Gastbeiträge

22/06/2018 - 07:00

Stadt-Mama Katharina

Interview mit Amelie: Das Jugendamt hat meine Tochter in Obhut genommen

Liebe Amelie, vor acht Jahren habt Ihr das Jugendamt um Hilfe gebeten. Erzähl mal, was der Grund dafür war.

Ich muss ein kleines bisschen ausholen, um diese Frage beantworten zu können. Ich selbst hatte keine gute Kindheit, meine Mutter leidet, wie mir erst viel später bewusst wurde, wahrscheinlich an einer Narzistischen Persönlichkeitsstörung. Ich habe psychische Gewalt in meiner Kindheit erlebt, damals war mir das allerdings nicht bewusst. Mit 18 nutzte ich allerdings die erste Möglichkeit, die sich bat, und floh aus meiner Ursprungsfamilie. Ich habe mit 19 einen sehr viel älteren Mann geheiratet und bekam meine Tochter Linda. Die Ehe hielt nicht lange, ich trennte mich kurz vor Lindas 1. Geburststag und war fortan alleinerziehend. 

Um für mein Kind sorgen zu können, ging ich wieder in meinem Beruf als Altenpflegerin arbeiten. Zu der Zeit gab es bei uns im Dorf absolut keine Möglichkeit ein Kind, das noch nicht drei Jahre alt war, betreuen zu lassen. Auch als Linda in den Kindergarten kam, war die Betreuung nur von 08:00 – 12:00 Uhr möglich. Also passte meine Mutter in den Zeiten, in denen ich arbeiten musste, auf Linda auf. Es gab keine Alternative dazu. 

Wie ich schon erwähnte, leidet meine Mutter unter psychischen Problemen. Zu dieser Zeit war mir das noch nicht bewusst, aber nachdem ich mich nun eingehend mit dem Krankheitsbild Narzissmus beschäftigt habe, fällt meine Mutter in so vielen Dingen genau in die Beschreibungen, dass es fast unheimlich ist.

Ihre Krankheit wirkte sich auch auf Linda und mich aus. Meine Mutter hat nämlich immer versucht, einen Keil zwischen mich und meine Tochter zu treiben. Konflikte blieben deshalb natürlich nicht aus, sie wurden immer und grundsätzlich nur über das Kind ausgetragen. Heute kenne ich diese Mechanismen, aber damals war mir das alles gar nicht klar. So kam es, dass Linda zu einem echten „Omakind“ wurde. Unser Verhältnis war zu der Zeit bereits nicht mehr gut.

Als Linda knapp sieben Jahre alt war, bin ich meinen jetzigen Mann zusammengekommen.  Im Jahr 2004 haben wir dann geheiratet und unser Haus gekauft, 2006 wurde unsere erste gemeinsame Tochter geboren, 2008 dann unser Sohn und 2010 unser zweiter Sohn. In die Schwangerschaft mit dem zweiten Sohn fiel auch die ganz schlimme Zeit mit Linda. 

Welche Probleme gab es genau?

Zum einen gab es eben den zerstörerischen Einfluss meiner Mutter und zum anderen natürlich, dass ich die Augen vor den Problemen verschlossen habe. Linda war bereits in der Grundschule ein wenig auffällig. Heutzutage würde das wahrscheinlich jemandem auffallen, aber zu Lindas Grundschulzeit wurde da noch nicht so hingeguckt. 

Auch in der weiterführenden Schule gab es Probleme. Dazu kam, dass ich gern wollte, dass sie eine IGS besucht. Allerdings war dadurch der Schulweg ziemlich weit. Sie musste früh aus dem Haus und war erst spät zurück. Alles das war sehr belastend für Linda und ich habe es damals nicht wirklich ernst genommen (durch meine Erziehung war mir eingetrichtert worden, dass man Kinder halt nicht ernst nimmt, sondern sich über sie hinwegsetzt).

Linda igelte sich immer mehr ein, kam kaum noch aus ihrem Zimmer und war wohl generell sehr unglücklich. Auch bei mir gab es depressive Phasen, es war eine schwere Zeit. Dazu kam, dass Lindas Regelblutungen extrem lange und heftig waren. Sie litt unter einem Eisenmangel und wurde dann ins Krankenhaus eingeliefert, um sie einmal richtig durchzuchecken. Aber körperlich war alles in Ordnung mit ihr. Uns wurde dann der Vorschlag unterbreitet, sie stationär auf der Psychosomatischen Jugendstation aufzunehmen, um ihre Probleme einmal anzugehen.

