Gastbeiträge

11/09/2015 - 07:30

Stadt-Mama Katharina

Gastbeitrag: Mein Leben als gehörlose Mama

Ihr Lieben, neulich habe ich den wunderbaren Film "Verstehen sie die Béliers" gesehen, in dem es um eine Familie geht, in der die Eltern gehörlos sind. Ein wirklich toller Film, den ich jedem empfehle. Gleich danach habe ich mich auf die Suche nach einer gehörlosen Mama gemacht und bin auf Judith, 43, Mama von zwei Söhnen (16,18) aus Speyer gestoßen. Wir freuen uns riesig, dass sie uns allen heute von ihrem Leben erzählt: 

"Auf dem ersten Blick meint man, eine gehörlose Mama hätte einen ganz anderen Alltag als die hörenden Mütter. Beim genaueren Hinsehen gibt es viele Gemeinsamkeiten. Doch einiges ist und bleibt anders... Ich bin von Geburt an gehörlos, mittlerweile 43 Jahre alt und Mutter von zwei hörenden Söhnen im Alter von 18 und 16 Jahren. Mein Mann ist auch hörend. Ich bin in meiner eigenen Familie die einzige Gehörlose. Meine zwei Schwestern sind ebenso gehörlos. Ansonsten ist meine komplette Verwandtschaft hörend. 

Hauptberuflich arbeite ich als kaufmännische Angestellte in der Finanzbuchhaltung eines Energieversorgungsunternehmens. Nebenberuflich leite ich eine Lippendolmetscher-Agentur. Meine hörgeschädigte LippenleserInnen und ich bieten das Lippenlesen als Dienstleistung an - wir lippendolmetschen für Hörende. Unsere Stärke wird in vielen Bereichen eingesetzt: Stummfilme; Dokumentarfilme; Historische Spielfilme; Filme, die entweder versehentlich ohne Ton aufgenommen wurden oder deren Ton abgeschmiert ist; Aufnahmen ohne Ton; Super8-Filme; Luftröhrenschnitt-Patienten.

Auch betreibe ich mein Gehörlosblog, in dem ich über meine Erfahrungen in der hörenden Welt berichte. Ich versuche immer, den Humor mit einfließen zu lassen, damit die Menschen Freude am Lesen meines Gehörlosblogs haben und sich gleichzeitig eine Perspektive aus einer anderen Sicht vorstellen können. Wenn es mir bei einigen gelingt, sie unterhaltsam aufzuklären, ist mein Ziel erreicht. Meine Kommunikation ist das Lippenlesen und Lautsprache in der hörenden Welt und die Gebärdensprache in der gehörlosen Welt.

Als ich schwanger war, wurde ich öfter gefragt, ob das Baby auch nicht hören wird. Glücklicherweise habe ich ein starkes Selbstbewusstsein und ging nicht groß darauf ein. Da ich selbst taub aufwuchs und es nicht als ein Drama empfinde, war es für mich kein großes Thema. Als meine Mutter bei mir die Taubheit feststellte, sagte mein Opa so schön zu ihr: “Das Kind bekommen wir auch groß.” Und genauso denke ich bei meinen Kindern.

Nach der Geburt meines ersten Sohnes klatschte der Kinderarzt sehr laut und mein Sohn zuckte zusammen vor Schreck. Das war und ist der einfachste Hörtest :-) Bei meinem zweiten Sohn war ich bei einem anderen Kinderarzt. Dieser ließ eine kleine Glocke direkt(!) vor dem Gesicht meines Sohnes klingeln. Mein Sohn kannte diese Glocke schon viel zu gut und schaute den Kinderarzt gelangweilt an. Dieser meinte, hmm, Ihr Sohn hört wohl nicht. Ich lachte und sagte, oh nein, er hört sehr gut. Ich kann Ihnen versprechen, in einem Jahr können Sie sich mit ihm unterhalten! Denn als mein zweiter Sohn geboren wurde, hat die Hebamme sich meinen Fotoapparat geschnappt und uns beide fotografiert. Bei diesem Fotoapparat klappte das Blitzgerät laut nach oben auf und so zuckte mein Baby zusammen. Wir wussten also schon eine Stunde nach der Geburt, dass er hört.

