Interviews

04/02/2019 - 07:00

Stadt-Mama Katharina

Hochbegabte Kinder - eine Mutter erzählt, wie der hohe IQ das Leben verändert

Liebe Christin, Euer Sohn, der im Mai 5 wird, ist hochbegabt. Wann ist Dir das erste Mal etwas in diese Richtung aufgefallen?

Er war als Baby schon sehr aufmerksam und zeigte ein großes Interesse an seiner Umwelt. Es war aber weniger ein Moment oder ein Gedanke, der uns darauf brachte, sondern vielmehr seine Entwicklung und seine außergewöhnlichen Fähigkeiten, die sich mit der Zeit zeigten. Er hatte schon sehr früh eine rasche Auffassungsgabe, konnte komplexe Zusammenhänge nicht nur verstehen, sondern sich auch merken und zeigte ein großes Zahlenverständnis.

Auch feinmotorisch war er immer sehr geschickt, mit knapp 18 Monaten hat er Geschenkbänder in Steckholzklötze gefädelt. Sehr auffallend war auch sein Gedächtnis, er konnte sich an Wege, Orte und Geschehnisse erinnern, die teilweise ein Jahr, zurücklagen; er konnte ganze Buchseiten "mitlesen" - das ging so weit, dass er uns korrigierte, wenn wir ein Wort falsch lasen. Seine abstrakte Wahrnehmung wie auch sein Humor waren für uns auch ein Indiz – er sagte zum Beispiel „zum Glück bin ich schon vier, sonst wäre ich ein Dreieck“ und „der Nachthimmel sieht aus wie ein Zimmer ohne Licht“.

Wir hatten immer wieder sehr gutes Feedback von seinen damaligen Erzieherinnen aus der Krippengruppe, die uns sehr anschaulich vor Augen geführt haben, dass er sich kognitiv anders entwickelt als gleichaltrige Kinder. Wir hatten keine Vergleichsmöglichkeiten und uns fehlte auch die Erfahrung, seine Entwicklung einzuschätzen. Die Erzieher haben eine mögliche Hochbegabung recht früh erkannt, mit 2 Jahren und ihn sehr liebevoll, mit sehr viel Einfühlungsvermögen und Feingefühl in der Krippe betreut. Ich bin ihnen heute noch unendlich dankbar dafür. 

Welche Stationen habt Ihr durchlaufen, bevor es dann die Bestätigung auf eine Hochbegabung gab?

Zum Glück haben gar keine Stationen. Da wir die Hochbegabung bereits sehr früh vermutet hatten, haben wir sehr viel zu diesem Thema gelesen und seine Entwicklung beobachtet. Als die Situation im Kindergarten anfing schwierig zu werden, weil er, wie es heißt „verhaltensauffällig“ war, haben wir uns dazu entschlossen, ihn im November letzten Jahres, durch einen sehr erfahrenen, auf diesem Gebiet spezialisierten Psychologen in München, testen zu lassen. Die Testung ergab einen Gesamt-IQ von 142, in allen Bereichen befindet er sich über 130, sein besonderes Talent liegt im räumlich visuellen Bereich, dort liegt der IQ bei 145 +.

Viele Eltern von hochbegabten Kindern beschreiben die Hochbegabung als Fluch und Segen - wie siehst Du das?

Da kann ich teilweise zustimmen. Es ist kann sehr anstrengend sein, wenn er alles bis ins kleinste und letzte Detail wissen will, er immer Neues lernen möchte und er wirklich alles, was er dann auch lernen will, innerhalb kürzester Zeit kann – die Langweile kommt da schnell auf. Seine Frustrationstoleranz ist sehr niedrig, wenn etwas nicht so klappt oder sofort funktioniert, wie er sich das vorstellt. Wir müssen ihm vieles, was das Zwischenmenschliche betrifft, sehr ausführlich und mit viel Gefühl erklären, weil er sich manches Gesagte sehr zu Herzen nimmt – besonders Situationen im Kindergarten. Das ist aus der Ferne sehr schwer aufzufangen. Gleichzeitig ist es aber auch wundervoll einen so vielseitig interessierten und wissbegierigen Sohn zu haben an dem man selbst mitwachsen kann.

Manchmal wird Eltern vorgeworfen, sie seien ja nur "ehrgeizig" - hast Du das auch erlebt? Bzw. gab es mal blöde Kommentare von außen?

