Landleben

11/07/2018 - 07:15

Land-Mama Lisa

Balu und Du: Ein modernes Märchen! Wenn sich Jugendliche um bedürftige Kinder kümmern

Das bundesweite Mentorenprogramm „Balu und Du“ bringt junge Erwachsene mit Grundschülern zusammen, deren Startbedingungen schwieriger sind als die anderer Kinder. Was bringt eine Abiturientin dazu, sich ein Jahr lang jede Woche mit einem Achtjährigen zu treffen? Und wie profitieren beide davon? Wir durften Veronika und Jakob (Name geändert) aus Dortmund bei einem ihrer Treffen begleiten.   

Von Lisa Harmann

Die Straßenbahn-Oberleitung hängt tief über der Straße, als wollte sie den Blick zum Himmel nicht ganz freigeben. Auch die einheitlich graue Wolkendecke, die sich durch die Stromdrähte hindurch erahnen lässt, drückt. Das Wetter ist weder gut noch besonders schlecht an diesem Tag in der Dortmunder Innenstadt-Ost. Das Handy klingelt.

„Wir müssen das Treffen heute leider absagen“, meint Nicole am anderen Ende der Leitung. Wir sind ins Ruhrgebiet gefahren, um ihren achtjährigen Sohn Jakob kennenzulernen. Jakobs Schwester sei heute schlecht drauf, „hören Sie sie im Hintergrund?“, fragt seine Mutter. „Das ist gerade alles nicht so leicht hier bei uns“, sagt sie. Und genau deswegen sind wir gekommen. Denn gerade weil es manchmal so schwierig ist zu Hause, ist der achtjährige Jakob Teil des Projekts „Balu und Du“. 

Bundesweit vermittelt das Mentorenprogramm Kindern wie Jakob junge Erwachsene, die sich ehrenamtlich ein Jahr lang mit ihnen treffen – zum Eis essen, quatschen, spielen. Ab und zu geht es auch mal in den Zoo oder ins Kino. Angelehnt an die Geschichte des Dschungelbuchs werden die Kinder „Moglis“ und die Betreuer „Balus“ genannt. Der Bär als kräftiger aber liebevoller Beschützer des Dschungelkindes. „Versuch´s mal, mit Gemütlichkeit…“. Ein modernes Märchen. Jakob ist der Mogli, ein Menschenkind im Dschungel der Möglichkeiten. Sein Balu heißt Veronika, ist 18 Jahre alt – und kommt wie er aus Dortmund.

Jakob sei ganz hibbelig vor den Treffen, erzählt seine Mutter Nicole, „er freut sich immer sehr darauf“. Er habe sich seit dem Start des Programms verändert, sei ausgeglichener und fröhlicher. Und das ist auch der Grund, warum sie schließlich doch einlenkt und einem Treffen zustimmt. „Das Projekt ist ja wirklich toll, ich gönne ihm das“, sagt sie. Und so lernen wir Jakob doch noch kennen.

Sehnsucht nach Solozeit

Diesen achtjährigen Jungen aus der Dortmunder Innenstadt-Ost, der  beim Lächeln immer die linke Augenbraue hochzieht. Der immerzu Fragen stellt und die Antworten aufsaugt wie eine Blume, die nur gegossen werden muss, um bunt zu blühen. Veronika nimmt seine Neugier ernst. Gerade bereitet sie sich auf ihr Abitur vor. Die Idee, sich an dem Projekt zu beteiligen, hatte ihre Lehrerin. Sie stellte der Klasse das Programm vor: Ein Jahr lang einmal pro Woche für drei bis vier Stunden ein Grundschulkind treffen, das nicht ganz so gute Startvoraussetzungen hat wie andere. „Ich mag Kinder und möchte später eh etwas im sozialen oder pädagogischen Bereich machen“, sagt Veronika. 

Jakob ist anfangs schüchtern. Er hat sich seine Fußballschuhe angezogen, um mit Veronika „zu kicken“.  Wir begegnen uns auf der Straße vor dem Haus, in dem er mit seiner Mutter, den drei Geschwistern und zwei Katzen auf 74 qm in einer Dreieinhalb-Zimmerwohnung im dritten Stockwerk lebt. Jakobs 11-jähriger Bruder lebt von Montag bis Freitag in einer Wohngruppe, da hat Jakob das Zimmer für sich allein. „Ganz oben wohnen wir“, sagt er. Ganz oben. Da, wo die Basteleien an den Fenstern hängen und die Blumentöpfe auf der Fensterback bunt sind. Anders als die Hauptstraße mit ihren Oberleitungen wirkt diese von Birken gesäumte Seitenstraße fast wie eine Allee. Ein anderer Ort, nur eine Straße entfernt, fast ländlich. Nichts deutet auf einen Brennpunkt hin.

