Gastbeiträge

16/04/2018 - 06:45

Land-Mama Lisa

„Wir waren jung und motiviert, dann kam die Armut“ - Mein Resümee als Alleinerziehende

Wir sind die Kinder der goldenen 90er. Wir waren jung, qualifiziert und motiviert. Mit Plänen und guten Jobs. Alles schien möglich. Politik war kein Thema für mich. Mit Gerichten und dem Staat an sich hatte ich keine weitere Erfahrung gemacht, aber ich fühlte mich sicher und gut aufgehoben hier in Deutschland.

Dann kamen die Kinder.
Das zweite Gehalt blieb aus in der Elternzeit.

In Folge: Armut, Hartz 4, Existenzängste.
Damit hatte ich nicht gerechnet.
Statt Markenklamotten - Flicken auf kaputten H&M Jeans. Angst vor defekten Geräten, weil sonst das Essen für die Kinder fehlt. Das Gefühl, das man hat, wenn man das erste Mal beim Jobcenter in der Schlange steht und im Heer von leeren Gesichtern merkt: „Du bist jetzt ganz schön weit unten angekommen.“

Und nicht, weil wir uns haben gehen lassen oder faul waren. Nein: unverschuldet durch Kinder. Ich hatte zuvor nie einen Cent vom Staat genommen. Oder uns ein Jahr die Welt angeschaut (rückblickend hätten wir es mal lieber gemacht.) Schule, Studium, Arbeit.

Und dann als Mutter...
Weihnachtsessen mit Kollegen? „Ach, ich hab gar keinen Hunger heute.“ Teilhabe war quasi nicht vorhanden, wenn man nur noch 2 Euro in der Tasche hat und sich das Busticket nicht mehr leisten kann. Und irgendwann bleibt man lieber ganz zu Hause statt sich die nächste Ausrede einfallen zu lassen und wieder hungrig irgendwo dabei zu sitzen - in einer Welt in der man sowieso nicht mehr vorkommt.

Erst habe ich gedacht, ich bin ein trauriges Einzelschicksal. Bis ich entdeckte, dass es so viele von uns gibt. Mütter mit Studium oder ehemals guten Jobs - Armutsfalle.

Von Männern und Vätern haben wir nie erwartet, dass sie uns aushalten oder dass wir als Hausfrauen „auf ihre Kosten leben“. Klar: wir sind ja emanzipiert.

Als die Trennung kam, dachte ich, ich wäre irgendwie wenigstens in Ansätzen abgesichert gegen noch schlimmere Armut. Ein Irrglaube.

Aus Gesprächen mit Nachbarinnen, ehemaligen Kolleginnen und anderen Mamas hörte ich immer mehr Horrorgeschichten.

Die begnadete Designerin, deren Ex noch etliche Verträge hinterrücks abgeschlossen hatte um sich dann ins Ausland abzusetzen. Oder die Firmeninhaberin, die bis vor Kurzem die Privatinsolvenz der gemeinsamen Company abgewickelt hat, weil sich der Ex nicht beteiligte an dem Schuldenabbau. Die Frau aus dem Bundestag, die wegen fehlender Einwilligung des Vaters zu einer Hortbetreuung beinahe ihren Job verloren hätte. Oder ich, die dem Ex noch die wenigen Rentenpunkte überschreiben musste, weil er nach der Trennung freiwillig auf Hartz 4 war.

Hinterlassen haben uns diese Männer Schulden. Sie kassierten unsere Rentenpunkte, übernahmen keine Verantwortung. Statt Unterhalt zu zahlen, leben sie lieber freiwillig von Hartz 4. Verwickeln uns in unzählige Gerichtsverfahren, die uns wieder Anwalts- und Gerichtskosten bescheren.

Und genau diese Mütter, die ich getroffen habe kämpfen wie Löwinnen für die Kinder, stehen immer wieder auf.

Von Gerichten und Gesetzen vergessen und noch benachteiligt.Von Verfahrensbeteiligten noch den Rest bekommen. Gemeinsame Sorge und Zwangswechselmodelle, die unsere Selbstbestimmung kosten. Aber erwarten können wir nichts.

Im stetigen Kampfmodus. Und selbst, wenn es vorbei ist: das Trauma bleibt. Lebenslang vermutlich. Genau wie die unendliche Wut. Auf den Staat, die Gerichte und die Gesellschaft.
Und wenn ich meine Kinder im Arm habe, hoffe ich, dass ihnen all das erspart bleiben wird.

