Interviews

04/10/2019 - 07:00

Stadt-Mama Katharina

Interview mit Julia: So fühlt es sich als frischgebackene Frühchen-Mama an

Ihr Lieben, wir wissen, dass bei uns viele Frühchen-Mamas mitlesen - und haben ja auch immer wieder Berichte zu dem Thema. Wenn ein Kind zu früh zur Welt kommt, gerät das Leben der Eltern durcheinander, der Start ins Leben ist für das Baby so viel holpriger. Wir danken allen Frühchen-Mamas, die uns ihre Geschichte erzählen - so wie Julia heute! 

Liebe Julia, du bist im Mai Mama geworden - Dein Sohn kam zehn Wochen zu früh auf die Welt. Kannst du uns erzählen, wie die Schwangerschaft war? 

Die Schwangerschaft an sich war unkompliziert. Bis auf die anfängliche Müdigkeit hatte ich überhaupt keinerlei Beschwerden. Im Gegenteil, ich habe es wahnsinnig genossen schwanger zu sein und mich riesig auf das letzte Drittel und den noch größer werdenden Bauch gefreut. An dem Dienstag, bevor Konstantin dann auf die Welt gekommen ist, war ich sogar noch bei der Frauenärztin zur Kontrolle, mit CT. Alles war unauffällig. Deshalb dachte ich auch anfänglich als ich das Ziehen im Bauch hatte, dass es Mutterbandschmerzen sind.

Wie war dann der Tag der Geburt?

Konstantin ist als Spontangeburt (vaginale Geburt) auf die Welt gekommen. Ich lag seit über 48 Stunden im Krankenhaus mit Wehen und wehenhemmenden Mitteln. Um 09:00 Uhr an dem Tag seiner Geburt waren die 48h der Lungenreife überstanden und gegen Mittag desselben Tages sind die Wehen dann trotz Wehenhemmer immer schlimmer geworden. Zu diesem Zeitpunkt war der Muttermund schon 4,5 cm geöffnet. Während der gesamten Zeit im Krankenhaus wurden Konstantins Herztöne überwacht. Er hat sich von all dem total unbeeindruckt gezeigt, sodass die Ärzte mir die Wahl gelassen haben, ob ich eine normale Geburt oder einen Kaiserschnitt möchte. Ich wusste allerdings, dass es sobald es bei der normalen Geburt Komplikationen geben würde, sofort ein Kaiserschnitt eingeleitet werden würde. Für mich war die vaginale Geburt sofort die erste Wahl. Ich dachte, dass der Körper so eine bessere Chance hat überhaupt das vorzeitige Ende der Schwangerschaft zu realisieren und außerdem dachte ich, dass diese auch für Konstantin ein wichtiges Erlebnis im „auf die Welt kommen“ ist. Außerdem wollte ich natürlich auch wissen, wie sich eine „normale“ Geburt anfühlt. 

Wie ging es Konstantin nach der Geburt?

In dem Moment, als er auf die Welt gekommen ist, konnte ich nicht hinsehen, vor lauter Angst, was ich sehen würde. Wie klein er tatsächlich ist und ob er sich bewegt und schreit. Direkt nachdem er auf der Welt war, wurde er von den Ärzten in ein Nebenzimmer gebracht und dort Intensivmedizinisch versorgt. Also intubiert für die Atmung, angeschlossen an die Überwachung, Magensonde, Zugang, und in den Inkubator gelegt. Außerdem wurden natürlich ganz viele Untersuchungen durchgeführt. Für seine Woche war Konstantin mit 43 cm zwar recht lang, allerdings mit 1245g sehr leicht. Das heißt: Mein Mann und ich konnten ihn nach der Geburt gar nicht sehen. Das Einzige, was wir gesehen haben war ein Foto, das uns die Hebamme gebracht hat.

Wie ging es Dir nach der Geburt? 

Direkt nach der Geburt ging es mir körperlich wieder viel besser, da die Wehen vorbei waren. Ich war auch ziemlich schnell so fit, dass ich wieder aufstehen und Laufen konnte. Allerdings war ich natürlich voller Sorge, wie es Konstantin geht und wie die Zeit mit ihm werden würde bzw. wie er das ganze überstanden hatte und überstehen würde. Für mich war es absolut unreal, dass ich gerade eine Geburt hinter mir hatte und mein Kind jetzt auf der Welt war. Das wusste zwar mein Verstand aber fühlen konnte ich das nicht.

Dass ich jetzt Mutter war, war absolut nicht greifbar. Die ersten Tage und Wochen nach der Geburt habe ich fast nur geweint. Ich konnte überhaupt nicht begreifen was passiert war. Konstantin in seinem Inkubator zu sehen, tat mir jedes Mal so weh, weil er mir so leid tat, dass er so einen schweren Start ins Leben hatte. Eigentlich wäre er noch sicher und warm in Mamas Bauch gewesen. Wann immer ich bei ihm war, war ich voller Sorge um dieses kleine, zerbrechliche Wesen. Obwohl die Ärzte ja rund um die Uhr da waren, hatte ich nach der vorzeitigen Geburt unglaubliche Angst, dass Konstantin irgendetwas passieren würde und ich das Glück des Mutter seins nicht lange erleben darf.

