Interviews

25/07/2019 - 07:30

Land-Mama Lisa

Ich bin fremdgegangen! Wie wir nach meiner Affäre an unserer Ehe gearbeitet haben.

Liebe Saskia, Deine Ehe hat turbulente Zeiten hinter sich. Du hattest eine Affäre und Dein Mann hat es herausbekommen. Kannst uns den Moment beschreiben, an dem alles aufflog?

Der Zeitpunkt, an dem er es herausfand, war eigentlich der, zu dem ich mit meiner Affäre damals schon beschlossen hatte, dass wir den Kontakt abbrechen müssten. Es war kompliziert geworden, es waren viele Gefühle im Spiel, aber wir haben beide Familie, einen festen Job und Wohnungseigentum, und das an unseren jeweiligen Wohnorten... daher lag das letzte Treffen schon über einen Monat zurück. Und ich wusste auch, dass es das letzte sein würde. Ich hatte mich entschieden.

Mein Mann wollte an dem Morgen früh aufstehen und noch am Computer arbeiten. Da er beruflich im Umbruch steckte, nahm er meinen Computer, rief das E-Mailprogramm auf, bei dem ich noch eingeloggt war und entdeckte intime Mails von einem anderen Mann. Daraufhin kam er ins Bad, wo ich mich für die Arbeit fertig machte und stellte mich zur Rede. Er sagte, dass ihm bewusst gewesen sei, dass es bei uns nicht gut lief – ich hatte ihn oft gebeten, anders mit mir umzugehen, anders mit mir zu reden, sich mehr Zeit für uns zu nehmen. Aber er hat es letztlich nie als so dringlich empfunden, als dass er etwas hätte ändern sollen.

Wie lang ging die Affäre da schon?

Die Affäre ging da schon etwa über ein halbes Jahr. Sie war wie gesagt schon so gut wie vorbei. Wir schrieben uns nur noch sporadisch, während wir anfangs jede Minute Nachrichten verschickten. Ab und an telefonierten wir noch, so richtig loslassen wollten wir uns irgendwie noch nicht. Denn wir beide waren in unseren jeweiligen Beziehungen irgendwie unzufrieden und hatten in uns gegenseitig etwas Neues und Aufregendes entdeckt.

Was hat dir die Affäre gegeben, was dir zu Hause fehlte?

Wir taten uns gegenseitig gut. Ich nahm sehr viel Energie aus ihm und konnte für meinen Alltag daraus Kraft schöpfen. Während ich mich (bereits zuvor, nicht erst seit der Affäre) mit meinem Mann über jede Kleinigkeit stritt oder das Gefühl hatte, er würde mich einfach nicht verstehen, konnte ich mit dem anderen Mann stundenlang telefonieren und über jede Albernheit lachen.

Wir hatten das Gefühl, genau zu wissen, was der andere sagen würde; es brauchte nicht viele Worte, denn wir verstanden uns manchmal blind. Wir schrieben uns zu jeder Tages- und Nachtzeit Nachrichten, und ich genoss einfach diese grenzenlose Aufmerksamkeit seinerseits. Mein Partner saß manchmal spät abends neben mir auf der Couch und schaute mich nicht einmal mehr an. Ich hatte das Gefühl, ich würde komplett ausgeblendet von ihm. Wir hatten oft Streitgespräche, dass ich mich allein gelassen fühlte, mit Haushalt, mit Kleinkind, mit Vollzeitjob als Berufseinsteiger - und er tat es oftmals mit dem Kommentar ab, dass bei mir wohl wieder die Hormone verrückt spielen würden und ich doch einfach ausziehen solle. Das war sehr verletzend und irgendwann kam ich zu der Schlussfolgerung, dass ihm die Beziehung nicht mehr viel Wert sein muss.

Hattest du ein schlechtes Gewissen oder war es eher ein Gefühl von: Wenn mich hier keiner sieht und ich als Frau nicht mehr wirklich existiere, hol ich mir halt Bestätigung woanders?

