Geburtseinleitung – von Wehenstürmen und fragwürdigen Medikamenten

Geburtseinleitung

Ihr Lieben, ihr habt die Berichterstattung über Cytotec bestimmt mitbekommen, auch wir haben einen Bericht darüber auf unserer Facebookseite geteilt. Es geht um ein Medikament, das zur Weheneinleitung unter der Geburt verabreicht wird.

Für Katharina war die Berichterstattunf ein Augenöffner, endlich verstand sie, warum ihre erste – eingeleitete – Geburt so anders verlief als die zwei folgenden Geburten. Trotzdem ist der folgende Bericht ein komplett subjektiver, der Erfahrungsbericht einer Frau, die mit Cytotec eingeleitet wird.

Da mittlerweile aber den Berichterstattern Panikmache vorgeworfen wird, möchten wir hier gern noch die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie verlinken, damit ihr euch vor oder nach dem Lesen von Katharinas Erfahrungen ein umfassendes Bild machen könnt.

„Es war ein eiskalter Sonntag im Dezember 2010, als die Einleitung meines ersten Kindes begann. Der errechnete Geburtstermin wäre erst drei Wochen später gewesen. Doch meine Tochter wuchs im Bauch nicht mehr, sie war klein und zart und die Ärzte der Meinung, dass sie „draußen“ besser versorgt sei als „drinnen.“ 

Also nahm ich an diesem Sonntag morgen die erste halbe Tablette, die Wehen hervor rufen sollte. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich großartig über die Risiken dieser Tablette aufgeklärt worden bin. Die Ärzte und Hebammen sprachen eher darüber, dass ich mich darauf einstellen soll, dass das Ganze sich ziehen wird. Klar – meine Tochter hatte drei Wochen vor Termin so gar keine Lust, auf die Welt zu kommen.

Es dauerte bis Dienstag morgen 6.50 Uhr, bis meine Tochter geboren wurde. Den ganzen Sonntag und den ganzen Montag wurde ich immer wieder untersucht, es wurden CTGs geschrieben und die Dosis der Tabletten wurden erhöht.

Lange tat sich nichts – doch als die Wehen einsetzten, hatten diese so gar nichts mit dem zu tun, was ich im Geburtstvorbereitungskurs gelernt hatte. Dass Wehen sich aufbauen, stärker werden, wie Wellen kommen. Dass ich zwischen den Wehen Pausen haben würde, damit ich Kraft schöpfen könnte.

All das gab es nicht bei mir. Die Wehen setzten ein. Es war wie ein Sturm. Von 0 auf 100. Ohne Pause. Extrem schmerzhaft. Nicht nur einmal habe ich tatsächlich daran gezweifelt, ob ich das überleben werde.

Es war keine schöne Geburt. Und ich habe lange gedacht, mein Körper hätte „versagt“, ich hätte etwas falsch gemacht oder sei wehleidig.

Meine anderen beiden Kinder sind reif geboren – die Geburten wurden nicht eingeleitet. Besonders die zweite Geburt war heilsam, weil ich erlebte, wie eine Geburt ablaufen kann. Wie ich mit den Wehen arbeiten kann und zwischen ihnen Kraft schöpfen. Diese Geburt fühlte sich so natürlich an, ich verstand, was da vor sich ging. Im Gegensatz zur ersten Geburt – in der sich alles anfühlte, als würde ich überfahren werden.

Seit gestern weiß ich, dass weder mein Körper versagt hat oder ich wehleidig war. In den Kommentarspalten der großen Zeitungen las ich nun von etlichen Frauen, denen es so ging wie mir. – weil auch ihre Geburten mit Tabletten eingeleitet wurden, deren Wirkstoff – zumindest in dieser Dosierung – offenbar von meinem Körper nicht ganz so gut angenommen wurde. Könnte es sein, dass diese Tablette – zumindest für manche Mütter – ein Risiko darstellt?

