Elternfragen

06/11/2018 - 07:30

Stadt-Mama Katharina

Frühe Fehlgeburten: Warum sprechen so wenig Frauen über ihren Schmerz?

Mein Name ist Steffi. Als meine Tochter etwas über einem Jahr alt war, beschlossen mein Mann und ich, dass es Zeit wäre, ein neues Baby „anzusetzen“. Da es bei der Großen fast drei Jahre gedauert hat, bis ich endlich schwanger geworden bin, wollten wir nicht zu lange damit warten - schließlich wussten wir nicht, wie lange es diesmal dauern würde.  

Schon im zweiten Zyklus merkte ich, dass etwas anders war. Dann blieb meine Regel tatsächlich aus. Aber irgendwie konnte ich mich nicht freuen und ich hatte ein komisches, ein negatives Gefühl. Ich wusste, dass ich schwanger war, aber ich wusste auch, dass es wahrscheinlich nicht gut ausgeht. Dunkle Vorahnung oder mütterlicher Instinkt? Ich weiß es nicht.

Jedenfalls erzählte ich nicht mal meinem Mann davon, was ich heute nicht mehr verstehe, weil er mein absoluter Fels in der Brandung ist. Zur gleichen Zeit überschlugen sich die schlechten Ereignisse: ein guter Freund nahm sich mit 22 Jahren das Leben, weil er sterbenskrank war. Meine Tochter war oft krank, ich fehlte deshalb ständig im Job - worauf mir gekündigt wurde. 

In diesem ganzen Chaos kamen die Schmierblutungen. Sie waren nicht zu doll, aber ich wusste sofort, worauf es hinaus laufen würde. Als ich dann starke Krämpfe bekam und heftig blutete, war mir klar, dass es vorbei ist. Ich ging endlich zu meinem Gynäkologen, der meine Befürchtung bestätigte. Er war verständnisvoll und machte mir Mut, es wieder zu probieren. Glücklicherweise war keine Abschabung nötig. Nach dem Termin erzählte ich alles nun endlich meinem Mann. Er war so lieb und auch so traurig. Obwohl ich es hasse, ihn leiden zu sehen, war ich doch froh, in meiner Trauer nicht allein zu sein. Außerdem nahm ich mir vor, nun auch mit Freunden und Familie darüber zu sprechen, damit ich meine Trauer nicht in mich hineinfressen muss. Dafür hab ich nämlich normalerweise ein besonderes Talent..

Die Reaktionen in meinem Umfeld waren wahnsinnig unterschiedlich. Viele Frauen berichteten mir von eigenen Fehlgeburten und ihrem Schmerz. Andere wechselten schnell das Thema und es war ihnen sichtlich unangenehm über so etwas zu sprechen. Verletzt hat mich die Aussage einer meiner engsten Freundinnen: „Ach was, das war doch keine Fehlgeburt. In der 9.-10. Woche sind das doch nur Zellklumpen.“ Damit war die Sache für sie erledigt.

Ich trauerte also nach diesem Gespräch leise um meinen „Zellklumpen“, der doch so viel mehr für mich war. Diese kleine Seele, die sich entschlossen hatte, zu uns zu kommen und es nicht geschafft hatte.

Nur ganz kurz darauf wurde ich wieder schwanger und ich habe einen kerngesunden Jungen bekommen, der den puren Sonnenschein verkörpert. Und dennoch denke ich viel an die Schwangerschaft, die so plötzlich vorbei war. Ich frage mich: Wie kann ich darüber hinweg kommen. Und warum spricht man so wenig über diese frühen Fehlgeburten? Ich freue mich, wenn mir andere Mütter von ihrem Weg berichten. 

Tags: Fehlgeburt, Kind, Schwangerschaft, Abgang, Baby, Trauer.

