Familien in der Krise: Wir wandeln unsere Wut in Energie und wollen was bewegen

Liebe Diane, wie viele viele andere Eltern auch hat auch Deine Familie in den letzten Wochen keinen normalen Alltag. Wie sieht die Situation bei Euch momentan aus?

Mein Mann und ich haben beide das Glück/Pech (wie man es nimmt) im Homeoffice zu arbeiten. Gemeinsam haben wir 3 Kinder (6, 4 und 1 Jahre/Jahr alt). Ich denke, was Homeoffice und Kinderbetreuung/Homeschooling bedeutet, muss ich mittlerweile nicht mehr erklären. Konzentriertes Arbeiten ist so einfach nicht möglich. Und den Kindern kann man erst recht nicht gerecht werden. Mein Mann und ich haben einen Stundenplan für jeden Tag gemacht, wer wann welche Schicht übernimmt. Trotzdem ist unser Alltag meistens chaotisch.

Wie geht es Dir und Euch damit?

Wir sind einfach nur noch erschöpft und fühlen uns überfordert. Es ist wahnsinnig anstrengend, alles unter einen Hut zu bringen. Die Großen zu betreuen – Homeschooling, arbeiten, jeden Tag für 5 Personen kochen, einkaufen gehen, Wäsche machen usw. Die Stimmung ist mal so, mal so. Es gibt gute und schlechte Tage. Manchmal denke ich, ich schaffe das keinen einzigen Tag mehr. Dann haben wir wieder super schöne Momente, wenn wir mal wieder zusammen Pizza backen oder spontan eine kleine Radtour machen.

Aber Homeschooling haben wir schon vor drei Wochen eingestellt. Es ging einfach nicht mehr. Es hat mich schon morgens beim Aufstehen gestresst, wenn ich wusste – jetzt ist wieder Unterrichtszeit. Wir sind eben keine Lehrer und können sie auch nicht ersetzen. Gleichzeitig eine 6-Jährige beim Lernen anzuleiten (am besten neben ihr sitzend), mit dem 4-Jährigen spielen und die 1-Jährige dabei auf dem Arm halten. Die Große war einfach nicht mehr zu motivieren. Einfach nur Ausdrucken und Abarbeiten von Arbeitsblättern ist einfach kein adäquater Unterricht für Erstklässler. Es war ein riesiger Stress für uns alle. Daher habe ich dann einfach irgendwann entschieden, damit aufzuhören.

Es war mir am Ende wichtiger mich nicht jeden Tag mit meinem Kind zu streiten und schlechte Stimmung zu haben, als die Aufgaben abzuarbeiten. Seitdem geht es uns wesentlich besser. Trotzdem habe ich natürlich jeden Tag ein schlechtes Gewissen. Aber das muss man dann aushalten. Jetzt geht sie zum Glück wieder 2 Tage pro Woche in die Schule. Immerhin!

Du engagierst dich bei „Familien in der Krise“ – erzähl mal, was das ist und um was es Euch geht. 

Unsere Initiative heißt Familien in der Krise. Wir haben uns fast allesamt online kennengelernt und sind dann als Initiative gewachsen. Dabei hat uns selbst überrascht, dass wir in so kurzer Zeit so viel bewegen konnten. 

Mittlerweile sind wir eine bundesweit organisierte Gruppe von engagierten Eltern, die sich in dieser Krise – und darüber hinaus – für Kinder und Familien einsetzt. Wir haben schon sehr viele Aktionen durchgeführt, Demos in NRW, Hessen, Berlin, München, Petitionen und offene Briefe. Dadurch ist auch die Politik auf uns aufmerksam geworden. Wir haben viele Gespräche mit ganz unterschiedlichen Parteien geführt. Das ist uns wichtig, da wir überparteilich aufgestellt sind.

Beispielsweise haben wir nächste Woche einen Zoom-Call mit Kristina Schröder, der ehemaligen Bundesfamilienministerin. Wir sprechen mit Fraktionsvorsitzenden, dem NRW Familienminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten und familienpolitischen Sprecher*Innen und sogar ein Termin mit dem hessischen Sozialminister ist in der Planung. Wir sitzen also mit am Tisch! Und genau das ist unser Ziel: Familien, insbesondere Kinder müssen endlich eine starke Lobby bekommen. Familienpolitik in Deutschland muss einen erheblich höheren Stellenwert bekommen, als das momentan der Fall ist. Wir sind also gekommen, um zu bleiben! Wir wollen in die Köpfe aller Politiker*Innen dieses Landes. Und das bedeutet nicht nur in der Sparte Familienpolitik.

