen ihn dann manchmal nicht mehr mitspielen. Um den Großen zu imponieren, spielte er den Klassenclown. Die Schulthemen rückten für meinen Sohn immer weiter in den Hintergrund. 

Du hast sicher das Gespräch mit den Lehrern gesucht. Was haben die gesagt?

Ja natürlich. Das Schöne ist an dieser Schule eben auch, dass man permanent in Kontakt ist. Unsere Schule ist eine sehr familiäre Schule. Die Pädagogen wussten zb. auch, dass ich mich zwischenzeitlich vom Vater der Kinder getrennt hatte und mein Sohn in den besagten Monaten sowieso sehr viel durchgemacht hatte und deshalb in der Schule auch belastet wirkte. Uns war schnell klar, dass wir handeln müssen. Ich wollte auch nicht riskieren, dass er die Lust an der Schule verliert.

Was waren dann die nächsten Schritte? 

Ungefähr zum Halbjahr der 3. Klasse schlugen mir die Pädagogen, vor ob wir ihn nicht die 3. Klasse nochmal wiederholen lassen sollten. An unserer Montessori-Schule wird im Klassenverbund 1-3 unterrichtet. Mit der Wiederholung sollte er nochmal ein Jahr "im bekannten Umfeld" bekommen und vor allem Zeit nachzureifen.

Die Pädagogen versprachen sich sehr viel davon, ihm einerseits Ruhe im Schulalltag zu bieten, da er in der Klasse bleiben und kein Pädagogenwechsel anstehen würde. Zumal hatte er ja schon Freunde unter den 2.Klässlern, die dann im Folgejahr ja auch Drittklässler wären. Er ist nun seit September das "zweite" Mal in der 3. Klasse und gerade 8 Jahre alt geworden.

Wie geht es Deinem Sohn gerade in der Schule?

Super. Eigentlich war nur der allererste Tag nach den Sommerferien für ihn schwer. Seine ehemaligen Mitschüler liefen in ein anderes Klassenzimmer und er musste in das alte.
Aber bereits ab Tag 2 habe ich genau gemerkt, dass diese Entscheidung goldrichtig war. Die Freundschaften zu den "neuen" Drittklässlern haben sich toll verfestigt. Er hat nun Freunde, die zwischen 7 und 9 Jahre alt sind. Schon nach den ersten Wochen berichteten mir die Pädagogen, dass er soviel mehr angekommen wirkt und seine Sachen viel besser und zügiger erledigen kann.
Er arbeitet in ein paar Fächern und Themen bereits am 4. Klassenstoff, bei anderen regulär in der 3. Klasse. Es ist einfach unbezahlbar, dass diese Schule so individuell auf die Kinder eingeht.

Gab es auch Reaktionen a la "Hab ich dir doch gleich gesagt, dass es nicht klappt?

Ja, natürlich gab es die. Aber auch viele, die gesagt haben: Du kennst deinen Sohn am Besten und wirst auch jetzt eine gute Entscheidung für ihn treffen.
Manchmal muss man eben in einer Situation eine Entscheidung treffen und es liegt in der Natur der Sache, dass man eben erst eine Zeit danach sieht, ob diese Entscheidung die Richtige war. 

Ich lasse mir keine Vorwürfe machen und mache mir auch keine deswegen. Wir wissen ja auch nicht, wie es ihm ergangen wäre, wenn wir ihn nicht eingeschult hätten. Unser Sohn hat nun einen kleinen Umweg gemacht, jetzt geht es ihm wieder prima. Und sollte sich das wieder ändern, werden wir dann sehen was wir tun können, bzw. wie es zu reagieren gilt.

Woran meinst du, hat es gelegen, dass es nicht gelappt hat? 

Ich denke, es war die emotionale und soziale Reife, die noch gefehlt hat. Eiun Altersunterschied von bis zu drei Jahren zu den Klassenkameraden ist einfach doch sehr viel. Sicherlich war auch die Trennungssituation zuhause seinen Teil dazu getan. 

Was würdest du mit deiner Erfahrung nun anderen Müttern raten, die vor einer ähnlichen Entscheidung stehen?

Hört auf euer Mama-Herz. Ich hatte immer vollstes Vertrauen in die Schule meines Sohnes und in die Pädagogen. Das ist so unfassbar viel wert. 

Aufgrund unserer Geschichte würde ich dennoch nicht sagen, dass eine vorzeitige Einschulung grundsätzlich falsch oder richtig ist. Das Thema Schule ist so ein sensibles und kann nur sehr individuell betrachtet und entschieden werden. Und wer kann sich besser in sein Kind einfühlen als die Mama?

Was wünscht du dir für dein Kind?

Also was die Schule angeht, hat sich nun (wieder) alles bereits erfüllt, dass ich mir für ihn wünsche. Er geht gerne in die Schule, hat wieder Spass am Lernen gefunden, hat eine tolle Zeit mit seinen Freunden und ist ansonsten genau der Lausbub, der man mit 8 sein sollte :)
Da kann der Wunsch nur sein, dass es genau so bleibt... und ich werde genau dafür immer bestmöglich Sorge tragen :)

-----ZUM WEITERLESEN: Im ersten Interview erzählt Antonia, warum sie sich für die Früheinschulung entschieden haben - im zweiten Interview, wie das erste Schuljahr verlaufen ist. 

 

 

Tags: Schule, Einschulung, Früheinschulung

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Kommentare

Dresden Mutti — Mi, 11/06/2019 - 09:47

Der Junge wurde tatsächlich überraschend früh eingeschult. Meine Tochter ist auch ein Septemberkind und kommt mit 6 Jahren in die Schule und wird dann direkt 7. Zwei Jahre machen schon einen großen Unterschied, aber mit der Montessorischule hätte es natürlich klappen können. Die Bedingungen klingen an sich gut und haben jetzt immerhin den Wechsel sehr erleichtert. Alles Gute für den Kleinen :-)

Corinna — Do, 11/07/2019 - 14:59

Mich freut die enge Zusammenarbeit zwischen Eltern/Mutter, Kind und Pädagogen. Meine Tochter (ebenfalls von September) wird mit 5 eingeschult, da der Stichtag bei uns in NRW beim 30.09. liegt. Kognitiv mach ich mir keinerlei Sorgen, aber emotional hab ich noch so meine Zweifel. Ich selber wurde damals vorzeitig eingeschult, weil alle meine Freunde in die Schule kamen und meine Eltern dachten, das wäre besser für mich (damals sehr schüchtern und kontaktscheu). Schulisch hat das auch gut geklappt, aber auch ich kann mich da an einige emotionale Herausforderungen erinnern. Aber wie im Interview schon gesagt wurde: ob man die richtige Entscheidung getroffen hat, weiß man erst hinterher und man weiß nicht, wie es sonst gelaufen wäre. Alles Gute weiterhin für euch!

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