Gastbeiträge

12/07/2016 - 07:45

Stadt-Mama Katharina

Gastbeitrag von Katja: Wenn das Baby nonstop brüllt - und nichts, aber auch gar nichts, hilft

Ihr Lieben, vor Kurzem hatten wir auf unserer Facebook-Seite einen Artikel über "Schreibabys" geteilt - und viel Resonanz bekommen. Wir merkten: Das Thema ist so wichtig und haben deshalb heute einen tollen Beitrag von Katja, die erzählt, wie es ist, wenn das Baby die ersten drei Monate einfach nur brüllt...Danke, liebe Katja, für diesen großartigen Text!

Am Anfang war alles gut.

Die Schwangerschaft war gut, und das war ein Segen, denn der Weg dahin war nicht leicht. Die Geburt war gut, sie war sogar mehr als das. Wie ein Geschenk, oder ein Lottogewinn, so empfinde ich es bis heute. Gerade mal fünf Stunden, komplikationslos, mit gut zu ertragenden Schmerzen und null Geburtsverletzungen. Fassungslos vor Glück hielten wir unser gesundes, kräftiges kleines Mädchen im Arm. Sie hatte von Anfang an viele rote Haare, und wir gaben ihr drei Namen: zwei normale und einen, der aus dem Elbischen stammt, einer Sprache, die unser Lieblingsautor J.R.R. Tolkien mal eben parallel zu seiner unfassbaren Herr der Ringe-Geschichte erfunden hat. Auch in den nächsten Stunden und Tagen war alles gut mit dem kleinen Elbenmädchen. Sie trank sehr engagiert an der Brust, weinte gefühlt nicht mehr oder weniger als alle neugeborenen Babys und schlief sehr viel. Wir waren wie betäubt von dem Zauber und der Magie, die dieser ersten Zeit innewohnen.

Dann wachte sie auf.

Nicht aus einem Tagesschläfchen oder so, nein, ihre Sinne wachten irgendwie auf. Sie öffnete ihre Augen und Ohren, tauchte jetzt erst richtig auf aus ihrer Neugeborenen-Blase, und was sie wahrnahm, gefiel ihr nicht. Zu laut, zu hell, zu viel! Und sie begann zu schreien. Erst nur abends, und wir dachten: Ach, naja. Das muss wohl dieses typische „Runterschreien“ sein, von dem alle berichten. Ist normal, müssen wir durch. Sehr gefasst und geduldig trugen wir das wie am Spieß brüllende Kind durch die Wohnung. Irgendwann beruhigte sie sich, schlief und meldete sich nachts in einem erträglichen 2-3 Stunden-Rhythmus. Aber das Schreien wurde mehr, und es wurde häufiger. Ich weiß nicht mehr genau, ab wann uns die Ahnung beschlich, dass das Maß, in dem sie schrie, nicht mehr gut war. So am Ende der zweiten Woche vielleicht?

„Sie verträgt Deine Milch nicht“

Auch das Stillen klappte jetzt schlechter. Meine Hebamme riet mir dringend, den Schnuller wegzulassen. Saugverwirrung und so. Also klauten wir dem armen Kind den Schnuller und saßen Stunde um Stunde mit dem aufgelösten Elbenmädchen auf  dem Sofa, peinlich darauf bedacht, unseren schon völlig schrumpelig gelutschten kleinen Finger in ja genau dem richtigen Winkel in ihrem Mündchen zu lassen. Sie trank trotzdem nicht besser, sondern schrie die Brust weiterhin an. Erst, weil nicht genug Milch kam. Dann, nach ein paar Mal saugen, weil zu viel Milch auf einmal kam und sie nicht schnell genug schlucken konnte. Ich habe heute noch den entrüsteten Ton im Ohr, mit dem sie mich dann anbrüllte. Sie hatte wenig Geduld mit uns, wir dafür umso mehr mit ihr. Ich wollte stillen, es war mir wichtig, also blieb ich dran – und weigerte mich, die "völlig einleuchtende" Erklärung meiner Mutter zu akzeptieren: „Sie verträgt Deine Milch nicht! Du musst ihr die Flasche geben.“ Fortan war jedes Telefongespräch von diesem Ratschlag geprägt und brachte mich an den Rand der Raserei. „Der Kleine von der Verena hat die Muttermilch auch nicht vertragen. Der hat Pickel davon gekriegt, jetzt bekommt er die Flasche. Gib ihr doch wenigstens mal Fencheltee gegen die Blähungen!“ Ich gab ihr keinen Fencheltee und hörte auf meine Hebamme: „Das ist Mumpitz. Die Fälle, wo ein Baby die Milch der Mutter nicht verträgt, sind die absolute Ausnahme. Sonst wäre die Menschheit nämlich schon längst ausgestorben. Still weiter.“ Das tat ich, und oft weinte dann nicht nur das Elbenmädchen, sondern auch ich. War es richtig, sie weiter zu stillen und ihr keine Flasche zu geben? War es meine Schuld, meine Milch, die ihr Bauchweh machte? Ich weiß es nicht, aber ich habe es damals nicht geglaubt und glaube es bis heute nicht.