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Kommentare

Heike — Di, 11/06/2018 - 09:15

Hallo Steffi, ich habe letztes Jahr im Oktober unser Baby in der 9. Woche verloren. Auch wenn es für manche nur "genetisches Material" war (ja, diese Formulierung hat der Arzt im Krankenhaus gewählt), hab ich die Seele gespürt. Für uns war es ein langer Weg zu dem verschiedene Bausteine gehören. Unter anderem hat unser Baby einen Namen bekommen, eine Blume im Garten mit einer kleinen Fee...und einiges mehr. Es gibt viele Kleinigkeiten in meinem Alltag, die mich an das Baby erinnern. Das war und ist für mich immer noch wichtig, auch wenn sich gerade, genau ein Jahr später, neues Leben ankündigt. Fühl dich umarmt. Liebe Grüße

Stephanie — Di, 11/06/2018 - 09:22

Ich kann, zum Glück, nicht aus Erfahrung sprechen, aber ich bzw. wir haben bei unserer Tochter bis zur 12. Woche gewartet ehe wir es irgendjemandem erzählt haben. Auch unsere Eltern wussten bis zu dem Zeitpunkt nichts. Eben, weil in diesen Wochen so viel passieren kann. Und ich denke, es ist umso schwieriger darüber zu reden, wenn keiner von der Schwangerschaft wusste. Außerdem glaube ich, schwingt oftmals auch eine gewisse Form von Schuldgefühl mit, dass man irgendwas gemacht hat oder irgendwas nicht gemacht hat und deshalb das Kind verloren hat - was natürlich völliger Quatsch ist. Von daher ist es wohl gut mehr darüber zu reden, aber auch nicht so ganz einfach.

Ella — Di, 11/06/2018 - 13:10

Auf dem Blog vonguteneltern.de schreibt die Hebamme Anja Constance Gaca sehr schön über dieses Thema! https://www.vonguteneltern.de/fehlgeburt-ein-kind-das-fehlt/ Liebe Grüße

Birgit — Di, 11/06/2018 - 14:42

Meine erste Schwangerschaft endete in der 6./7. SSW. Ich bin im Nachhinein froh, dass ich nie einen Herzschlag auf dem Ultraschal gesehen hab oder so. Wir hatten damals ca. ein halbes Jahr auf eine Schwangerschaft gewartet. Mittlerweile weiß ich, dass das im Vergleich zu manch anderen nicht lang ist, für mich hat es sich damals ewig angefühlt. Ich sehr getroffen danach, wollte unbedingt sofort wieder schwanger werden, obwohl meine Frauenärztin davon abriet. Ein weiteres halbes Jahr danach war ich dann schwanger. Das war die Schwangerschaft mit Nr. 1 unserer mittlerweile drei Kinder. Für mich ist die Fehlgeburt nicht mehr schlimm, ich glaube aber v.a. weil es dann relativ bald zu einer guten Schwangerschaft kam. In der Zeit dazwischen war ich oft ein Frack. Eine Freundin meines Mannes war damals schwanger und hatte etwa den gleichen errechneten Geburtstermin, den ich gehabt hätte. Ich hab mich wirklich für sie gefreut. Sie hatte lange keinen Partner und war auch schön Ende 30. Mein Mann sollte Taufpate des Kindes werden. Da hab ich nur gesagt, ich finde das toll, aber wenn wir bis dahin kein Kind erwarten, könnte ich die Taufe glaub ich nicht besuchen, ohne total traurig zu sein. Es kam dann zum Glück anders. Mir hat sehr geholfen, von Freundinnen zu wissen, dass sie auch Fehlgeburten hatten und v.a. auch gute Schwangerschaften hatten. Ich finde sehr wichtig, mehr darüber zu reden. Wir haben nicht bis zur 12. Woche mit dem Erzählen gewartet, bei keiner Schwangerschaft. Für mich war das bei der ersten, die in der Fehlgeburt endete genau richtig. Natürlich ist es auch für die anderen schwer, die Trauer auszuhalten. Aber gemeinsam ist es doch einfacher. Und so wusste meine Umfeld auch, wie es mir in etwa ging. Ich hörte aber zum Glück keine blöden oder verletzenden Sprüche. Nur meine Frauenärztin ging recht medizinisch an das Thema und meinte:"Ein gutes hat die Sache, wir wissen jetzt, dass Sie schwanger werden können." In dem Moment vielleicht kein Trost für mich, aber sie hat Recht behalten. Ich glaube, eine (frühe) Fehlgeburt zu verarbeiten ist einfach von Person zu Person so unterschiedlich. Und jede Form der Trauer - kurz, lang, intensiv, distanziert - sollte angenommen werden. Wenn Fehlgeburten nicht so ein Tabuthema wären, wüsste vielleicht auch mehr Menschen, wie sie sensibel auf Betroffene zugehen könnten.

