Gastbeiträge

05/10/2015 - 09:00

Stadt-Mama Katharina

Gastbeitrag: Wieso die Frage nach einem zweiten Kind unsensibel ist

Ihr Lieben, nach einem Beitrag über den richtigen Altersabstand zwischen Kindern hat sich Alisa gemeldet und hat uns ihre Sicht auf die Dinge aufgeschrieben. Wir bedanken uns sehr herzlich für diesen tollen Gastbeitrag. Wir freuen uns riesig über diesen phantastischen Austausch mit Euch Leserinnen! DANKE!

"Über die Überschrift dieses Blogbeitrags bin ich vor ein paar Tagen gestolpert: „Lisa hat ihre Kinder schnell hintereinander bekommen, Katharinas Tochter ist drei Jahre älter als ihr Sohn. Was ist denn nun besser?“ 

Auch wenn ich weiß, wie diese Sätze gemeint sind, suggerierten sie mir doch zu allererst, dass jede Mutter, jedes Elternpaar scheinbar Kontrolle über die Kinderplanung hat, über die Anzahl und über den Zeitpunkt. 

Sensibel bin ich für solche Themen vor allem, weil es mich selbst momentan im Alltag ununterbrochen betrifft. Ich bin Mutter einer kleinen Tochter, die kürzlich 2 geworden ist. Im ersten Jahr war alles recht entspannt, wie ich meine. Aber dann ging es los. Plötzlich werden mir beim Sport von zwei mir fremden aber gleichaltrigen Müttern Empfehlungen ausgesprochen:„ Ach, du hast ein Kind?Erst eins? Also 1,5 Jahre Altersunterschied zwischen den Kindern sind sowas von perfekt. Wirklich!“. Bestätigendes und motivierendes Nicken der anderen Mutter! Am liebsten hätte ich geantwortet, dass das etwas knapp wird, da unsere Kleine bereits 1,5 Jahre alt ist. Die zweite Mutter fügte hinzu:„ Zum einen hat man es dann hinter sich, zum anderen wird deine Kleine sich immer schlechter an ein Geschwisterchen gewöhnen können, je älter sie wird.“

Drei Wochen später an der Wursttheke im Supermarkt. Meine Tochter hält ihre geschenkte Scheibe Mortadella dankbar in der Hand und ich will gerade ansetzen und mitteilen welche Leberwurst ich gerne hätte, da fragt die Wurstfachverkäuferin schmunzelnd mit wissendem Blick auf meinen Bauch“ Na? Da ist wohl ein Geschwisterchen unterwegs, hm?!“ Ich antworte „Nein, ich bin am Bauch wohl einfach nur dick“, wobei ich einen flachen Bauch habe. Ihr ist das ganze sichtlich peinlich und sie beteuert drei Mal, dass sie das ja völlig uns überließe und sich nicht einmischen wolle. Danke!

Eine Nachbarin klingelt und fragt: „Habt ihr Babyklamotten in Größe 62 für eine Freundin von mir? Wahrscheinlich wollt ihr die Sachen selber behalten, wenn das Zweite kommt oder?“ Diesmal etwas souveräner antworte ich: „ Naja, wie du siehst ist nichts unterwegs“

Es folgt ein Vortrag über die Wichtigkeit eines zweiten Kindes, weil alle Einzelkinder unglaublich verwöhnt sind. „Die können sich doch gar nicht alleine beschäftigen. Nee nee, zwei sind schon gut.“ Wieder denke ich nach dem Gespräch sehr lange über die Selbstverständlichkeit nach, mit der solche Sätze ausgesprochen werden. Kürzlich in der Spielgruppe sitze ich einer Mutter gegenüber deren Tochter fast 3 Jahre alt ist, einen 12 Wochen alten Sohn schunkelt sie so ganz nebenher auf dem Arm herum. Grinsend und unvermittelt fragt sie „Na? Was ist bei euch mit einem Geschwisterkind? Sie ist ja jetzt 2 geworden!“.Verblüfft darüber, dass wieder einmal eine mir unbekannte Mutter sowas Persönliches fragt, überlege ich, wie ich darauf reagieren soll. 

Ergeht es nur mir so? Ist es nicht einfach eine sehr private Frage nach dem Kinderwunsch? Kinderlose Paare berichten oft, dass so viele Menschen um sie herum fragen und bohren wann denn nun der Nachwuchs kommt. Es wird offensichtlich nicht besser, wenn man bereits Eltern ist. In den Kindergärten wird uns mehrmals bei der Anmeldung transparent mitgeteilt, dass Geschwisterkinder bevorzugt werden. Ja, aber es gibt nunmal immer erste Kinder, oder? „Naja, dann wird es bei Ihnen ja in der Einrichtung in der Ihre Tochter letztendlich unterkommt für das zukünftige Geschwisterkind kein Problem.“  

Ich finde es anstrengend, dass jeder erwartet, dass man ein zweites Kind bekommt. Ich finde es  selbstgerecht vorauszusetzen, dass der eigens gewählte Zeitpunkt auch bei jedem anderen DER ideale Moment ist, eine erneute Schwangerschaft anzudenken. Ich finde es unsensibel und zu persönlich -und das ist mir am wichtigsten- einfach so eine intime Frage zu stellen, wenn man die Mutter und ihre innere Gefühlswelt zu dem Thema kaum kennt.

Was die Mutter dort in der Spielgruppe nicht wusste, als sie fragte, ob wir denn schon daran gedacht haben so langsam wieder unverhütet Sex zu haben ist, dass wir 2 Wochen zuvor eine Fehlgeburt erlebt haben. Wir wünschen uns ein zweites Kind! Auch wenn wir bei unserer ersten Tochter durch viel Schonung in der Schwangerschaft, Krankenhausaufenthalte und immer wieder Sorgen, ob alles gut geht, erfahren haben, dass es nicht für jeden so locker ist, ein Baby auszutragen, haben wir Mut gehabt und wollten es unserem Kinderwunsch zu Liebe wagen. Es ist leider nicht gut gegangen. Nächte in der Klinik, eine Operation, viele Tränen und noch mehr Organisation waren nötig um es zu überstehen. Ich kenne viele Eltern, die sich,wie wir,ein weiteres Kind wünschen, aber definitiv keines mehr bekommen können. Ich kenne Eltern, die es schon lange probieren, aber so schnell wie beim ersten will es eben nicht wieder klappen. Ich kenne Eltern, die ein krankes Kind bekommen haben und die Kraft für ein zweites Kind nicht oder noch nicht aufbringen können. Ich kenne Eltern, die nach dem ersten Kind schwer erkrankt sind und kein weiteres Kind mehr bekommen dürfen.

Ich finde es schade, dass das Thema Kinderkriegen nach wie vor so ausdiskutiert wird, über den eigenen Kopf hinweg, ungefragt und unsensibel. Wir konnten den Zeitpunkt für ein Zweites nicht bestimmen und kontrollieren. Die Frage „Was ist denn nun besser?“ können sich manche eben nicht stellen, das sollte man doch immer im Hinterkopf behalten."

Photoquelle: photocase/Seleneos

Tags: Kinder, schwanger, Zeitpunkt, Abstand, Schwangerschaft, Entscheidung, Baby

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Kommentare

Camilla — Do, 03/21/2019 - 11:57

Vielen Dank, endlich spricht es mal jemad aus, Mir eght es ganz genauso. Es ist schon schwer genug das zu akzeptieren und jede unbedachte Nachfrage ("plant ihr?" "ihr solltet zwei Kinder haben" etc) schmerzt.

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