Gastbeiträge

11/10/2018 - 07:00

Land-Mama Lisa

Gibt´s noch Geschwister? Wenn nach der Trauer ums erste Kind ein weiteres Baby kommt

 Paul ist das zweite Kind unserer Leserin, ihr kleines Wunder. Ein bisschen mehr als ein Jahr vor Pauls Geburt starb ihr erster Sohn Benedikt in der 41. Schwangerschaftswoche. Damit teilr sie das Schicksal vieler Eltern, deren Kinder vor, während oder nach der Geburt starben. Und sie teilt diese Geschichte mit all den Eltern, die schon vorher Kinder hatten oder danach weitere Kinder bekommen haben:

Ich stehe im Supermarkt an der Kasse. Paul schlummert selig in seiner kleinen Babyschale, die Kassiererin schaut uns lächelnd an. „Ach ist der süß, ist das erste Kind, oder?“. Ich schaue in die Schlange wartender Menschen hinter mir und sage schnell „Ja.“ „Ach, mit einem Kind da ist das noch schön und ruhig, mit dem zweiten Kind, da wird es chaotisch und stressig“. Die Kassiererin seufzt. Ich schaue sie kurz an, gebe ihr wortlos das Geld und versuche schnellstmöglich zum Ausgang zu gelangen.

Die Einkäufe sind im Auto verstaut, Paul schlummert weiter in seiner Babyschale und ich schaue aus dem Fenster. War es richtig, den „einfachen“ Weg zu gehen? Hätte ich die Wahrheit sagen sollen? Hätte ich die Kassiererin vor den Kopf stoßen sollen? Hätte ich ihr sagen sollen, dass ich alles dafür geben würde eine vollkommen überstresste, schlafdeprivierte Mutter zweier Kinder zu sein? Sollte ich nicht ein für allemal einen standardisierten Weg finden um mit solchen Fragen umzugehen?

Paul ist unser zweites Kind - auch wenn das nicht gleich zu sehen ist

Die Wahrheit ist: Paul ist unser zweites Kind, unser kleines Wunder. Ein bisschen mehr als ein Jahr vor Pauls Geburt starb unser erster Sohn Benedikt in der 41. Schwangerschaftswoche. Damit teilen wir das Schicksal vieler Eltern, deren Kinder vor, während oder nach der Geburt starben. Und wir teilen eine Geschichte mit all den Eltern, die schon vorher Kinder hatten oder danach weitere Kinder bekommen haben.

Von außen betrachtet sehen wir aus wie eine ganz normale Familie – und wir sind es doch nicht. Benedikt gehört zu uns wie Paul, doch er ist für Menschen, die uns nicht kennen, nicht sichtbar.

Viele dachten, dass mit der Geburt unseres zweiten Sohnes Paul nun alles gut sein. Sie gratulierten uns dazu, dass es ja nun doch noch „geklappt“ hätte oder, dass ja jetzt doch noch alles gut ausgegangen sei. Doch so ist es nicht.

Die Trauer um´s Kind - Glück kann sie nicht ausradieren

Sicher bringt Paul Hoffnung und Glück in unsere Familie und sicher ist er ein großes Geschenk. Doch er kann die Trauer und den Tod von Benedikt nicht wegradieren, er kann nicht die Wunden heilen, die man von außen nicht sieht. Und das ist und darf auch nie seine Aufgabe im Leben sein. Er ist unser zweites Kind und er ist da, um Paul zu sein.

Es gibt in meinem Leben schlechte Tage, an denen ich viel an Benedikt denken muss und an denen ich sehr traurig bin. An diesen Tagen fällt es mir schwer, mich um Paul zu kümmern, es fällt mir schwer, die Tränen zurückzuhalten, und manchmal gebe ich es auf. An solchen Tagen fahre ich Paul halbwach durch den Wald, in der Hoffnung, er schlafe ein, sodass ich in Ruhe an Benedikt denken kann.

Ich sitze vor dem Grab, Paul meckert in der Babyschale und ich habe ein schlechtes Gewissen. Von meiner Schwiegermutter bekam ich zu hören, dass Kinder unter einem Jahr nichts auf dem Friedhof zu suchen haben. Doch ich will meinen großen Sohn besuchen und gleichzeitig fährt nun die Angst mit.

Plötzlich abergläubisch - hab ich vielleicht doch etwas falsch gemacht?

Die Angst, dass Paul etwas passiert, weil ich ihn trotz althergebrachter „Weisheit“ mitgenommen habe. Ich zünde schnell eine Kerze an, verabschiede mich gehetzt. Zu Hause wasche ich mir gründlich die Hände bevor ich Paul herausnehme.

Was ist, wenn meine Schwiegermutter Recht hat? Wenn dort Bakterien lauern, die kleine Babys infizieren? Wäre es dann so wie damals, als ich dachte, ich hätte keinen Kinderwagen vor der Geburt kaufen sollen?

Endlich treffe ich mich mit Sabine. Sabine ist auch Mutter zweier Kinder. Ihre Tochter Lucy starb in der 33. Woche, ihr Sohn Emil ist 6 Wochen jünger als Paul, gesund und munter. Sabine traf ich in einem Rückbildungskurs für verwaiste Mütter und wir tauschten Nummern aus.

Es tut gut, mit ihr zu reden. Sich auszutauschen über all die Dinge, die uns eben beschäftigen. Mit ihr kann ich über die Bepflanzung und Gestaltung eines Kindergrabes reden, ohne in ein von Mitleid und Überforderung zerrissenes Gesicht zu schauen. Wir können über die Trauer reden, über Fortschritte. Über die Frage, wie viel man erzählt und ob überhaupt?

