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02/03/2019 - 07:00

Stadt-Mama Katharina

Interview mit Dini: Über die schönsten und stressigsten Momente mit einer Großfamilie

Liebe Dini, wer gehört denn alles zu Eurer Familie  und wie lebt Ihr?

Wir sind: Axel (40), Dini (34), Elijah (11), Simin (8), Mio (4), Yari (knapp 2) und Rumi (9 Wochen). Wir leben auf einem ehemaligem Bauernhof, den wir zum Gnadenhof umfunktioniert haben. Dieser befindet sich mitten in einem kleinen Dorf im vorderen Odenwald.



Fünf Kinder, da ist sicher einiges los. Wie sieht Euer typischer Alltag aus?

Unter der Woche sind unsere Tage durch Schule, Kita und nachmittägliche Termine relativ durchgeplant. Wir verbringen auch relativ viel Zeit im Auto, um die Kinder zur Freien Schule zu bringen. Unsere beiden Großen besuchen eine Waldorfschule mit alternativem Konzept, die wir mitgegründet haben und die sich nun im zweiten Jahr ihrer Laufbahn befindet. Unser 4jähriger geht auf eigenen Wunsch in einen kleinen, sehr familiären Kindergarten mit nur 14 Kindern und einem zugewandten und integrativen Konzept.


Mein Mann arbeitet als Lehrer für Kunst und Religion am Gymnasium und leitet dort zusätzlich noch die Nachmittagsbetreuung. Ich bin mit den jeweils kleinsten Kindern Zuhause, kümmere mich in den 3 Stunden am Vormittag um Haushalt, Hof, Tiere und Garten, bereite das Mittagessen vor und bespaße zwischendurch die Kinder bzw versuche, sie in meine Tätigkeiten miteinzubeziehen.



Wolltet Ihr immer eine Großfamilie oder hat sich das eher so ergeben?

Ich komme selbst aus einer Großfamilie und bin die Älteste von insgesamt 8 Kindern. Für mich stand es schon immer fest, dass ich selbst einmal mehr als die "klassischen" zwei Kinder möchte. Mein Mann hat nur einen Bruder, konnte sich aber immer auch mehrere Kinder vorstellen. 
Ich persönlich habe mich erst ab dem dritten Kind wie eine „richtige Familie“ gefühlt und dieses Gefühl verstärkt sich von Kind zu Kind.



Was sind für dich die schönsten und die stressigsten Momente des Tages?



Das Stressigste sind die Zeit-und Terminvorgaben, die die Schulpflicht uns auferlegt.  Hier wird ja nicht nur massiv in den Biorhythmus unserer Kinder eingegriffen, sondern auch die freie Zeit für die Familie beschnitten. Morgens alleine fünf Kinder fertig zu machen, mit Essen, frischen Klamotten zu versorgen und dabei Streitigkeiten aufgrund von Müdigkeit zu schlichten, Demotivation ins Gegenteil zu verkehren und dann auch noch alle mit zig Winterklamotten auszustaffieren und ins Auto zu bekommen...das bringt mich definitiv an meine Grenzen.
 Ebenso empfinde ich die Abende als stressig - aber nur, wenn wir uns selbst unter Druck setzen, die Kinder pünktlich wegen des Frühen Aufstehens ins Bett zu bekommen. 


Die schönsten Momente des Tages sind für mich, wenn wir alle gemeinsam am Tisch sitzen und essen. Wenn ich mit allen Kindern auf dem Sofa liege, ein Buch vorlese und dabei das Baby stille. Ebenso die Einschlafbegleitung unserer ersten vier Kinder im Familienbett, das ist immer so ein heiliger Moment für mich und wenn die ersten Kinder anfangen, in den Schlaf zu gleiten, denke ich immer voller Demut und Dankbarkeit „Wow, das sind alles meine“

.

Nun hast Du uns gesagt, dass Du auch schon blöde Kommentare zu Euerer Großfamilie gehört hast - welche waren das und wann?



Die Kommentare kommen meistens in den Schwangerschaften und werden von Kind zu Kind extremer. Es geht von „Nicht schon wieder!“, „Oh Gott!“ Ausrufen (mit Händen über den Kopf zusammenschagen) über Belehrungen wie „Jetzt reicht es aber mal“ und „So vielen Kindern kannst du doch gar nicht gerecht werden“ bishin zu völliger Ignoranz meiner Verkündigung, bei der dann einfach nahtlos in ein anderes Thema übergeleitet wird. Ebenso unverschämte Fragen wie „Hast du denn sonst keine anderen Pläne mehr für dein Leben?“ oder „Sammelt ihr die alle in ner Vitrine?“ oder „Braucht ihr nach dem nächsten Kind vielleicht mal einen Fernseher?“ 

Was meinst Du - wie profitieren Eure Kids von so vielen Geschwistern?



Was wir immer wieder rückgemeldet bekommen ist, dass unsere Kinder eine außergewöhnlich hohe Sozialkompetenz aufweisen, sehr empathisch auf die Bedürfnisse anderer reagieren.
Ich denke, da trägt die tägliche Interaktion zwischen den Geschwistern bestimmt einen guten Teil dazu bei. Ebenso ist immer mindestens ein Spielpartner vorhanden, es kommt also fast nie Langeweile auf. 
Unsere Kinder sind alle stark verbunden und auch, wenn es natürlich auch hier täglich Streitigkeiten gibt, überwiegt dennoch der Zusammenhalt und Spaß, den sie miteinander haben.