Die Therapeutin auf dieser Station begleitete uns als Familie und gab uns den Rat mit auf den Weg, dass wir einfach mehr Zeit mit Linda verbringen sollten, dann würde alles andere sich schon richten. Wir haben uns bemüht und versucht, die Tipps umzusetzen. Außerdem haben wir Linda von der weit entfernten IGS abgemeldet und sie in der Realschule angemeldet, die deutlich näher an unserem Wohnort lag. Sie war allerdings nur ein paar Tage dort, denn dann stand erstmal ein Praktikum an. 

Zuhause war die Stimmung trotz aller Bemühungen schlecht. Linda war absolut nicht bereit, irgendetwas im Haushalt zu tun. Ich war schwanger und mit zwei kleinen Kindern ziemlich am Limit und habe an einem Tag die Nerven verloren und sie angeschrien. Daraufhin ist Linda aus dem Haus gelaufen und verschwunden. Sie hat sich versteckt und nur meine Mutter wusste, wo sie war. Meine Mutter hat sich geweigert, mir zu sagen, wo Linda steckte. Deshalb habe ich die Polizei gerufen und gemeinsam mit den Beamten habe ich Linda zurück nach Hause geholt. 

Zu der Zeit machte Linda ja ein Praktikum und ich bekam nach wenigen Tagen einen Anruf von der Lehrerin. Sie sagte mir, sie habe Linda auf der Praktikumsstelle besucht und Linda habe ihr gegenüber gesagt, dass sie nicht mehr nach Hause wolle. 

Ich habe mit der Lehrerin abgemacht, dass ich mich mit ihr und Linda in der Praxis von Lindas betreuender Psychiaterin zu treffen. Dort hatten wir ein Krisengespräch. Es wurde vereinbart, dass wir am Nachmittag alle zusammen (also die Psychiaterin, die Therapeutin, mein Mann und ich) ein Gespräch mit Linda auf der Psychosomatischen Station führen sollten. Ich war wie versteinert und bei den beiden Expertinnen kam es wohl so an, als wäre ich emotional nicht beteiligt. Dem war aber nicht so. Ich war nervlich am Ende.

Wie ging es nach dem Gespräch weiter?

In diesem Gespräch fühlte ich mich so hilflos. Ganz am Ende hat Linda dann noch darum gebeten, dass ich rausgehen soll, damit sie frei sprechen kann. Dann hat sie gesagt, dass sie Angst hat vor mir und davor, dass ich sie schlagen würde. Was natürlich nie passiert ist. Meinen Mann hat das auch alles sehr mitgenommen. Er war für Linda immer eine sehr wichtige Person (und ist es noch, mittlerweile nennt sie ihn auch Papa). Und es war so, dass er immer der Gute war und ich immer die Böse. Auch das ist wohl heute noch so. Jedenfalls war mir nach dem Gespräch klar, dass es so nicht mehr weitergeht. 

Und auch Linda hat mehrmals in dem Gespräch gesagt, dass sie auf keinen Fall mit nach Hause gehen will. Also wurde vereinbart, dass sie in dieser Nacht auf der Station bleiben soll. 

Und dann habt Ihr das Jugendamt eingeschaltet?

Ja, mein Mann und ich waren ja wirklich total überfordert und am Ende. Wir wussten einfach nicht mehr weiter. Zunächst hatte ich aber große Angst, das Jugendamt einzuschalten und zu sagen, dass wir nicht mehr können. Schließlich hatten wir noch zwei Kinder und ich war schwanger. Ich dachte: Was, wenn das Jugendamt meint, wir wären mit allen Kindern überfordert? Was würde dann mit den Kindern passieren? 

Wie sah die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt dann aus?

Mein Mann und ich hatten direkt am nächsten Morgen einen Termin mit unserer zuständigen Sachbearbeiterin im Jugendamt. Wir waren schrecklich aufgeregt. Doch was soll ich sagen - die Frau war einfach toll! Sie hörte sich alles an und meinte dann, dass es kein Wunder sei, dass wir überfordert sind. So eine therapeutische Leistung könnte man zuhause gar nicht allein leisten. Und dass sie uns auf jeden Fall unterstützen wird. 