Ganz schlimm war es in der Zeit wenn ich auf der normalen Neugeborenen Station war und dort die Mütter mit ihren reif geborenen großen Kindern sah, die sie in den Armen halten und mit nach Hause nehmen durften. Das hat mir jedes Mal vor Augen geführt, was ich nicht hatte, mir aber so sehr gewünscht habe.
Auch wenn ich Hochschwangere gesehen habe, war es jedes Mal ein Stich im Herz. Etwas, das ich in meiner Schwangerschaft auch so gerne noch erlebt hätte. Ich fragte mich natürlich, warum ausgerechnet mir und meinem Kind das passieren musste und alle anderen so eine unkomplizierte Schwangerschaft und Geburt hatten.

Wie lange musste Dein Sohn auf der Frühchenstation bleiben? 

Konstantin musste knapp 4 Wochen auf der Neonatologie bleiben. Wir konnten den ganzen Tag über zu ihm, von morgens früh bis abends um 22:00 Uhr. Nur während der Übergabezeiten war keine Besuchsmöglichkeit. Übernachten durfte ich bei Konstantin erst ein paar Tage, bevor klar war, dass es nach Hause geht. Das ging auch nur, weil Konstantin aufgrund eines Keims, den er hatte, ein Einzelzimmer hatte. Ansonsten gibt es auf der Station eigentlich keine Übernachtungsmöglichkeit.
Besonders hart war es am Abend, wenn mein Mann und ich gemeinsam zu Hause am Tisch saßen und etwas gegessen haben und uns Konstantin uns wahnsinnig gefehlt hat. Wir waren jetzt zwar Eltern aber unser Kind war nicht bei uns zuhause. Das war ganz komisch.

Was war das Schwerste in dieser Zeit?

Für mich persönlich waren es die Sorgen und die Ängste, die ich die ganze Zeit hatte. Auch wenn mir die Ärzte immer wieder sagen, dass es Konstantin gut macht, so war ich in ständigem Zweifel und in ständiger Angst. Mir fiel es so schwer, Konstantin so klein und hilflos zu sehen. Im Nachhinein betrachtet, hat mir glaube ich auch die hormonelle Umstellung ganz schön zu schaffen gemacht. Es gab Tage, an denen konnte ich nur weinen.

Was hat Dir immer wieder Kraft gegeben?

Mein Mann! Er war in der Zeit tatsächlich der Starke von uns beiden. Ich habe eine ganz neue Seite an ihm entdeckt. Mit unermüdlicher Geduld hat er mir zugehört, mir Mut gemacht und meinen Blick auf die positiven Dinge versucht zu lenken. Er war tatsächlich eine riesen Stütze!

Und dann natürlich Konstantin. Er hat alles so tapfer ertragen und einen wahnsinnigen Willen gezeigt. Schon nach ein paar Tagen wollte er ohne Unterstützung atmen. Die Ärzte im Krankenhaus haben immer gesagt, er habe seine „7 Meilenstiefel“ an und wolle unbedingt nach Hause zu uns. Da habe ich gedacht, wenn er so stark sein kann, dann kann ich das auch für ihn.

Er hat all die Untersuchungen, Blutabnahmen und Piekser so tapfer ertragen. Das hat mich unglaublich beindruckt und mir irgendwie ein Signal gegeben, dass er eine starke Mama braucht.
Abends vor dem Einschlafen haben mein Mann und ich uns immer gesagt, wofür wir am heutigen Tag dankbar waren und worauf wir stolz waren bzw. worüber wir uns gefreut haben. Das hat mir unglaublich geholfen auch wieder positiv zu denken und die kleinen Dinge wertzuschätzen. In jedem Tag gibt es etwas Gutes das dir passiert. Du musst den Blick dafür nur öffnen können.

Frühchen-Eltern erzählen oft, dass sie vom Umfeld seltsame Dinge hören - ging Euch das auch so?

Ich muss sagen, dass wir aus unserem Umfeld ganz toll aufgefangen wurden. Insbesondere auch von Arbeitskollegen und Freunden, die uns Mut machende Geschichten erzählt haben von Frühchen aus Ihrem Bekannten- und Freundeskreis. Das hat mir geholfen daran zu glauben, dass auch ein Frühchen irgendwann groß und stark werden kann.

Natürlich gab es aber immer wieder auch Momente, in denen ich gemerkt habe, dass viele Leute es gar nicht nachvollziehen können, was es bedeutet, wenn das Kind so früh auf die Welt kommt. Besonders weh taten mir all die Kommentare „Oh, der ist aber klein!“ oder „Ach Gott ist der winzig“. Das hat einfach jedes Mal den Finger in die Wunde gelegt und mir wieder vor Augen geführt, dass Konstantin eben nicht normal groß und schwer geboren wurde. Für uns hatte er zu diesem Zeitpunkt ja schon eine riesen Entwicklung hinter sich gebracht und das was die Leute gesehen haben war nur, dass er immer noch so klein ist. Das tat weh!