KISS me ... oder auch nicht.

Unser Alltag wurde inzwischen zu 100% von den Schreizeiten des Elbenmädchens bestimmt. Ich ging – wenn überhaupt – nur noch vormittags mit ihr unter Leute. Ab spätestens 16 Uhr waren wir nicht mehr gesellschaftsfähig. Ein Baby, das durchgehend mit rund 90 Dezibel brüllt, ist in Cafés nicht so gern gesehen. Ich hatte auch schlichtweg nicht das Selbstbewusstsein, um sie mit gelassenem Schulterzucken im Kinderwagen neben mir abzustellen, einen Latte Macchiato zu bestellen und einer Freundin ins Ohr zu brüllen. „Nee, läuft super mit dem Baby! Wir sind total glücklich.“ Dabei waren wir glücklich! Das war ja das Absurde daran: Wir waren immer noch überglücklich über unser Kind. Zu keinem Zeitpunkt hat ihr Schreien etwas an unserer unfassbaren Liebe zu ihr geändert, die uns am ersten Tag wie ein Meteor getroffen und in Grund und Boden gehauen hatte. Wir waren glücklich, und gleichzeitig waren wir verzweifelt, überfordert, völlig hilflos und sooo müde. Der nächste Strohhalm, nach dem wir griffen, war Osteopathie. „Meine Tochter hat auch so viel geschrien“, hatte mir eine Mutter beim Stilltreff erzählt. „Wir waren dann beim Osteopathen, sie hatte das KISS Syndrom. Seitdem er sie behandelt hat, ist sie wie ausgewechselt!“. Also brachten wir das Elbenmädchen zum Osteopathen, der zwar kein KISS feststellen konnte, uns aber trotzdem eine Cranio-Sacral-Therapie empfahl. Die wir brav absolvierten. Und die überhaupt nichts brachte, nullo. Das Elbenmädchen schrie, mehrere Stunden am Stück, mit klitzekleinen Atempausen dazwischen, jeden Nachmittag bis tief in die Nacht hinein.

Bücher, Tragetücher und Schichtdienste

Inzwischen war mir klar, dass sich die Situation nicht so schnell ändern würde. Ich bestellte Bücher: „So beruhige ich mein Baby – Tipps aus der Schreiambulanz“ von Christine Rankl zum Beispiel, oder „Das glücklichste Baby der Welt“ von Harvey Karp. Es half mir sehr, über das Schreien zu lesen. Zu erfahren, dass es viele Babys gab, die damit kämpften. Dass zwar gerne von Drei-Monats-Koliken und Blähungen ausgegangen wurde, dass aber interessanterweise in anderen Regionen der Welt die Problematik schreiender Babys in den ersten drei Monaten nicht so ausgeprägt ist – obwohl die Mütter dort massenhaft blähende Lebensmittel zu sich nehmen. Dankbar setzte ich alles wieder auf meinen Speiseplan, was ich in der Hoffnung auf Besserung der Schreiattacken verbannt hatte: Milch, Weißmehl, Zucker. An der Häufigkeit und Intensität des Schreiens hatte mein Verzicht sowieso nichts geändert. Stattdessen setzten wir noch stärker als zuvor auf Tragetücher und Tragehilfen, denn das taten die Frauen in den Ländern und Regionen, in denen die Kinder weniger weinten: Sie trugen sie am Körper, oft und lange. Ich buchte einen Kurs bei einer Trageberaterin, die mir verschiedene Wickeltechniken zeigte – und mich außerdem in den Arm nahm und mir versprach, dass es irgendwann, irgendwie besser werden würde. Mir sagte, dass ich den Mut nicht verlieren und mir ganz klare, babyfreie Zeiten verschaffen sollte. Bloß, wem drückt man schon gerne ein Zeter und Mordio schreiendes Baby in die Arme?