Mimi — Di, 11/06/2018 - 19:56

Krass, das könnte meine Geschichte sein! Die allererste Schwangerschaft endete mit einer Fehlgeburt in der 7. Woche. Ich hatte Glück und wurde 4 Monate später erneut schwanger, und dieses Mal ging alles gut! Die Zeit nach der Fehlgeburt fand ich auch schlimm. Es hatte lange gedauert, bis ich überhaupt schwanger geworden war, und ich dachte ich würde nie Kinder haben. Ich konnte mich auch nicht für Freundinnen freuen, die gefühlt reihenweise anriefen, um mir glücklich von ihren Schwangerschaften zu erzählen. Versöhnt hat mich dann die Schwangerschaft mit unserem ersten Kind, seitdem belastet mich die Fehlgeburt überhaupt nicht mehr. Ich kann offen darüber reden und auch meine Kinder wissen davon. Meine "Heilung" waren tatsächlich meine drei glücklichen Schwangerschaften, die ich nach der Fehlgeburt erleben durfte.

Ramona — Di, 11/06/2018 - 14:53

Ich hatte ebenfalls eine Fehlgeburt. Traurig war ich darüber nicht. Im Gegenteil. Ich denke, die Natur wird einen guten Grund dafür gehabt haben, dass dieses Kind nicht das Licht der Welt erblicken sollte.

Nele — Di, 11/06/2018 - 22:03

Hallo Zusammen - mein Freund und ich haben zwei tolle Kinder miteinander, 8 und 5 Jahre alt. Unsere Beziehung war lange von Up's and Downs geprägt, erst vor einem Jahr haben wir es "richtig" hinbekommen und alles ist schön. Auch die Idee eines "Sahnehäubchens" entstand in der Zeit - etwas, dass unserer Liebe ein Krönchen aufsetzen sollte... ich war bei der KiWu, da ich all meine Werte checken lassen wollte um zu wissen ob es natürlich noch geht, da ich eine invasive Methode zum Krönchen auf keinen Fall wollte... das war im Januar. Im Mai haben wir Hals über Kopf beschlossen Berlin zu verlassen und aufs Land nach Hessen zu ziehen... ich musste nach dem Umzug Ende Juli noch 6 Wochen pendeln... in der Zeit hat sich sozusagen das Berliner Abschiedsgeschenk eingeschlichen... unser Sahnehäubchen... ich war so glücklich... stolz auf meinen "alten" Körper der es mit 45 Jahren noch einmal geschafft hatte... doch war ich von Anfang an voller Angst das etwas nicht klappen könnte - wegen des Alters... man liest zu viel Mist... ich hatte immer Angst dass es zu bluten beginnen würde - Trauma aus SS 1. Ich war in diesen Wochen extrem schlapp, nicht belastbar und konnte mich kaum zu etwas aufraffen. Das behagte mit nicht - ich kannte das so nicht... 2 Tage vor dem 2. Termin beim Gyn. in der 10. SSW kam sie dann, die von mir gefürchtete Blutung. Schwach, braun aber mit leichten Kontraktionen. Am 25.10. sah ich dann mein Kleines auf dem Ultraschall... zu klein und ohne Herzschlag. Ich war sehr gefasst. Auch auf dem Weg ins Auto. Als ich es am Telefon meinemFreund sagte nicht mehr... es tat mir so leid... das arme kleine Wesen das da in mir einfach so gestorben war... einfach so... und mein Körper, der es sich so gewünscht hatte, dass er es nicht gehen ließ... ich fuhr wie fremdgesteuert in die Klinik und organisierte alles. Mein Freund war in Berlin und musste dort einen Auftrag erledigen - er konnte nicht kommen. Das war auch nicht tragisch - er war am nächsten Abend da, nach dem Eingriff. Ich habe das durch gerockt. Hatte sogar an dem Tag vormittags noch die ganze Klasse meines Sohnes hier - dass war lange geplant und ich konnte es ihm nicht nehmen... es war grauenhaft. Aber ich hab es durchgezogen. Mein Nachbar fuhr mich hin und holte mich ab... körperlich ging es mir rasant besser. Auch das Empfinden dass es wohl besser so war - und wenn etwas nicht stimmte, mein Körper gesagt hat - Stopp - dann ist das okay. Doch was bleibt ist die Traurigkeit. Die Frage warum. Was ich hätte anders oder besser hätte machen können. Auch die Antwort kenne ich. Nichts. Ich weiß ich kann noch schwanger werden. Das ist gut. Aber was als bitterer Nachgeschmack bleibt ist die Angst, dass es wieder passiert. Ich hatte das Gefühl, dass wir noch nicht komplett sind - dass da noch jemand fehlt. Jetzt, knapp 2 Wochen danach... bin ich indifferent. Ich habe mit meinem Freund besprochen, dass wir bis Mitte kommenden Jahres abwarten, ob noch eines zu uns kommen möchte. Wenn ja, freuen wir uns - wenn nicht, werde ich mir eine Spirale legen lassen. Dann wird es mir mit dem Alter etwas "schwierig"... Pläne kann man ja machen... was das Leben draus macht... wir werden sehen... ich bin hier in Hessen noch recht einsam - daher ist dies hier wahrscheinlich so lang geworden... mit fehlt so sehr jemand zum Reden... ich wünsche Euch allen dass Ihr glücklich seid. Mit Euren Kindern und Euren Sternen...

