Landleben

24/04/2018 - 07:00

Land-Mama Lisa

Erziehungs-Erschöpfung: Warum ich im Alltag mit den Kindern manchmal in die Tischkante beißen will

Neulich war ich mal wieder der Erschöpfung nahe. Nee, ehrlich gesagt, war ich weit drüber. Und als mir ein Kind dann noch ein „Dann gib mich doch zur Adoption frei“ entgegenschmetterte, weil ich es bat, die Hausaufgaben zu machen und über das wiederholte „Nein, mach ich nicht!“ so frustriert war, lief für mich das Fass über.

Statt in die Tischkante zu beißen, setzte ich mich ins Auto – der Papa war zum Glück schon von der Arbeit zurück. Ich fuhr auf einen Waldparkplatz und spazierte von dort aus los. Laufen. Anhalten. Durch die Gegen schauen. Atmen. Runterkühlen. Warum, fragte ich mich da, warum fruchtet das "Konzept" grad einfach nicht, jedenfalls nicht auf sichtbare Weise? Warum fühlt sich das grad alles so anstrengend an? So zäh wie Kaugummi? Ist das mal wieder eine dieser weltberühmten Phasen?

Von autoritärer Erziehung halte ich nichts. Hier bei uns gibt’s es kein „Aus, Schluss, Basta“, kein „Gehorchen“, kein „Frag nicht, hier bin ich halt der Chef!“. Kein „Weil ich das sage!“ auf die Frage nach dem Warum. Wir wollen keine Kinder, die einfach nur Befehle entgegen nehmen, wir wollen sie mitdenken lassen, ihnen Freiheiten zugestehen, wir möchten sie ernst nehmen und ihnen Raum für Kreativität lassen. Das ist kein „Konzept“ wie ich es weiter oben genannt habe, sondern eine Lebenseinstellung.

„Punkt 8 Licht aus, keine Diskussion“. Natürlich könnte ich um 20.15h mal den Tatort sehen, wenn ich das sagen würde, aber ich würde gleichzeitig auch keine langen Gespräche mehr am Bett führen, weil dem Kind gerade etwas auf der Seele liegt. Ich könnte keine Tierstimmen beim Vorlesen der Schule der Magischen Tiere mehr imitieren und Lachkrämpfe auslösen. Ich könnte nicht meine Beine mit den warmen kleinen Füßen meiner Kinder verknoten, weil sie nach dem aufregenden Alltag als Quasi-Erwachsene vielleicht doch grad nochmal Kind sein wollen.

„Warum?“ „Darum!“. Natürlich könnte ich mir Nachmittage der Diskussionen ersparen, wenn ich auf die vielen Fragen der Kinder nicht mehr eingehen würde. Aber sie kämen dann halt auch nicht weiter. Und lerne ich nicht selbst auch unglaublich viel, wenn ich merke, dass ich auf die naivsten Fragen keine Antwort habe – und mich selbst erstmal schlau machen muss? Wie oft habe ich mich in den letzten Wochen als Versagerin gefühlt, weil ich so viel nicht beantworten kann… Aber ist das nicht auch eine wertvolle Botschaft an die Kids? Hey, wir Eltern sind auch nicht allwissend, lasst uns doch gemeinsam schauen, ob wir das rauskriegen? (Das sage ich jetzt, da ich ausgeschlafen bin... manchmal könnt ich trotzdem verzweifeln über das Gefühl, einfach nichts zu wissen, nicht, wie Lavakruste entsteht, ob Angela Merkel als Kind auch mal in die Hose gemacht hat oder wie genau das jetzt funktioniert, dass warme Luft nach oben steigt)

Das sind nur zwei kleine Beispiele aus unserem vollgestopften Alltag als Familie mit Kindern, die gern mitbestimmen möchten. Sie stehen symbolisch für all das Mitfühlen, das unseren Eltern-Alltag täglich bestimmt. Denn ja, wir appellieren an ihren Verstand. Unsere Erziehung baut auf die Erkenntnis der Kinder, warum etwas sinnvoll oder weniger sinnvoll sein könnte. Sie setzt ein Mitmachen voraus, ein Ernstnehmen, viel Diskussion. Wir bauen darauf, dass sie unseren Punkt irgendwann verstehen.

Dass sie einsehen, dass es keinen Sinn macht, Gegenstände zu werfen, wenn das Spiel nicht gewonnen wurde. Dass sie begreifen, dass Streitereien mit den Geschwistern nicht immer körperlich ausgefochten werden müssen. Dass sie wissen, dass Zähneputzen nicht von Folterkommandos aus Kriegsgebieten erfunden wurde, sondern wirklich toll ist, um gute und nicht schmerzende und weiße Zähne zu haben. Dass wir sie damit nicht ärgern, sondern sie schützen wollen. Aber das ist ein langer Weg.

Ein Weg mit Erfahrungen und mit Tränen und mit Ausdauer und Geduld für alle Seiten. Ich glaube, dass sich das lohnt. Aber manchmal fühlt es sich auch an, als beiße man auf einem zähen Stück Fleisch herum, wenn man zum hundertsten Mal am Tag sagt, dass die Jacke an die Garderobe gehört und der Joghurtbecher in den Müll.

Das sind keine überlebenswichtigen Punkte im Leben, weshalb sie sich sehr viel schwerer durchsetzen lassen als das Verbot, bei Rot über die Ampel zu gehen. Es ich aber wichtig, sich in einer Gesellschaft auch respektvoll zu verhalten und das implizieren diese Dinge.