Wann durftet Ihr nach Hause und wie war das Gefühl, nach Hause zu kommen?

Nach 4 Wochen durften wir nach Hause, also in Woche 34+3. Da hatte Konstantin immer noch erst ein Gewicht von 1875g und er musste zur Unterstützung der Atmung noch ein Medikament nehmen.
Es war unbeschreiblich schön ihn mit nach Hause zu nehmen und in sein Bett zu legen. Allerdings waren wir gleichzeitig auch total in Sorge. Zum ersten Mal waren da keine Maschinen mehr, die seinen Atem überwacht haben und Alarm geschlagen hätten. Und auch keine Schwestern mehr, die uns unterstützt haben oder einfach nur bestärkt haben. Und gleichzeitig war da diese riesen Verantwortung dafür zuständig zu sein, dass Konstantin regelmäßig isst und zunimmt. Die ersten Nächte haben wir kaum geschlafen, aus lauter Sorge, dass Konstantin nicht richtig atmet. Für Konstantin war es auch komisch zuhause. Er hat richtig gefremdelt. Nachts mussten wir das Licht zum Schlafen anlassen und ihm haben irgendwie die Geräusche aus dem Krankenhaus gefehlt. 

Was hat diese schwere Zeit mit Euch als Paar gemacht?

Sie hat uns nochmal stärker zusammengeführt. In der Zeit gab es niemanden, außer uns, der wirklich nachvollziehen konnte wie es uns geht. Mein Mann und ich haben in den 4 Wochen auf der Neonatologie dieselben Dinge erlebt und erfahren und dieselben Sorgen geteilt. Dadurch hatte der jeweils andere ein ganz anderes Verständnis was das alles bedeutet.

Mir hat die Zeit nochmal ganz andere Seiten an meinem Mann gezeigt und ich habe ein unglaubliches Gefühl von „ich kann mich einfach fallen lassen und schwach sein und da ist jemand der fängt dich auf“ entwickelt.

Nach der Zeit jetzt macht uns keiner mehr etwas vor. Viele Dinge sehen wir jetzt mit komplett anderen Augen. Ich würde sagen, wir haben beide eine komplett neue Form der Dankbarkeit entwickelt. Für uns hat sich das, was im Leben wichtig ist, verschoben. Wenn Konstantin lächelt und es ihm gut geht, dann ist das unser größtes Geschenk.

Wie geht es Konstantin jetzt?

Seine Entwicklung wird im ersten Lebensjahr mit dem korrigierten Geburtstermin betrachtet, also seinem eigentlich errechneten Termin. Danach ist er jetzt etwas über zwei Monate. Ich würde sagen Konstantin entwickelt sich wie ein normales Baby. Er lächelt ganz viel, verfolgt Dinge mi den Augen und versucht langsam nach Dingen zu greifen. Ansonsten schläft er noch viel, weint, quengelt und macht die Windeln voll .

Und dann gibt es noch etwas, mit dem Du anderen Frühchen-Eltern Mut machen willst...

Genau, obwohl Konstantin so viel zu früh geboren wurde haben wir es geschafft, dass Konstantin voll gestillt wird. Es ist möglich und es lohnt sich dafür zu kämpfen. Ich habe direkt nach der Geburt angefangen im 3 Stundentakt Milch abzupumpen. Konsequent auch in der Nacht und ich hatte eine ganz tolle Stillberaterin. Mit ihrer Hilfe habe ich es geschafft eine gute Milchmenge zu produzieren. Und dank des Teams auf der Neonatologie durfte ich Konstantin ganz schnell an die Brust legen. Sie haben mich immer wieder ermutigt es mit dem Stillen zu probieren. Es war definitiv nicht leicht und auch für Konstantin am Anfang wahnsinnig mühsam aber es hat geklappt.

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Kommentare

Ivon — Fr, 10/04/2019 - 08:31

Wie schön und ergreifend und Mut machend. Super!

Momof4 — Fr, 10/04/2019 - 11:22

Liebe Julia! Danke für den Bericht und Glückwunsch zu Eurem tollen kleinen Kämpfer! Ich habe Frühchenzwillinge, die mittlerweile 5 Jahre alt sind, und 11 Wochen zu früh kamen. Solltest Du noch Tipps wünschen oder ein Austausch für Dich hilfreich ist, kannst du Dich gerne melden (Die Stadlandmamas geben Dir sicher meine Mailadresse weiter ;-) Frühchen brauchen oft noch lange eine intensive Begleitung, was nicht abschrecken, sondern Mut machen soll, denn wir Eltern können viel dafür tun, dass es ihnen gut geht. Ich wünsche Euch weiterhin alles Gute und drücke die Daumen für den ersten hoffentlich infektarmen Winter! Liebe Grüße, Katrin

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