Ich hatte das unfassbare Glück, dass der Vater des Kindes – seinerzeit noch im Studium – relativ viel anwesend war. Er schnallte sich das Elbenmädchen in der Tragehilfe um und lief mit ihr durch den Park, Stunde um Stunde. Oft schlief sie selig, genauso oft schrie sie aber. Wir hatten trotzdem das Gefühl, dass es ihr mit Körperkontakt besser ging. Und das gab uns ein besseres Gefühl. Wir taten alles, was wir konnten, mehr ging eben nicht. Wir wechselten uns ab, unterteilten den Tag ab nachmittags in Schichten. Wer dran war, kümmerte sich um das schreiende Kind. Wer frei hatte, versuchte zu schlafen oder sich irgendwie abzulenken. Wirklich weit weg konnte ich mit der Milchbar natürlich nie. Manchmal saß ich im Nebenraum vor dem Computer und versuchte, das Gebrüll zu ignorieren, das trotz des im Baumarkt erstandenen Profi-Gehörschutzes in meine Ohren drang. Ich denke bis heute mit Schrecken daran, wie es gewesen wäre, wenn ich den Kindsvater nicht so großzügig hätte einsetzen können, spüre tiefe Dankbarkeit – und weiß, dass diese gemeinsame, schwierige Zeit uns noch mehr zusammengeschweißt hat.

Erinnerungen an eine unglaubliche Zeit

Es gibt so viele Erinnerungen an die ersten drei Monate mit dem Elbenmädchen! Erinnerungen an den Papa, wie er auf der Hochzeit eines Freundes auf der Tanzfläche abrockt. Er trägt einen Anzug – und seine Tochter, in der Tragehilfe vor die Brust geschnallt. Alle anderen Paare hatten ihre Kinder im extra angemieteten Nebenraum abgestellt, friedlich schlafend im Kinderwagen. „Ihr könnt Eure Tochter da auch gern schlafen legen!“ hatten uns die Gastgeber im Vorfeld versichert. Haha! Guter Witz.

Erinnerungen an die Hoffnungslosigkeit, die mich oft überfiel, wenn ich meiner Tochter in das vom Schreien hochrote und geschwollene Gesicht blickte. An das Gefühl der völligen Isolation an endlos scheinenden Nachmittagen. An die Erleichterung, wenn sie endlich schlief. An das tiefe Glück in den Momenten, in denen sie nicht schrie, sondern zufrieden vor sich hingluckste.

Erinnerungen an all die dummen Kommentare, die nutzlosen Hinweise, die Besserwisserei. Aber auch an Trost und Verständnis, manchmal da, wo man es nicht erwartete. 

Erinnerungen an die Katze, die in der Mitte des Wohnzimmers sitzt und das Gebrüll des Babys mit vorwurfsvollem Miauen quittiert. An mich, wie ich sie anschreie: „Dann verpiss Dich doch einfach!! Ich wünschte, ICH könnte das!“

Erinnerungen an die Frau, die mich im Park entrüstet anhielt, als ich das Elbenmädchen nach acht Stunden Dauertragen und mit maximalen Rückenschmerzen ausnahmsweise mal im Kinderwagen durch die Gegend chauffierte. Schreiend, natürlich. Und mit Kopfhörern & lauter Musik im Ohr. „Entschuldigen Sie mal, Ihr Baby brüllt wie am Spieß, wissen Sie das denn nicht?!“ „Doch, sicher“, antwortete ich, „deswegen ja die laute Musik!“, und ließ sie stehen.

Licht am Ende des Tunnels

„Warte ab, nach dem dritten Monat wird es auf jeden Fall besser!“, hatten uns viele Leute versprochen. Und bei uns war es tatsächlich so. Nach drei Monaten wurde das Schreien weniger und seltener. Die Momente, in denen das Elbenmädchen zufrieden war, wurden merklich mehr. Ich weiß noch, dass wir dem Braten am Anfang nicht trauten. Dass wir es nur für eine kurze Pause hielten, ein paar Tage Besserung, bevor es wieder richtig losging. Aber es wurde wirklich und dauerhaft besser. Als wäre sie endlich angekommen, als hätte sie ihren Frieden damit gemacht, dass sie nicht wieder zurück in den Bauch konnte. Wir trugen sie weiterhin viel, aber wir genossen auch die Momente, in denen wir sie mal in den Kinderwagen legen konnten und nicht ständig das runtergetropfte Eis aus ihren Haaren oder den Ketchup vom Tragetuch wischen mussten. Ich stillte sie weiterhin und wurde fürs Durchhalten belohnt - mit einer wunderbaren Stillbeziehung, die uns beide glücklich und zufrieden machte und erst kurz vor ihrem zweiten Geburtstag in beiderseitigem  Einverständnis endete.

