Gastbeiträge

13/02/2019 - 07:15

Stadt-Mama Katharina

Gastbeitrag: Wie wir unseren Sohn knapp vor dem Plötzlichen Kindstod bewahrten

Mein Name ist Marlene und ich möchte Euch heute von dem schlimmsten Erlebnis meines letzten Jahres erzählen...

„Schlaf gut, kleiner Mann“, flüsterte ich meinem Sohn zu, nachdem er gerade friedlich eingeschlafen war. Hätte ich gewusst, was ein paar Stunden später passieren sollte, hätte ich sicherlich andere Worte gewählt. Bedeutungsvollere, größere Worte. Aber es gab keine Anzeichen auf das, was an diesem Abend passieren würde. 

Es war eine Bilderbuchschwangerschaft gewesen und eine recht einfache Geburt. Unser Sohn war kerngesund, ein kräftiger, großer Junge. An diesem Abend war er genau 14 Tage alt und lag friedlich schlummernd und frisch gestillt neben mir. Er lag auf dem Bauch, denn tatsächlich wachte der Kleine immer auf, sobald er auf dem Rücken lag. 

„Manche Babys sind eben von Anfang an Bauchschläfer“, hatte die Hebamme zu mir gesagt. Auch mein Mann, ich und unsere größere Tochter schlafen ausschließlich auf dem Bauch - und wenn ich daran dachte, wie sehr mich das Auf-dem-Rücken-Schlafen in der Schwangerschaft gequält hat, konnte ich nachempfinden, warum mein Kleiner sich so schwer damit tat.

Die Hebamme gab mir den Tipp, das Baby zum Einschlafen auf den Bauch zu legen und wieder umzudrehen, wenn es fest schläft. Genauso machten wir es seit ein paar Tagen und es klappte wunderbar. 

Normalerweise wartete ich, bis der Kleine eingeschlafen war, und ging dann ins Wohnzimmer, um noch ein bisschen zu lesen oder fernzusehen. Nur an diesem Abend hatte ich irgendwie das Bedürfnis, noch ein wenig bei ihm zu bleiben, seine Nähe zu genießen, ihm ab und zu übers Köpfchen zu streicheln. Ich bin mir sicher - hätte ich das an diesem Abend nicht gemacht, wäre er heute nicht mehr bei uns. 

Ich blieb also bei ihm, bestaunte ihn, tippte ein bisschen am Handy herum, griff immer mal rüber, streichelte ihn am Kopf - und plötzlich fühlte sich etwas komisch an. Ich bemerkte, dass er kälter war als gewohnt. Nicht so, wie Babys beim Schlafen sind, sondern richtig kalt. Ich stupste ihn an, sprach ihn an, doch er reagierte nicht.

Die Panik stieg in mir auf. Ich rief laut nach meinen Mann. Ich öffnete den Schlafsack des Kleinen und konnte sehen, dass sich der Brustkorb nicht mehr bewegt. Ich nahm ihn hoch, seine Beine und Arme hingen rechts und links herunter, als wären sie aus Wachs. Ich schrie nach meinem Mann, er solle den Krankenwagen holen, weil der Kleine nicht mehr atmet. 

Ich war wie im Tunnel, als mein Mann mir das Handy übergab. Am anderen Ende der Leitung stellte mir jemand Fragen, aber ich war nicht in der Lage, diese zubeantworten. Ich hörte, ich solle mein Baby vor mich legen - aber das wollte ich nicht. Ich wollte mein Baby weiterhin im Arm halten, umgriff seinen Brustkrob und rüttelte diesen immer wieder leicht hin und her. 