Zu den Geburten meiner Söhne möchte ich noch loswerden, dass ich bei beiden geplante Hausgeburten hatte. Aufgrund meiner Taubheit hatte ich damals die Befürchtung, ich würde in der Klinik von den Ärzten einfach übergangen werden und dass einfach über mich bestimmt wird während der Geburt. Ich wollte meine Verantwortung nicht aus aus den Händen geben. Aus heutiger Sicht weiß ich nicht mehr, woher ich soviel Mut hatte. Vielleicht jung und draufgängerisch :-)

Als meine Buben heranwuchsen, gab und gibt es weitere Unterschiede im Familienalltag im Gegensatz zu hörenden Familien. Meine Kinder wurden früher selbstständig als ihre hörende Freunde. Da gab es schon manche Szenen, in denen sie sich wünschten, sie hätten auch eine hörende Mutter, die sie einfach mehr bemuttert. Also bei jedem Schrei sofort für sie da wäre. Ich musste ihnen sagen, dass auch nicht mal das so ist bei hörenden Müttern, nur bei überfürsorglichen Müttern.

Ich beschreibe unseren Familienalltag in folgenden Szenen: Ich war im Bad und ein Sohn kam weinend zu mir ins Bad und schrie mich mich an, er müsse immer zu mir kommen, wenn er sich weh getan habe. Eine hörende Mutter dagegen würde zu ihm kommen, wenn er sich weh getan habe. In dem Moment war ich sehr erschrocken und mir blieb die Sprache weg…

Am Abend bei unserem Einschlaf-Ritual konnten sich meine Söhne nie mit mir in der Dunkelheit unterhalten. Wenn sie beim einschlafen waren, und ihnen zum vergangenen Tag noch etwas einfiel, machten sie das Licht an, um mir dies und jenes noch zu erzählen. Licht an, Licht aus, Licht an, Schluss! Jetzt wird geschlafen! Licht aus lassen! Gute Nacht! (dann stellte ich mich schlafend, damit sie endlich einschliefen - am Ende schlief ich doch selbst ein).

Ich werde morgens von einem Vibrationswecker geweckt. Als ich meine Kinder fragte, was sie sich für einen Wecker wünschen, damit sie auch alleine aufstehen können, wollten sie den gleichen Wecker haben wie ich. Sie wollten ihre Ruhe beim Aufwachen und keinen Gebimmel hören.

Wenn bei uns an der Haustür geklingelt wird, blitzt es in der Wohnung. Da haben sich schon etliche Freunde meiner Kinder schon fast zu Tode erschreckt, die bei uns zu Besuch waren, wenn sich bei jedem Klingeln ein Blitzgewitter einsetzte. Fast jeder Hörender, der zum ersten Mal bei uns ist, erstarrt bei dem Klingel-Blitzgewitter und fragt: “Was war denn das?” 

Als meine Kinder ca. 6 und 4 Jahre alt waren, ließ ich mich mit einem Cochlea Implantat operativ versorgen. Da ich von Geburt an gehörlos war, hatte ich große Mühe, mich an das Hören zu gewöhnen. Dank Tipps und Einstellungsänderungen an meinem Cochlea Implantat konnte ich nach einem halben Jahr einige Geräusche beim Hören zuordnen. Ich kam mir vor wie ein Baby im Erwachsenenalter, das alles komplett neu erlernen muss.

Nun war es so, dass ich nach einiger Zeit die Geräusche auf Anhieb zuordnen konnte. Frühestens ab da merkte ich, dass meine Kinder meine Taubheit zu nutzen wussten: Sie badeten und ich machte den Wasserhahn zu, weil genug Wasser in der Badewanne war. Anschließend ging ich raus aus dem Bad, um das Abendessen vorzubereiten für uns alle. Da hörte ich das Wasserrauschen! Zurück ins Bad gelaufen:  “Wasser zumachen!” - daraufhin der erstaunte Blick meiner Kinder mit den Worten “Oh Mist, Mama hört jetzt alles!”