Veronika holt Jakob jeden Donnerstag um 15 Uhr ab. Und es ist diese Verbindlichkeit, die Moglis wie Jakob so gut tut. Es sind diese paar Stunden, in denen ihm die volle Aufmerksamkeit gehört. In denen man ihm zuhört, ihn ernst nimmt, auf die er sich verlassen kann. Wenn Veronika sagt, sie kommt, dann kommt sie wirklich. „Du kriegst mich nicht“, ruft er und setzt zum Sprint auf dem Sportplatz an, der gleich hinter seiner Wohnung liegt. Veronika hetzt hinterher. Sie hat keine Chance. Unbeschwertheit. Abschalten.  Spaß haben.

Vom Modellprojekt zum Verein

Die Idee für „Balu und Du“ entstand 2002 auf einer Fachtagung. Wie kann Ehrenamt besonders wirksam sein, fragte sich Dominik Esch, der bis heute Geschäftsführer des Programms ist. Wie lassen sich die Chancen für einen Bildungsaufstieg von Kindern erhöhen? Esch begann mit einem Modellprojekt des Diözesan-Caritasverbands im Erzbistum Köln und der Universität Osnabrück. Studierende und Schüler weiterführender Schulen zwischen 18 und 30 Jahre sollten sich regelmäßig und punktuell mit Grundschülern treffen, die soziale oder emotionale Förderung brauchen könnten.

Mittlerweile ist „Balu und Du“ ein Verein und hat bundesweit bereits knapp 10.000 Gespanne vermittelt. Wie viel das bewirken kann, haben mehrere Studien seit Anfang des Programms vor 15 Jahren gezeigt. Für Moglis, die am Programm teilgenommen hätten, steige etwa die Chance einer Gymnasialempfehlung um 11 Prozent, erzählt Esch. Eine Langzeitstudie von Prof. Armin Falk von der Universität Bonn brachte deutliche Nachweise für die Wirksamkeit des Programms. Seit 2011 erforschte er mit seinem Team, inwieweit sich soziale Benachteiligung auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern aus niedrigen sozio-ökonomischen Verhältnissen auswirkt. Das Ergebnis: Die Moglis unterschieden sich nach dem Jahr in Sachen Prosozialität – dazu gehören konstruktives Verhalten und Hilfsbereitschaft – nicht mehr von den anderen Kindern in ihrer Klasse. „Balu und Du“ kann die Chancengleichheit erhöhen und die soziale Spaltung verringern.

Veronika merkt das selbst deutlich an Jakob. Anfangs hatte er viele Kraftausdrücke benutzt, wenn sie sich trafen. „Ich fühlte mich zum Teil persönlich beleidigt“, sagt sie. Da half ihr die engmaschige Betreuung. Nicht nur müssen alle Balus jedes Treffen mit ihrem Mogli in einem nicht-öffentlichen Online-Tagebuch  dokumentieren, das die Betreuer dann kommentieren. Einmal in der Woche, immer freitags in der siebten und achten Stunde nach dem regulären Unterricht trifft sich Veronika zudem noch mit der betreuenden Lehrerin und den anderen Balus aus ihrer Schule. „Wir besprechen dort Schwierigkeiten oder Probleme“, erzählt Veronika, „vor allem aber tauschen wir uns aus.“

Esch erklärt, dass die intensive Vor- und Nachbereitung der Ehrenamtlichen den positiven Nebeneffekt habe, dass sich wirklich nur diejenigen für das Programm anmelden, „die das auch wollen und dahinterstehen.“ Und für sie gibt es nach dem Jahr ein Zertifikat: den „Landesnachweis Ehrenamt“. Entscheidend sei aber vielmehr, dass das Programm die Beteiligten langfristig präge, sagt Esch. Neulich habe ihn eine junge Frau angerufen und wollte ein Praktikum machen. Als er erklärte, dass das schwierig sei, weil sie zwei Arbeitsplätze hätten, sagte sie: „Aber ich war doch vor acht Jahren selbst ein Mogli“. Es sind auch diese Geschichten, die Dominik Esch antreiben. 

16 Euro erhalten die Balus in Dortmund pro Monat, um davon Fahrtkosten zu bezahlen oder den Mogli mal auf einen Kakao oder ein Eis einzuladen. „Manche sparen das Geld aber auch, um sich einen Zoo-Eintritt leisten zu können“, erzählt Esch. In einigen Kommunen bekommen Balus und Moglis auch Vergünstigungen bei Eintrittsgeldern. Für viele der Kinder sind das die ersten Ausflüge in ihrem Leben. Auch Veronika genießt das. Und wenn sie mit Jakob ein anderes Mal „Das verrückte Labyrinth“ spielt, erinnert sie sich an ihre eigene Kindheit zurück. „Beim letzten Treffen haben wir Muffins gebacken“, erzählt sie. „Aber die Glasur ist nichts geworden“, lacht Jakob, „die war viel zu flüssig.“

Manche Eltern blockieren

Veronika hatte zunächst ein weibliches Mogli, mit dem sie sich auch gut verstand. Doch immer wieder hatte die Mutter den Kontakt blockiert, war nicht ans Telefon gegangen oder hatte die Tür nicht geöffnet, wenn Veronika klingelte. „Sie war sehr eng an ihr Kind gebunden“, sagt die Schülerin. Für manche Eltern sei es nicht leicht zu akzeptieren, dass es mit dem Balu plötzlich eine weitere Person im Leben ihrer Kinder gibt. Also bekam Veronika einen neuen Mogli: Jakob. „Wir haben uns von Anfang an gut verstanden“, sagt Veronika.