Und heute...?

Ich weiß, dass es Kinder gibt, die weit über diese drei Monate hinaus so viel schreien, und ich habe höchsten Respekt für alle Mütter und Väter, die das durchmachen und den Mut nicht verlieren – oder ihn zumindest immer wiederfinden. Ich weiß auch, dass es kein Patentrezept gibt. Uns und dem Elbenmädchen haben das Tragen und der Körperkontakt auf jeden Fall geholfen und gut getan. Ich würde wohl auch immer empfehlen, körperliche Ursachen wie das KISS-Syndrom auszuschließen, wenn das Baby auffällig viel und oft schreit. Aber ansonsten würde ich sagen: Hört auf Euren Bauch und Euer Herz. Holt Euch Hilfe und informiert Euch, aber lasst Euch nicht von jedem selbsternannten Experten reinquatschen. Es ist Euer Baby. Es ist die erste richtig harte Bewährungsprobe, die Ihr gemeinsam meistern müsst. Es wird nicht die letzte sein, und sie wird Euch hoffentlich zusammenschweißen. Und am Ende – vielleicht nicht immer nach drei Monaten, und vielleicht nicht immer so, wie man es sich vorstellt – aber am Ende wird doch alles wieder gut.

Das anfangs dauerschreiende Elbenmädchen ist knapp sieben Jahre später ein sehr aufgewecktes und fröhliches Kind. Sie hat manchmal immer noch Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu regulieren – vor allem die negativen. Also helfen wir ihr nach wie vor dabei. Und sehen mit Stolz und Freude die „Kehrseite“ dieser Medaille: Ihre unglaubliche Empathie und Ihr Einfühlungsvermögen, mit denen sie allen Menschen um sich herum begegnet. Sogar ihrem chaotischen, unberechenbaren kleinen Bruder...

 

Tags: Schreibaby, Geburt, KISS-Syndrom, Eltern, Schreiambulanz

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Kommentare

Nele — Di, 07/12/2016 - 08:56

Danke für Deinen ehrlichen Bericht. Bei uns war es fast genauso. Vielleicht nicht ganz so schlimm, aber in ganz vielen Beschreibungen unseres Alltags erkenne ich uns wieder, auch wenn zum Glück das Stillen von vornherein geklappt hat. Unser Sohn hat schon entrüstet geschrien, als er auf die Welt kam. Ich sehe noch meinen Frauenarzt bei der Nachuntersuchung, der mit verklärtem Blick auf meinen Mutterpass guckt und sagt: "Oh, wie schön. Eine Wassergeburt! Die Babys kommen immer so friedlich auf die Welt." Von wegen. Wir witzeln bis heute, dass er schon versucht hat zu schreien, als er noch unter Wasser war. Dann hat er sich zwei Wochen von dem Schock erholt und dann ging es, wie bei Euch, so richtig los mit der Schreierei. Beim Osteopathen waren wir natürlich auch. Bei der Homöopathin auch. Alles. Ein einigermaßen pflegeleichtes Baby wurde er mit 6 Monaten. Das Tragetuch (was habe ich vorher die "Öko-Mamis" belächelt...) war unser bester Freund. Heute ist er, wie Eure Tochter, auffallend empathisch und liebevoll mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder (der große Abstand ist kein Zufall...). Alles Liebe!!

Jule — Di, 07/12/2016 - 09:34

Uns geht es genauso! Ich danke euch daher für diesen Text. Er macht mut

Jana — Di, 07/12/2016 - 09:37

für diesen Einblick. Als Mama von Nichtschreibabys kann ich die Situation von Eltern mit Brüllaffen nur schwer nachvollziehen. Deswegen können solche Texte hoffentlich helfen, dass die dummen und ungebetenen Ratschläge weniger und die Umarmungen mehr werden.

