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18/05/2019 - 05:15

Stadt-Mama Katharina

Interview mit Jenny: Meine Tochter, 8, leidet an frühkindlicher Anorexie

Ihr Lieben, auch Kinder können schon eine Anorexie entwickeln? Das wissen viele nicht. Als Jenny davon erfuhr, war erstmal alles anders.

Liebe Jenny, Deine Tochter leidet an frühkindlicher Anorexie. Beschreib mal, wie sie als Baby war.

Meine Tochter kam als Frühchen zur Welt.  Leider konnte ich nicht stillen, wir haben tatsächlich alles versucht, aber es klappte einfach nicht. Sie war ein Schreikind, hat nie länger als 30 Minuten geschlafen und wirklich 18 Stunden am Tag geschrien. Wieso das so war, konnte uns nie jemand sagen. "Nehmen Sie die Situation eben an wie sie ist. Es geht vorbei." Nach 1,5 Jahren hat es sich dann tatsächlich gelegt. Sie war schon immer ein dünnes Baby, hat aber zugenommen und so sagte der Arzt: "Es ist alles ok."

Wie lief das Thema Beikost-Einführung bei euch ab? Hatte sie daran Interesse?

Mit Beikost haben wir ganz normal mit fünfeinhalb Monaten begonnen. Sie fand es anfangs ganz toll und hat eigentlich recht gut gegessen.

Wann hast Du das erste Mal gedacht: Meine Tochter ist nicht nur mäkelig, sondern da ist "mehr"?

Als sie etwa 1,5 Jahre alt war, hat sie plötzlich aufgehört zu essen. Sie hatte bis dahin auch immer mal noch Milchfläschchen getrunken, das wolle sie dann auch nicht mehr. Sie wurde dünner und dünner, als sie dann auch noch einen Infekt bekam, wurde es kritisch. Sie wollte einfach nicht mehr essen. Einmal hat der Kinderarzt zu ihr gesagt: "Wenn Du nicht bald isst, muss ich Dich ins Krankenhaus schicken, dann bekommst Du eine Sonde." Sie guckte ihn an und sagte: "Ok, wann fahren wir los?" Da war sie drei Jahre alt.

Wie sind die Ärzte mit Euch umgegangen?

Es konnte keiner so recht verstehen, was da vor sich ging. Ich zeigte ihnen die Protokolle, was meine Tochter isst und wie oft und dann hörte ich: "Kein 4jähriges Kind isst freiwillig fünf Tage NICHTS! Ihr Kind isst einfach heimlich." Aber wann und wie soll ein vierjähriges Kind heimlich essen? Ich hörte auch: "Kein Kind verhungert am gedeckten Tisch!" Ich kann nur sagen: Meins wäre es!

Wann gab es endlich eine Diagnose?

Witzigerweise habe ich zunächst selbst die Diagnose gestellt. Ich wusste einfach, dass es nicht normal ist, dass ein Kind nur zwei Nudeln in zwei Tagen isst. Ich habe mich im Internet schlau gemacht und bin dort auf die frühkindliche Anorexie gestoßen. Umso mehr ich darüber gelesen habe, desto mehr habe ich mein Kind verstanden.

Damit bin ich zum Arzt und habe ihm das alles gesagt. Er hat sich dann selbst eingelesen und bestätigte erstmals meinen Verdacht. Mia wurde dann organisch untersucht und wir gingen zu einer Ernährungspsychologin. Sie fragte: "Hatte Mia jemals Hunger? Also wirklich mir Magenknurren und Bauchweh?" Da fiel mir auf, dass Mia noch nie gesagt hatte, dass sie Hunger hat -auch nicht nach.

Was bedeutet die Diagnose genau?

Mia hat einfach kein Hungergefühl, sie nimmt den Hunger nicht wahr. Für sie ist Essen kein Genuss, sie tut es nur, um zu überleben. Heute isst sie immer noch weniger als ihr Bruder, der 19 Monate alt ist - aber sie isst wieder halbwegs regelmäßig. Und das ist das Wichtigste.

Für mich war die Diagnose wichtig, weil ich dadurch gelernt habe, dass mein Kind nicht "unnormal" ist, sondern einfach krank.

So eine Diagnose ist selten und sicherlich herrscht bei vielen Menschen Unverständnis. Welche Sprüche musstet Ihr Euch schon anhören?

Die Sprüche von außen war oft wirklich hart. Wir waren ja junge Eltern, es war das erste Kind und dann direkt sowas. Wir haben oft gehört, dass es unsere Schuld sei, dass wir sie verwöhnt hätten. Und dass sie sicherlich nicht verhungern würde, wir müssten nur härter sein.