Die Berliner Fachanwältin für Medizinrecht Ruth Schulze-Zeu vertritt Mütter und Kinder, die einen Geburtsschaden erlitten haben. Viele dieser Frauen hatten Cytotec zur Einleitung der Wehen bekommen, es war zu einer Überstimulation der Gebärmutter, einem Wehensturm, gekommen – und dann zu schwerwiegenden Komplikationen, die die Kliniken nicht mehr in den Griff bekämen.

„Etwa 40 Prozent der Fälle, die bei mir landen, sind Fälle, wo Cytotec zum Einsatz kommt“, sagt Ruth Schulze-Zeu zur Süddeutschen Zeitung.

Wehensturm – als ich diesen Begriff las, dachte ich: Genau das war es bei mir auch. Ein Sturm, der mich mit voller Wucht erfasste.

Im Internet lese ich Berichte und Kommentare von betroffenen Frauen, deren Kinder Geburtsschäden, etwa durch Sauerstoffmangel unter der Geburt, haben. Von Müttern, die nach der Gabe dieses dafür gar nicht zugelassenen Medikaments keine weiteren Kinder bekommen konnten.

Ich bin betroffen, fassungslos. Könnte es wirklich an dieser Tablette liegen? Ich weiß jedenfalls einmal mehr zu schätzen, wie viel Glück meine Tochter und ich trotz der unangenehmen Geburtserfahrung hatten.

„Es ist schon lange an der Zeit diesen Unsinn mit Cytotec zu beenden“, sagt Peter Husslein, Professor für Geburtshilfe und Leiter der Universitäts-Frauenklinik Wien zur Süddeutschen Zeitung.

Ich hoffe sehr, dass sich nach diesen aufrüttelnden Berichten einiges klarstellt und sich etwas ändern wird, falls wirklich eine Parallele zwischen dem Medikament und so genannten Wehenstürmen festgestellt wird.“

Wer von Euch hat ähnliche Erfahrungen mit Geburtseinleitung gemacht? Dann schreibt uns!

BITTE LEST HIERZU AUCH UNSER INTERVIEW MIT EINER HEBAMME: „Wir brauchen mehr Gelassenheit in der Geburtshilfe – und keine Panikmache zu Cytotec“.


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12 comments

  1. Bei mir war es komplett andersherum…Kind 1 überraschend 5 Wochen zu früh geboren. Ohne jede Vorwarnung und mit heftigen Wehen ohne jede Pause. Kind 2 nach Einleitung mit Cytotec, ebenfalls 5 Wochen zu früh. Unkompliziert, nach drei Stunden da, ohne Schmerzmittel, Kind tiefenentspannt. Mittlerweile glaube ich: Wie die Geburt, so der spätere Charakter des Kindes…:)

  2. Same here …. die Geburt meines ersten Kindes wurde in SSW 42 morgens mit cytotec eingeleitet. Am späten Abend platzte die Fruchtblase und es ging los. Wehensturm kann ich nur bestätigen. Ich war von den Schmerzen völlig überfordert und fühlte mich extrem schlecht, weil ich such dachte ich sei ein Jammerlappen und würde nicht schaffen was andere Frauen hinbekommen. Ich erinnere mich noch, wie die Hebamme zu mir sagte ich solle die Wehenpausen nutzen um mich zu entspannen und ich sie anschrie, dass ich keine Pausen hätte. Da das CTG sofort auffällig wurde, musste ich liegen, was es noch schlimmer machte. Von 0 auf 100 … ohne Pausen hat nein Körper faktisch gezwungen versucht das Kind herauszubringen. Binnen 4-5 h war der Muttermund vollständig offen. Viel zu schnell für mein Kind, was es nicht schaffte sich im gleichen Tempo ins Becken zu drehen. Ich bekam dann Presswehen, mein Sohn indes steckte fest und seine Werte wurden bedrohlich. Es kamen die Wehenhemmer dazu, die PDA und letztlich die Notsectio. Kein schönes Erlebnis und auch ich hab lange lange mit der Geburt gehadert. Von Beginn der Wehen bis Geburt waren es 6 Stunden Hölle. Viel zu schnell, Wahnsinnsschmerzen. … und als Konsequenz beim zweiten Kind zu feige gewesen und nachdem die Ärzte sagten sie würden wieder einleiten wollen, hab ich vor lauter Angst gleich die Sectio gewählt… und mich wieder geschämt.