Kristina — Di, 07/12/2016 - 10:49

Ja ich kann das auch alles soo nachvollziehen. Unsere erste Tochter war ein Anfängerkind. Die zweite Tochter nur für Fortgeschrittene. Von der 5. Woche bis Ende des 7. Monats Geschrei, Unzufriedenheit, alles doof. Ich habe einfach nur durchgehalten. 35 Kilo weniger, manchmal konnte ich erst auf Toilette wenn der Papa gegen 20:00 Uhr von der Arbeit kam. Nachts bin ich aufgewacht weil ich so hungrig war. Klar, tagsüber Essen ging nicht. Also habe ich nachts um 3 allein und in Ruhe gegessen. Kurse? Einkaufen? Forget it. Ich habe nur versucht zu überleben, und meine Kinder weiter zu betreuen und zu versorgen. Warum sie geschrien hat? Keine Ahnung und es ist mir auch ehrlich gesagt egal. Ich habs nie persönlich genommen und körperliche Gründe ausschließen lassen. Nun ist sie zufrieden, wir sind den Weg gemeinsam gegangen. Ist halt so. ;-))

Anna — Di, 07/12/2016 - 10:57

für diesen Bericht. Unseren ersten Monate mit unserem Süßen waren - im Nachhinein - auch unheimlich anstrengend. Ich denke, er wäre auch unter die Kategorie "Schreibaby" gefallen, wenn wir uns nicht so dermaßen verausgabt hätten. Er war nur zufrieden, wenn er 24 Stunden Körperkontakt hatte (auch nachts auf mir drauf bzw. eng angekuschelt schlafen durfte), hat sich nie ablegen lassen und wollte immer aufrecht positioniert sein (die ersten 6 Monate verbachte er praktisch ununterbrochen im Tragetuch, Kinderwagen war ein No-Go für ihn) und wir konnten mit ihm höchstens mal ne Stunde vor die Tür gehen - dann wurde es meistens schon zuviel für ihn... fast stündlich brauchte er die Brust zur Beruhigung (Schnuller hat er natürlich auch konsequent abgelehnt). ich denke, dass er einfach ein sehr sensibles Kind war und ist. Daher war es uns auch wichtig, dass wir ihn nie einfach schreien lassen haben, sondern ihm immer die Nähe und Ruhe gegeben haben, die er eingefordert hat. Dafür sind jetzt immer alle positiv erstaunt, was für ein auffallend empathisches, hilfsbereites und freundliches Sozialverhalten er bereits mit 20 Monaten gegenüber anderen Kindern hat... die Mühen haben sich also gelohnt :-)

Monique — So, 11/18/2018 - 11:51

Das klingt zu 99% bekannt! Unsere große Tochter war ebenfalls ein Kind mit riesigem Kuschelbedürfnis. Und jetzt, 7 Jahre alt, ist sie außerordentlich empathisch, sozial, liebevoll und hilfsbereit. Ihre kleine Schwester ist 3, ein Rabauke und war ein absolut unkompliziertes Baby. Ich bin wieder schwanger und sehr gespannt, wie unsere 3. Tochter so wird. Vielleicht eine Mischung aus beiden. Tragetuch und Still-BH liegen schon bereit.

Maria Bülck — Di, 07/12/2016 - 12:09

Wie gut das tut zu lesen, dass es anderen auch so ergangen ist. Und dass man fürs Durchhalten belohnt wird. Unsere Maus begann mit fast vier Wochen an zu schreien und hörte mit 6 Monaten wieder auf. Uns hat die Schreibabyambulanz geholfen. Dort konnte ich das Geburtstrauma verarbeiten. Dort zeigte mir eine sehr kompetente und liebevolle Fachkräfte eine Technik die Kleine zu beruhigen: Ich nahm meine Tochter zu in den Arm, dass sie sich fest und geborgen fühlte und nicht um schlagen konnte. Und dann wippte ich sie in den Schlaf auf dem Gymnastikball. Manchmal bis zu 8 Stunden täglich.... In der Schreibabyambulanz bekam ich eine gute Kinderärztin empfohlen, die dank Manualtherapie einige Blockaden lösen konnte. Bis heute gehe ich mit Krümel zur Physiotherpie, um die Muskulatur zu trainieren, damit keine neuen Blockaden entstehen. Ja, ich erinnere mich an die Spatziergänge, die Kleine in der Manduca, die Blicke mal mitleidsvoll, mal empört, mal genervt. Ja, ich erinnere mich an die dummen Ratschläge. Aber es gab auch Gutes in dieser schweren Zeit: Jede Woche kam meine Mutter, kochte für uns und trug die Kleine in der Manduca, damit ich mich ausruhen konnte. Freunde brachten Essen und trugen Krümelchen. Mein Mann nahm mir den kompletten Haushalt ab und sorgte für Schokonachschub. Es ist 2 Monate her, dass sie aufgehört hat zu schreien. Jetzt ist Mäuschen immernoch sehr anhänglich, braucht viel Körperkontakt und schläft schlecht. Aber sie ist bei uns angekommen und geht ihren Weg. Und wir begleiten Sie.