Ich habe viele Jahre ehrenamtlich für die Verbesserung unserer Situation gearbeitet. Und mittlerweile gibt es einige vielversprechende Initiativen von Müttern, die zusammen neben Job und Kindern Konzepte erarbeiten. Sehr interessant finde ich die MIA Mütterinitiative bei der sich nicht nur bekannte alleinerziehende Frauen wie Carola Fuchs ("Mama zwischen Sorge und Recht"* Affiliate Link) austauschen, sondern ebenso Werbekonzepterinnen, Juristinnen, Lehrerinnen, Designerinnen und viele andere starke Frauen. Die möchte ich Euch gerne ans Herz legen um nicht nur mit einem Wutposting zu enden.

#miakaempft
 

 

Fotoquelle: pixaxbay

Tags: Kinder, Eltern, Familie, Alleinerziehende, Armut, Armutsfalle, Teilhabe, Hilfe, Unterstützung

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Kommentare

Bettina Landmann — Mo, 04/16/2018 - 18:25

Besser könnte man die Situation nicht formulieren. Und ja, auch wenn es irgendwann wieder ein kleines bisschen bergauf geht, wenn sich irgendwann ein kaputter Staubsauger einfach so ersetzen lässt und kein totales Drama darstellt: das Trauma bleibt.

Lisa — Di, 04/17/2018 - 07:07

Zunächst einmal vielen Dank für den Beitrag zu einem wichtigen Thema. Mir ist das aber zu einseitig. Das Menschem „unverschuldet“ arm werden, nur weil sie Kinder bekommen haben, ist zumindest nicht der Regelfall. Man wird doch nicht arm weil man Kinder hat, sondern weil es mit dem Job nicht klappt, oder? Für Alleinerziehende heißt das besondere Anstrengungen, die sicher auch manchmal kaum zu schaffen sind. Viele, sogar die meisten, Alleinerziehende kommen aber auch gut zurecht und finden auch gute Lösungen mit dem anderen Elternteil. Insgesamt kommt mir im Beitrag die Frage der Eigenverantwortung etwas zu kurz. Vielleicht, liebe Stadt-Land-Mamas, macht ihr auch mal einen Beitrag über Erfolgsgeschichten? Allen, die zur Zeit hart kämpfen müssen, wünsche ich jedenfalls alles Gute!

Land-Mama Lisa — Di, 04/17/2018 - 09:16

Liebe Lisa, hast du da ein Erfolgsbeispiel? Dann würden wir das auch jeden Fall gerne bringen! Ganz viele Grüße, Lisa

Lisa — Di, 04/17/2018 - 12:08

Liebe Lisa, Ich habe ad hoc kein gut kommunizierbares positives Beispiel parat, habe im Familien-, Bekannten- und Kollegenkreis aber Alleinerziehende, die nach meiner Wahrnehmung bei allen Schwierigkeiten insgesamt gut zurecht kommen. Ich nehme auch wahr, dass häufig über die tatsächlich beklagenswert hohe Quote von Alleinerziehenden im SGB II Bezug gesprochen wird (etwa 37 %), aber fast nie über die etwa 63 Prozent, die es ohne SGB II schaffen. Im Netz bin ich mal über folgenden Beitrag gestolpert: http://www.starkundalleinerziehend.de/allgemeines/10-dinge-die-zufriedene-alleinerziehende-nicht-tun/

Maria — Fr, 04/20/2018 - 13:58

Liebe Lisa, nein Alleinerziehende müssen nicht unzufrieden sein. Dürfen sich aber über unnötige Missstände öffentlich beklagen. Neben einigen Schwierigkeiten einer Ein-Eltern-Familie mit Kindern auskömmliche Erwerbsarbeit zu leisten werden hier von Dritten, meist dem andern Elternteil verursachte und z.T. auf Dauer für die Kinder und den betreuenden Elternteil nicht hilfreiche Altlasten benannt: Schulden, unnötige Streitereien u.a. vor Gericht, schwierige auf Zwang durchgesetzte Betreuungsmodelle mit dem anderen Elternteil... ich kenne selbst die normale Variante, wo getrennt lebende Eltern sich kooperativ gemeinsam weiter kümmern und die strittige Variante mit Dauerstress, Psychospielchen auf dem Rücken der Kinder, Unterhaltsverweigerung, Lügen und Tricksen. Es ist ein Unterschied, ob viel Arbeit, wenig Geld und das Leben mit Kindern kooperativ oder mit einem ewig gekränkten unverantwortlichen Expartner und zweitem Elternteil gelebt werden - müssen. Mit viel Koordinationsleistung gestalten viele Alleinerziehende das Leben der Kinder und ihr Leben selbständig und glücklich. Wenn aber immer einer Knüppel zwischen die Beine wirft, hat das ganz andere Züge. Wer selbst diese Probleme nicht hat, dem gratuliere ich herzlich. Ich wünsche mir: Unterstützt Alleinerziehende. Positioniert Euch. Fragt nach. Helft wo Ihr könnt.