Ein Zusammenleben ist schöner, wenn Jacken nicht auf den Boden gepfeffert werden. Und die Einsicht, dass Hausaufgaben nicht zum Kinderquälen erfunden wurden, sondern damit man auch auf eigene Faust mal ein bisschen zum Üben kommt – zum Üben üben… die ist grad noch so weit entfernt, dass ich weiter auf meinem zähen Fleisch rumkaue.

Und ab und zu dann einfach mal zum Durchatmen in den Wald fahren muss. Nicht, weil ich nicht mehr daran glaube, dass es richtig ist, mit Kindern in den Dialog zu treten. Aber weil manchmal meine Nerven eben auch nur Nerven sind… ;-)  

 

Tags: Erziehung, Mitdenken, Mündigkeit, Glück, Verzweiflung, Bindung, Mühe, Anstrengung, Ernstnehmen, Autorität, Antiautoritär

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Kommentare

Franzi — Di, 04/24/2018 - 14:28

Liebe Lisa, Ich habe das noch nie kommentiert, aber bei Deinen Einträgen schon sehr oft gedacht: Ich habe bei Dir immer das Gefühl, Du würdest von sehr kleinen Kindern schreiben und nicht von 9jährigen. Das wundert mich immer. Ich habe 2 Kinder ungefähr im Alter von Deinen und noch einen 5jährigen dazu. Und mir kommt es immer so vor, als würdest Du auch eher von 5jährigen schreiben. Umgefallene Saftgläser zum Beispiel: Die sind hier seit Jahren kein Thema mehr, selbst bei dem Kleinen nicht. Ich bin auch nicht für autoritäre Erziehung, aber für sich aufopfernde Mütter halt auch nicht. Meine Kinder sind selbst für ihre Hausaufgaben verantwortlich und wenn sie ein Glas umschmeißen würden, könnten sie das selbst auf wischen. Du wünschst Dir selbständige Kinder-aber wie erreichst Du das? So sind sie doch total unselbständig?! Und macht Dein Mann auch mal die Einschlafbegleitung-oder nur Du? Das wäre dann ja auch nicht sonderlich fortschrittlich. Sorry für meinen kritischen Kommentar aber: Do muss es halt nicht sein!!

Tine — Di, 04/24/2018 - 20:10

Liebe Franzi! Durch einen verrückten Zufall habe ich Lisa mit ihren Kindern vor einigen Monaten getroffen und ein paar Worte mit ihr wechseln können. Mit das Erste was mir aufgefallen ist, dass ihre Kinder sehr selbstsicher und selbständig wirkten. Okay, es war auch kein Saftglas in der Nähe, was sie umschubsen konnten. *ironie aus* Ich finde es sehr schwer, sich in der virtuellen Welt ein Bild einer anderen Familie/Mutter/Vater zu machen. Man liest Texte (ich lese Stadt Land Mama schon von Beginn des Blogs an) und malt sich ein Bild im Kopf aus. Und dann kommt mal irgendwann ein Text daher, der nicht zu dem Bild in meinem Kopf passt.... so wie vielleicht heute bei dir geschehen. Fast war ich beim Lesen deines Textes etwas neidisch, dass deine Kinder für ihr Alter schon so weit sind. Dann müsste ich allerdings etwas lachen und an meinen wundervollen Nachmittag mit Lisa, ihren und meinen Kindern (ohne unsere Männer.... wir durften alleine raus) denken... dieser Nachmittag war so wundervoll perfekt unperfekt. Liebe Lisa! Ich finde dich, deine Kinder und deine Texte toll. Immer weiter so! Und bis hoffentlich bald mal in der realen Welt! Dann schubsen wir Gläser um die Wette um, lassen die Kinder es aufwischen und benehmen uns wie 5 jährige! Ohne unsere Männer, die müssen dann abends die Kinder insBett bringen. Weil wir vielleicht noch ein Bierchen trinken gehen!

Foxi — Do, 04/26/2018 - 12:08

Liebe Franzi, Ich lese im Text nichts von umgefallenen Saftgläsern, nichts von einer Mutter, die hinter ihren Kindern herräumt und auch nichts davon, dass sie alle drei Kinder alleine ins Bett bringt. Und für mich hört es sich auch nicht an, als wären die Kinder erst 5 Jahre alt. Ich frage mich gerade, ob ich einen anderen Text gelesen habe als Du!? Ich lese in dem Text von Heranwachsenden, die den Familien-Alltag selbstständig mitgestalten wollen (wodurch es natürlich zu Reibereien mit den Eltern kommt) aber lernen sollen, selbstständig zu denken und zu verstehen warum es Grenzen gibt, man gewisse Dinge nicht tut und die begreifen sollen, warum man auch unangenehme Dinge erledigen muss. Und ich lese von einer Mutter, die im Zuge dessen auch ab und zu an ihre Grenzen stößt, deren Ehemann ihr jedoch den Rücken freihält, damit sie sich zurückziehen und den Kopf frei bekommen kann. Von Aufopferung lese ich da nichts. Schön für Dich, dass Deine Kinder so vorbildlich sind und in dem Alter schon so toll "funktionieren". Aber das hier ist kein Wettbewerb! Hier geht es darum zu zeigen, dass jeder an seine Grenzen stoßen kann und nicht immer alles richtig machen muss. Und: Liebe Lisa, weiter so! Es ist so wichtig, dass nicht immer nur über die schönen Dinge berichtet wird, sondern über das wahre Leben!

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