Viele Eltern haben das Gefühl, dass Familien in den ganzen Diskussionen einfach übersehen werden – geht es dir auch so?

Ja, absolut! Ich glaube für uns Eltern war es in den letzten Wochen so, als hätten uns die Entscheidungsträger einen Schlag ins Gesicht verpasst! Dass Deutschland nicht besonders kinderfreundlich ist, das wusste ich schon. Aber dass wir in der Nahrungskette so weit unten stehen, das hätte ich nicht gedacht. Aber ich sehe die Dinge ja immer positiv. Ich drücke es mal so aus: vielleicht haben wir diese Krise gebraucht, um aufzuwachen, um uns zu empören, über das was gerade in Deutschland passiert und um uns dann zu organisieren. Wut ist ja eine sehr starke Kraft. Solange man bequem auf dem Sofa sitzt, ist es extrem schwer aus der Komfortzone herauszukommen und etwas zu ändern.

Aber jetzt geht es für viele Eltern einfach um mehr. Und dann schafft man es, seine Wut in Energie umzuwandeln, die dann Unglaubliches bewirken kann. Und genau das ist bei Familien in der Krise passiert. Insofern bin ich für diese Krise auch ein wenig dankbar, wenn man das so sagen kann. Denn dadurch haben wir uns gefunden und jeden Tag kommen neue Eltern dazu, die mitmachen wollen. Eltern können eine unfassbare Kraft entwickeln, wenn es um ihre Kinder geht. Und viele sind total happy, dass wir uns hier gemeinsam engagieren können. Wenn man das Gefühl hat, man kann tatsächlich Einfluss nehmen, geht es einem schon sehr viel besser. Von daher bin ich mittlerweile sehr viel besser gelaunt 😉

Was wäre der erste Schritt, den Du sofort ändern würdest?

In Bezug auf die Krise – die Schulen und Kitas für alle Kinder kontrolliert öffnen. Und dafür lieber wieder in anderen Bereichen Einschränkungen hinnehmen. Es kann nicht sein, dass Kinder die Hauptlast dieser Krise tragen! Monatelang keine richtige Betreuung und keine richtige Schule ist gerade für die sozial Benachteiligten Kinder dramatisch. Sie werden ungesehen hinten runterfallen. Es werden gerade Lebenschancen verbaut. Und das, obwohl es in Deutschland schon vor Corona überwiegend vom Elternhaus abhängig war, wie erfolgreich man in der Schule ist und welche Teilhabechancen Kinder haben. 

Langfristig – Digitalisierung in Schulen, mehr Geld für Erzieher, Kinderrechte ins Grundgesetzt – und Vieles mehr. Wir legen gerade erst los. 😉

Was hältst du davon,, dass jede Familie nun pro Kind 300 Euro bekommt?

Nicht besonders viel. Prinzipiell ist es natürlich gut, anzuerkennen, dass Familien jetzt Unterstützung brauchen. Aber dann bitte nicht mit dem Gießkannen-Prinzip. Jetzt bekommen auch Familien Geld, die es gar nicht brauchen. Man sollte es stattdessen zielgerichtet in mehr Qualität für KiTas und bessere Bildung an Schulen investieren. Dann kommt es wirklich allen Kinder zugute. Und zum Vergleich – diese Maßnahmen kosten den Staat ca. 4,3 Mrd. Euro. Der Digitalpakt, mit dem die Schulen ausgestattet werden sollten, umfasst ca. 5 Mrd. Euro. Das ist also ein riesiger Betrag, der da gerade locker gemacht wird und dann wird noch nicht einmal unter Hochdruck an Lösungen gearbeitet. Nicht einmal jetzt in der Krise. Es bleibt natürlich irgendwann die Frage – wer soll diese ganzen Ausgaben irgendwann bezahlen? Das wird unseren Kindern auf die Füße fallen, durch höhere Steuern oder andere Sparmaßnahmen. Wir drehen uns da im Grunde im Kreis.