Noch immer war mein Kind ohne jegliche Körperspannung. Ich hatte einen Erste-Hilfe-Kurs für Babys gemacht. Vier Jahre vorher, vor der Geburt der großen Schwester zum ersten Mal, in der zweiten Schwangerschaft zur Auffrischung noch einmal. Natürlich wusste ich in der Theorie genau, was zu tun war. Aber in diesem unbeschreiblichen Moment war ich so unter Schock, so in eine Starre verfallen, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, das Kind zu beatmen. Ich weiß, dass klingt total schlimm und ich mache mir deshalb auch schreckliche Vorwürfe. Aber mein Kopf war in diesem Moment einfach leer, ich konnte nicht klar denken. Und so rüttelte ich weiterhin an dem Brustkorb. 

Plötzlich bemerkte ich, dass der Kleine einen winzigen Atemzug nahm. Kein tiefes Nach-Luft-schnappen, nur ein winziger Atmemzug und dann wieder nichts. Diese kleine Regung gab mir Hoffnung und tatsächlich kam ein zweiter Atemzug und dann noch einer. In seinem Körper machte sich wieder so etwas wie Spannung breit, die Atempausen wurden immer kürzer, bis er wieder normal atmete und die Augen öffnete.

Ich fing an zu weinen. Ich weinte und weinte, hielt mein Baby auf dem Arm und ließ es nicht los. Als der Krankenwagen und der Notarzt endlich da waren, war der Kleine zwar sehr müde, aber ansonsten erinnerte nichts mehr an das, was er und wir gerade durchlebt hatten.

Wir fuhren ins Krankenhaus und unser Sohn wurde durchgecheckt. Atmung, Sauerstoffsättigung, Herzfrequenz, alle Werte waren total normal. Tagelang machten sie in der Klinik alle möglichen Tests - sie blieben alle ohne Befund. Er war nach wie vor ein normales gesundes Baby.

Nur, dass in meiner Welt nichts mehr normal war.

Schließlich stellten die Ärzte die Diagnose: ALTE (Apparently Life-Threatening Event), ein durch rechtzeitiges Eingreifen verhinderter Plötzlicher Kindstod.

Wir machten einen erneuten Erste-Hilfe-Kurs und bekamen für Zuhause einen Überwachungsmonitor mit. Ich merkte, dass für mich nichts mehr so war wie vorher. Alle Glücksgefühle über das Baby waren weg, ich spürte nur noch Angst. Während ich bei meinem ersten Kind oft dachte, die Zeit solle still stehen, hatte ich jetzt nur einen Wunsch: Der Kleine sollte so schnell wie möglich das erste Lebensjahr hinter sich bringen, damit die Gefahr des Plötzlichen Kindstodes schnell sinkt. 

Sobald mein Kind nun eingeschlafen war, wurde sofort immer der Monitor eingeschaltet. Da ein so kleiner Zwerg quasi ständig schläft, war es für uns einfacher, den Monitor in der Anfangszeit permanent anzuhaben. Das Gerät hat uns überallhin begleitet, im Auto, beim Spazieren gehen, beim Kuscheln, immer war mein Kind verkabelt. 

Natürlich fällt so ein verkabeltes Baby auf - ich musste die Geschichte also immer und immer wieder erzählen. Das machte es für mich nicht leichter, sondern eher schwerer. Denn es warf mich immer und immer wieder zurück in das Geschehene. Manchmal versuchte ich einen flapsigen Spruch zu machen und sagte: „W-Lan-Babys gab es gerade keine, da haben wir eins mit Kabel genommen.“

Das Ganze ist nun über ein Jahr her, den Monitor benutzen wir nur noch nachts, in ein paar Tagen müssen wir ihn abgeben und mir graut es davor. Es gab in der gesamten Zeit keinen weiteren Zwischenfall. Mittagsschlaf macht der Kleine inzwischen in der Krippe, ohne Monitor und ohne dass ich ab und zu nach ihm schauen kann. Ich muss zugeben, dass ich jeden Tag um die Mittagszeit nervös werde und mir schon oft ausgemalt habe, in die Krippe zu kommen und von den Erzieherinnen zu hören „Tut uns leid, er ist nicht mehr aufgewacht“.

