Gastbeiträge

08/09/2015 - 07:30

Stadt-Mama Katharina

Gastbeitrag: Mein Kind ist Autist. Was ich mir von Menschen wünsche, die uns begegnen

Ihr Lieben, unsere Leserin Mia hat sich bei uns gemeldet und uns von sich und ihrem Sohn Kadir erzählt. Das, was sie zu sagen hat, finden wir wichtig. Deshalb haben wir sie gebeten, einen Gastbeitrag zu schreiben. Darüber, wie es sich mit einem autistischen Kind lebt und wie unsensibel ihr Umfeld oft reagiert. Danke, liebe Mia, für Deine Offenheit und Deinen Mut: 

 

"Hallo ich bin Mia und vor fast genau sieben Jahren wurde mein Sohn per Notkaiserschnitt zu früh geboren. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens.

Ich war damals gerade 21 Jahre alt und dachte, ich hätte schon alles erlebt. Wie man das eben so denkt, wenn man noch jung ist. Man weiß alles und hat auch für alles einen Plan, ganz ganz sicher...

Wie sehr ich mich dann doch geirrt hatte, wurde mir dann erst später bewusst.

Leider lief unter der Geburt nicht alles so, wie es hätte laufen müssen. Und heute frage ich mich oft: „Was wäre heute, wenn es damals anders gelaufen wäre?“

Als wir das Krankenhaus verlassen durften, war eigentlich alles ok. Das Kind war gesund, mir ging es gut. Doch schon ein paar Monaten nach der Geburt bemerkte ich Veränderungen an meinem Sohn. Für mich als Mutter waren diese Veränderungen sehr präsent - für andere und auch den Kinderarzt aber nicht wirklich.

Keiner bemerkte das, was ich sah und ich fühlte mich oft nicht ernst genommen. Die ersten drei Jahre lief ich mit Kadir von Arzt zu Arzt, ich bat um Hilfe und wollte doch irgendwie einfach nur verstanden werden. Doch keiner hörte zu oder nahm mich und das, was ich sagte, wirklich ernst. Ich hörte immer nur Sätze wie „Das verwächst sich schon noch, keine Sorge“ oder „Ach er ist doch erst drei, irgendwann wird er auch anfangen zu reden bzw. alleine an zu essen“

Ich selbst setzte mich extrem unter Druck und es kam regelmäßig dazu, dass ich abends auf der Couch saß und mir die Augen ausheulte. „Ich bilde mir das doch nicht ein, irgendwas ist mit ihm“, sagte ich mir immer wieder. Ich fing an, mich mit anderen Müttern auszutauschen und erzählte von dem, was ich so wahrnahm. Diese Mütter ermutigten mich dann so sehr, ja nicht aufzugeben und auf meinen Instinkt zu hören.

Irgendwann fand ich eine Ärztin, die mir zu hörte und die auch feststellte, dass da wirklich etwas nicht stimmte. Endlich gab es wirklich eine andere Person, die das sah, was ich auch die ganzen Jahre sah. Nach weiteren zwei Jahren Ärzte und Psychologen-Marathon wurde uns dann mitgeteilt, dass unser Sohn geistig behindert und autistisch ist. Endlich hatten wir was Greifbares und ich konnte das alles einordnen. Ich bin ein Mensch, der sehr viel liest und sofort fing ich an, alles über Autismus und auch sonst alles, was ich so über die geistige Entwicklung in die Finger bekam, zu lesen. Ich machte mich schlau, arbeitete mit seinen Therapeuten eng zusammen.

Mein Sohn sprach zu der Zeit so gut wie gar nicht. Ab und zu mal ein bisschen was auf seiner eigenen Sprache, die er über die Jahre für sich selbst entwickelt hat (die er auch heute noch gemischt mit normaler Sprache benutzt), aber das war es dann auch schon.

Mit viel Arbeit und Liebe, mit der großartigen Hilfe von seinen Therapeuten, Ärzten und auch von der Kita haben wir es geschafft, dass er wirklich schon ziemlich gut reden kann für seine Verhältnisse. Wir bekamen raus, dass nicht das Reden das Problem ist, sondern dass er einfach kein richtiges Sprachverständnis hat. Die Sprache kommt im Hirn nicht so an, wie es bei einem gesunden Menschen der Fall ist.

Er ist so ein toller wunderbarer kleiner Junge, der sehr aufgeweckt, und auch auf seine eigene Art sehr klug ist und mir jeden Tag ein Lächeln ins Gesicht zaubert und meine Welt Tag für Tag bunter macht. Er liebt Züge und beschäftigt sich sehr gerne mit Technik. Er fängt auch langsam an diese typischen kleinen Rollenspiele zu spielen und seine Phantasie zu benutzen, wie es andere Kinder auch machen und es macht mir so eine Freude das mit an zu sehen.