Zuerst einmal hat sie zugesagt, dass Sie Linda aus dem Krankenhaus abholen wird und sie in eine Mädchenwohngruppe bringen wird. Das ist dann auch so passiert und Linda wurde direkt aus dem Krankenhaus in Obhut genommen.

Wie hast Du Dich gefühlt, als Linda in Obhut genommen wurde?

Zum einen war es natürlich schrecklich, das eigene Kind gehen zu lassen. Aber ich muss gestehen, dass in dem Moment bei meinem Mann und mir aber die Erleichterung überwogen hat. Es war, als sei ein tausend Kilo schweres Gewicht von unseren Schultern genommen worden. Vor allem für mich war es gut, die Verantwortung nicht mehr tragen zu müssen. Nicht mehr alles entscheiden zu müssen, sondern einige Sachen anderen zu überlassen.

Und wie ging es Linda?

Für Linda war es wohl ein ziemlicher Schock, dass die Dame von Jugendamt sie im Krankenhaus abgeholt hat und dann in die Wohngruppe gebracht hat. Ich bin nachmittags dann dort hingefahren und habe ihr einige Kleidungsstücke und sonstige Sachen gebracht und Linda sah ziemlich verloren aus. Man muss auch dazu sagen, dass sich die Betreuerinnen der Wohngruppe zwar Mühe gegeben haben, aber es eben doch eine Gemeinschaftseinrichtung ist, die halt nicht unbedingt den größten wohnlichen Charme hat.

Wie sah Eure Trennung dann aus? Hattet Ihr Kontakt?

Wir hatten regelmäßigen Kontakt, haben telefoniert und irgendwann durfte Linda uns auch über das Wochenende besuchen kommen. Regelmäßig fanden mit den Betreuerinnen und der Jugendamtsmitarbeiterin Hilfeplangespräche statt, in denen Ziele vereinbart wurden.

Wie habt Ihr Eurem Umfeld kommuniziert, dass Eure Tochter eine Weile nicht bei Euch lebt? Und wie waren die Reaktionen?

Wir haben total offen darüber geredet, warum Linda nicht mehr bei uns wohnt, wo sie jetzt ist und wie es ihr geht. Die Geschichte war ja durch den Auszug noch nicht beendet. Es folgten einige Aufenthalte in der geschlossenen Jugendpsychatrie, meist nur über Wochenende, weil Linda suizidale Gedanken hatte. 

Wie hat sich Euer Familienleben durch die Trennung verändert?

Es ist hier zuhause ruhiger und harmonischer geworden. Das Verhältnis zwischen Linda und mir wurde durch die Trennung erst einmal besser. Vor allem dann, als wir beide endgültig den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen haben. Erst da wurde mir ja auch so richtig klar, wie sehr meine Mutter Gift verspritzt hatte.

Ist Linda irgendwann wieder zu Euch gezogen?

Meine Tochter ist nicht wieder nach Hause gekommen. Sie blieb eine ganze Weile in der Wohngruppe, zeitweise auch in einer eigenen Außenwohnung. Aber das hat zu der Zeit nicht gut funktioniert. Sie war auch immer wieder in der Psychiatrie, ich weiß noch, dass wir sie an ihrem 18. Geburtstag auch dort besucht haben.

Sie ist dann irgendwann in eine Erwachsenen-Wohngruppe einer Behinderteneinrichtung gezogen. Bei ihr wurde ein Borderline-Syndrom diagnostiziert und sie hat mittlerweile dadurch eine anerkannte seelische Behinderung. Sie hat einige Zeit in dieser Wohngruppe gelebt und ist dann mit ihrem damaligen Freund zusammen gezogen. Allerdings ging das nicht lange gut. Mittlerweile hat sie einen neuen Freund und lebt 300 Kilometer von uns entfernt. Im April wurde mein Enkelkind geboren. 

Wie geht es Euch heute?

Es geht uns recht gut. Ich kämpfe immer noch mit depressiven Phasen und bei beiden meiner Söhne wurden Lernbehinderungen diagnostiziert, aber damit werden wir fertig. 