Allerdings. Wir sind viel belächelt worden, wenn das Thema mal zur Sprache kam. Wir haben uns vor der Testung oft anhören müssen, dass wir nicht objektiv sind. Blöde Kommentare gibt es leider immer, von "das tut mir leid zu hören" bis hin zu "bist du sicher, dass er kein Autist ist?" oder „wenn er so schlau ist, warum kann er dann noch nicht Fahrrad fahren? Das sollte er dann doch können?“. Da spiegelt sich die Unwissenheit, die Unsicherheit und der Neid der anderen wider.

Wir wünschen uns mehr Offenheit, Toleranz, Verständnis und Wertschätzung, nicht nur bei den Mitmenschen, vor allem auch in unserem Bildungs- und Betreuungssystem. Leider ist durch Vorurteile und Mythen ein Klima geschaffen worden, in dem die Bedürfnisse von hochbegabten Kindern vernachlässigt werden. So wie jedes Kind einzigartig und individuell ist, so ist auch die Hochbegabung bei jedem Kind unterschiedlich.

Wie wird Euer Sohn nun gefördert? 

Im Kindergarten wird er gar nicht gefördert, da die Meinung vertreten wird, dass das bei einer Kindergartengruppe von über 20 Kindern nicht möglich ist. Außerdem sagte man uns, dass eine Förderung ihrer Meinung nach nicht notwendig sei, da er ja bisher auch nicht gefördert wurde und sich trotzdem gut entwickelt hat. Dass aber ein Zusammenhang besteht zwischen seinem Verhalten und einer fehlenden Förderung bzw. Forderung wird leider nicht gesehen.

Zuhause fördern, fordern und unterstützen wir ihn mit dem, was ihn gerade antreibt und interessiert. Er macht sehr gerne Vorschulblöcke, große Puzzle, übt Lesen, Schreiben und Rechnen, hört Hörbücher zum Thema Universum und Astrophysik oder baut mit Lego. Es gibt auch einige Angebote für hochbegabte Kinder, die wir wahrnehmen, wie Experimentier- Forschungs- und Baukurse sowie Spieletreffs.

Wie geht Dein Sohn mit allem um? 

Er weiß nicht, dass er hochbegabt ist, da wir nicht finden, dass das für ihn zum jetzigen Zeitpunkt eine Rolle spielen sollte. Klar, er merkt schon, dass er teilweise mehr als die Vorschulkinder kann und weiß, aber da versuchen wir ihm zu erklären, dass es immer Menschen geben wird, die weniger können als er, genauso, wie es welche geben wird, die mehr können. Wenn es später um Schule und weiterführende Schule geht und er auch älter ist, wird er das entsprechend mitbekommen. Von seiner Hochbegabung wissen nur eine Handvoll Menschen. Er hat zum Glück viele Freunde und findet auch schnell überall Anschluss. 

Was würdest Du anderen Eltern raten, die vermuten, dass Ihr Kind hochbegabt ist?

Informieren, das ist der erste Schritt. Es gibt sehr gute Literatur zu dem Thema, die umfassend informiert (James T Webb, Hochbegabte Kinder, Das große Handbuch für Eltern) oder Beratungsstellen wie die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V. (DGhK). Wenn man Gewissheit möchte, dann testen lassen www.die-hochbegabung.de, das ist der Expertenkreis Hochbegabung/Potenziale des Berufsverbandes Deutscher Psychologen und ist auf Begabungsdiagnostik und Beratung spezialisiert. Eine Hochbegabung zu erkennen, ist nicht einfach. Eine einheitliche Definition dafür gibt es nicht. Hochbegabung ist so vielseitig und facettenreich und zeigt sich bei jedem Kind anders, da jedes Kind ganz besondere Talente und Fähigkeiten hat.

Und, zu guter Letzt, nicht verunsichern lassen! Auch wenn der Kindergarten, die Schule oder das Umfeld etwas Anderes erzählen und wilde Diagnosen erstellen, bleibt auf der Spur und euch selbst und eurem Kind treu. Man selbst muss als erstes dazu bereit sein, diesen Weg mit seinem Kind zu gehen. 

Gab es auch schon Zeiten, in denen Du Dir gewünscht hast, Dein Sohn hätte keine Hochbegabung?