Auf den ersten Blick würde man niemals denken, dass er Autist ist oder behindert. Doch wenn wir zusammen unterwegs sind und er seine Ticks hat ,wird man angestarrt. Oder die Leute fragen „Was ist denn mit dem los?“ oder „Häää, ist der behindert oder was?“, oder „Kannst du kein Deutsch?“

Andere Kinder möchten nicht mit ihm spielen, denn er verhält sich nicht normal, er macht Geräusche und Laute, er bewegt sich komisch und macht seltsame Dinge mit seinen Händen und Fingern. Außerdem redet er ganz wirres Zeug, das keiner versteht und er versteht die Spielregeln nicht. Beim Verstecken spielen zählt er bis zehn und schreit dann nur ganz laut „Wuaaa, ich hab dich verschreckt“ und läuft dann wieder zurück und fängt von neuem an zu zählen.

Oder in der Ubahn: Er zählt sehr laut die Haltestellen nach und zwar in seiner eigenen gemischten Sprache.  Er macht die Geräusche der Fahrzeuge nach, er kann nicht ruhig sitzen bleiben, zappelt, steht immer wieder auf.

Die Menschen gaffen, lachen ihn aus, sie setzen sich weg oder fangen sogar an zu lästern. Wenn ich dann erkläre, dass Kadir behindert ist, höre ich Sätze wie „Der sieht aber normal aus“ oder „Der wirkt aber gar nicht behindert auf mich“, „Was, der ist doch kein Autist, der hat mich ja angesehen/berührt“ oder „Ach der braucht nur mal ne richtige Erziehung“.

Ich kann das nicht mehr hören. Ich frage dann immer zurück: „Wie sieht denn ein behinderter Mensch aus oder wie muss denn so ein Mensch aussehen?“ Nur weil er normal aussieht, heißt es doch nicht, dass er nicht auch Probleme haben kann. Dass er nicht die gleiche Rücksicht verdient, wie ein Kind, dem man die Behinderung ansieht. Nicht jedes autistische Kind sitzt einfach nur in einer Ecke sitzt und reagiert nicht auf seine Umwelt. Autismus ist so facettenreich und kann so unterschiedlich stark ausgeprägt sein, dass man es nicht mit irgendwelchen Symptomen abstecken kann

Wisst Ihr, in unserer heutigen Welt geht es immer nur um Perfektion und Erfolg und das Aussehen eines Menschen. Man muss besser sein als die Anderen, besser aussehen und egal wie sehr man sich anstrengt, man ist nie wirklich zufrieden mit sich selbst. Genau das schürt in mir die Angst. „Was soll aus meinem Sohn werden, wie wird es ihm ergehen, wenn er mal erwachsen ist?“. Diese Fragen stelle ich mir jeden Tag und ich finde keine Antworten darauf. Das Einzige, was ich aber weiß ist, dass wenn die Menschen weiter so engstirnig in Schubladen denken, wird sich nichts verbessern in dieser Welt. Wie kann es sein, dass die gleiche Person, die eben noch sagte: „Das ist aber ein ganz süßer Junge“ zwei Minuten später mit gerümpfter Nase davon stiefelt, weil mein ach so süßer Junge plötzlich mit flatternden Armen, verkrampften Fingern, laut quietschend auf der Stelle hüpft und mit starren Blick zum Himmel schaut, nur weil ein Flugzeug vorbei fliegt.

Ich bitte Euch sehr: Schaut nicht nur auf das Äußere und urteilt nicht zu schnell über einen Menschen. Denn von Innen kann es ganz anders aussehen als es eigentlich den Anschein macht.

Eure Mia"Ps: Wer sich für das Thema interessiert, kann hier einen weiteren tollen Gastbeitrag lesen. 