Meinen Mann und mich hat die ganze Situation mit Linda, die ständige Angst und das ständige Kümmern müssen, sehr eng zusammengeschweißt. Was wir alles zusammen durchgemacht haben und womit wir fertig werden mussten, ist schon eine ganze Menge. Aber wir sind uns immer noch sehr nah.

Er hat nach wie vor immer noch ein besseres Verhältnis zu Linda als ich. Das wird sich aber wohl nie ändern. Ich merke aber auch, dass das Verhältnis zu meinen anderen Kindern ganz anders gelagert ist, weil sie nie meiner Mutter ausgesetzt waren. Ich selbst bin auch sehr gewachsen an allem, kann mich mittlerweile behaupten und bin selbstbewusster.

Was würdest Du Familien in ähnlichen Situationen raten?

Ich würde immer dazu raten, sich Hilfe zu holen. Auch wenn es schwer ist. Aber unsere Erfahrungen mit dem Jugendamt waren durchweg positiv. Keiner hat uns verurteilt, weil wir mit der Situation nicht mehr klargekommen sind. Allen lag nur das Wohlergehen meiner Tochter im Sinn und wir haben uns immer gut betreut gefühlt. 

Vielen Dank für Deine Geschichte, liebe Amelie. Weil uns so viele Leserinnen von ihren Jugendamts-Erfahrungen berichtet haben, gibt es hier bald auch noch ein zweites Stück zu dem Thema. 

Tags: Jugendamt, Krise, Familie, Obhut, Betreuung, Überforderung, Liebe, Kind

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Kommentare

Hut — Fr, 06/22/2018 - 14:15

Hallo Amelie, Vielen Dank für Deine ehrlichen Zeilen! Die Geschichte von Dir und Linda ist zutiefst bewegend. Danke auch an Katharina für das Interview! Ich wünsche Amelie und Linda Kraft, Mut, Geborgenheit, Liebe und gute Freunde. Und natürlich auch Glück.

Nadja — Sa, 06/23/2018 - 12:23

Ich arbeite selbst im JA in diesem Bereich. Es freut mich sehr zu hören, dass die Zusammenarbeit mit den JA auch mal positiv erlebt wurde und darüber berichtet wird. Es gibt in jedem Bereich schwarze Schafe, aber ich denke die meisten meiner Kollegen sind daran interessiert gemeinsam (!) mit den Familien passende Lösungen zu finden. Alles Gute für euch!

anonym — So, 11/04/2018 - 19:51

Wie kann eine Mutter sich in so einem Artikel als das Opfer darstellen. Dieses arme Kind, das ein Leben lang einsam, alleine und ungeliebt leben muss und unter diesen psychischen Störungen leiden muss. Mir tut diese Tochter unendlich leid und die Mutter geht in ihrem Selbstmitleid unter ohne Verantwortung für diese arme Tochter zu übernehmen . Danke an die Mitarbeiter des Jugendamtes, die dem Kind, so gut wie wohl möglich, geholfen haben. Was diese Mutter dem Kind angetan hat, kann sie nie wieder gut machen. Dass sie sich da noch als Opfer fühlt ist unglaublich. Sie sollte Verantwortung für diese arme Tochter übernehmen, deren Leben sie für immer geschädigt hat. Mir tut diese Tochter nur leid und ich hoffe, dass sie eine Chance hat, ein einigermaßen vernünftiges Leben zu leben und an ihre eigenen Kinder andere Werte weiter zu geben, als sie selber erfahren mussste. Dieses arme Kind.

Christin — Do, 02/28/2019 - 22:44

Ich finde ja den Kommentar über mir sehr ignorant, wertend und abschätzig. Das arme Kind war zur Zeit erwachsen genug um wegzulaufen. Die Mutter hat sich Hilfe geholt im besten Interesse des Kindes und über Bewertungen wie ihre hinweg. Sie kennen diese Mutter nicht persönlich und grundsätzlich einfach mal jemanden beschämen ist einfach nur ein hässliches Hobby. Was wissen sie denn soo viel besser als diese Mutter? Was richtig ist für ein fremdes Kind? Kehren sie erstmal vor der eigenen Tür bevor sie so eine anmaßende Kritik äußern.

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