Nein, niemals. Wir lieben ihn ganz genau so wie er ist – einzigartig und wundervoll.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft Deines Kindes?

Eine wunderschöne, sorgenfreie Kindheit, liebe Menschen um ihn herum, die ihn so akzeptieren und lieben, wie er ist; viele gute Freunde, die ihm Halt geben und Mut, er selbst zu sein und Stolz darauf zu sein, wer er ist.

ZUM WEITERLESEN: Auch Ilonas Sohn ist hochbegabt und So waren die ersten Schuljahre für meinen hochbegabten Sohn 

Foto: pixabay

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Kommentare

Susanne — Mo, 02/04/2019 - 12:54

Hallo Christin! Das ist eine sehr schöne Geschichte von euch. Mein Sohn wurde erst mit 11 Jahren auf Hochbegabung getestet. Sein damaliger Kkassenlehrer in der fünften Klasse,hat uns erst darauf gebracht. Bei Julian äußerte sich das leider im negativen. Er war schon immer sehr schwierig,es war schon im Kindergarten so,das wir ständig antreten dürften,weil er wieder was angestellt hatte. Und wie gesagt erst mit 11 Jahren kam mal jemand auf diese Idee. Seine Hochbegabung äußert sich im Mathematischen und Naturwissenschaftlichen Bereich. Da bekommt er oft extra Arbeiten,die aber auch in die Note mit einberechnet werden. In manch anderen Fächern ist er dafür nicht immer so gut. Da kommen dann manchmal auch so Sprüche wie,ich dachte er ist Hochbegabt,dann müsste er aber bessere Noten bekommen. Die meisten Leute wissen gar nichts darüber. Wir sind diesem Lehrer auf jeden Fall total dankbar.das er darauf kam.seitdem wird Julian mit anderen Augen gesehen und gilt nicht nur als Störenfried.

Kerstin Wulf — Mi, 02/06/2019 - 08:28

Hallo Christin! Hallo Susanne! Ich freue mich immer, wenn ich von den Erfahrungen anderer Eltern lese und feststelle, dass wir nicht allein sind. Unser Sohn wird im März 10 Jahre alt und wurde in der 2. Klasse auch getestet - IQ 138! Seine größte Begabung hat er im Sprachgebrauch und im logischen Denken. Er ist auch schon im Kindergarten aufgefallen und wurde dort bald "unser kleiner Professor" genannt. Die Kindergärtnerin gab mir den Rat: "Solange er fragt, gib ihm Antworten!"- bis heute der beste Rat, den ich bekommen habe. Ein Kollegin von ihr fragte mich damals schon, ob wir ihn nicht testen lassen wollen. Bis dahin war er sozial absolut unauffällig, auch noch in der ersten Klasse, wo er jahrgangsübergreifend beschult wurde. Danach ging das Dilemma los! In der zweiten Klasse schaffte seine Grundschule diese Lernform ab, seine Klasse wurde geteilt, er von seinen wenigen Freunden getrennt. Interventionen unsererseits wurden lapidar abgetan. So wurde er binnen 3 Wochen "vom Vorzeigeschüler zum Problemfall"! Auch das Testergebnis hat letztendlich keinen interessiert. Mobbing kam hinzu, da die anderen Kinder sein "Anderssein" nicht verstanden. Er drückte seine Not mehr und mehr mit Schmerzen aus - Kopfweh, Bauchweh, wollte nicht mehr zur Schule. Ein Schulwechsel brachte vorübergehend Besserung - bis zur 4. Klasse, denn nun fehlten auch hier wieder die älteren Schüler. Seine Klassenlehrerin sah auch nur das verhaltensgestörte(!!!) Kind, reagierte absolut nicht auf unsere Bitte. Auf ihr Drängen suchten wir eine Psychotherapeutin auf, die uns bestätigte, dass er chronisch unterfordert war. Als wir von der gewünschten Privatschule leider aus Mangel an Plätzen eine Absage bekamen, entschlossen wir uns, ihn doch springen zu lassen. Er ist nun seit 4 Wochen auf dem Gymnasium, und seitdem blüht er richtig auf. Nur das Lernen muss er lernen - bei den Vokabeln klappt es schon. Die Lehrer dort wissen Bescheid, ich hoffe, es läuft weiterhin gut. Schwierigkeiten hat er übrigens in der Graphomotorik, hier sind wir ergotherapeutisch in Behandlung. Auch das scheint bei Hochbegabten keine Seltenheit zu sein. Was mich so traurig macht, ist, dass Grundschullehrer anscheinend kaum mit diesem Thema vertraut sind. Nicht ein Lehrer hat uns jemals darauf angesprochen, dass sein Verhalten mit Hochbegabung zu tun haben könnte! Gut, es sind nur 2% aller Kinder, aber zur Inklusion gehören auch diese. Ich bin gespannt, wie er sich macht. Der Einser-Kandidat wird er aber wahrscheinlich auch nicht sein, dazu ist er zu selektiv. Aber das ist auch absolut ok.