„Er lernt von mir – ich lerne von ihm“, sagt sie. „Ich kenne jetzt sämtliche Automarken – und im Fußball werde ich auch besser.“ Jakob genießt die ungeteilte Aufmerksamkeit bei den Treffen, das Endlich-mal-im-Mittelpunkt stehen. „Guck mal, ich kann einen Fallrückzieher“, ruft er und kracht auf den Boden. Veronika hilft ihm auf. Fast wie Geschwister. Fremd – und doch so nah. Später schlendern die beiden Hand in Hand ins Café. Auf dem Weg findet Jakob eine Cent-Münze. „Du  bist ein Glückskind“, sagt Veronika und er lächelt. Er sagt nicht „Kopf oder Zahl“, als er die Münze auf den Boden wirft. Er fragt: „Zahl oder Baum?“. „Baum“, sagt Veronika. „Verloren, verloren“. Jakob hat alle Anfangsschüchternheit abgelegt. Er erzählt jetzt vom BVB und seinen Lieblingsspielern Reus und Aubameyang. Seine Stollen klackern auf dem Asphalt.

Im Café bestellt Jakob heiße Schokolade. Die Verkäuferin schenkt ihm ein Stück Streuselkuchen dazu. Er strahlt Veronika an: „Ich bin ja wirklich ein Glückskind.“ Auf dem Nachhauseweg greift er wieder ihre Hand. Veronika bringt ihn noch hoch bis an die Wohnungstür, in der nächsten Woche wollen sie bowlen gehen. Es dämmert bereits, als sie zurück auf die Straße tritt. Die Drähte der Oberleitung über ihr fallen nicht mehr auf. Die Wolkendecke hat sich gelockert, der Mond ist klar zu erkennen.  Veronika muss jetzt heim. Sie muss noch Hausaufgaben machen. 

 

Förderung von Grundschülern

Welche Mitschüler können am Programm teilnehmen? „Es braucht keine detaillierte pädagogische Diagnostik“, sagt Dominik Esch. Lehrer können Grundschüler vorschlagen, um die sie sich sorgen. Da kann zu viel Medienkonsum eine Rolle spielen, aggressives Verhalten, mangelnde Sprachkenntnisse aber auch eine traurige Grundstimmung. „Oft wollen auch Geschwisterkinder teilnehmen, wenn sie sehen, wie glücklich ihre Geschwister von den Treffen wiederkommen“, erzählt Esch. So war es auch bei Jakob. Zunächst hatte seine zehnjährige Schwester mit dem Programm begonnen. Er wollte das auch gern. Und so trat Veronika in sein Leben.

 

Wie kann ich Ehrenamtlicher werden?

Der Verein „Balu und Du e.V.“ arbeitet mit lokalen Trägern zusammen. Das können Schulen, Wohlfahrtsverbände, Kommunen oder Universitäten sein. „Wir haben jetzt auch eine BWL-Professorin als Koordinatorin“, erzählt Dominik Esch. Die Studierenden sollten „social skills“ entwickeln und können dabei credit points sammeln und sich für ihr Engagement Praktikumszeiten anrechnen lassen. „Es ist eine Win-win-Situation für alle Beteiligten“, sagt Esch.

 

Spenden

Die Ausgaben finanziert der „Balu und Du e.V.“ aus Spenden und Stiftungsgeldern. Damit werden die Ausgaben für Eintritte in Museen oder Schwimmbäder, Bastelmaterialien, Lernspielsachen und Fahrtkosten gedeckt. Für alle Beteiligtenwird außerdem der Haftpflicht- und Unfallversicherungsschutz übernommen. Das gilt auch für den Fall, dass sich Balu und Mogli auch nach Ablauf des ersten Jahres weiter treffen möchten. Für Spenden: Bank für Sozialwirtschaft Köln
Konto: 80 59 400, BLZ: 370 205 00. Weitere Informationen: http://www.balu-und-du.de

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Zeitschrift Eltern Family.

 

Tags: Ehrenamt, Miteinander, Soziales, Jugendliche, Schüler, Hilfe, Unterstützung

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Kommentare

anna — Mi, 07/11/2018 - 07:58

Toll, dass es solche Projekte gibt! Kann es sein dass der richtige Name des Jungen einmal angegeben wurde (3. Absatz).

Land-Mama Lisa — Mi, 07/11/2018 - 09:15

und DANKE!

Trusted loan Frim — Mi, 11/28/2018 - 11:52

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