 

Tags: Autismus, Behinderung, Kinder, Familie, Gesellschaft, Ärzte, Therapie

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Kommentare

Desired — Di, 09/08/2015 - 09:26

Hallo Finde es toll das du nicht aufgegeben hast und auf dein Bauchgefühl gehört hast. Und ja unsere Gesellschaft wird immer oberflächlicher. Das ist sehr schade. Aber es gibt ganz viele tolle Menschen die nicht so sind, die gilt es zu finden. Ich wünsche dir und deinem Sonnenschein noch ganz viel Glück und Kraft. Kraft sich von blöden Kommentaren aus der Umwelt nicht runterziehen zu lassen. Liebe Grüße Desiree

Brigitte — Di, 09/08/2015 - 10:39

Hallo Mia , dein Bericht könnte auch von mir sein , denn genau so eine Odysee habe ich mit meinen 11 jährigen autistischen Sohn auch hinter mir und auch deine Beschreibungen unsere Mitmenschen ist fast identisch mit Niklas . Es ist so ein toller und offener Bericht von dir und dafür danke ich dir und vielleicht denkt der eine oder andere mal ü er sein Verhalten unseren Kinderen gegenüber nach . Herzliche Grüsse Brigitte

Belgin Sahin — Di, 09/08/2015 - 10:40

Ich finde es toll das Du dein Kind nicht aufgibst und gegen die nichtverstehende Umwelt kämpfst. Ich habe auch ein autistisches Kind, mein besonderes Kind...bleib so wie du bist Mis!! Ganz liebe Grüße Belgin :-)

Belgin Sahin — Di, 09/08/2015 - 10:41

Bleib so wie du bist Mia!!

Lena — Di, 09/08/2015 - 11:36

Hallo! Ich hoffe du hast viele Menschen um dich herum die dir den Rücken stärken. Ich kenne das alles so gut aus den Erzählungen meine Mutter. Mein Bruder ist geistig behindert und hat ein paar autistische Züge. Meine Mutter musste wirklich wirklich viele unangenehme Situationen in Supermärkten und auf der Straße durchstehen. Das ist nicht leicht! Aber meine Mutter ist eine der stärksten und tollsten Frauen die ich kenne. Und mein Bruder ist 35 jahre alt haz seit 5 Jahren eine Freundin die auch geistig behindert ist und er lebt im betreuten Wohnen. Er geht in eine Behindertenwerkstatt arbeiten, er geht alleine einkaufen und macht den Haushalt. Er ist ein glücklicher zufriedener Mensch, auch wenn viele Leute nicht verstehen warum er jetzt komisch ist obwohl er doch recht normal aussieht. Ich drück dir die Daumen und wünsche euch von ganzem Herzen viel Kraft! Und das wichtigste: ein glückliches Leben! !!!

Heike — Di, 09/08/2015 - 12:39

Liebe mia, danje für deinen Bericht. Ich bin zum einen therapeutin und arbeite oft mit eltern, wie dir und kindern, wie deinem Sohn kadir. Ich erlebe oft, wie man angeschaut wird... zum anderen bin ich frische mama und werde von den unsicheren Großeltern oft gefragt, was denn da los sei, wenn mein sohn etwas quengelt. Das strengt mich schon an... du bist eine Löwenmama! Du hast auf dein bauchgefühl gehört und nicht aufgegeben. Und genau deswegen wird er später ein glücklicher erwachsener werden. Das freut mich so für kadir! Mach weiter so! Viele grüße

Gast — Di, 09/08/2015 - 13:43

Hallo Bei meiner kleinen Schwester ist das genauso wie bei ihren Sohn Sie sehe ich in diesen Text so sehr wieder Aber ich liebe meine Schwester und könnte sie mir auch gar nicht anders vorstellen ~

yvonne — Di, 09/08/2015 - 15:29

Liebe Mia,erstmal herzlichen Glückwunsch zu deinem tollen Kind. Ich selbst treffe jeden Tag auf so ein außergewöhnliches Kind,denn in der Kita - Gruppe meiner Tochter ist auch ein Junge mit authismus. Es ist schön zu lesen,wie du für ihn kämpfst und wie glücklich er dich macht. Über das erwachsen werden brauchst du dich glaube ich nicht zu sorgen,denn schaut man mal wirklich mit offen Augen durch die Welt, so gibt es ganz viele Menschen,die immer mehr die Besonderheit anderer akzeptieren und ausserdem haben Authisten meist eine ganz besonders ausgeprägte Fähigkeit. Ob nun zeichnen,Mathematik, Chemie oder auch Technik. Auch Kadir wird seinen Weg gehen und du darfst ihn dabei begleiten. Ich wünsche euch von Herzen alles Gute und viele offene Menschen.

frauke — Di, 09/08/2015 - 18:23

Das Schubladen-Denken in der Gesellschaft ist schon traurig. Ich habe auch einen autistischen Sohn. Er regt zum Denken an, was für viele unbequem ist. Ihm merkt man es nicht an. Die Diagnose hat er erst mit 14 3/4 bekommen. Es hat lange gedauert. Nun sind wir froh, da "es" nun einen Namen hat. Wir haben auch eine Odysee hinter uns, bei der ich mich immer gefragt habe, warum muss ich ihm das antun. Ich halte nichts von ambulanten Tests. Sie haben sich ständig widersprochen. Erst ein stationärer längerer Aufenthalt, bei dem alle meinen Sohn kennenlernten, brachte die Diagnose. Wie langweilig wäre doch die Gesellschaft ohne besondere Menschen...