Die Kommunikation zwischen mir und meinen Kindern war von Anfang an mit Babygebärden begleitet worden. Die Babygebärden sind keine richtige Gebärdensprache in dem Sinne. Sondern sie sind deren Bedürfnissen und körperlicher Größe angepasst, so dass sie schon mühelos gebärden können, bevor sie anfangen zu reden. Das ist herrlich! Denn schon alleine deshalb sind sie ruhiger, weil ihre Bedürfnisse gleich verstanden werden. Und wir haben unsere eigene “Hausgebärden” erfunden, familiäre Spezialitäten eben. Meine Söhne tauchten so gerne beim Baden und jedes Mal, wenn sie baden wollten, steckten sie sich den Daumen in den Mund und den Zeigefinger entlang der Gesichtsseite (“Schnorchel”). Diese eine Gebärde reichte aus, um zu wissen: aha, sie wollen baden :-) Kurz und effektiv. Die Gebärden sind in solchen Situationen viel effizienter als das viele Gelaber und Geschrei. Innerhalb der kürzesten Zeit ist das Wichtigste gesagt.

Als meine Kinder anfingen zu sprechen, und sich immer mehr und besser ausdrücken konnten, wurden die Babygebärden weniger und ich las ihnen immer mehr von den Lippen ab. Meine Kinder haben sich vom Babyalter an in der Kommunikation mit mir angepasst, sie sprachen schon sehr früh mit einem deutlichen Mundbild. Wenn die Freunde meiner Kinder zu Besuch kommen, trauen sich diese oft nicht, mit mir zu sprechen. Sie scheuen sich davor, mit mir zu sprechen, weil ich eine “komische” Stimme habe. Ich habe einen “gehörlosen” Dialekt in meiner Stimme, der aufgrund fehlender Rückkontrolle der eigenen Stimme entsteht. Hin und wieder war es meinen Kindern peinlich, besonders in der Pubertät, und sie gingen lieber zu ihren Freunden, statt dass die Freunde zu uns kamen.

Ich meinerseits habe bei fremden Kleinkindern oft das Problem, ihnen von den Lippen zu lesen, weil sie oft kein deutliches Mundbild haben. In diesem Punkt beneide ich hörende Mütter darum, dass sie sich mit den Freunden ihrer Kinder unterhalten können. Bei den Elternabenden im Kindergarten sowie in den Schulen achtete ich immer darauf, einen Platz vorne zu bekommen bzw. einen guten Blick auf die Gesichter zu bekommen. Um den ErzieherInnen sowie LehrerInnen mit gutem Lichtverhältnis von den Lippen lesen zu können. Solche Abende dauerten meist 2 Stunden und mehr und das war sehr anstrengend für mich, so dass ich am Ende nicht mehr aufnahmefähig war. Jedes Mal empfand ich diese Abende hinterher als nichtsnutzig, da immer wieder soviel erzählt und wenig geredet wurde.

Meine Kinder dolmetschen sehr selten für mich. Da ich dank meiner Mutter so gut gefördert wurde in der Sprache und meine Mutter mich zu einer selbstständigen Frau erzogen hat, mache ich alles selbst. Sie hat es mir möglich gemacht, und darüber bin ich glücklich. Nicht jeder hat dieses Glück. Hin und wieder jedoch bat ich meine Kinder mal, für mich zu telefonieren / dolmetschen. Aber es lief jedes Mal nicht gut, weil dabei Missverständnisse entstanden. So nehme ich es lieber selbst in die Hand und organisiere schriftlich Anfragen und Termine. Das ist in der jetzigen Zeit mit dem Internet sowieso super! Ich kann mich mit vielen Menschen im Internet schriftlich, per E-Mail, Skype, Whatsapp etc. …, austauschen. Dem Internet sei Dank bin ich deshalb viel unabhängiger und das genieße ich sehr. Meine Unabhängigkeit möchte ich nicht aus der Hand geben.