Ich fand die Umstellung von zwei auf drei Kinder ganz schön heftig - was war bei dir die heftigste Umstellung?



Ebenso die Umstellung von zwei auf drei Kinder. Hier haben wir auch den größten Abstand von knapp vier Jahren und irgendwie hat es eine Weile gebraucht, bis ich mich an das dritte bedürfnisstarke Baby gewöhnt hatte bzw den Alltag nach 18 Monaten durchgängig fast schlaflosen Nächten, geregelt zu bekommen. 



Wo holst Du Dir im Alltag Auszeiten bzw Kraft?


Gute Frage. Wenn ich mit dem Baby auf dem Sofa sitze, stille ich manchmal extra lang und bleibe so einfach noch ein Weilchen länger sitzen. Ebenso gehe ich fast jeden Abend alleine in die Badewanne für 30 Minuten, das heiße Wasser entspannt mich und gibt mir wieder neue Kraft.



Habt Ihr Unterstützung durch Großeltern oder Putzkraft?


Leider nein. Weder das eine noch das andere.



Was meinst Du, warum es heute einfach nicht mehr so viele Großfamilien gibt?



Zum einen denke ich, dass vielleicht mangelnde Unterstützung dafür verantwortlich ist. Uns allen fehlt ja eigentlich das Dorf, das es braucht, ein Kind großzuziehen. Auf der anderen Seite empfinde ich es so, dass sich das Bild einer kinderreichen Familie im gesellschaftlichen Kontext sehr stark verändert hat. Heute empfinden viele Menschen es als Verzicht, sich mehrere Jahre ihres Lebens den Kindern zu widmen und dabei nach ihrer Wahrnehmung, Selbstverwirklichung, Emanzipation, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, oder Luxusgütern einzuschränken. 



Wenn Du Dir eine Sache für Euren Alltag wünschen könntest, was wäre das?

Befreiung von der Schulpflicht und regelmäßige Unterstützung im Haushalt.

Tags: Großfamilie, Kinder, Leben, Ehe, Geschwister, Konflikt, Gesellschaft

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Kommentare

Karin — Sa, 03/02/2019 - 10:58

Liebe Dini, bitte verrate mir doch, was du zum Frühstück zu dir nimmst,damit du die Energie und Kraft hast das alles zu stemmen. Das möchte ich auch zu mir nehmen! Ich ziehe meinen Hut vor dir!

Andrea — Sa, 03/02/2019 - 11:22

Ich bin gerade mit meinem fünften Kind schwanger und liebe Berichte über Großfamilien. So sehr mich dieses turbulente Familienleben manchmal an meine Grenzen bringt, so sehr erfüllt es mich auch! Alles Liebe an Dini und ihre Familie!

anja — Sa, 03/02/2019 - 11:55

eine befreiung von der schulpflicht sehe ich sehr kritisch.

Anna — Sa, 03/02/2019 - 13:03

Unser Kleiner (gerade eins geworden) heißt Jari Mio... die Namen sind uns vorher noch nicht begegnet, aber eure Kinder heißen auch so. Wie schön! Außerdem bewundere ich euch für eure Großfamilie!! Ich stelle mir das wunderschön vor, kann aber meine Bedürfnisse (außer Familie) nicht so weit hinten anstellen, das macht mich sehr unzufrieden. Aber vielleicht noch ein Drittes...? ;)

Tanja — Mo, 03/04/2019 - 09:26

… gibt es einen Jari dessen kleiner Bruder Mio heißt! :-)

Anna — Sa, 03/02/2019 - 13:23

Danke für den schönen Artikel über diese starke Frau (und sicher auch Mann). Alle Kleinen und sich selbst in den Schianzug zu manövrieren ist ein wahrer Kraftakt. Dini du bist eine wunderbare Frau!

Sandra — Sa, 03/02/2019 - 17:33

wird in dem Interview so auf der Schulpflicht rumgehackt? Ich dachte, es geht hier um das Leben als Großfamilie. Verstehe ich nicht. Und die gewünschte Abschaffung der Schulpflicht sehe ich sehr kritisch. Vor allem verwundert mich diese Aussage, da der Mann als Lehrer arbeitet. Und die Aussage „erst ab dem 3. Kind haben wir uns als richtige Familie gefühlt“ finde ich irgendwie traurig. Ich habe zwei Kinder... Dennoch finde ich es bewundernswert, fünf Kinder zu haben.

Katrin — Sa, 03/02/2019 - 21:47

Ich könnte meinen Beruf und meine eigenen Interessen nicht so viele Jahre zurück stellen.

momof4 Katta — Sa, 03/02/2019 - 22:24

Danke für den interessanten Beitrag. Ich habe selber 4 Kinder in 4 Jahren -inklusive Zwillinge- bekommen und wir sind auch Aliens, vor allem weil wir beide arbeiten und die Kinder trotzdem ab 14 Uhr daheim sind. Ich finde das Leben als Großfamilie sehr spannend und herausfordernd, man bekommt wenig Hilfe von außen und darf tatsächlich nie klagen, da man es sich ja so ausgesucht hat. Ich würde mir mehr Mehrkindfamilie wünschen, da es wirklich Spaß macht und für die Kinder eine tolle Form des Heranwachsens ist. Wir kommen finanziell und nervlich regelmäßig an unsere Grenzen und darüber, aber das Abenteuer ist es wert. Meinen Beruf habe ich übrigens jedes mal 1 Jahr ausgesetzt und mache nun halbtags genau das, was ich immer wollte- Konzerte organisieren. ;-)

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