    Heute hab ich mich damit ausgesöhnt und zwei wundervolle Kinder, die auch noch mehr schmerzen wert gewesen wären, aber…. manchmal … so wie jetzt grad… vergieße ich ein Tränchen wegen des Geburtserlebnisses was ich mir so sehr gewünscht habe und nicht bekommen.
    Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich mich gegen eine Einleitung entscheiden.
    Lg

  3. Danke für den Bericht. Bei mir war es genauso. Ich wäre beinahe nie wieder schwanger geworden, weil die Erfahrung so heftig war. Meine Hebamme bei Kind 2 hatte dann schon den Verdacht mit Cytotec. Das war definitiv das Medikament, was sie mir gegeben haben. Ich bin wirklich sauer… „Kostet nur ein paar Cent“.

  4. Auch meine erste Geburt war genau so. Und auch ich dachte immer, dass ich einfach zu wehleidig bin. Ich hatte Angst vor einer zweiten Schwangerschaft und Geburt. Ein Glück habe ich mich doch nochmal darauf eingelassen, beim zweiten Mal war alles ganz anders und ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte.

  5. Auch bei mir wurde mit Cytotec eingeleitet und ich bekam nach einem Blasensprung einen Wehensturm, der mich komplett überrollte und in Panik versetzte. Mein Glück war, dass kurz darauf meine Beleghebamme eintraf, die mich erstmal vom CTG befreite, dass mich ans Bett fesselte (und im Liegen konnte ich die Wehen so viel schlechter ertragen) und mir dann vorschlug, in die Badewanne zu gehen. Im warmen Wasser ließ der Wehensturm tatsächlich etwas nach, also nicht die Intensität der Wehen (AUA!), aber es gab längere und vor allem merkbare Pausen zwischen den Wehen, so dass ich Kraft schöpfen konnte. Die Wehen waren dann auch so wirksam, dass nach ~40min in der Wanne die Presswehen begannen und am Ende nichtmal 3h nach dem Blasensprung mein Sohn geboren wurde. Im Nachhinein meinte meine Hebamme aber, sei es erstaunlich gewesen, wie gut mein Kind diesen Wehenstress ausgehalten und bis zum Schluss gut mitgemacht hatte (die Herztöne blieben gut und er kämpfte sich super mit durchs Becken).

    Jetzt im Nachhinein von den Risiken, die mit Cytotec verbunden werden, zu lesen, lässt mich umso dankbarer sein für den guten Ausgang meiner ersten Geburt und bestärkt mich in meinem Wunsch, jetzt beim zweiten Kind, das bald zur Welt kommt, ins Geburtshaus zu gehen.

  6. Oh Mann, ich habe Tränen in den Augen. Meine erste Geburt war genau so! Dazu hatte ich eine furchtbare Hebamme, die mir nur gesagt hat, dass ich nicht so rumjammern solle. Zwei Tage lang diese Tabletten, 2 verstochene PDAs (wirkten nicht und dann nur auf einer Seite), dann Wehen Tropf, irgendwann Wehenhemmer und als großes Finale die Sectio. Ich habe mich so wehleidig und als Versagerin gefühlt. Mein zweites Kind kam dann uneingeleitet „wunderschön“ auf die Welt; ich konnte Zuhause atmen, baden und singen, war um 5h in der Klinik und um 6.40h war sie da, ohne Schmerzmittel. Es waren qualitativ völlig andere Wehen, ich konnte es nicht fassen, wartete die ganze Zeit auf das „Schlimme“. Der Gynäkologe fragte die Hebamme, was ich denn hätte, weil ich immer wieder fragte, ob sie wirklich durchpasst… „Geburtstrauma“, raunte sie zurück. Die zweite hat leider einen angeborenen Herzfehler, weswegen ich mir dann auch (völlig beknackt) Vorwürfe gemacht habe, sicherlich großteils aufgrund der Schuldzuweisung während der ersten schrecklichen Geburt…
    Es tröstet mich einerseits und andererseits macht es mich so traurig, dass es scheinbar vielen Frauen so ergangen ist.