Mein Motto ist immer wieder: Mach das Beste daraus. Da ich vom Naturell her ein fröhlicher Mensch bin und gerne lache, komme ich den Menschen lieber zuerst entgegen und nehme den Wind bzw. die Scheu aus den Segeln. Herzlichst, die Gehörlosbloggerin Judith"

Tags: gehörlos, Mutter, Familie, Kinder, Gebärdensprache, Erziehung, Lippenlesen

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Kommentare

Nane — Fr, 09/11/2015 - 09:06

Danke für diesen Beitrag - und dass ihr immer wieder ungewöhnliche Mamas vorstellt

Ina — Fr, 09/11/2015 - 09:14

Ich freuen mich sehr über diesen interessanten und informativen Beitrag. Er kommt genau zur passenden Zeit: Momentan habe ich eine Stimmbandentzündung und deshalb ein möglichst absolutes Sprechverbot (haha, mit 4-jähriger Tochter). In den letzten Tagen hatte ich dadurch häufig die Überlegung wie es wohl stumme oder gehörlose Mütter schaffen ihren Alltag zu meistern. Spannendes Thema! Und vielen Dank an Judith, ich schaue mal auf deinem Blog vorbei. Liebe Grüße Ina

Jutta von siebe... — Sa, 09/19/2015 - 20:11

Ich finde diesen Beitrag wahnsinnig interessant. Und auch amüsant ;-)) Die Schwester einer Bekannten ist gehörlos und einmal waren wir einen Tag im Urlaub zusammen. Am Tisch unterhielten wir uns und natürlich schaute ich die Person an, mit der ich gerade sprach. Aber hinterher ärgerte ich mich so, denn manchmal konnte die Schwester so gar nicht von meinen Lippen lesen und ich habe sie quasi ausgeschlossen. Das ging mir noch eine ganze Weile nach. Schöne Grüße Jutta

Antje — Mi, 07/11/2018 - 13:31

Hallo, sehr schön geschrieben. Ich bin selbst die einzige in meiner Familie mit hochgradiger Schwerhörig mit Hörgeräten versorgt. Für meine hörende Eltern war es nicht einfach, denn ich wurde lautsprachlich erzogen, ging auf eine normale Schule und heute hab ich selbst eine eigene Familie mit 2 Kindern. Alle normalhörend. Als meine Tochter etwa 6 Jahre alt war und schon in die erste Klasse ging, hatte sie mal eine Mandelentzündung gehabt. Das heißt sie traute sich nicht zu sprechen, weil alles weh tat. Da war es vorteilhaft von ihren Lippen ablesen zu können. Trotzdem fiel ihr es schwer ohne Stimme zu reden. Normalerweise schnattert sie drauflos. Die Stille von ihr war unheimlich. Klar im Alltag mit Kindern ist etwas anders. Gemeinsam aber zu meistern. Auch das Badewannenproblem kenn ich, meistens soll ich mit rein zu dritt (zwei Kinder und ich). Da kommt es auch zustande, dass ich nicht alles verstehe ohne Hörgeräte. Als Tochter mal klein war und wir badeten, mache ich ja manchmal Kindermusik dazu an. Dann ging sie auf einmal an zu tanzen und nimmt meine Hände und will, dass ich mitmache. Aber wie soll das gehen ohne Musik zu hören, keinen Rhythmus zu spüren? Solche kleinen Situationen gibt es immer mal wieder. Deswegen finde ich es auch interessant wie es anderen hörgeschädigten Mamas mit hörendem Umfeld geht. Ich kenn sonst keine Hörgeschädigten weiter, beherrsche nicht mal die Gebärdensprache. LG

Camilla — Mi, 04/03/2019 - 10:15

Liebe Antje, Meine Geschichte ist fast die gleiche wie bei dir. Ich selbst bin auch die einzige hochgradig schwerhörige in der Familie und inzwischen auch selbst Mama. Wie du, war ich trotzdem in der normalen Schule, hab studiert, arbeite und führe demnach ein fast normales Leben. Leider hab ich dadurch aber keinen Kontakt zu anderen Hörgeschädigten, was ich manchmal echt traurig finde. Ich war damals sehr überrascht, wie sehr mich die Ohren im „Muttersein“ von den hörenden unterscheidet: babyschwimmen: schwierig, nachts: muss mein Mann alles machen, Baden auch. Banytreffs, der Horror wegen der Akustik.... etc. das hat mich am Anfang wahnsinnig unter Druck gesetzt. Ich musste sogar am Anfang üben herauszuhören, ob die Geräusche vom Baby gerade freudig sind oder es quengeln ist.... wie alt sind denn deine Kinder jetzt? hättest du Lust auf Kontakt? Liebe Grüße Camilla

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