Interviews

08/12/2018 - 07:30

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Interview zum Buch `Nestwärme, die Flügel verleiht` bei Stadt Land Mama

Nach ihrem Bestseller "Das Kind in dir muss Heimat finden" hat die Psychologin und Autorin Stefanie Stahl nun zusammen mit Julia Tomuschat ein neues Buch herausgebracht, das genau HEUTE erscheint: Nestwärme, die Flügel verleiht (Affiliate Link). Darin geht um Erziehung, ohne zu erziehen.

Gemeint ist, dass wir die Beziehung zu unseren Kindern und zu uns selbst reflektieren. Dass wir uns nicht immr mehr aufhalsen, sondern lieber weniger tun und dafür bewusster leben. Die Autorinnen sagen: Je besser wir uns selbst im Auge haben, desto leichter können wir durchatmen und unseren Kindern gute Eltern sein.Wir durften die Autorinnen dazu interviewen.

Sagen Sie, wie kann das gehen – erziehen ohne zu erziehen?

Das klingt zu schön um wahr zu sein. Oder? „Erziehen ohne zu erziehen“ ist der Untertitel unseres Buches. Was wir damit meinen ist, dass wir in unserem Buch die Eltern fast gar nicht mit Erziehungstipps belästigen. Wir halten uns da an eine Weisheit für Therapeuten aus der systemischen Familientherapie: „Gebt bloß keine Ratschläge, es ist auch so schon schwer genug.“ Trotzdem ist unser Buch eine kleine Herausforderung (nicht unanstrengend). Wir laden nämlich die Eltern dazu ein, sich selbst zu hinterfragen. Sich beispielsweise zu überlegen: Weshalb ängstige ich mich, wenn mein Kind alleine mit dem Fahrrad zu einem Freund fährt? Oder: Warum werde ich wütend, wenn mein Kind mit dem Essen herumspielt?

Sie setzen auf Beziehung statt Erziehung. Heißt das, dass alle, die erziehen keine Beziehung zu ihren Kindern haben?

Nein, selbstverständlich nicht. Wir wollen lediglich das Augenmerk auf die Beziehung legen. Eine der wichtigsten Beziehungen, die wir im Laufe unseres Lebens eingehen können, ist die zu unserem Kind/unseren Kindern. Wir ermutigen mit unserem Buch die Eltern, sich ebenso intensiv mit der Beziehung zum Sohn oder zur Tochter zu beschäftigen, wie man es tut, wenn man die Beziehung zum Partner oder zur Partnerin verbessern möchte.

Wie definieren Sie den Begriff Bindung?

Bindung ist unsere Fähigkeit, uns mit anderen Menschen zu verbinden. Sie hat ihren Ursprung in der besonderen Beziehung, die ein Kind zu seinen Eltern oder anderen Bindungspersonen eingeht. Mit Hilfe unserer Bindungsfähigkeit kann sich unser grundlegendes Bedürfnis nach Liebe und Zugehörigkeit erfüllen. Dafür müssen wir bestimmte Dinge können: Uns anpassen, zuhören, uns in andere einfühlen, Kompromisse eingehen und vertrauen. In dem Ausmaß wie es Eltern gelingt, die Bindungsbedürfnisse ihres Kindes zu erfüllen, erwirbt das Kind auch die Fähigkeiten, die es für die Bindung benötigt. Umso bindungsfähiger die Eltern also mit ihrem Kind umgehen, desto bindungsfähiger wird es selbst als Erwachsener.  

Sie schreiben, da es kaum Großfamilien mehr gebe, seien die Kinder den Ecken und Kanten ihrer Eltern ausgeliefert. Was meinen Sie damit konkret?

Es gibt das afrikanische Sprichwort „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“ und das würden wir auch so unterschreiben/befürworten. Kinder und Eltern profitieren davon, wenn sich mehrere Menschen um das Wohlergehen des Kindes kümmern, wie in einer Großfamilie, wo neben den leiblichen Eltern Geschwister, Tanten, Onkel, Cousinen/Cousins und Großeltern in unmittelbarer Nähe sind. Das Kind hat dann zum Beispiel die Auswahl, mit wem es seinen Kummer bespricht. Aber kaum jemand lebt mehr in einem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt, oder in einer Großfamilie. Die meisten Kinder leben in Klein- und Kleinstfamilien. Damit werden wir Eltern für das Kind zur allerallerwichtigsten Person. Wenn wir nun eine schlechte Phase haben oder bei einem Thema ganz besonders empfindlich sind, hat das Kind nicht die Möglichkeit, dem aus dem Weg zu gehen. Es ist uns in gewisser Weise ausgeliefert.
Deshalb ist es gut, wenn sich Eltern vernetzen und mit anderen Familien verbinden. Das ersetzt dann zumindest in Teilen die Großfamilie. Dafür bietet ihr mit eurem Blog bei den Leserfragen ja auch eine gute Plattform.

Sie plädieren für mehr Leichtigkeit und Entspannung in der Erziehung. Wie kann uns das in Zeiten der beruflichen und familiären Vielfachbelastung gelingen? (Auszeiten nehmen etc.)

