Interviews

29/09/2018 - 07:15

Stadt-Mama Katharina

Interview über gesellschaftliches Engagement: Wir müssen den Hambacher Forst retten

Liebe Kirsten, letzten Sonntag hast Du das erste Mal an einem Waldspaziergang/Demo im Hambacher Forst teilgenommen. Erzähl uns mal von der Stimmung dort. 

Die Stimmung war trotz Dauerregen und Kälte gut. Viele Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um für den Erhalt des Waldes zu kämpfen und das Gefühl von Solidarität stand im Mittelpunkt. Gleichzeitig war es auch ein wenig angespannt, durch die hohe Polizeipräsenz und die unübersichtliche Situation (der Waldspaziergang wurde für die Demo nicht genehmigt, trotzdem haben viele von ihrem Bürgerrecht, den Wald zu betreten, Gebrauch gemacht).

Dann war da noch Wut. Wut darüber, dass schon zum zweiten Mal teilweise Bahnen in Richtung Hambacher Forst ausgefallen sind. Wut über unsachliche Informationen: RWE spricht von Kosten, verschweigt aber die sogenannten negativen externen Effekte (Kosten, die nicht vom Verursacher bezahlt werden). Die Umweltbelastungen, durch z.B. Co2 Ausstoß und Abholzung von Wäldern, verursachen erhebliche Kosten und zwar für die Gesellschaft und vor allem für zukünftige Generationen.

Wieso ist es Dir wichtig, Dich für den Forst zu engagieren?

Einerseits durch die Nähe des Hambacher Forsts zu unserem Wohnort. Aber auch aufgrund der gefühlten Sinnlosigkeit des Abholzens eines Waldes für die klimaschädlichste Form der Energiegewinnung angesichts der globalen Klimaerwärmung. Und das hier, in Deutschland, wo wir uns doch gerne als so fortschrittlich und internationales Vorbild verkaufen.

Wie erklärst Du Deinen Kindern, was dort im Forst vor sich geht?

Meine Töchter sind noch sehr jung, anderthalb und dreieinhalb, also versuche ich es ihnen so kindgerecht wie möglich zu erklären ohne ihnen Angst zu machen. Wir haben ihnen gesagt, dass RWE die Bäume fällen möchte, um Kohle aus dem Boden zu holen. Und dass wir versuchen, das zu verhindern, weil die Bäume Luft zum Atmen herstellen und Tiere, die dort wohnen sonst ihr Zuhause verlieren.

Warum ist es für uns Eltern besonders wichtig, dass wir uns sozial/gesellschaftlich engagieren?

Tatsächlich war ich in der Zeit vor den Kindern nicht besonders politisch aktiv, mir fehlten die Vorbilder im Elternhaus und das Gefühl Einfluss haben zu können. Das hat sich mit der Geburt meiner ersten Tochter geändert. Zwei Tage später, wir waren gerade aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen, hat der Terroranschlag auf Charlie Hebdo stattgefunden und mitten im Baby Blues mit Neugeborenem auf dem Arm, hat sich ein Gefühl breit gemacht: in was für eine Welt habe ich da gerade ein Kind geboren? Dieser Gedanke hat mich seitdem nie wieder verlassen und ich kann mir vorstellen, dass es anderen Eltern ähnlich geht. Soziales und politisches Engagement sind für mich ein Weg, dieses Gefühl zu bekämpfen.

Was möchtest Du deinen Kindern in Bezug auf Engagement mitgeben?

Erstens möchte ich ein Vorbild sein, zeigen, dass man eine eigene Meinung haben und für diese einstehen sollte. Zweitens glaube ich, dass eine Elterngeneration sich gegenüber den eigenen Kindern wird verantworten müssen. Wenn unsere Kinder uns später mal fragen, wo wir gewesen sind, als Konzerne und die derzeitige Politik, die kommende Generation ihrer Lebensgrundlage beraubt haben (Umgang mit Ressourcen, Umweltverschmutzung, Überschuldung etc.), können wir zumindest behaupten, wir hätten versucht etwas dagegen zu tun.