Mütter und Väter verstorbener Kinder: Die einzigen, die von ihnen erzählen können

Sind wir nicht die einzigen Menschen, die von ihnen erzählen können, damit sie auf der Welt nicht ganz in Vergessenheit geraten? Wir reden über die Angst um unsere lebenden Kinder, eine Angst, die mit der Zeit verblasst und dann doch manchmal auf einmal wieder da ist. Wenn ich mit Sabine rede, fühle ich mich „normaler“, fühle mich zugehörig.

Paul schlummert selig neben mir, ich halte seine warme Hand. Er atmet, ruhig, stetig. Ich muss an den Tag zurückdenken, an dem mir zum ersten Mal klar wurde, dass unser zweites Kind überleben wird. Dass wir es nach Hause mitnehmen dürfen, dass ich es stillen und wickeln darf. Dass es lauthals schreien wird, dass es wachsen und aufwachsen wird, mit uns.

Wir liefen mit Paul in der Babyschale den Krankenhausflur zum Ausgang. Es war der Moment an dem ich nach neun Monaten aufhören konnte, die Luft anzuhalten und unaufhörlich zu weinen anfing, zu weinen vor Glück.

Bis heute habe ich keine einheitliche, mich zufriedenstellende Antwort auf die Frage der Kassiererin gefunden. Ich mache es oft von der Situation und der Person abhängig und davon, ob ich glaube, dass wir auf längere Sicht etwas miteinander zu tun haben werden. Vieles ist Bauchgefühl.

Ich habe mir vorgenommen, mir nicht mehr böse zu sein, wenn ich die Frage einmal nicht wahrheitsgemäß beantworten kann. Wenn ich an diesem Tage nicht die Kraft dazu habe. Ich habe mir klar gemacht, dass es kein Leugnen meines ersten Sohnes ist, sondern auch eine Art Würde, die er verdient. Der Rahmen, in dem ich von ihm und seinem Tod erzähle, sollte schon würdevoll sein. Ein Ort, an dem er den Raum bekommt, den er verdient.

 

 

Tags: Tod, Schicksal, Schwangerschaft, Geburt, Kinder, Kindstof, Folgekind, Trauer, Glück

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Kommentare

Sabrina — Do, 10/11/2018 - 08:49

Ein toller und berührender Artikel! Der auch zum Nachdenken anregt wie man mit verweisten Eltern um gehen soll. Denn das Thema ist so unfassbar schwer und doch alltäglicher als man denkt/möchte.

shiri — Do, 10/11/2018 - 13:15

Liebe Verfasserin, Sie machen das ganz wunderbar! Bleiben Sie so!

Julia — Do, 10/11/2018 - 23:39

Vielen Dank für den Einblick in Dein Seelenleben. Mich hätte noch sehr interessiert, warum Benedikt in der 41. Schwangerschaftswoche verstorben ist. Ich hatte bei der ersten Schwangerschaft eine sehr verkalkte Plazenta und das Baby würde früher geholt. Aber ich hatte so viele schlaflose Nächte, ob es im Bauch noch gut versorgt wird. Die zweite Schwangerschaft konnte ich daher auch nicht genießen. Ich nahm zwar Tabletten gegen die Verkalkung. Und alle anderen Schwangeren waren so zuversichtlich und ich habe immer gesagt „gratuliert mir erst, wenn das Baby da ist“. Das konnten die meisten nicht verstehen. Ich kenne im Bekanntenkreis zwei Frauen, die über der 30 Woche ihr Kind verloren haben. Alles Gute weiterhin.

Laura — Fr, 10/12/2018 - 18:39

in der Psychologie. Für uns 'lebende' Kinder. Kinder wie mich, Kinder wie Paul und Lucy. Kinder die oft stark beeinflusst sind von Geschwistern, die sie nie kennen lernen könnten. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es ist sein Kind zu verlieren. Ich kann es nicht. Und ich habe nur Respekt vor allen, die es da heil raus schaffen. Und Dankbarkeit. Dankbarkeit für meine Eltern. Meinen Vater der meine Mutter immer und immer wieder dazu gebracht hat mich ziehen zu lassen und frei zu sein, meine Mutter die alles dafür getan hat nicht vor mir zu weinen und immer darüber zu reden, wenn ich fragte. Ich hörte auf zu fragen. Ich wollte, nicht, dass meine Eltern traurig sind. Das war mein größter Fehler. Redet mit euren Kindern über die Geschwister. Auch wenn sie nicht (mehr) fragen. Das ist so wichtig.

Yvonne — Sa, 10/13/2018 - 17:24

Ich mache das auch so, daß ich nur Personen mit denen wir länger Kontakt haben werde, erzähle wieviel Kinder wir haben. Wir haben unsere inzwischen zwei Wunder, die wir hier festhalten können, von Anfang an mit auf den Friedhof genommen, zu uns hat noch nie jemand was negatives deswegen gesagt und das mit den Bakterien davon habe ich noch nichts gehört. Danke für dein Tipp Laura, ich werde ihn mir merken bei, wenn unsere Kinder größer sind. Wir haben bisher immer gesagt bekommen, daß die Geschwister schon kommen, wenn sie etwas wissen möchten, gut zu wissen, daß das nicht unbedingt so ist.

Andrea — Di, 10/16/2018 - 11:47

Traurige Geschichte. Ich bin immer wieder verwundert, obwohl wir mittlerweile fast im Jahr 2020 leben, wie unaufgeklärt oder einfach nur emotional verkümmert manche Menschen im engsten Familienkreis sind: "Von meiner Schwiegermutter bekam ich zu hören, dass Kinder unter einem Jahr nichts auf dem Friedhof zu suchen haben" "Die Angst, dass Paul etwas passiert, weil ich ihn trotz althergebrachter „Weisheit“ mitgenommen habe." " Wenn dort Bakterien lauern, die kleine Babys infizieren? "

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