Landleben

29/10/2018 - 06:45

Land-Mama Lisa

„Ich war nicht gerne schwanger“ - Andrea fühlte sich rundum unwohl in der Schwangerschaft

Schwangersein macht glücklich! Sagen doch alle! Auch Andrea vom Blog Mama und Rakete sah sich neun Monate glücklich durchs Leben schweben. Doch die Realität holte sie bereits sieben Tage nach dem Test ein. Statt Glück waren da Pickel,  bleierne Müdigkeit und bis dahin ungekannte Sorgen. 

„Als ich etwa in der Mitte meiner Schwangerschaft die Frauenarztpraxis betrat, schwebte mir eine dieser Schwangeren entgegen, die von innen strahlen. Sie hatte ein rotes Kleid an, das sich wie eine seidige Welle um ihren kugeligen Bauch legte und sie hatte diesen Glow, den nur Schwangere haben – tolle Haut, volle Haare, glänzende Augen. Eine Mischung aus Stolz, Vorfreude und diesem Quäntchen Wunder. Es gibt sie, diese Frauen! Aber ich war eben leider keine von ihnen.

"Für mich war immer klar, dass ich Kinder haben wollte"

Für mich war immer klar, dass ich Kinder haben wollte. Ich fand – oh Glück – sogar den passenden Mann, doch da war mein Job im Marketing noch so neu. Er und ich, das war perfekt, aber wir wollten beide noch ein bisschen warten mit  dem Kinderkriegen. Als wir dann loslegten, klappte es nicht. Zwei Jahre lang wurde ich nicht schwanger und irgendwann dachte ich: Was soll´s, dann leg ich meinen Kinderwunsch halt noch ein bisschen zur Seite.

Als wir Monate später einen zweiten Versuch starteten, war ich fast überrumpelt, als ich dieses Ziehen im Bauch bemerkte. Alas könne ich spüren, dass sich da gerade etwas einnistet. Und tatsächlich blinkte uns ein paar Tage später das Wörtchen „schwanger“ vom Digital-Test entgegen. Überglücklich fielen wir uns in die Arme – mit Freudentränen. Und dann begannen die sieben schönsten Tage meiner Schwangerschaft.

In der ersten Woche schwamm ich auf einer Euphoriewelle. Ich! Schwanger! Ich schaute die Menschen an und dachte: wenn ihr wüsstet, was in mir los ist! Ein Wunder!

Doch dann saß da plötzlich auch ein kleiner Skeptiker auf meiner Schulter. Andrea, sagte der, deine Probezeit ist doch grad erst rum, wie willst du das denn jetzt deinem Chef verklickern?! Doch das bisschen Angstschweiß war nichts gegen das, was dann noch kam. Denn ab der zweiten Woche nach dem Test wurde mir schwindelig. Richtig schwindelig. Ich hatte so schlimmen Brechreiz, dass ich mir kaum die Zähne putzen konnte.

Und ich war so müde! In der sechsten Woche fuhr ich auf Geschäftsreise nach Madrid und hangelte mich nur von Mittagsschlaf zu Mittagsschlaf. Liegend, die Augen geschlossen – nur so war es so gerade eben aushaltbar. Ich, die auf Reisen sonst immer als letzte heim kam. Ich, die Leistungsfähige – plötzlich so schwach. Es gibt ein Foto von dieser Reise, auf dem ich in der linken Ecke vor einer Sehenswürdigkeit stehe und von ganzem Herzen gähne. Das sagt eigentlich alles.

Als hätte man meine Festplatte gelöscht, so fühlte ich mich. Wie ein weißes, zerknülltes Blatt. Und genauso weiß blieb auch mein Schwangerschaftskalender. Was hätte ich da reinschreiben sollen? Müde, müde, müde? Keine einzige Seite habe ich darin ausgefüllt. Ich will ja auch nicht, dass mein Kind das irgendwann liest! 

"Ich dachte an Prospekte mit strahlenden Schwangeren"

Wenn ich an mich als Schwangere gedacht hatte, hatte ich mich immer dieser wundersamen Aura gesehen, wie sie die Dame in dem roten Kleid gehabt hatte. Ich dachte an die Prospekte mit den strahlenden Schwangeren, die mir der Frauenarzt in die Hand gedrückt hatte. An das allgemein gängige Bild einer Schwangeren, die immer glücklich ist. Verflucht, wurde das alles so romantisiert oder war ich wirklich die einzige, der es so ging? Machte ich etwas falsch?