Welche Therapien bekommt Deine Tochter und haben diese Erfolg?

Wir wussten ja jetzt, warum sie nicht isst. Sie hatte einfach keinen Hunger und logisch - wir essen meist auch nicht, wenn wir keinen Hunger haben. Wir mussten ihr also einen Bezug zum Essen vermitteln. Wir waren bei einem wundervollen Logopäden und einer Ergotherapeutin, die auch auf Essstörungen bei Kindern spezialisiert waren. Sie haben ihr spielerisch versucht, ein gutes Gefühl zum Essen zu vermitteln. Sie hat gelernt, dass sie Hunger hat, dass ihr Körper ihr Zeichen gibt, wenn sie essen muss.

Deine Tochter ist nun fast acht Jahre alt - wie geht es ihr?

Sie hat Phasen, in denen sie nicht essen möchte. Oder nur ganz bestimmte Dinge. Sie wird wohl nie eine unkomplizierte Esserin werden. Aber sie hat verstanden, dass sie essen MUSS. Auch wenn ich manchmal denke, dass sie nur isst um zu überleben - nicht um zu leben.

Hast Du Angst, dass sie als Teenager in eine "richtige" Anorexie rutschen könnte?

Eine frühkindliche Anorexie ist ja etwas völlig anderes als eine normale Anorexie. Menschen, die eine Anorexie haben, kämpfen ja gegen ihren Hunger an. Mia hat einfach ihren Hunger nie wahrgenommen. Für sie war er nicht existent. Sie kann aber genauso wie gesunde Menschen eine Anorexie entwickeln - wir hoffen aber das Beste.

Wie belastet Dich/Euch die Krankheit als Familie?

Manchmal war es richtig hart. Ganz oft gab es diese typischen Kämpfe am Tisch. Wir haben viel versucht. Ich habe oft zich Sachen gekocht, damit sie was isst. Aber wir mussten ja aber aufpassen, dass wir den kleinen Geschwistern nicht vormachen, dass es normal ist, nichts zu essen. Es war wirklich schwer. Und war eine sehr tränenreiche Zeit. Man kann ja nichts tun. Man sieht nur, dass sein Kind immer dünner und dünner wird und es trotzdem nichts essen will.

Was wünscht Du Dir für Deine Tochter?

Dass sie irgendwann merkt, das Essen auch Genuss sein kann. Dass sie einfach ein normales Gefühl dafür entwickelt. Aber ich glaube, sie ist auf einem guten Weg. Auch wenn ihr Speiseplan momentan noch sehr klein ist.

 

Foto: pixabay

Tags: Anorexie, Gesundheit, Krankheit, Hunger, Ernährung, Marotte, Gewohnheit, Essen, Kinder, Eltern, Sorgen

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Kommentare

Gundulina — Sa, 05/18/2019 - 19:16

Wow, eine interessante Geschichte, vielen Dank fürs Teilen! Hoffentlich hilft sie anderen Eltern, die ähnliche Herausforderungen haben. Alles Gute für Euch!

Siövi — So, 11/10/2019 - 00:28

Mein Kind ist auch ein Frühchen und hat eine Fütterstörung und VL auch frühkindliche Anorexie. Sie hat selten Hunger und isst nur sehr wenig. Sie ist untergewichtig und das trotz hochkalorischer Milch. Bei uns ist es so das sie entgegen aller Empfehlung ca alle 2h etwas zu essen gefüttert bekommt und das ob wohl sie 2 ist. Selbst würde sie nicht essen, Hunger hat sie auch kaum und wenn die 4h Abstände eingehalten werden isst sie noch weniger da sie essen total langweilig findet. Alle 2h oder alle 4h je 5-10 Löffel füttern Ist bei uns die Frage... ..Sätze wie ein Kind verhungert nicht am gedeckten Tisch ist Blödsinn. Meine Tochter war 2 Tage hintereinander in der Krippe und hat dort und zuhause nichts gegessen oder Milch /Saft getrunken. Sie hatte super Laune und keinen Unfall.....also ja Kinder die kein Hunger durch frühkindliche Anorexie haben sterben fröhlich......und Storys von dein Essen schmeckt wohl nicht oder meine Kinder waren fett das verwächst sich schon kenne ich auch..... Ich bilde mir ein das es etwas bringt zu sagen: xxxx.wenn du kein Hunger hast ess bitte etwas für Mama.....

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