Bianca — Di, 09/08/2015 - 18:53

Hey Mia du hast es auf den punkt gebracht Kenne die Odyssee in der bvg Erst neulich sagte man das man Selina vor den Bus schubsen sollte Liebe Grüße Bianca (von Netmoms)

mellissandra — Di, 09/08/2015 - 19:16

Liebe Mia. erstmal kompliment, meine eigene tochter ist auch 20 und mutter, und sie hatte es einfacher, weil sie quasi (dank meiner einer, selber adhs mit autistischen zügen und ner therapeutischen ausbildung) schon in eine sehr lebendige (online und auch real life) autisten/adhs community mit reingewachsen war ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das für jemand in deinem alter sein mag, der sich erst in das thema einlesen muss. eins möchte ich dir vor allem anderen an die hand geben: such dir andere mamas mit autistischen kindern und auch den kontakt zu autistischen erwachsenen, die dir quasi von innen erklären können, wie sich das anfühlt zu zu sein. wir sind da draußen, auf facebook, in foren, mit tipps und tricks, die die diagnostizierenden ärzte oft noch gar nicht kennen (kommt daher, weil ein teil der autistischen erwachsenen online ein quer über die ganze welt vernetztes völkchen sind und oft dinge wie sensory rooms, gewichtsdecken und - westen, oder hörstöpsel die spezielle freqenzen filtern , oder die neuesten studien, dort geteilt werden) ein blog möchte ich dir an die hand geben: geschrieben von einer autistischen mutter die selber 2 autistische kinder und ein weiß-noch-nicht-mädel hat: https://innerwelt.wordpress.com/2013/04/11/overload-melt-und-shutdown/ das mit dem sprachverständnis ist ein wenig tückisch, ihr normal-neuro-typischen leute, verwendet so komische dinge wie redenwendungen und sprichwörter, sehr viele autisten stellen sich sowas aber wortwörtlich vor (frag nicht wann ich dahinter kam, das bürgersteige nicht wirklich nachts hochgeklappt werden) hier ein video, das es sehr gut erklärt: https://www.youtube.com/watch?v=AznX0oz3PoM ähem ja...intelligenztests, trau denen nicht, die sind nicht für autistische kinder gebaut, ich kenne mehr als einen fall, bei dem die erste einschätzung meilenweit daneben lag okay, ich fange das dozieren an....das machen autistische menschen (oder mit autistischen zügen, meine tochter meinte damals:" ja ne is klar, nen ganzen hauptbahnhof voll!) gerne, wenn um ihre SI (special interest, sowas wie ein hobby, nur intensiver, tiefergehend) geht auf fb (in meiner eigenen elterngruppe) hätte ich jetzt noch einen ganzen LKW von nützlichen links und büchern und filmen...die blogbetreiberin hat ja meine email, und darf die gerne an dich weiterleiten :-)

Christiane Steindl — Di, 09/08/2015 - 19:34

Nicht aufgeben! Die Leute müssen Dir egal sein! Auch ich habe ein autistisches Kind und habe sehr darunter gelitten, wie die Gesellschaft oft reagiert hat: von Schuldzuweisungen, Vorwürfen der Erziehungsunfähigkeit bis zu " der Hitler hätte schon dafür gesorgt, dass er verschwindet". Aber es gab auch andere, die mir Mut machten. Lass dich nicht unterkriegen ! das wichtigste ist: sei für Dein Kind da und versuche es zu verstehen, so gut es geht.Ich wünsche Dir alles, alles Gute!

Mia — Mi, 09/09/2015 - 11:13

Hallo ihr Lieben, ich wollte mich mal ganz ganz doll bei euch allen bedanken für diese Positive Resonanz. Damit hätte ich echt nicht gerechnet. Ich dachte ja das werden ein bis zwei Leute lesen und dann hat es sich damit. Ich wollte einfach nur meine Gedanken offen legen und dachte wenn ich damit auch nur einen Menschen erreiche der dann vielleicht etwas anders denkt, dass ich dann schon etwas gewonnen habe. Ich danke euch dass ihr hier auch ein kleinen Einblick bei euch mit eingebracht habt, denn auch das wird ja von andere Menschen gelesen und wahrgenommen. Vielen viiiielen Dank an euch alle ❤ Ihr seid auch alle starke Mamas und das finde ich toll.