Und noch immer träume ich nachts von diesem Moment, als ich diesen kleinen leblosen Menschen auf meinen Händen hatte und seine Arme und Beine wie aus Wachs an ihm herunter hingen - dann wache ich panisch auf.

Noch immer denke ich jeden Abend beim ins Bett bringen daran, dass die Worte, die ich jetzt sage, die letzten sein könnten, die er jemals hört. Jeden Abend erzähle ich ihm, was wir am nächsten Tag vorhaben, damit es nicht wie ein Abschied klingt. Jeden Abend flüstere ich ihm zu, wenn er eingeschlafen ist und ich das Zimmer verlasse „Bitte bleib bei uns!“.

Wir hatten uns eigentlich immer drei Kinder gewünscht, aber nach diesem Vorfall war unsere Familienplanung mit einem Schlag beendet. Ich kann einfach keinem Baby mehr beim Schlafen zusehen. Ich verfalle in Panik, wenn ich ein schlafendes Baby ohne Monitor irgendwo sehe und ich würde das bei einem weiteren eigenen Kind nicht aushalten.

Diese Selbstverständlichkeit, dass die Kinder am nächsten Tag wieder aufwachen werden, die ist weg. Seit dieser Nacht habe ich das Vertrauen ins Leben schlicht verloren. Auch wenn bei uns nochmal alles gut gegangen ist."

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Da wir wissen, dass das Thema Plötzlicher Kindstod für viele frischgebackenen Eltern sehr aufwühlend ist, möchten wir Euch sagen: Die Fälle von Plötzlichem Kindstod sind in den letzten Jahren stetig zurück gegangen. Hier gibt es viele gute Infos, wie man die Risikofaktoren minimieren kann und wo Eltern Hilfe finden können: 

https://www.kindergesundheit-info.de/themen/risiken-vorbeugen/ploetzlicher-kindstod-sids/sids/

https://www.kindergesundheit-info.de/themen/risiken-vorbeugen/ploetzlicher-kindstod-sids/vorbeugung-kindstod/

https://www.geps.de/

Foto: Pixabay

Tags: plötzlicher Kindstod, Kind, Baby, Bauch, Bauchschläfer

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Kommentare

Quasselette — Mi, 02/13/2019 - 07:09

Hatten aufgrund Frühgeburt und offenem Ductus auch 2 Jahre Monitor. Nach halben Jahr war Ductus operiert, es gab auch nicht mehr drölfzig Alarme, aber trotzdem behielt ich Monitor noch bei wenn er schläft. Ich hab mich ganz langsam davon entwöhnt. Erst beim Mittagsschlaf weglassen. Alle 10 Minuten gucken, ob Kind noch atmet. Dann ist Sensor mal nachts kaputt gegangen und ich hab mal ne halbe Nacht keinen dran gemacht. Eingeschlafen, panisch aufgewacht. Wir haben uns Schritt für Schritt entwöhnt. Bis der Monitor abgeholt wurde, lag er schon Monate unbenutzt im Schrank. Trotzdem war es schwer, ihn abzugeben

Carola — Mi, 02/13/2019 - 09:29

Danke, dass Du das Erlebte mit uns teilst. Deine Angst kann ich gut verstehen. Vielleicht hast du in ein paar Monaten oder Jahren Mut und Kraft für ein drittes Kind. Bestimmt bekommt Ihr dann zur Sicherheit einen Monitor. Bei Geschwisterkinder ist das oft so. Wir haben für unser Frühchen auch einen Monitor. Anfangs auch bei Einkäufe und beim Spaziergang (ätzende Blicke) - inzwischen nur nachts. Ich habe schon Panik vor der Abgabe. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute.