Nicht einmal aus meinem Umfeld fiel mir auch nur eine einzige Frau ein, die mal gesagt hatte, dass sie die Schwangerschaft furchtbar fand. Ich dachte an meine Freundin, die mir beim letzten Treffen mit ihrem süßen zweijährigen Sohn erzählt hatte, dass sie sich nie so sexy gefühlt habe, wie in der Schwangerschaft. Ich war so neidisch!

"Eine Schwangerschaft ist doch keine Krankheit"

Eine Schwangerschaft ist doch keine Krankheit. Wie ich diesen Satz hasste. Es fühlte sich nämlich bei mir original wie eine Krankheit an! Wie eine schlimme noch dazu! Denn auch, als ich zurück war von der Dienstreise, ging es mir schlecht. Ich hatte Angst, unserem Baby könne etwas passieren. Ich las so viele Ratgeber, dass ich Panik bekam, alles falsch zu machen. Doch neben den seelischen Aspekten belasteten mich auch immer mehr körperliche. Bereits in der 9. Woche hatte ich einen so großen Bauch, dass ich meine Arbeitgeber informieren musste. Zunächst reagierten sie gelassen, doch plötzlich wurden Vormittagsmeetings in den Nachmittag verlegt und ich nahm das persönlich.

Ich sah furchtbar aus. Wirklich. Das lässt sich zwar kaum noch belegen, weil es nur vier Fotos von mir mit Bauch gibt, aber ich habe das abgespeichert und werde das nicht vergessen. Ich hatte solche Schmerzen in der Symphyse, dass ich mein Bein beim Gehen nachziehen musste. Ich nahm 20 Kilo zu, was bei einer Größe von 1,65m nicht wenig ist. In der 21. Woche hatte mein Bauch bereits einen Umfang von 113cm! Immerhin wurde mir deswegen von Anfang an ein Platz in der Bahn angeboten. Fühlt man sich so mit 90?

Ich hatte ständig Hunger. Plötzlich trug ich Doppelkinn. Und ich hatte Pickel. Im Gesicht, am Rücken, im Dekolleté. Richtige Akne. Ich war müde, weil ich Tag und Nacht alle zehn Minuten auf die Toilette musste. Meine Haare waren fettig, die konnte ich waschen und nach zwei Stunden sahen sie wieder aus, als wären sie seit Jahren nicht mit Wasser in Berührung gekommen.  Bei unserem Urlaub auf Mallorca, wo wir wandern gehen wollte, legte mich mein Mann morgens nur am Strand ab, um dann allein in die Berge zu gehen.

"Fühlt man sich so mt 90? Ich hätte heulen können"

Lustig, im Nachhinein, aber als ich da lag wie ein Walfisch, hätte ich heulen können über das verpasste Schwangerschaftsglück. Ach, ich hatte doch wie alle anderen von einem Babybauch-Shooting geträumt, der Bauch und ich, ich und der Bauch. Von Schaufenstern, in denen ich mich spiegeln und mich selbst freudig und voller Selbstbewusstsein anlächeln würde. Pustekuchen. Und Pech hatte ich auch noch. 

Bei einer Akupunktur zur Geburtsvorbereitung wurde schließlich ein Nerv getroffen und ich konnte drei Tage lang nicht laufen. Ab Mitte der Schwangerschaft kam eine Schwangerschaftsdiabetes hinzu, ich musste mir Insulin spritzen. Den Kopf davon zu überzeugen, in den Bauch zu pieksen, in dem dein Kind liegt, hat mir diverse graue Haare beschwert. Außerdem war es schwer, auf mein geliebtes Obst zu verzichten, auf das ich so Heißhunger hatte. Stattdessen sollte ich jeden Morgen Vollkornbrot mit Quark essen. Ich hasse Quark. Und muss ich jetzt noch erwähnen, dass mir am Tag vor der Geburt der Bauch riss und mir ein Meer von senkrechten Schwangerschaftsstreifen auf dem Bauch bescherte? Am allerletzten Tag der Schwangerschaft!

Im Film würde der Drehbuchautor mir nun vermutlich eine ganz wundervolle Geburt zur Versöhnung ins Skript schreiben. Nun, leider konnte die Realität auch damit nicht dienen. Dafür – und das ist wirklich der Wahnsinn – wurde uns aber das beste Kind der Welt geschenkt. Ein so feiner Kerl, das ich glatt über ein zweites Kind nachdenke. Nur schade, dass das Konzept der Leihmutterschaft in Deutschland noch nicht etablierter ist. Denn nochmal schwanger sein? Ich weiß nicht…

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Zeitschrift Eltern.