Frühlingskindermama — Mi, 09/16/2015 - 21:33

Ich interessiere mich für Autismus, speziell Asperger, und freue mich über jeden Text, der das Thema bekannter macht. Ich weiß, dass viele Eltern von autistischen Kindern eine Odyssee von Ärzten zu Psychologen zu Beratungsstellen durchhaben, bis die Diagnose gestellt wurde. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen dem sog. frühkindlichen Autismus, der sich ziemlich deutlich in massiver Entwicklungsverzögerung manifestiert, und dem Asperger-Autismus. Asperger-Kinder sind fast normale Kinder, die nur in Teilaspekten ungewöhnlich sind und deshalb oft erst spät diagnostiziert werden. Da muss man erstmal deutlich unterscheiden. Das wird im Text nicht klar. Desweiteren stört mich an dem Text, dass Autismus mit geistiger Behinderung gleichgesetzt wird. Zumindest liest es sich für mich so, weil es in einem Kontext genannt wird. Hat er zusätzlich zum Autismus eine geistige Behinderung? Wie äußert sich diese? Was ist auf den Autismus, was ist auf die geistige Behinderung zurückzuführen? Gerade Asperger-Kinder können meist ein ganz normales Leben führen, wenn auf ihre Besonderheiten Rücksicht genommen wird. Kinder mit frühkindlichem Autismus dagegen benötigen oft eine lebenslange intensive Betreuung. Ich kann gut nachempfinden, dass man in der Gesellschaft auf Unverständnis stößt und sich mehr Feinfühligkeit wünscht. Das geht mir als Mama eines hochsensiblen Kindes nicht anders. Das sollte ja wahrscheinlich auch die Hauptbotschaft des Textes sein - sehr berechtigt. Mir stieß nur die mangelnde Differenzierung zwischen Autismus (welcher Form?) und geistiger Behinderung auf. Wer sich damit nicht auskennt, wird das automatisch in Verbindung bringen. Das wäre schade. Viele Grüße und alles Gute!

Ellen Hinrichs — Di, 10/06/2015 - 10:15

Liebe Mia. Du hast uns mit Deinem Beitrag aus der Seele gesprochen. Wir haben eine 15 jährige Tochter mit Asperger. Jeden Tag sind wir Anfeindungen ausgesetzt. Wir könnten unser Kind nicht erziehen, sie hätte ja nichts, weil sie spricht und Blickkontakt hält. Andererseits werden wir verurteilt, weil sie nicht in das "Raster der Normalen" passt. "Mensch" registriert Handicaps eben erst, wenn man sie auch sehen kann. Wann hört das endlich auf ? Wann lernt der Mensch, andere so zu akzeptieren, wie sie sind ? Wir wünschen Dir ganz viel Kraft und alles Liebe. Lass Dich nicht unterkriegen. :-)

Steffi — Do, 02/04/2016 - 14:34

Danke für deinen tollen Bericht! Als Logopädin arbeite ich sehr gern mit kleinen Autisten zusammen! Jedes dieser Kinder ist völlig einzigartig und auf seine Art etwas ganz besonderes! Ich bewundere immer wieder die Eltern dieser besonderen Kinder und habe großen Respekt! Nun ist es so, dass ich die Kinder immer erst "bekomme", wenn sie schon mindestens 4 sind. Du wirst bestätigen, dass dies für die Sprachentwicklung arg spät ist. Meine Frage an dich ist: Was genau ist dir aufgefallen, als keiner dich ernst nahm? Das interessiert mich wirklich sehr! Herzlichst, Steffi