Was hast du in den letzten Wochen gelernt? 

Vor allem eins: es lohnt sich absolut, sich für seine Ziele zu engagieren! Wenn man sich traut und einfach mal aufsteht z. B. eine Demo organisiert, kann man unheimlich viel erreichen. Ich persönlich war vorher noch nie auf einer Demo, geschweige denn, dass ich eine organisiert hätte. Jetzt habe ich innerhalb von 6 Wochen schon 3 Demos auf die Beine gestellt. Das hat uns extrem viel Aufmerksamkeit verschafft und uns enorm vorangebracht. Wenn mir jemand vor 6 Wochen gesagt hätte, dass mich mal Kristina Schröder proaktiv anruft oder dass einer unserer Mitstreiterinnen mit Volker Bouffier telefoniert, um unsere Forderungen zu erklären, dann hätte ich das nie geglaubt. Aber im Leben ist zum Glück sehr viel mehr möglich, als man denkt. Und das ist toll!

Wer mehr über die Initiative erfahren will:

Facebook: https://www.facebook.com/familieninderKrise/

Twitter: https://twitter.com/FidK_Bund

Instagram: https://www.instagram.com/familien_inderkrise/

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3 Kommentare

  1. Weil in der Fußball- Bundesliga auch kein Abstand gehalten wird/ gehalten werden kann, dort aber das Geld für regelmäßige Tests fließt, die zum sicheren Betrieb von Kitas und Grundschulen ebenso gebraucht würden! Letztes Jahr noch wurden an bayrischen Flughäfen Eltern verhaftet, die mit ihren Kindern 2! Tage vor Ferienbeginn in den Urlaub wollten, weil die Schulbesuchspflicht über allem steht! Wenn das so ist, warum gibt es dann Kaufprämien für E- Autos usw… also Geld für alles mögliche nur nicht für die wichtige Schulpflicht? Mit turnusmäßigen Tests bzw. ausgeweiteten Test- Standarts wäre es nämlich möglich! Kostet aber nun mal Geld! Also werden die Kids weg gesperrt!!! Ebenso müsste mehr Personal (Lehrer, Erzieherinnen) finanziert werden, denn mit den gängigen offenen Betreuungskonzepten wird auch nur die Personalknappheit kaschiert! In der Pandemie sind aber feste Gruppen das A und O! Wobei wir wieder beim Geld wären… das wird nämlich eben nicht als erstes für die Kinder ausgegeben.

    1. Ich stimme dir da in vielem zu! Allerdings halte ich „weggesperrt“ für etwas übertrieben…
      Ich finde das mit der Bundesliga auch etwas zweifelhaft, allerdings denke ich, dass die dortigen Tests von den Vereinen bzw. den DFB gezahlt werden, nicht von der Öffentlichkeit.
      Nicht falsch verstehen…ich bin total auf Seiten der Familien, finde aber die Argumentation für die unbegrenzte Öffnung von Kitas und Schulen manchmal nicht schlüssig. Die Aussagen der Autorin finde ich z.B. reichlich seltsam.

      Tatsächlich übel finde ich aber auch die 300€ pro Kind! Ich hatte absolut keine finanziellen Einbußen während Corona. Ich brauch es nicht! Und will es gar nicht! Und viele andere auch nicht. Aber es gibt so viele, für die das ein lächerlicher Betrag ist, der hinten und vorne nicht reicht! Das ist so krass ungerecht und sinnfrei!!!

  2. Das soll jetzt kein Angriff sein, oder so…aber inwiefern sind denn Kinder/ Familien in der Krise „hinten runtergefallen“? Ich meine, sie kommen ja nicht als Letztes zurück, weil sich niemand für sie interessiert, sondern weil sie keine Abstandsregeln einhalten können, würde ich sagen. Oder hab ich was verpasst?
    Ich war in den letzten Wochen wieder oft auf dem Spielplatz, außer mir interessiert sich da meistens keiner für wenigstens ein bisschen Abstand?!
    Insofern sind Kitas ein anderer Fall als Schuhgeschäfte-obwohl sicher niemand bezweifelt, dass Kinder wichtiger sind als Schuhgeschäfte?!

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