Meike — Di, 07/12/2016 - 12:33

Bei unserer Tochter, jetzt 2 1/2, war es ähnlich. Nur mit dem Unterschied, dass sie in aufrechter Haltung im Tragetuch meist ruhig war und in waagerechter Haltung, egal wie und wo, geschrien hat. Immer. Es waren auch besagte drei Monate, in denen wir teils sogar die Nächte sitzend mit Tragetuch verbracht haben, nur um überhaupt zu schlafen. Und uns hat, im Gegensatz zu Euch, der Osteopath geholen. Bei der Geburt wurden Nervenbahnen eingeklemmt und nach jeder Behandlung wurde es ein bisschen besser. Es ist schön zu sehen, dass man damit nicht alleine ist. Ich kann so gut nachvollziehen, wie es Euch ging und habe größten Respekt davor, dass Ihr Euch nicht habt reinreden lassen. Gut gemacht!

Sarah — Di, 07/12/2016 - 14:48

Schöner Beitrag, hätte fast 1:1 von mir stammen können. Mein Sohn (2 J.) ließ sich allerdings immer schneller beruhigen, er schrie also nicht so lang am Stück aber ständig und immer wieder, wenn ich mich nicht zu 100% auf ihn einlassen konnte. Das hat mich zu seiner absoluten Bezugsperson gemacht und bis heute stellt er mich immer vor neue völlig ungeahnte Herausforderungen. In der Zwischenzeit habe ich herausgefunden, dass er vielleicht hochsensibel ist, vielleicht auch nur sensibel aber dann eben etwas mehr als andere. Hochsensible Kinder können schon als Babys durch ihr Verhalten auffallen: sie brauchen viel Körperkontakt; wollen getragen werden; können lange nicht alleine schlafen sie schreien viel und ausdauernd; können nicht einfach mal so »weggelegt werden« sie fangen früh an zu interagieren und scheinen die Welt permanent zu beobachten sie können schon früh die Gefühlslagen von Erwachsenen unterscheiden; reagieren entsprechend vielschichtig sie wirken unzufrieden oder bedrückt; gleichzeitig lachen sie viel und herzlich sie fühlen sich am wohlsten in vertrauter Umgebung; sind nicht gerne bei Fremden auf dem Arm sie haben eine frühe und lang anhaltende Fremdelphase Merkmale von Hochsensibilität bei Kindern sind z.B.: sie reagieren mit lautstarkem Protest auf alltägliche Dinge wie z.B. Haarekämmen, Nägelschneiden oder Duschen, da ihnen diese Dinge Schmerzen bereiten sie sind mäkelig beim Essen; scheuen sich, etwas Neues zu kosten sie bewegen sich vorsichtig, evtl. schleichend oder auf Zehenspitzen sie sprechen früh von »Ich« und »Du« sie sind keine Gruppenmenschen; knüpfen aber tiefe Freundschaften zu einem oder zwei anderen Kindern sie brauchen viel Zeit um in neuen Umgebungen »warm« zu werden oder sich an fremde Menschen zu gewöhnen es geht ihnen nahe, wenn andere Kinder ausgeschimpft werden oder sich weh tun sie beobachten, wie Gleichaltrige ein Spielgerät benutzen, bevor sie es selber austesten sie scheuen körperliche Auseinandersetzungen; sie raufen und kämpfen nicht gerne sie haben Angst vor Höhe oder Geschwindigkeit sie wollen schon früh alles alleine machen; sind extrem frustriert, wenn es nicht klappt sie versuchen alles perfekt zu machen; sie akzeptieren bei sich selbst keine Fehler sie interessieren sich für »die Welt«, sind hellhörig für gesellschaftliche, philosophische oder spirituelle Fragestellungen sie versuchen, alles harmonisch zu gestalten; achten darauf, dass es gerecht zugeht und legen Wert darauf, dass Versprechen und Regeln eingehalten werden sie mögen keine Unordnung, auch wenn sie selber Chaos produzieren sie haben eine ausgeprägte Sammelleidenschaft; können nichts wegwerfen sie planen Tage oder Wochen im Voraus und wollen auf »Nummer sicher gehen«; sie mögen keine Überraschungen sie haben extreme Gefühlsausbrüche und Trotzphasen; vermeintliche Kleinigkeiten fühlen sich an wie große Katastrophen sie haben intensive Träume, auch Alpträume; sie sprechen, schwitzen oder wälzen sich im Schlaf sie sind zappelig, unkonzentriert und lassen sich leicht ablenken (z.B. beim Anziehen, Essen); finden sie etwas interessant, tauchen sie ein und geraten leicht in einen Flow sie haben ein ausgeprägtes Langzeitgedächtnis; erinnern sich an Jahre zurückliegende Ereignisse und Details in Gesprächen; sie reden oder singen ohne Pause; müssen sich permanent mitteilen sie haben eine blühende Phantasie; sind äußerst sprachgewandt sie erschrecken leicht; können laute Geräusche, Licht und Stimmengewirr nicht ertragen sie klagen schon als Kind über regelmäßige Kopf- oder Ohrenschmerzen sie haben unruhige, kribbelige Beine und Hände; müssen immer alles anfassen sie fühlen sich unwohl in reizüberfluteten Umgebungen (z.B. beim Einkaufen, im Vergnügungspark, auf Festen); wirken dort abwesend und verloren Natürlich müssen hochsensible Kinder nicht jedes der o. g. Verhaltensmerkmale aufweisen. Nicht alle hochsensiblen Kinder sind z.B. scheu, wenn sie auf andere Menschen treffen. Mich würde interessieren, ob das bei vielen anderen Schreibabys auch später rückblickend so zutriffend war?!