Mia — Do, 02/04/2016 - 18:19

Hallo liebe Steffi, erstmal vielen Dank für deine lieben Worte. Ja dass mit dem Alter stimmt. Kadir bekam auch erst so mit 3,5 Jahren Logopädie und ich empfand es auch als sehr spät. Aber was soll man machen wenn die Ärzte in eine andere Richtung rudern und dann auch noch am längerem Hebel sitzen. Mein Sohn kam wie gesagt zu früh zur Welt und die ersten Wochen nach dem er nach Hause durfte waren auch wunderschön... Doch dann veränderte sich plötzlich alles und ich hatte das Gefühl dass alles, egal was das Kind überforderte. Er war ein kleiner Tyrann und hat eigentlich durchgehend nur geschriehen. Ich hatte meist nur ein Trick im Ärmel und das hieß Tragetuch oder Mütze. Erst wenn er komplett abgeschirmt War von allem, konnte er schlafen. Er brauchte zum Beispiel immer eine Mütze über die Augen gezogen damit er zur Ruhe kam. Später nahm er dann ein Kuscheltier was er sich selbst übers Gesicht zog. Ohne ging nicht und das Tuch hat er immer noch. Später kam dann noch dazu, dass er ungerne kuschelte, nicht so wirklich lachte oder erst wenn man ihn wirklich stark dazu animieren musste. Blickkontakt suchte er auch nie. Er vermied es eher. Da war er so zwischen 5-8 Monate. Es gibt sogar ein Video von ihm wo man das sehr gut sieht. Da liegt er auf dem Boden und versucht zu robben. Sobald man ihn direkt ansieht wendet er sich ab und dreht sich weg. Später fing er dann an alles was er in die Finder bekam aneinander zu reihen. Vom Brotkrumen beim Frühstück bis zu Spielzeug. Sprechen ging auch nicht so wirklich. Mama und Baba waren dann so mit 15 Monaten langsam drin, aber was auffiel war, dass er plötzlich anfing zu zählen. Ohne dass man mit ihm geübt hat oder so. Er entwickelte dann auch Ticks mit dem Gesicht und den Händen bzw. Fingern. Er fing an Geräusche zu kopieren. Konnte es nicht ertragen angefasst zu werden und am schlimmsten waren andere Kinder. Er fing dann auch an sich selbst zu verletzen usw. Es war einiges was halt auffiel und das sehr früh wie gesagt. Ich habe gekämpft ohne Ende wir fingen dann damals als mit ihm Ergotherapie zu machen und das auf eigene Kosten weil die Ärztin damals nicht einsah eine Verordnung aus zustellen. Erst über ein halbes Jahr später bekam ich dann endlich die Verordnung und die Hilfe die wir so dringend brauchten.... LİEBE GRÜSSE Mia

Steffi — Fr, 02/05/2016 - 12:11

Liebe Mia, Vielen Dank für deine super ausführliche Antwort!! Das ist wahnsinnig interessant für mich! Aber ich mag mir gar nicht vorstellen, welche Gefühlschaos du durchgemacht haben musst :( Wir Therapeuten streiten auch so viel mit ärzten rum.. Es ist teilweise unfassbar. Alles liebe für euch :) kadir kann sich glücklich schätzen, so eine engagierte Mami zu haben ❤️ Grüße, Steffi

Ive — Do, 02/04/2016 - 16:09

Danke für den Artikel! Ich liebe Artikel die mir die Augen öffnen und mich in meiner Wahrnehmung bereichern. Ich habe 2 normale Kinder, aber ich versuche ihnen täglich beizubringen dass jeder Mensch einzigartig ist und es ein "normal" nicht gibt. Ich hoffe so dass viele Eltern machen und wir in unserer Gesellschaft Toleranz und Respekt weitervererben können! Daher Dankeschön für den Artikel!

Andrea Aichinger — Do, 02/04/2016 - 16:38

Liebe Mia, auch mir kommt das sehr bekannt vor. Ich habe drei Kinder und bei meinem mittleren hatt ich schon die ganze Schwangerschaft über ein komisches Gefühl, obwohl ich sonst nicht dazu neige, mir ständig Sorgen zu machen. Auch nach der Geburt hatte ich Angst, dass mit meinem Sohn etwas nicht stimmt. Am nächsten Tag wurde eine Gaumenspalte festgestellt. Erst einmal war das die Bestätigung für meine unguten Gefühle während der Schwangerschaft. Aber nach und nach hat sich gezeigt, dass er auch sonst einfach anders war als seine Geschwister und vor allem sehr anstrengend. Im Kindergarten ist einer Betreuerin dann aufgefallen, dass er eine sehr schlechte Körperspannung hat. Also ging ich mit ihm zu einer Ergotherapeutin, die mir dann erklärt hat, dass mein Sohn eine ganz schlechte Körperwahrnehmung hat. Wieder hat sich mein Gefühl fürs erste bestätigt, und es hat auch manches erklärt. Aber als er in die Schule kam, ging es dann weiter. Was seinen Geschwistern ganz leicht fiel, schaffte er nicht, auch wenn er sehr intelligent ist. Aber auf die Zeit achten, seine Aufgaben pünktlich erledigen, sich selber zu organisieren war für ihn alleine nicht machbar. Wann immer ich die Lehere um Verständnis gebeten habe, bin ich auf Widerstand gestoßen. Ich müsste ihm eben einfach Orndung beibringen oder es ist einfach zu faul. Auch wenn ich mit anderen Müttern darüber gesprochen habe, hatte ich oft das Gefühl, dass die nicht verstehen, was ich eigentlich will. Manche haben mir sogar das Gefühl vermittelt, dass ich mich einfach wichtig machen will. Als ich dann durch die Arbeit jemanden kennengelernt habe, dessen Sohn Asperger hat und er mir von den Problemen in der Schule und den Besonderheiten bei seinem Sohn erzählt hat, ist mir der Gedanke gekommen, dass auch mein Sohn Asperger haben könnte. Diese Woche waren wir bei einer Vorabanalyse und die Ärztin hat uns bestätigt, dass er ziemlich sicher Asperger hat. Er ist jetzt dreizehn, hatte immer Probleme in der Schule und ich frage mich nun oft, was gewesen wäre, wenn irgendwer schon früher erkannt hätte, was mit meinem Sohn ist. Wenn irgendwer mich mit meinen Ängsten und Gefühlen ernst genommen hätte. Ihm und mir wären viele harte Zeiten erspart geblieben. Was ich bei der Ärztin ganz toll gefunden habe, war die Aussage, dass egal was beim Test herauskommt, ich mir meine Gefühle bezüglich meines Sohnes sicher nicht einbilde.