Jessica — Mi, 02/13/2019 - 10:37

Ich fühle mit dir. Meine Tochter hat an ihrem zweiten Lebenstag plötzlich aufgehört zu atmen. Es war zum Glück tagsüber und sie war auf dem Arm ihrer Hebamme. Wir haben sie gleich stimuliert und sie hat dann wieder geatmet. Ab diesem Tag war ich total unentspannt. Ich bin selber Hebamme und war nie ein Fan von diesen Angel care Matten. Und plötzlich hab ich die ganze Zeit überlegt eine zu besorgen. Inzwischen ist sie fast 6 und wenn sie nachts mal erst um eins zu mir kommt, bin ich heute noch nervös. Ich wünsche euch alles gute und dass der Schreck irgendwann etwas nachlässt. Alles Liebe, Jessica

Antje — Mi, 02/13/2019 - 11:36

Ich fühle so sehr mit Dir. Ich habe so etwas Furchtbares nie mitmachen müssen, aber meine Angst vor dem plötzlichen Kindstod war auch allgegenwärtig. Mein Sohn hat bis heute einen sehr flachen Atem und einen total ruhigen komaähnlichen Schlaf. er bewegt sich überhaupt nicht und atmet ganz leise - fast nicht spürbar.. Wie oft habe ich ihn aus Panik aus dem Schlaf gerissen. Der Arme. Auch heute noch (meine Kids sind 10 und 8 Jahre alt) bekomme ich Herzklopfen, wenn sie länger als gewohnt schlafen. Ich weiß, dass mag auf andere lächerlich wirken, aber diese Ur-Angst ist einfach in mir drin. Ich wünsche eurer Familie das Allerbeste.

Katrin — Mi, 02/13/2019 - 23:25

Unser Sohn hatte auch ein ALTE und zwar in der Babyschale während wir im Auto fuhren, als er 10 Wochen alt war. Ich habe ihn zwar reanimiert (bin Hebamme) aber leider hatte er dann wahrscheinlich dadurch einen Pneumothorax und war eine Woche auf der Intensivstation. Alles wurde hundertmal durchgecheckt und wir wurden schon verrückt genacht dass es Epilepsie sein könnte. Das schlimmste war aber, dass unser Sohn einen großen Keimzelltumor am Hals hatte und somit schon der Kaiserschnitt 6 Wochen zu früh und 5 Wochen Neo mit Beatmung, OP etc. Und vielen Sorgen und Ängsten hinter uns lagen. Wir waren grade 5 Wochen Zuhause und es ging uns richtig gut als es passierte. Es nahm uns auch komplett dieses Glücksgefühl und die Leichtigkeit... Auch wir hatten dann einige Monate einen Monitor. Bei mir hat es auch bis übers 1. Lebensjahr gedauert bis ich einigermaßen entspannt war wenn er schlief. Er ist nun 19 Monate alt und die Momente in denen ich kontrollieren muss sind selten geworden. Wir wünschen uns noch ein zweites Kind, aber wie es dann wird weiß ich auch noch nicht. Ich finde es sehr traurig dass ich es auch kaum aushalte wenn so kleine Babys irgendwo unbeaufsichtigt oder total eingepackt schlafen.

Katharina (Mama... — Do, 02/14/2019 - 19:28

Unser Sohn hatte ein ALTE, da war er vier Wochen alt, und danach noch mehrere Episoden im Kinderkrankenhaus, bei denen die ganzen Monitore auf Null gingen (Atmung, Herzschlag,...) und dann nach 15-20 Sekunden wieder kamen. Nach insgesamt 2 Monaten im Kinderkrankenhaus durfte er nachhause. Wir haben nach langer Überlegung und mit grosser Angst darauf verzichtet, einen Monitor oder eine Alarm-Matte mit heim zu nehmen. Mein Instinkt hatte den Kleinen bereits einmal gerettet und würde es wieder tun, ich wollte sein Leben nicht einem Gerät anvertrauen, das ja jederzeit eine Panne haben könnte. Dafür hatten wir den Kleinen dann ständig bei uns, in der Nacht im Beistellbett, Tagsüber immer im selben Raum, die meiste Zeit im Tragetuch. Und ich lernte wieder, darauf zu vertrauen, dass er atmen konnte und dass sein Herz schlagen konnte. Heute ist er ein gesundern Neunjähriger.

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