Doreen — Mi, 07/13/2016 - 13:39

Hallo Sarah.deine Auflistungen über sensible Babys hat mich sehr angesprochen! Kurz erklärt unsere Tochter war auch ein sogenanntes Schreibaby.Haben nach jedem Strohhalm gegriffen (Osteopathie, schreiambulanz usw)nichts hat am schreiverhalten meiner Tochter,was geändert!In der Schreiambulanz,wurde es als sensibles Baby bezeichnet.Sie hat alles beobachtet auf jedes Geräusch reagiert -sie war also permanent angespannt!Um das dann abzubauen bzw.zu verarbeiten hat sie in der Nacht und tagsüber geschrieben .Dann wurde sie 1jahr halt und aufeinmal ging es ihr besser, die schreiattaken ließen nach-wir könnten endlich durchatmen! Nun ist unsere kleine 2.5jahr.Sie reagiert immer noch auf laute Geräusche und hält sich die Ohren zu! Schaut immer wenn andere kinder weinen. sie fängt nun langsam auch an der Krippe die Kinder zu trösten. Klammert sehr an mir und wenn wir zur Familie gehen,fremdelt die jedes mal. Und ist immer unsicher in Fremder Umgebung... also das erste Jahr war echter Horror.

Sina — Di, 07/12/2016 - 16:00

Vielen Dank für deinen Beitrag über deine Erfahrung. Es ist so wichtig, dass darüber geschrieben wird und mehr Menschen davon erfahren. Vor allem, dass keiner was für die Situation kann. Manche Kinder sind einfach so. Unser mittlerweile 2 jährige Sohn hatte die Schreiphase sogar ein ganzes Jahr lang. Es war der pure Horror und wir liefen hier nur noch wie die Zombies herum. Das haben wir uns natürlich ganz anders vorstellt. Dachten: so ein Wurm schläft doch die ganze Zeit und will nur essen und kuscheln. Pustekuchen. Gerade das Schlafen war hier ein riesen Problem. Als weitere Belastung für mich kam hinzu, dass mein Mann oft geschäftlich unterwegs ist und ich somit alleine mit dem schrill schreienden Baby zu Hause war. Wie habe ich täglich auf Besserung gewartet. Erst waren es die magischen 3 Monate, die als Ziel anvisiert wurden, dann jeder Entwicklungsschritt, der hoffentlich die lang ersehnte Besserung bringt. Habe ebenso alles ausprobiert von Ernährungsumstellung, Tragetuch, Ritualen bis zum Osteopathen. Nichts half. Erst als er angefangen hat zu krabbeln, wurde es allmählich besser. Und mit ca. 1 Jahr tagsüber sogar erträglich ruhig. Die Nächte wurden erst jetzt vor kurzem endlich gut. Grundsätzlich ist der kleine Mann bis heute noch sehr reizempfindlich und schreit auch immer noch mehr und vor allem lauter als andere Kinder. Heute liegt es aber eher daran, dass er in diesen Momenten nicht äußern kann, was er hat oder wir einen ereignisreichen Tag hinter uns haben, der verarbeitet werden muss. Und dann geht die Sirene manchmal für unbestimmte Zeit los. Mittlweile suche ich das Problem aber nicht mehr bei mir. So wie es mir oft wegen Unkenntnis oder veralteter Erziehungstipps unterstellt wurde. "Das Schreien darfst du dir nicht gefallen lassen" "Den musst du mal schreien lassen. Sperr ihn ins Bad und geh weg" "Wenn du ihn jetzt auf dem Arm nimmst, hat er gewonnen" "Du bist selbst schuld. Der hat dich ja voll in der Hand". Ich kann Mamis und Papis nur Mut machen. Es wird besser und es kommen ganz tolle und vor allem lustige Zeiten auf euch zu!

