Gastbeiträge

15/06/2018 - 07:00

Stadt-Mama Katharina

Gastbeitrag: Ich habe Krebs und kämpfe für jeden weiteren Tag mit meinem Sohn

"Vergessen Sie das jetzt mal. Freuen Sie sich auf die Geburt ihres Kindes. Konzentrieren Sie sich darauf, Papa zu werden."

Na klar. Kein Problem. Meine leichteste Übung, das zu vergessen, wenn man jeden Morgen aufwacht und die Körperstellen sieht und ertastet, an denen sich über Nacht neue Metastasen gebildet haben. Und dann kommt das heißkalte Gefühl, wenn man sich vorstellt, dass es diesmal eine wichtige Stelle erwischt hat. Und ich nun sterbe werde. Ist ja auch nur Stadium IV, das letzte eines Tumors, mit wildwuchernden Metastasen...

Wir waren gerade dabei, eine kleine Familie zu werden. Ein Sohn sollte es werden, das verriet das Ultraschall eindeutig, als er, im Fruchtwasser rudernd, die Pose eines breitbeinigen Sumoringers einnahm. Die Schwangerschaft verlief problemlos, er war kerngesund, das hektisch-niedliche Pochen des kleinen Herzens, die zwei vorhandenen Gehirnhälften, die prall gefüllte Blase – alles sah nach einer Mustergeburt aus.

Nur, dass ich jetzt nicht mehr anwesend sein dürfte, weil es sich einige Zellen in meinem Körper in den Kopf gesetzt hatten, unkontrollierbar zu wuchern. So stand ich zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin betrunken auf dem Balkon, hob meine Faust in den Himmel und haderte mit den Göttern. Was denn das für ein Schwachsinnsplan sei. Uns erst mit dem Wunder des Lebens zu beschenken, und mir dann das Highlight meines Lebens und sogar mein Leben selbst auf brutale Weise wegzunehmen.

Da wurde mir eines klar. Das alles ging Hand in Hand – das neue Leben, der Tod, und, daraus abgeleitet, ein Überlebenskampf. Ich wollte für meinen Sohn überleben. Wenn das mal nicht ein ambitioniertes Ziel war – ein buchstäblicher Sinn des Lebens.

Mein Sohn ließ sich Zeit. Die durchgeweinten Nächte, die Vorstellung, getrennt zu werden, dann wieder der Glaube, alles könnte gut werden, und wieder die Angst, die Unsicherheit, der Umgang mit dem Tod, der bodenlose Schmerz, die hoffnungslose Trauer. Das alles musste der Fötus mitbekommen haben. In selbstloser Aufopferung wollte er die Situation nicht verkomplizieren und verharrte im Schutz des Mutterbauchs. Am Ende musste nachgeholfen werden.

So wurde mein größter Wunsch wahr: noch die Geburt meines Sohns zu erleben.

Ich hatte den Krebs dabei tatsächlich vergessen, und auch die Beulen am Hals, die Knubbel in den Achseln, die Buckel auf meiner Schulter. Während der Geburt hielt ich die Hände meiner Frau, atmete zusammen mit ihr. Ich log, dass die nächste Wehe nicht so heftig sein würde. Zählte die Sekunden, bis sie abklang. Und stammelte fassungslos »Ja. Ich kann den Kopf auch sehen. Der hat ja Haare. Wieso hat er schon Haare? Gleich hast du es geschafft. Na gut, nein, diese eine Wehe noch.«

Zwei Stunden später bondeten wir abwechselnd mit dem Kleinen im angemieteten Klinikzimmer. Nackter Babykörper auf nacktem Oberkörper. Neugeborene Käseschmierehaut auf metastasenverbeultem Brustkorb. Direkt auf der Narbe, die den Einschnitt kennzeichnete, aus dem Tage zuvor zu untersuchendes Tumorgewebe entnommen wurde.

