Landleben

01/10/2018 - 06:15

Land-Mama Lisa

An die Mütter dieser Welt: Gönnt euch mehr Egoismus! Zwischendurch!

Ihr Lieben, ich bin seit zwölf Jahren Mutter, seit zehn Jahren sogar Mutter von insgesamt drei Kindern. Und es gab Zeiten, da existierte ich im Grunde nur als Bedürfnisbefriedigungsmaschine.

Zeiten für mich? Undenkbar. Sätze wie „Du musst halt auch mal abgeben können“ verhallten, weil: Wie sollte ich das machen, wenn ich rund um die Uhr stille (und ja, bei den Zwillingen habe ich tatsächlich quasi rund um die Uhr mindestens ein Kind gestillt)?

Die Frau, die ich mal war, rückte beachtlich in den Hintergrund. Ich merkte das nicht direkt, ich hatte gar keine Zeit, mir Gedanken dazu zu machen. Aber irgendwann tauchte ich wieder auf. Erst zaghaft, aber mit den Jahren immer mehr. Ich machte mich auf die Suche nach mir, nicht bewusst, aber so ganz nebenbei.

Stieg nochmal auf ein Pferd, weil mir Reiten in meiner Kindheit so viel Spaß machte. Ging nochmal tanzen, weil mich Musik und Tanz schon immer glücklich machten.

Und jedes Mal, wenn ich eine frühere Leidenschaft wiederentdeckte, war ich euphorisiert. WOW, das brauch ich viel öfter, das mach ich jetzt immer. Ihr kennt vermutlich das Ende vom Lied: Das klappt halt nicht. Also jedenfalls bei mir nicht.

Ich kann nicht regelmäßig in den Reitstall oder zum Tanzen, weil mich weitere feste Termine in der Woche nur noch mehr stressen. Weil dann doch wieder ein Kind krank ist, ein Auftrag länger dauert – was auch immer. Das führt dann schnell zu Frust. Aber, und jetzt kommt das große Aber: Ich sorge ab und zu für solche Oasen im Alltag.

Ich fahre einmal im Jahr mit meinen Schwägerinnen auf einen Ponyhof, um mal wieder durchs Gelände zu galoppieren und abends mit Heu im Haar zusammenzusitzen. Ich nehme mir bewusst die Zeit, mich mit einer Freundin zum Kaffee zu treffen (AUCH wenn sich auf dem Schreibtisch und in der Spülmaschine alles stapelt). Und ich sage nicht mehr jede Dienstreise ab, weil: geht ja nicht, ich hab ja Kinder. Nö!

Die Kinder sind so groß, dass sie beim Abschied nicht mehr weinen. Dass wir mit ihnen sprechen können. Ein Baby versteht nicht, dass die Mama in zwei Tagen wiederkommt – die Großen schon. Wie angenehm!

Die Zeiten ändern sich, das möchte ich euch einfach mal sagen. Wer sich gerade in einer Phase befindet, in der das Ich gar nicht mehr existiert („there is no i in mom“): Verzweifelt nicht, eure Zeiten kommen wieder!

Aber wir müssen sie uns irgendwann auch wirklich nehmen, diese Zeiten. Wir dürfen nicht verpassen, uns wieder zurück zu uns durchzuwühlen. Wir müssen nach der Phase der Brut und Aufzucht und Fürsorge lernen, auch für uns wieder einzustehen. Uns durchzusetzen.

Bei uns selbst nachzuhorchen: Was brauche denn ICH grad, wozu hab denn ICH grad Lust, was würde MIR denn gerade gut tun? Das geht nicht immer, das das geht irgendwann mit wachsendem Alter der Kinder wieder besser.

  • Ich gehe jetzt joggen, auch wenn die Küche gerade explodiert.
  • Ich gehe jetzt mit Freunden raus, obwohl das Kind grad kränkelt (Papa ist ja auch noch da).
  • Ich fahre jetzt auf diese Dienstreise, weil sie wichtig ist und mir die Aufgabe Spaß macht.
  • Ich gehe jetzt schlafen, obwohl der Mann grad lieber noch mit mir zusammensitzen würde.
  • Ich leg mich jetzt einfach mal mit meiner Tasse Kaffee in den Garten, obwohl die Kinder schon aus der Schule zurück sind.

Und ich versuche, dabei ganz bei mir zu bleiben. Mich nicht nur nach den Erwartungen der anderen zu richten, sondern auch nach meinen. Nein, Mama kann grad nicht. Hotel Mama ist grad geschlossen. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Klingt so einfach, braucht aber Übung. Mit ein bisschen Training kann das gelingen. Und es macht das Leben so viel ausgeglichener und schöner. Und zwar für alle Seiten!

 

Foto: pixabay

Tags: Mutterschaft, Erziehung, Burnout, Prävention, Fürsorge, Selbstfürsorge, Bedürfnisse

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Kommentare

Tine — Mo, 10/01/2018 - 07:46

Zum Wochenanfang. Gestern Abend saß ich noch auf der Couch und zählte meinem Mann alle Gründe auf, wieso unser kleiner Sohn doch nicht von Dienstag auf Mittwoch das erste Mal bei der Oma schlafen soll. Mein Mann schaute mich nur fragend an und schüttelte den Kopf. Danke Lisa für deinen Beitrag und du hast so recht: es ist alles nur eine Phase und wir Erwachsenen müssen den Schritt gehen, wenn sich ein Abschnitt dem Ende zuneigt. Damit wir wieder zu uns selbst zurück finden.

Leo — Mo, 10/01/2018 - 09:24

ich hab auch immer nach dieser balance gesucht, diesem "mach doch mal was für dich". und es geht/ging mir wie dir: feste termine stressen mich total! sich hingegen einfach mal spontan für etwas und gegen den haushalt zu entscheiden, das macht riesig spaß UND entspannt. :)

Richard (vaters... — Mo, 10/01/2018 - 11:51

Ein toller Beitrag mit einer super Einstellung! Das man automatisch zurücksteckt & dies auch sehr sehr gerne macht, ist klar. Aber man darf sich selbst nicht vergessen. Ich bastel z.B. grade an einer Überraschungsbox für meine Frau, mit vielen kleinen Dingen, die sie mag & als Überraschung ein Tag für uns zwei zum entspannen. Hugo rockt dann mit Oma & Opa, also alle glücklich. :-) LG, Richard (vom vatersohn.blog).

Anne aus der Li... — Fr, 10/05/2018 - 06:43

Wow, das ist echt ein sehr inspirierender Text geworden. Witzigerweise habe ich vor wenigen Wochen etwas Ähnliches geschrieben mit dem Titel ""Egoistisch sein ist gut" - das ging in die gleiche Richtung. Wenn wir nichts ändern und uns dem Hamsterrad mal für wenige Minuten entziehen, ändert sich einfach nichts. Und ich habe auch schon die Erfahrung gemacht, dass frau letzten Endes dann gar nicht weniger schafft, obwohl noch Zeit für eine ganz persönliche Auszeit war... Danke für den neuen Impuls, das Thema nicht aus den Augen zu verlieren!

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