Lisa — Do, 07/14/2016 - 20:39

Vielen Dank für den guten und wichtigen Text. Ich habe mich und meine Gefühlswelt sehr wieder erkannt. Bei uns gibt es noch im Krankenhaus los. Da die Geburt sehr schnell ging (nur drei Stunden) dachte ich zunächst, es liegt daran. Es folgten auch bei uns Osteopathie, stundenlanges tragen, das schieben eines schreienden Kinderwagens, Kümmelzäpfchen, minimieren jedweder Reize und was nicht noch alles. es ging bei uns bis zu dem Moment, als sie mit 6 Monaten robben lernte, wurde wenige Wochen später mit dem krabbeln besser und mit dem laufen lernen mit 11 Monaten hatten wir einen Quantensprung an Glückseeligkeit. An diese ersten 6 Monate erinnere ich mich nur als einzigen Kampf. Wahrscheinlich gab es auch schöne Momente. Einzig ich erinnere sie nicht. Meine Tochter konnte sich nie selbst beruhigen. Einen Nuckel hat sie verweigert. Bis heute ist sie eine schlechte Schläferin. Sie braucht sehr lange, bis sie einschläft und runter fährt. Seit sie diese ersten Monate hinter sich gebracht hat, ist sie das glücklichste und lustigste Mädchen der Welt. Sie ist toll. Perfekt. Und wir sind eine der glückliche Familie. An alle, die gerade in diesem Loch stecken: Augen zu und durch! Es wird besser. Ganz sicher. Schafft euch freie Zeiten und schickt den Partner oder die Oma mit dem schreienden Kind raus! Es ist wichtig, einfach mal eine Stunde sicher sein zu können, dass ihr eure Ruhe habt.

Denise Bella — So, 05/27/2018 - 10:08

Mein Schreikind ist nun 13. Und hat Familienbett, Tragen und Langzeitstillen bei uns eingeleutet. Das erste Jahr war hart, besonders weil anshceinend alle anderen kinder brav 8 stunden lang durchshcliefen. Meine anderen Kinder haben dann profitiert und wir haben überlebt.

Desiree — So, 11/18/2018 - 08:37

Wir haben in den letzten Wochen das Gleiche erlebt.. Nur das nach drei recht einfachen Babys. Es war und ist teils noch sehr anstrengend und der Alltag mit 4 Kindern und davon einem Schreikind oft sehr ermüdend, aber es wird besser und das ist ein Lichtblick. Leider wurde bei uns eine ganz schlimme Kissblokade übersehen. Hauptsache es wird besser! Ich wünsche allen Betroffenen viel Durchhaltevermögen beim Trösten und Tragen :)

Nadine — So, 11/18/2018 - 09:31

Hallo, Das hört sich genau wie unsere Geschichte an. Meine Tochter hat auch viel geschrien als Baby. Tragen und kuscheln, viel Ruhe in den Abendstunden und Rituale waren unsere „Rettung“. Nachts wachte sie sehr sehr oft auf und brauchte Kuscheleinheiten - besonders wenn Entwicklungsschübe, Albtraumphasen oder Veränderungen wie Einschulung usw anstanden bzw. anstehen. Sie fühlt unglaublich intensiv - gute wie weniger gute Gefühle. Damit umzugehen wird jetzt mit fast 11 Jahren etwas leichter aber auch hier gibt es noch viel zu „lernen“. Jetzt rückblickend wird mir klar, dass sie auch im Babyalter alles viel heftiger gefühlt und wahrgenommen hat, daher im Vergleich zu anderen Babys schneller reizüberflutet war. Haltet durch liebe Mamas! Eure Kinder wollen euch nicht den terrorisieren. Sie brauchen eure Nähe und euer Verständnis. Sie können sich alleine nicht aus ihrer Situation „befreien“. Bereits im Babyalter sind die Mäuse schon unheimlich emphatisch und nehmen die Stimmungen aus ihrem Umfeld wahr. Diese Empathie und Feinfühligkeit wird ihre große Stärke werden!

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