Lia — So, 05/22/2016 - 14:32

Liebe Mia, danke für Deinen Bericht. Ich habe 2 Söhne und eine Tochter. Die beiden Jungs leiden auch an Autismus der eine frühkindlich der andere Asperger. Ich kann dir zu 100 % zustimmen, dass die Verständnislosigkeit ein riesen Problem ist. Kontakte zu anderen zu finden ist fast unmöglich und wir leben sehr zurück gezogen, wir haben letztes Jahr ein Haus gebaut und auch die Nachbarn wollen nichts mit uns zu tun haben, ich habe große Angst wenn wir mal nicht mehr sind. So ein einsames Leben geht auf die Substanz und das wünscht sich kein Elternteil für sein Kind. Ich wünsche Euch alles erdenklich Gute.

Eva — Mo, 08/29/2016 - 20:37

Hallo Mia! Zu Deinen Sorgen was die Zukunft betrifft: eine Freundin befindet sich gerade mit ihrem Sohn auf der Ärzteralley herauszufinden was er wohl hat. Und ein Satz beim letzten Gespräch blieb mir im Gedächtnis: ich nehme an was er mir anbietet. Und das war so ein schön entspanntes Statement. Einfach annehmen was kommt. Und die Zukunft dort im Ungewissen lassen. Man kennt sie erst wenn sie zur Gegenwart wurde. Und bis dahin ist noch viel Zeit zu Lachen und Spaß zu haben zusammen.

Janine — Di, 08/30/2016 - 13:26

Liebe Mia, Es ist mir kaum möglich, das nachzuempfinden, was du durchmachst. Auch wenn ich als junge Mutter von zwei kleinen Kindern häufig das Gefühl habe, kritisch beobachtet und kommentiert zu werden, ist es doch nicht das gleiche. Ich hoffe, dass du über all die Zeit nie den Mut verlierst, dein Sohn deine so große Liebe zu ihm spürt und verinnerlicht und sie ihn stark macht fürs Leben. Du kannst ihn nicht vor Schwierigkeiten bewahren, das wäre auch eine überfordernde Aufgabe, die Gott nicht für dich vorgesehen hat, aber du kannst immer für ihn da sein, mit offenen Armen und Ohren und Herzen, und ihm zeigen, dass es egal ist, was andere von ihm denken. Weil er wertvoll ist, so wie er ist. Gewollt und geliebt. Gott segne eure Familie, stehe euch bei und trage euch durch die ganz schwierigen Zeiten hindurch und stelle euch Menschen an die Seite, die euch weiter ermutigen und trösten und Halt bieten. Und ich wünsche dir, dass du immer die Augen offen halten kannst für all die wunderbaren kleinen und großen Wunder und Erlebnisse, die uns mit Kindern jeden Tag geschenkt werden. Ganz liebe Grüße, Janine

Petra — Mi, 08/31/2016 - 06:08

Hallo Mia! Sehr schöner Beitrag. Hast du von Gluten und Kasein-freien Kost gelesen. Ich kenne wwelche die damit Verbesserungen erlebt haben. Liebe Grüße / Petra