Fotos: pixabay, privat

Tags: schwanger, Schwangerschaft, Hoffnung, Übelkeit, Glück, Unglück, Krankheit, Gesundheit

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Kommentare

Gast — Mo, 10/29/2018 - 07:31

Ich erinnere mich an 9 Monate starke Übelkeit und stündliches Erbrechen bis in den Kreissaal. Ich sah aus wie der Tod auf Latschen. Glücklicherweise musste ich wegen des Erbrechens nicht stationär aufgenommen werden. Aber das wünscht man echt niemandem....

Anya — Mo, 10/29/2018 - 07:34

Mir ging es ähnlich! Und ich habe bisher noch nie jemanden kennengelernt dem es ähnlich ging- überall immer nur glückliche Schwangerschaften mit einer höchstens fast amüsanten leichten morgenübelkeit. Mir ging es die gesamte Schwangerschaft über so schlecht, es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Mit am schlimmsten habe ich die Reaktionen meiner Mitmenschen empfunden: Schwangerschaft ist keine Krankheit! Nun freu dich doch mal, es ist ein Wunder! Stell dich nicht so an, es sind ja nur ein paar Monate! Dir ist übel?- ja die berühmte morgenübelkeit, haha! Dir geht es schlecht? Wahrscheinlich ruhst du dich nicht genug aus / isst die falschen Dinge/ bewegst dich nicht genug/ du bist daran schuld! Nun ja, nach einer furchtbaren Geburt habe aber auch ich das beste Baby bekommen. Und ich fühle mit dir! Schwangerschaften können furchtbar sein. Aber du bist nicht allein.

Kat — Mo, 10/29/2018 - 09:14

Ich verstehe die Autorin sooo gut. Ich habe bis zur 18. Woche mich bis zu 40x am Tag übergeben, wenn ich nicht gewusst hätte das ich damit mein Baby auch umgebracht hätte, wäre ich aus dem Fenster gesprungen. Ich wollte nicht mehr leben. Und ich glaube, jede Frau die Hyperemsis hat, versteht mich da komplett. Man hat nicht Mal mehr Kraft zum heulen und zum sprechen sowieso nicht, weil die speiseröhre komplett verätzt ist. Als sich Erbrechen und die Übelkeit so weit reduziert hatten, dass ich mehr als 50m am Stück gehen konnte ohne umzukippen und in der 30. Woche ca. Ich mich max. 1-2x am Tag übergab und mir kaum noch übel war, genoß ich die Schwangerschaft, aber ich fühlte mich Fett und absolut nicht attraktiv. Diese Frauen, die Bilder von sich in der Schwangerschaft machen können, verstehe ich nicht. Die Geburt, ein Notkaiserschnitt nach 2 Wochen Krankenhaus war ebenfalls zum abgewöhnen. Und dennoch: Mein Sohn ist perfekt und ich möchte noch mehr Kinder, gerne 4-5. Ich weiß, sobald ich schwanger bin, werde ich mich verfluchen, aber irgendwie blendet man die schlimmste Zeit seines Lebens für die schönste Zeit seines Lebens aus.

Doro — Mo, 10/29/2018 - 10:00

Hi, Mir selbst ging es zum Glück nie so. Aber ich habe es mehrfach in meinem direkten Umfeld erlebt. Eine Freundin war sogar so „krank“ dass sie regelmäßig Infusionen benötigt hat wegen dauerhaftem Erbrechen, extremem Schwindel, Lichtempfindlichkeit usw. Sie hat nach der letzten Schwangerschaft - die total überraschend kam - sogar eine Therapie gemacht um dieses Trauma aufzuarbeiten. Google mal die Stichworte„Schwangerschaft“ und „HG“ - da gibt es ganze Artikel zu diesem Thema. ich habe noch einige Schwangere in meinem Freundeskreis erlebt, die es in abgeschwächter Form hatten und teils auch nicht die komplette Schwangerschaft über. Hut ab vor alle Frauen, die damit leider zu kämpfen haben... und dann sogar mehr als nur 1 Kind haben!!!