Ich hatte kein schlechtes Gewissen. Mir ist bewusst, dass die meisten Menschen sagen, dass man egoistisch und selbstverliebt ist, wenn man sich nur Bestätigung von außen holen will. Und dass eine Affäre in einer Beziehung zu haben ja wohl das allerletzte ist, egal was passiert ist. Ich dachte selbst einmal so.
Aber es läuft nicht immer alles nach Plan. Ich habe nie nach einer Affäre gesucht und hätte auch nie gedacht, dass ich dazu fähig wäre. Doch wenn man einmal in dieser Situation war, und man merkt, wie gut es einem eigentlich tut, dann hat man plötzlich eine ganz andere Perspektive daraus. Es bestätigt einen darin, dass man doch nicht zu hohe Ansprüche hat. Es hat mich auch darin bestätigt, mich wieder als Frau mit körperlichen Bedürfnissen wahrzunehmen oder dass ich auch Auszeiten nehmen darf. Ich habe durch die Affäre einen ganz anderen Blickwinkel auf mich selbst kennengelernt.

Wie ging es nach dem Auffliegen weiter?

Wenige Tage danach kam meine beste Freundin mit ihrem Mann spontan zu Besuch. Sie hatte von allem erfahren und wollte mich unterstützen, auch weil ihr klar war, dass ich nicht mehr weiter wusste. Wir beide redeten sehr viel über beide Männer, reflektierten ihr Verhalten, ihre Worte, interpretierten vielleicht auch ein bisschen zu viel hinein. Letztendlich war ich froh darüber, denn ich konnte die verschiedenen Standpunkte besser nachvollziehen und war mir meiner eigenen Entscheidung sicherer.
 Ich war sehr erleichtert über ihren Besuch und bin ihnen beiden für ihre sehr reflektierte Art und Weise sehr dankbar.

Ihr Mann ist in der Zeit mit meinem Mann zu unserem Wochenendgrundstück gefahren, um das er sich immer kümmert, und wollte mit ihm in Ruhe reden. Ich denke, er wollte ihm erklären, wie es so weit kommen konnte, und was er seinerseits verändern könnte. Dass mein Mann nur noch seine Arbeit sah und vor alles stellte. Dass er mich das Babyjahr fast komplett allein gelassen hat und nach meinem Berufseinstieg immer noch der Meinung war, ich wäre Hauptverantwortliche für unser Kind. Dass er sich zu Hause sehr viel zurücklehnt und unser Kind oft zu mir dirigiert („Geh mal zu Mama, die macht das!“).

Bei meinem Partner kam aber nur an, dass er sich um nichts kümmern würde und faul zu Hause rumliegen würde. Er fühlte sich nicht nur von mir, sondern auch von ihm als Freund betrogen.
 Der Mann meiner Freundin kam eher wieder zurück und sagte mir aber einen entscheidenden Satz: Er ist der Meinung, dass du die Richtige für ihn bist. Er braucht Zeit, damit er das alles verarbeiten kann, aber er will weiter mit dir zusammen bleiben.

Ihr seid auch wirklich noch zusammen. Wie habt ihr Aufbauarbeit geleistet, nachdem alles rauskam?

Mein Mann brauchte in Ruhe Zeit um das alles zu verarbeiten weil es für ihn „sehr plötzlich“ kam. Er durchforstete meine komplette Technik, um alles durchzulesen, was ich mir mit dem Anderen geschrieben hatte. Auch Sachen, von denen ich dachte, sie wären längst gelöscht. Das bekam ihm natürlich nicht gut und er hatte sehr viele schlaflose Nächte, in denen er so gut wie nie mit mir redete, und wenn dann nur, um mir immer wieder die selben Fragen zu stellen oder mich zu beleidigen weil er selbst so verletzt war.