»Vor zehn Jahren gab es diese Therapie noch nicht.«

»Sie meinen, wäre das vor zehn Jahren geschehen, wäre ich bald tot?«

»Wahrscheinlich. Ja.«

»Und jetzt habe ich eine Chance?«

»Es gibt noch keine Langzeitergebnisse. Aber die durchschnittliche Therapiewirkung liegt bei sechs bis sieben Monaten.«

»Dann nichts wie los!«

»Moment. Sie sollten wissen, es gibt Nebenwirkungen.«

»Die hier auf Seite 12 bis 36? Ja, habe ich gesehen. Egal, nicht sterben ist mir wichtiger.«

»Seien Sie nur nicht schüchtern, einen Krankenwagen zu rufen, wenn es ernst wird.  Wenn das Fieber über 42 steigt oder Sie nichts mehr sehen, oder bei Problemen mit dem Herz.«

»Wie bitte? Nichts mehr sehen?«

Nebenwirkungen? Pillepalle. Sterben! Dazu bin ich nicht bereit! Nichts mehr zu fühlen, nicht zu existieren, einfach nichts. Beim Gedanken wird mir wieder heiß und kalt. Mit 80, 90, denke ich, stellt sich eine Art Lebensmüdigkeit ein. Da hat man viel gesehen, viel erlebt, die Kinder sind groß, die Enkelkinder so zahlreich, dass man den Überblick verliert und jeden Tag wird alles mühsamer. Zum Schluss macht selbst Essen keinen Spaß mehr. Dann kann man vielleicht gehen.

Aber mit 45? Wir hatten doch gerade erst beschlossen, eine Familie zu gründen.

Zwei Tage nach seiner Geburt trug ich den Kleinen in der Babyschale die Treppen hinauf. Mir war schwindelig, die Brust schmerzte. Kein Stechen oder Zwicken, sondern ein allseits präsentes Drücken und Dehnen, überall, als wäre da zu wenig Platz, als würde das Xenomorph-Alien höchstpersönlich durchbrechen wollen.

Wir betraten unsere Wohnung – das erste Mal – zu dritt. Mit Schmetterlingen im Bauch stellten wir die Babyschale auf dem Wohnzimmertisch ab, auf dem wir immer zu zweit gegessen hatten, und bewunderten das neue Leben, für das wir nun verantwortlich waren. Der Kleine hatte gar nicht geweint auf der Fahrt, sondern schlief friedlich. Er war in seinem Zuhause angekommen, und gesund, alles ganz normal. Am nächsten Tag begann meine Therapie.

»Schau mal bitte, siehst du den hier auf dem Brustbein? Der ist doch kleiner als vorher?«

»Psssst, nicht so laut. Er ist gerade eingeschlafen. So schnell kann das doch gar nicht wirken. Lass mal fühlen. Ach du lieber… Du hast Recht!«

»Warum weinst Du denn?«

In einer Krebstherapie gibt es Lichtblicke, in denen man vor Freude weint. Wenn man erlebt, wie sich Metastasen zurückbilden, wenn der Störenfried sich zurückzieht, man sich wieder wie sich selbst vorkommt, ohne das, was da nicht hingehört. Dann ersetzt Beschwingtheit die Hoffnungslosigkeit, die sich trotz des erzwungenen Optimismus eingeschlichen hatte. Dieses Gefühl, am Leben zu sein, und mit einer Wahrscheinlichkeit größer als Null wieder aufwachen zu dürfen. Zum Beispiel morgens um 4, wenn die ersten Vögel um die Wette schreien, um auch das Kind aus dem Schlaf zu reißen.