Sarah — Di, 06/26/2018 - 11:20

Liebe Lisa, danke für deinen Beitrag. Mir selbst geht es finanziell nicht so schlecht, ich habe einen guten Teilzeitjob und mein Ex zahlt regelmäßig Unterhalt. Vielleicht könnte ich ihn auf etwas mehr Betreuungsunterhalt verklagen, weil unsere Tochter noch so klein ist, vielleicht aber würden wir auch einen Richter erwischen, der glaubt, dass ich nun doch auch ruhig Vollzeit arbeiten gehen kann und nichts mehr bekommen muss. Zum Glück muss ich das nicht und zum Glück sucht er sich keinen knallharten Anwalt. Dennoch lebe ich oft in Sorge. Noch ist meine Tochter klein und die Kita hat bis 17h auf. Ganztagsgrundschulen gibt es hier in der Kleinstadt wenige, und all ihre Freunde werden mittags nach Hause gehen können, nur meine nicht. Genau dann werde ich aber weniger bis keinen Anspruch auf Betreuungsunterhalt mehr haben. Meiner Tochter wird es dann wie mir gehen: Sie wird sich bei unseren früheren Freunden nicht mehr wohl fühlen, nicht mehr zugehörig. Alle haben Häuser mit Garten, wir leben in einer Wohnung mit kleinem Balkon, statt Neubau anderer PVC-Fußboden in jedem Zimmer, zugigen Fenstern und einem Bad mit Charme der 60er. Unsere Freunde laden uns immer zu ihnen ein, lade ich ein, finden sie meist eine Ausrede, warum wir uns nicht doch lieber in ihrem Haus treffen sollen - die Kinder hätten da doch mehr Platz, es gäbe einen Garten, die Stufen, es sei anstrengend mit zwei oder drei Kindern woanders hin zu fahren. Meine Tochter fragt jeden: Hast du einen Garten? Wir haben nur einen Balkon. Sie sagt jetzt schon das Wort "nur". Sie ist die einzige, die fast nur Kleider vom Flohmarkt hat, deren Schuhe dreckig und kaputt sind - aber 60 Euro für ein zweites Paar Sandalen diesen Sommer? Das geht nicht. Vereine, Hobbies, Kleider, Schuhe. Gebühren für Kita oder Nachmittagsbetreuung... alles kostet immer mehr. Mein Ex fährt dreimal im Jahr in den Urlaub als ob nichts sei, ich war seit zwei Jahren nur ein einziges Wochenende allein auf Reisen, eine Woche Urlaub mit meinem Kind haben meine Eltern finanziert. Denn ich spare für all die Wünsche meiner Tochter in der Zukunft, vielleicht will sie mal ins Ausland, vielleicht ein teureres Hobby ausüben. Staatliche Unterstützung? Fehlanzeige. Ich habe durch die Unterhaltszahlungen ein zu hohes Einkommen, um noch Leistungen wie Kinderzuschlag oder Wohngeld zu erhalten. Baukindergeld, Elterngeld Plus? All diese Leistungen gehen an mir vorbei. Von der Kindergelderhöhung, die nun geplant ist, habe ich nur halb so viel wie andere, da mein Ex die Hälfte des Kindergeldes vom Unterhalt abziehen kann. Ich habe keinerlei Zeit für mich und treffe auf wenig Verständnis von außen. Selbst schuld - das höre ich meistens. Ich leiste die von Maria angesprochene Kooperationsfähigkeit, lege mich quer, damit das Verhältnis zwischen Vater und Tochter gut ist. Selbständig und glücklich würde ich mein Leben dennoch nicht bezeichnen, denn ich bin abhängig von meinem Ex, abhängig von den Bedürfnissen des Kindes und erlebe viele Tage als einzigen Kampf an allen Fronten. Wie viel schlimmer muss es Lisa gehen, bei der die Streitigkeiten mit dem Ex-Partner hinzukommen. Ja, ich habe auch mal studiert, hatte einen Vollzeitjob, war viel privat und dienstlich auf Reisen. Und nein, ich will das alles nicht wieder haben. Ich bin aber genervt, dass in der Arbeitswelt und im Freundeskreis nicht gesehen wird, was ich eigentlich alles kann und leiste - ich bin dort nur mit Defiziten behaftet. Zu kleine Wohnung, zu oft krank, zu oft das Kind krank, der kann man nichts zutrauen, weil in Teilzeit... ich hoffe auch, dass meiner Tochter das später mal erspart bleibt. Dass sie in einer Welt erwachsen wird, wo man als Mutter auch noch Arbeitnehmerin und Frau sein kann, egal wie viel Zeit man mit dem Kind verbringt. Wo man auch ohne Partner Chancen hat. Aber ich bin skeptisch, ob das gehen wird.

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