Sabrina — Mo, 10/29/2018 - 12:50

Hallo, "schön" mal von einer nicht so tollen Schwangerschaft zu lesen. Meist hört man im Umkreis das latente gejammere der wie oben beschriebenen strahlenden Schwangeren und fühlt sich als Hyperemesis Betroffene doch leicht veräppelt (natürlich weiß ich das auch kleine wehwehchen nerven und jedem steht ein bisschen Jammern zu ;) Meine erste Schwangerschaft war nicht schön 9 Monate erbrechen, Schwäche und Ängste um das Baby Resultat kein gram zugenommen und natürlich das wunderbarste kleine Mädchen der Welt. Die zweite Schwangerschaft war viel schlimmer, 9 Monate erbrechen, teilweise nicht die Kraft zum aufstehen, sympysenlockerung, stationäre Behandlung, am Ende 17kilo weniger auf der Waage als zuvor und das zweite wunderbare Mädchen im Arm (dafür eine ehrliche Traum Geburt). Fazit die kleine ist jetzt acht Monate alt und so langsam kann ich mir wieder vorstellen das eine dritte Schwangerschaft mich nicht umbringt, aber ganz sicher bin ich mir nicht ;) Das soll kein Hohn sein natürlich bin ich dankbar für meine zwei tollen Mädels, aber an manchen Tagen hatte ich das Gefühl das die unbändige übelkeit mich um den Verstand bringt. Drücke allen die Daumen und eine weitere Schwangerschaft muss nicht wieder so werden!

Carmen — Mo, 10/29/2018 - 13:30

mir war vor allem in meiner zweiten Schwangerschaft übel. Zwar musste ich mich nicht ständig übergeben, trotzdem war dieses latente Übelkeitsgefühl zunächst ein Dauerbegleiter. Als ich mich darüber mit meinem Naturheilkundlichen Arzt unterhalten habe, hat er mir vorgeschlagen, es mit einer Eigen-Urin-Behandlung zu versuchen. Dabei wird der eigene (vorher durch einen Filter gereinigte) Urin ähnlich wie bei einer Impfung gespritzt. Ich habe mich darauf eingelassen... die nächsten zwei Tage waren wir dann so RICHTIG schlecht- danach war die Übelkeit aber mit einem Mal verschwunden und ich konnte den Rest der SS genießen.

Katharina — Di, 10/30/2018 - 22:17

Danke! Endlich schreibt es mal jemand! Mir ging es auch so - mir war nur schlecht, ich habe mich bis zur 36. Woche ständig übergeben, hatte Pickel ohne Ende und war nur müde und fertig. Dazu kamen ständige Blutungen, der Verdacht auf vorzeitigen Blasensprung in der 25. SSW und die damit einhergehende ständige Panik, dass etwas schiefgehen könnte. Die Geburt war okay, unsere Tochter ist großartig - nochmal möchte ich allerdings nicht schwanger sein.

Ella — So, 03/31/2019 - 09:39

Hallo, ich kann das so gut verstehen. Ich hatte keine schöne Schwangerschaft. Neben der Übelkeit hatte ich häufig Blutungen und keiner wusste warum, was zu einem Beschäftigungsverbot führte. Zudem hatte ich starke Wassereinlagerungen und konnte nicht schlafen, weil mir ständig alles weh tat. Die Geburt war eine Katastrophe, das Kind ist einfach nur wundervoll, aber ich kann mir auch nach 16 Monaten noch immer nicht vorstellen, wieder schwanger zu werden.

Julia — Do, 05/16/2019 - 15:50

Danke für diesen Beitrag! Ich bin gerade in der 14 Woche und fühle mich so furchtbar! Am schlimmsten finde ich dieses Bild von der wunderschönen Schwangeren das man im Kopf hat und auch überall sieht. Ich bin nicht schön, sondern habe tierisch zugenommen und überall fiese Pickel. Und dann bekommt man zu hören das man sich da nicht so reinsteigern soll weil das dem Kind nicht gut tut. Na super.

KiKo — So, 05/26/2019 - 23:15

Vielen Dank für diesen Artikel!! Ich hatte schon ein ganz schlechtes Gewissen. Alle Frauen um mich herum schwärmen von dieser magischen Erfahrung „Schwangerschaft“. Ich bin jetzt in der 13. Woche - und will schon jetzt einfach nur, dass es vorbei ist und ich einfach mein Baby habe. Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Schwindel - wenn es nur nach mir ginge, würden wir zukünftige Kinder per Adoption in unsere Familie bringen. Ich fühle keinen „Glow“ - ich fühle mich einfach nur krank und grässlich und weiß gar nicht, wie ich das die nächsten 5 Monate mit meiner Arbeit vereinbaren soll. Und ich bin erst durch monatelange Fruchtbarkeitsbehandlungen und 2 OPs endlich schwanger geworden - da habe ich das Gefühl, mich nicht beschweren zu dürfen. Ich freue mich ja auch riesig auf unser Baby! Aber, ja: Ich bin nicht gerne schwanger!

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