Hürrem Tezcan — Do, 09/01/2016 - 13:46

Ich habe Deinen Beitrag mit Interesse gelesen und er hat mich sehr bewegt. Ich lebe in Bielefeld, einer Stadt in NRW, in der es eine Vielzahl von sehr guten Einrichtungen und Angeboten speziell für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen gibt. Der Stadtteil, in der die meisten davon und auch eine ganz tolle Schule für Kinder mit besonderem Förderbedarf ist heißt Bethel. Ich habe viele Jahre inmitten dieses Stadtteils mit meiner Familie gelebt und muss sagen, dass Menschen hier wirklich ganz unterschiedlich sein können und dürfen. Ich komme ursprünglich aus Berlin, abersoviel natürlicher Umgang mit unterschiedlichen Menschen (die sich nicht immer "normal" verhalten, was auch immer das sein soll, habe ich nirgends anders erlebt wie hier in Bielefeld und speziell in Bethel. Ich kann Dich und Deinen Sohn nur ermutigen hierher zu ziehen..

Sonja — So, 09/04/2016 - 12:45

Ich habe deine Geschichte gelesen und vieles wieder gefunden."Der sieht doch ganz normal aus"-dieser Satz ist so bezeichnend fuer die Unwissenheit.Manchmal bin ich auch wuetend,manchmal denke ich:•woher sollen sie es wissen?wie sollen sie es denn erfahren" Inklusion leben wir nicht wirklicj,denn dann muesstn doch inklusive Projekte nicht so betont werden,sie waeren doch ganz normal. Ich kaempfe auch ..Vorverurteilung:die Leute picken sich raus was sie brauchen.Mache ich was besonders in der Erziehung,ist das nicht meine Ueberzeugung sondern weil mein Sohn behindert ist.Ich habe meine Kompentenzen als Mutter genommen bekommen und mir hart wieder erkaempft.Aber im Gegensatz zu deinem Erlebten bin ich relativ schnell ernst genommen worden.Allerdings gewusst habe ich es irgendwie schon immer,von Anfang an..erst der Satz"auf natuerlichem Weg koennen Sie keine Kinder bekommen",dann die Schwangerschaft,die Fruehgeburt und dann die Diagnose:seltener Gendefekt ..ich wurde depressiv. Ich glaube heute das musste so kommen,so bin ich das was ich bin..ich habe gekaempft,kann mein Kind gut begleiten,empfinde eher Mitleid fuer viele unempathischen Leute,ich finde sie verpassen was. Mein Sohn ist ein sehr froehliches Kind,ansteckend froehlich..wir lassen uns mitreissen,besonders an den schlechten Tagen-die hab ich leider auch noch,sie gehoeren dazu. Wenn jmd zu mir sagt dass Kinder wie meins eine Belastung fuers System sind und ob wir das nicht in der Schwangerschaft nicht haetten sehen muessen,da bleibt mir mein Optimismus auch im Halse stecken.In den Momenten hab ich Angst um die Zukunft meines Kindes-in einer Gesellschaft die selektiert,in einer Gesellschaft in der behindertenfeindliche Parteien gewaehlt werden,kann Inklusion nicht funktionieren. Ich wuensche euch alles Gute!!!

Sabine — Sa, 06/10/2017 - 09:32

Liebe Mia, ich beschäftige mich sehr viel mit dem Thema Autismus, habe selber ein Kind, das vermutlich im Spektrum ist, allerdings nicht so ausgeprägt. Mir fiel zu dem ganzen Thread hier der Satz einer Bekannten mit autistischem Kind ein, den sie manchmal an Leute, die bescheuert reagiert haben, angebracht hat: "Mein Kind ist Autist. - Und welche Entschuldigung haben SIE?" Alles Gute, liebe Grüße Sabine

Sally — Mi, 11/22/2017 - 17:53

Du hast recht mit dem was du Schreibst. Es gibt keine Menschen zweiter Klasse u. niemand kann und darf vorschreiben wie wir sein müssen um "perfekt" zu sein. Denn das sind wir alle,jeder auf seine eigene Art und Weise. Ich arbeite in einer Wohn- und Förderstätte für geistig schwer u. mehrfach behinderte Menschen. Darunter auch Autisten. Nimmt man sie an wie sie sind machen sie unsere Welt bunter. Soviel ehrlich glücklicher. Wenn gelacht wird dann nur wenn sie es wirklich wollen . An alle die der Meinung sind man müsse nach einem Schema funktionieren . Wir sind alles Mensch und alle anders als der andere. Das macht es doch erst so vielfältig. Oder über wen könnte man sich sonst Beschwerden wenn alle gleich wären?!;) akzeptiert jedes leben wie auch eures akzeptiert werden soll! Alles Gute

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