Ganz wird er nie verschwinden. Und irgendwann ist es soweit, dann wirkt die Therapie einfach nicht mehr. Vielleicht in ein paar Monaten. Vielleicht sind es auch Jahre. »Dauertherapie« heißt das, wenn man für den Rest seines Lebens Medikamente nimmt. Wenn um 6 Uhr morgens – wir haben den Kleinen gerade wieder in den Schlaf gesungen – der Handy-Reminder klingelt: die Erinnerung an die nächsten elf Tabletten. Die Erinnerung an die Sterblichkeit, die Abhängigkeit und das Damoklesschwert. Und an die Angst, die Menschen, nach denen ich süchtig bin, nie mehr zu sehen.

»Soll er eigentlich sehen, wie ich die Tabletten zu mir nehme? Während ich ihn auf dem Arm halte?«

»Wieso nicht?«

»Na, er will doch alles nachmachen? Vielleicht pflanzt das ein komisches Bild in seinen Kopf? Irgendwie, dass das hier normal ist?«

»Ist es das nicht? Ist es doch. Hm. Keine Ahnung.«

»Gibt es eigentlich ‚Spieltabletten‘? Eine meterhohe ‚Kinderapotheke‘ aus Holz?«

Am Ende entkomme ich der unmöglichen Spannung dieser Situation nur mit ein paar Tricks. Ich ignoriere das meiste, so gut das möglich ist. Und dann stelle ich mir vor, dass wir ein Leben wie vorher leben, nur eben mit Kind. Und dann den Kleinen mit 20 aus der Wohnung werfen und auf Weltreise gehen. Reisen lenkt doch sicher ab. Vielleicht reicht auch Norwegen? Aber im Winter.

Als er acht Monate alt war, machten wir unseren ersten gemeinsamen Urlaub als Familie. Doch da gab es einige nicht normale Hürden zu meisten, denn die Sonne ist inzwischen mein Feind. Da helfen auch keine Tricks. Ohne Lichtschutzfaktor 50, lange Ärmel und Hut verbrennt selbst die Frühlingssonne meine Haut. Beim schönem Wetter draußen zu sein, macht keinen Spaß mehr. Das ist eine der Nebenwirkungen.

Den Mietwagen fuhr meine Frau alleine. Ich saß hinten, im sicheren Schatten, neben unserem Sohn und unterhielt ihn. Ich las ihm Bücher vor und spielte den Clown, bis die kurvenreichen Sträßchen Istriens ihren Tribut zollten und mein Innenohr eine Pause einforderte. Es gibt Schlimmeres. Denn ihn lächeln zu sehen, ist das schönste Gefühl. Und dieses wonnevoll gurgelnde Lachen, wenn man ihn am Bauch kitzelt. Oder wenn er um 5 Uhr morgens mit fröhlichem Forscherdrang über die Körperlandschaften von Mama und Papa krabbelt. Das erinnert mich an meinen Fokus, meinen Lebenssinn, für ihn da zu sein, und dabei jede Minute auszukosten - und stinkt die Windel noch so sehr. Er braucht mich.

Und ich brauche ihn.

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Tags: Krebs, Therapie, Kind, Krankheit, Tod, Schwangerschaft

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Kommentare

Mette — Fr, 06/15/2018 - 11:00

Ein toller Vater. Sein Sohn kann sich sehr glüklich schätzen diesen kämpfenden Mann als Papa zu haben! Alles Gute für euch.

Julia — Fr, 06/15/2018 - 13:41

Wow, so toll geschrieben! Danke für die Geschichte und alles alles Gute!!! Julia

Anni — Fr, 06/15/2018 - 14:11

Alles erdenklich Gute für Rick und seine Familie!

Angi — Fr, 06/15/2018 - 19:44

Mir stehen die Tränen in den Augen... Ich wünsche der Familie so sehr, dass sie noch ganz viel Zeit miteinander haben. Dass der Papa seinen Sohn aufwachsen sehen kann und auch dass der Sohn noch lange einen Papa hat zu dem er aufschauen kann und an den er sich später immer erinnern kann. Alles Gute für euch...

Anna — Fr, 06/15/2018 - 21:12

Ich wünsche euch von ganzem Herzen ein Wunder!!!

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