Wir nehmen in unserem Blog immer wieder aktuelle Themen auf - und ernten dafür auch Kritik. Wir seien doch keine Nachrichtenseite oder eine politische Talkshow. Was meinst Du: Verlieren viele Eltern im Familienalltag plötzlich das Interesse an aktuellen gesellschaftlichen Themen?

Das kann ich mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, denn wir Eltern möchten doch alle das Beste für unsere Kinder, die ja noch länger auf dieser Welt und mit den Konsequenzen der derzeitigen Politik werden leben müssen. Gleichzeitig wird es mit Kindern schwieriger sich aufzuraffen. Man ist froh, seinen Alltag zu schaffen und es trotz Schlafmangel und kleiner Rotznasen zur Arbeit geschafft zu haben. Das geht uns oft auch nicht anders. Es muss ja auch nicht direkt die Demo im strömenden Regen sein. Vielleicht kann man auch einfach nur mal überlegen, welchen Stromanbieter man hat. Wir haben auch erst vor kurzem gewechselt, da es uns wie ein Staatsakt erschien, das in Angriff zu nehmen. Tatsächlich war es im Internet fix gemacht (den Papierkram übernimmt der neue Anbieter) und der Ökostrom kostet uns nach derzeitigem Stand nun 13 Euro mehr pro Jahr. Machbar und bezahlbar!

Was wünscht Du Dir für Deine Zukunft und die deiner Kinder?

Natürlich, dass wir es schaffen den Hambacher Forst zu retten, auch wenn es nur ein minikleiner Schritt wäre. Insgesamt wäre es schön, wenn sich noch mehr Menschen an der Gestaltung einer besseren Zukunft beteiligen, in kleinen Projekten und bei Themen, die ihnen am Herzen liegen.

Tags: Hambacher Forst, Engagement, Demo, Zukunft, Klima

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Kommentare

Anna — Sa, 09/29/2018 - 09:42

Danke für das tolle Interview!! Zum Thema (politische) Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen gerne mehr!

Käthe — Sa, 09/29/2018 - 21:52

Danke, liebe Kirsten, für das tolle Interview! Hambi bleibt! Wir sehen uns im Wald!

Heike — So, 09/30/2018 - 11:18

Hallo, ich frage mich, ob das gesellschaftliches Engagement ist. Für mich werden da Regeln gebrochen, die weit über den zivilen Ungehorsam hinaus gehen. Sicher seit ihr nicht teil der gewaltbrereiten Baumbesetzer-Szene, die Polizisten bewirft und das Eigentum anderer besetzt. Das ist ein Bild, das ich meinen Kindern nicht vorhalten und zeigen möchte. Gesellschaftliches Engagement ist dagegen etwas wunderbares, das Kinder von frühauf lernen sollten. Die Gesellschaft braucht Zusammenschlüsse, Vereine und Gruppen, die engagiert und mit breiter Basis von vielen Mitwirkenden immer wieder tolle Akzente setzen für das Zusammenleben, da sollte jeder mit anfassen - gewaltfrei und voller Freude, was Gutes anzustoßen politisch und auch sonst. Danke für dieses Thema.

Kira — So, 09/30/2018 - 20:18

Es ist ganz schön fragwürdig, dass RWE einen der letzten Urwälder Deutschlands, einen Wald der seit der Eiszeit besteht, „besitzen“ darf. Ich finde der Walg gehört der Gesellschaft, den Generationen vor uns und denen nach uns.

Sven — So, 09/30/2018 - 20:09

Liebe Heike, mir scheint, als wärest du nicht korrekt informiert. Der Protest im Hambacher Forst ist friedlich und davon geprägt, dass Menschen aller Altersklassen – eben auch Kinder – dort für unsere gemeinsame Zukunft demonstrieren. Am heutigen Tag beispielsweise durfte man dort einen bunten und friedvollen Protest erleben, an dem sich übrigens auch Politiker*innen – Grünen-Chef Anton Hofreiter war auch vor Ort – beteiligen. Ich würde dir also sehr empfehlen, die erst zu informieren – der WDR hat sicherlich ein paar gute Beiträge für dich – und dich dann schnell dem Protest anzuschließen. Denn: Es geht dort nicht darum, Eigentum zu besetzen. Es geht darum, auch deinen Kindern und den Kindern deiner Kinder eine bewohnbare Welt zu hinterlassen.