Auf meiner Seite war es natürlich nicht weniger anstrengend. Ich überlegte oft nachts, ob es vielleicht nicht besser wäre, eine Art Übergangszeit zu vereinbaren, sodass man erst einmal sich selbst darüber im Klaren werden könne, was man will und was man vom Anderen erwartet. Aber mit einem Kleinkind und keinerlei Verwandtschaft in der Nähe ist dies ein organisatorisches Ding der Unmöglichkeit. Manchmal stand ich am Rande des Auszugs, ich wollte einfach gehen und alles hinter mir lassen. Ich fühlte mich gedemütigt weil er alle privaten Nachrichten laß, weil er mein Handy regelmäßig durchsuchte nach Kontakten, Nachrichten, Ortungsdiensten, Telefonlisten, allem. Er wollte mir nicht glauben, dass wir keinen Kontakt mehr hatten. Wenn ich im Job eine Konferenz hatte, unterstellte er mir, ich würde mich mit irgendwem treffen. Das Ganze ging so weit, dass er mir erklärte, ich würde mich nur wegen besserem Sex mit anderen Männern treffen (wahllos!), weil er ja bei mir nichts mehr bewegen würde.

Er verletzte mich nun, da ich ihn verletzt hatte. Das wollte ich auf gar keinen Fall. Vor allem nicht als Vorbild einer Beziehung für mein Kind. Also sagte ich ihm, dass wir zusammen an unserer Beziehung arbeiten mussten, wenn wir eine führen wollen. Wenn er es wollte, durfte er nicht nur von mir erwarten, dass ich in allem zu Kreuze krieche vor ihm, und er mir mit dieser Rechtfertigung einer Affäre alles an den Kopf hauen könnte, was ihm gerade passte. Ich wollte eine Beziehung auf Augenhöhe.

Da in meinen Augen der Respekt schon lange vor der Affäre verloren gegangen war, organisierte ich eine Paartherapie bei der Diakonie. Wir hatten zwar nur zwei oder drei Sitzungen, aber diese haben uns sichtlich gut getan und auch ein paar Handlungsanstöße gegeben, wie wir uns verhalten können, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten oder Streitpunkten kommt. Gern wäre ich noch öfter hingegangen, aber die unregelmäßige Arbeit von ihm ließ es nicht mehr weiter zu. Dennoch war es ein Anfang.

Nach vielen Gesprächen war uns klar, dass wir Entlastung brauchen, wenn wir wieder Kraft in unsere Beziehung geben wollen und uns auf UNS konzentrieren möchten. Wir schufen uns Freiräume, er nahm sich arbeitstechnisch zurück, bringt sich viel mehr beim Kind ein. Noch heute haben wir mindestens einen festen Termin in der Woche, den wir nur für uns zwei reservieren. Wir gehen essen, kochen zusammen zu Hause, gehen in die Sauna oder verabreden uns einfach nur zu Hause für ein paar Minuten zum Kaffee bevor ich unser Kind aus dem Kindergarten abhole.

Wie würdest du reagieren, wenn er eine Affäre hätte?

Das hört sich jetzt vielleicht sehr ungerecht an, aber ich würde die Beziehung wahrscheinlich beenden. Und zwar aus folgendem Grund: es war so dermaßen kraftzehrend und nervenaufreibend für beide Seiten, diese Beziehung nach meiner Affäre wieder richtig aufzubauen und zu stärken. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht noch einmal durchmachen könnte.
Wir beide sind uns jetzt dessen bewusst, was wir gemeinsam in unseren 14 Jahren geschaffen haben und auch was wir durchgemacht haben. Diese Festigung, die wir jetzt geschafft haben, erneut in Frage zu stellen, wäre wie eine Ohrfeige an alles, woran wir beide im letzten Jahr gearbeitet haben. Und nicht zuletzt eine Absage an unsere Beziehung.

Tags: Partnerschaft, Liebe, Sexualität, Fremdgehen, Flirten, Affäre

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