    1. Hallo Katharina. Ich kann gut nachvollziehen, dass dich diese Geburt so beschäftigt hat. Da bin ich froh, dass ich um die Tablette herum gekommen bin. Denn bei uns wird erstmal mit dem Cocktail eingeleitet. Ich musste eine Einleitung machen lassen, da mein zweiter in BEL lag und dazu noch schwer war (im Nachhinein mit 4050g eogengkcih zu schwer für eine natürliche Geburt). Um zehn habe ich den Cocktail getrunken und im halb acht am Abend gingen die Wehen ordentlich los. Sie waren, wie ich finde, durchaus stärker als beim ersten, aber man vergisst ja so schnell. Am Nachmittag hätte ich ich schon ein Gespräch, dass ich am nächsten Morgen eine off label Tablette bekommen sollte. Ich hätte nicht weiter hinterfragt – der Bericht der Hebamme, den ihr gepostet habe, finde ich aber sehr gut und ich bin ihrer Meinung. Es ist nur schwer, so kurz vorher eine Zweitmeinung einzuholen. Ich bin froh, dass es mit dem Cocktail bei uns geklappt hat und vor allem, dass mein propperer Junge so gut durch die ‚falsche‘ Lage geboren wurde. Liebe Grüße, Kathrin

      1. Schreib doch bitte nicht sowas … ein Kind mit 4050 g ist nicht zu schwer für eine natürliche Geburt. Du machst werdenden Mamis damit Angst. Mein zweites Kind hatte 4500 g und es war eine schnelle, Interventions- und komplikationsfreie Geburt. Die Ärzte und Hebamme im KH fanden das Gewicht zwar sportlich, aber keinesfalls zuviel für eine natürliche Geburt. Lediglich der Zuckerwert bei mir & Baby wurden anschließend genau überwacht – ohne Ergebnis.

  7. Hallo Katharina und Melli,

    ich habe großen Respekt davor, was Ihr mit den schweren Geburten durchgemacht habt. Meine Erfahrung mit Cytotec war positiv, meine dritte Geburt wurde in der 42. Woche damit eingeleitet und es war zu meiner Überraschung genauso eine schöne und selbstbestimmten Geburt wie die beiden anderen. Die Alternativen Prostaglandingel, Oxytocin-Tropf, Abführ-Cocktail oder Kaiserschnitt gelten ja auch nicht gerade als sanft oder risikolos. Am besten wäre, das Kind einfach natürlich kommen zu lassen, aber ganz selten stirbt es dann noch im Bauch, und dieses Risiko muss gegen die Risiken der Einleitung abgewogen werden. Ich denke, jedes Medikament und jeder Eingriff muss gut überlegt eingesetzt werden oder eben auch nicht, und in der Geburtshilfe fehlt manchmal diese Sorgfalt, und viel zu oft wird die Schwangere dabei übergangen.

    Liebe Grüße und alles Gute für Eure Kinder!

    Heike

  8. Mir ging es auch genauso. Es endete in einem Kaiserschnitt bei 9cm, weil ich keine Kraft mehr hatte. Ich hab sehr lange damit zu kämpfen gehabt. Die 2 Geburt fühlte sich so anders an, zwar am Ende ein Notkaiserschnitt wegen Plazentalösung, aber ich konnte ganz anders mit den Wehen vorher umgehen. Und hatte nicht diese Gefühl des ausgeliefert sein.

  9. Danke für die Worte.

    Oh ja, es war furchtbar! Gerade beim ersten Kind fand ich es sehr verunsichernd. Von wegen Wehenpausen; gefühlt war es eine einzige – über Stunden andauernde. Ich dachte, ich sei besonders wehleidig, andere schaffen das schließlich auch. Man gab mir das Gefühl, ich hätte völlig versagt. Dass das Ganze dann in einem Notkaiserschnitt endete, hat es nicht unbedingt besser gemacht.

    Und ja, ich empfand auch die Geburt meines Zweitgeborenen als heilsam. <3

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