Ela — Mi, 11/07/2018 - 09:20

Ich habe letztes Jahr im September mein erstes Baby in der 11. Woche verloren und es war furchtbar für mich. Ich habe gefühlt Jahre darauf gewartet endlich "loslegen" zu können und bin direkt schwanger geworden. Die Freude war riesig und ich habe es auch direkt meiner Familie und Freunden erzählt. Mein kleiner Schatz hatte einen Herzschlag und ich war überglücklich. In der 11. Woche hatte ich dann eine verhaltene Fehlgeburt. Der Arzt könnte keinen Herzschlag mehr feststellen. Ich glaube ohne meinen wunderbaren Ehemann hätte ich diese Zeit nicht überstanden. Er hat wirklich alles für mich getan und wir haben gemeinsam getrauert. Wir haben unseren kleinen Schatz beerdigen lassen und es hat mir sehr geholfen, eine Stelle zum trauern zu haben. Ich bin sechs Monate später wieder Schwanger geworden und in vier Wochen erwarten wir unseren kleinen Schatz. Auch heute trauere ich noch um mein erstes Baby und werde es nie vergessen. Aber mit der Zeit wurde es besser und heute über ein Jahr später kann ich sagen, ich bin glücklich.

Marion — Mi, 11/07/2018 - 15:48

Mehr als die Hälfte aller Befruchtungen enden in einer Fehlgeburt. Wenn man sich den Prozess vor Augen führt, ist es eigentlich ein Wunder, wie oft nichts schiefgeht! Auch wenn ich meine frühen Fehlgeburten nicht als so dramatisch wahrgenommen habe - es gab zwar einen schwach positiven Test aber nie einen Herzschlag o.ä. - versuche ich sie wo angemessen v.a. Bei jüngeren Frauen zu erwähnen, damit sie im Fall der Fälle nicht aus allen Wolken fallen. Da ich zudem im engen Freundeskreis sowohl eine Stillgeburt in der 38. Woche als auch einen Fall von plötzlichem Kindstod erlebt habe, stehen meine Fehlgeburten für mich in keinem Verhältnis, ich hatte natürlich Hoffnung, aber immer auch Zweifel, ob es gut geht und war letztlich nicht überrascht aber erleichtert dass die Ungewissheit ein Ende hatte. Da dieser Vorgang ein sehr persönlicher ist, schreibe ich bewusst nur aus meiner Perspektive und möchte niemanden belehren oder bekehren!

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