Marie — So, 09/30/2018 - 20:16

Hallo Heike, du wünschst dir Protest "gewaltfrei und voller Freude" - solltest du heute im Hambacher Forst gewesen sein, hast du gemerkt, dass es exakt so war: Völlig gewaltfrei, bunt, kreativ, voller Freude. Solltest du nicht da gewesen sein ist das bedauerlich. Aber du hast täglich die Chance, dich selbst vom bunten und friedlichen Protest im Hambi zu überzeugen. Noch. Denn was jetzt gar nichts bringt ist die Diskussion, was exakt gesellschaftliches Engagement ist oder nicht. Jetzt zählt es, Haltung zu zeigen und sich zu engagieren - vor Ort, per Spende, per Petition oder wie auch immer.

Carina — Mo, 10/01/2018 - 08:27

Für mich ist es keine Frage, dass die Abholzung des Hambacher Forstes überflüssig, dumm und nicht im Sinne einer nachhaltigen Energiepolitik ist. Ich habe sicher auch Sympathie für die, die sehr vehement dafür kämpfen, dass der Hambacher Forst bleibt, auch wenn ich sie von Berufs wegen aus den Baumhäusern herunter holen muss. Mit so jungen Kindern auf eine Demonstration zu gehen - selbst wenn sie als "Waldspaziergang" deklariert wird - finde ich aber verantwortungslos. Den sehr kleinen Kindern, die noch nicht lesen und schreiben können und nichts von dem Konflikt verstehen, aber auch noch beschriebene Schilder in die Hand zu drücken (wie oben auf dem Foto) hinterlässt bei mir ein ganz furchtbar schlechtes Gefühl. Da missbraucht man die unverdorbene Unschuld der Kinder.

Kira — Mo, 10/01/2018 - 10:29

Gilt das für jedes geschriebene Wort, das sie nicht lesen können? Zum Beispiel für Fußball Trikots von Mannschaften, für die ihre Eltern schwärmen. Wir zwingen unseren Kinder immer unseren Lebensweg und unsere Moralvostellungen auf (lassen Sie zb taufen).

Marie — Di, 10/02/2018 - 19:13

Dass die Kinder im Alter von 3 oder 4 Jahren noch "nichts" von dem Konflikt verstehen finde ich Unsinn. Ich erzähle meiner 4jährigen Tochter natürlich kinngerecht, warum wir auf eine Demonstration gehen. Die meisten Themen lassen sich gut reduzieren, sodass auch kleine Kinder verstehen, worum es geht. (Beispiel: Der Wald soll kaputt gemacht werden. Wir wollen das aber nicht, weil der Wald ganz wichtig für die Tiere ist, die darin wohnen, und wir die Bäume außerdem brauchen, weil sie für gute Luft zum Atmen sorgen... Ähnlich geht das bei nahezu allen politischen Themen.) Zudem finde ich es gerade besonders wichtig, schon Kinder an gesellschaftliche Mitbestimmung heranzuführen. Sie sollen von klein auf lernen, dass es nicht ausreicht, es sich zu Hause vor dem Fernseher gemütlich zu machen, sondern dass man für seine Überzeugungen und Wertvorstellungen einstehen kann und sollte. Dass ich meine Tochter nicht im Hambacher Forst anketten würde – klar, keine Frage, das schlägt ja auch kein Mensch ernsthaft vor. Dass ich mit ihr aber auf eine Demonstration/Waldspaziergang gehe und ihr zeige, dass man manchmal im Leben, wenn es um Ungerechtigkeiten geht, aufstehen und sich aktiv einbringen muss – das finde ich unabdingbar und würde mir wünschen, dass noch viele viele weitere Familien ähnlich agieren.

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