Kommen wir noch einmal auf unsere Ecken und Kanten – man könnte auch sagen: unsere Macken – zurück. Die kommen häufig ganz besonders dann hervor, wenn es uns nicht gut geht. Deshalb ist es so wichtig, dass Eltern gut für sich sorgen. Natürlich ist es nicht leicht, in einem turbulenten Familien- und Berufsalltag auch noch Auszeiten zu nehmen. Das ist klar. Dennoch müssen wir es versuchen, indem wir zum Beispiel kleine Nischen schaffen wie fünf Minuten in Ruhe Zeitung lesen am Morgen oder ganz bewusst auf dem Balkon Sonne in sich aufnehmen. Daneben sollten aber auch mal längere Auszeiten drin sein. Die muss man einplanen.
Darüber hinaus können wir aber auch einmal überprüfen, was wir von uns selbst erwarten. Rund um Elternschaft ranken sich nämlich viele Glaubenssätze, die die Selbstfürsorge verhindern wie: „Eine gute Mutter ist rund um die Uhr für ihre Kinder da.“ Oft haben wir ganz unbewusst solche Filme am Laufen.

Je besser wir uns selbst im Auge haben, desto leichter können wir durchatmen und unseren Kindern gute Eltern sein, heißt es in Ihrem Buch. Das klingt spannend. Erklären Sie uns das mal…

Fast jede Mutter und jeder Vater kennt das folgende Phänomen: Man steht in der Küche und brüllt die gleichen Sätze heraus, wie damals die eigene Mutter oder der eigene Vater. Und obwohl man das nie wollte, wiederholt man alte Verhaltensmuster. Wenn wir diese durchschauen, können wir unsere Kinder freier und nach unseren eigenen Idealen erziehen. Dadurch bekommen wir aber auch unsere Kinder mehr Luft zu atmen.

Ist es für uns als Eltern also wichtig, erstmal zurück in die eigene Kindheit zu schauen?

Mit unseren Kindern holt uns unsere eigene Kindheit wieder ein. Das passiert ganz unwillkürlich. Wir haben unsere eigenen Prägungen in Bezug auf die Themen Bindung und Autonomie. Die Bindung steht für die Nestwärme und Fürsorge – die Autonomie für die Selbstständigkeit und freie Entwicklung des Kindes.  Je nachdem, wie ich als Elternteil in Bezug auf die Themen Bindung und Autonomie selbst aufgestellt bin, fällt es mir leichter oder schwerer, die Bedürfnisse meines Kindes nach Zuwendung und Freiheit zu erfüllen. Deswegen ist es wichtig, dass wir unsere eigenen Bindungs- und Autonomiebedürfnisse reflektieren. In unserem Buch geben wir den Eltern hierfür kleine Übungen.

 

 

Im Buch unterscheiden Sie zwischen angepassten und autonomen Eltern. Warum? Und wie sehen die jeweiligen Herausforderungen für sie aus?

Angepasste Eltern haben eine tiefe Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Ihre innere Balance ist also zu Gunsten der Bindung aus dem Gleichgewicht geraten. Sie verbinden sich ganz eng mit ihrem Kind. Das hat viele schöne Seiten. Vor allem ganz kleine Kinder brauchen ja viel Nähe. Angepassten Eltern fällt es tendenziell schwer, ihr Kind als eigenständigen von ihnen getrennten Menschen wahrzunehmen, was dazu führen kann, dass sie das Kind überbehüten und zu lange ans Nest binden.

Autonomen Eltern ist die eigene Freiheit wichtig. Sie können es gut akzeptieren, dass ihr Kind einmal eigene Wege geht. Für autonome Eltern ist eher die betreuungsintensive Zeit zu Anfang der Eltern-Kind-Beziehung eine Herausforderung. Mit einem Baby gibt es ja oft wenig Freiräume und da die innere Balance zu Gunsten der Autonomie aus dem Gleichgewicht ist, fühlen sich die autonomen Eltern in dieser Situation wie eingesperrt. Für autonome Eltern ist es deshalb besonders wichtig, dass sie immer mal wieder Auszeiten vom Familienalltag bekommen.

 

Wie reagieren wir richtig, wenn Kinder „unsere Knöpfchen drücken“?

„Knöpfchen drücken“ bedeutet zunächst einmal, dass mein Kind mich an einem wunden Punkt erwischt –  ich zum Beispiel sehr wütend werde, weil meine fünfjährige Tochter einfach nicht macht, was ich ihr sage. Es ist wichtig, dass wir unsere eigenen wunden Punkte verstehen, sozusagen das „Schattenkind“ in uns erkennen. Dieses ist geprägt von den eigenen Kindheitserfahrungen. Nur wenn ich mein Schattenkind im Blick habe, kann ich mich rechtzeitig ertappen, wenn es in mir wieder die Oberhand gewinnt. Und wenn ich mich dabei rechtzeitig ertappe, dann stehen die Chancen gut, dass ich meine Gefühle regulieren kann, bevor ich Dinge sage oder tue, die eigentlich nicht okay sind. Dadurch werden Freiräume geschaffen, die es uns ermöglichen andere Entscheidungen zu treffen und unserem Kind sowohl Halt zu geben (Nestwärme) als auch Freiheit zu schenken (Flügel).

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Tags: Erziehung, Begleitung, Familie, Eltern, Kinder, Elternschaft, Mutterschaft, Liebe

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