Christin P. — Di, 02/26/2019 - 19:41

Liebe Christin, liebe Kerstin, lieben Dank für ejre Zeilen. Ich bin Alleinerziehende von 2Kinder (11+3)der Große ist hochbegabt. Getestet wurde er in der 4Klasse (9Jahre)Ergebnis war IQ von 135,im sprachlichen Bereich sogar 142. Bereits im Kleinkindalter u im Kindergarten zeigten sich erste Tendenzen zur Hochbegabung. Zuhause gab es statt Märchen Lexika u Fachbücher, und dennoch istber ein normales Kind das gerne spielt u tobt. Nur seine Umwelt passte dieses"Anderssein"uberhaupt nicht... Lehrer waren genervt vom Nachfragen u Hinterfragen seinerseits. Vorträge wurden kritisiert, da diese zu detailliert waren etc... Er wurde dann letztendlich gemobbt u sogar körperlich angegriffen. Psychische Gewalt ganz zu schweigen. Er hat sich angepasst und war nicht nehr nein Junge. Letztendlich bin ich zum Kinderpsychologen die ihn dann getestet hat und bis heute hat diese schlimme Erfahrung Narben hinterlassen. Bei uns allen. Er möchte manchmal normal sein, aber sieht mittlerweile das auch er lernen muss bestimmte Dinge zu "Erlernen". Aber Kerstin ihre Erfahrung können wir ebenso teilen. WIR haben dann am 3Tag der 5 Klasse zur Privatschule gewechselt und er ist wie ausgewechselt. Nun steht im Sommer der Wechsel aufs Gymnasium an und wir sind gespannt was uns erwartet.

Antje — Mi, 02/06/2019 - 14:26

Für diesen interessanten Bericht. Auch unser Sohn ist hochbegabt. Auch spät festgestellt vor einem halben Jahr. IQ 145. Seine Mathelehrein sprach uns darauf an. In der Schule bzw. seinen Leistungen zeigt er keinerlei besonders auffällige Leistungen. Im Gegenteil. Er ist ein unauffälliger Schüler bzw. schafft es unauffällig zu sein. Er passt sich dem Klassenniveau an und das hat ihn auf Dauer sehr unausgeglichen und unzufrieden gemacht. Er zieht sich sehr zurück und ist auch der totale 2.Reihe-Typ. Seine Begabung liegt im mathematischen, emotional-sozialen Bereich - philosophischen Bereich. Er hat eine extrem hohe Auffassungsgabe, die ihn komplexe Zusammenhänge in jeglichen Bereichen herstellen lässt. Und das stresst ihn eher, als das es ihm guttut. Auch hat er Schwierigkeiten in der Graphomotorik. Auch wir sind beim Ergotherapeuten. Er empfindet seine Hochbegabung eher als Bürde und möchte "normal" sein - keiner soll es wissen. Wir sind dieser Lehrerin sehr dankbar, die unserem Bauchgefühl einen Namen gegeben hat. Er wird im Sommer auf ein Gymnasium wechseln und freut sich sehr. Wir sind sehr gespannt, was noch so alles auf uns zukommen wird.

Michael — Mi, 02/27/2019 - 20:17

Danke für den ehrlichen, berührenden und auch inspirierenden Bericht. Ich denke, er kann vielen weiterhelfen, mehr Verständnis und Akzeptanz sowie Wertschätzung und Toleranz zu entwickeln. Auch die Liebe, die Sie ihrem Kind entgegenbringend ist einfach sehr inspirierend für mich. Ich freue mich für Ihr Kind, dass es solche Eltern hat. Gut auch zu sehen, dass es mehr qualifizierte Ansprechpartner und Beratungsmöglichkeiten gibt. Las den Beitrag auf Focus Online.

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