Stadtleben

16/07/2016 - 07:00

Stadt-Mama Katharina

Keiner macht alles richtig - warum denken wir dann, wir Mütter müssten unfehlbar sein?

Neulich war meine Geduld bereits um 8.34 Uhr aufgebraucht.

Ich hatte schlecht geschlafen, der Kleine hatte meinen Kaffee am Morgen umgeschüttet. Die Große hatte schlechte Laune, gab zickige Antworten und brauchte fünf Aufforderungen, um sich die Schuhe anzuziehen. Mir fiel das eine Kinderfahrrad auf den Fuß, musste meinen Sohn zwei Mal ermahnen, keine Blumen aus dem Nachbarsgarten abzurupfen. Ich sagte meiner Tochter mehrmals, sie solle nicht durch die Pfützen laufen, was sie trotzdem tat. Dann schubste sie den Kleiner, der ihr darauf hin mit einem Stock gegen das Bein haute.

Und da – 26 Minuten vor neun Uhr brüllte ich. Dass es mir reicht und jetzt Schluss ist – und all die anderen unsinnigen, emotionalen Sachen, die man eben so brüllt, wenn man mal brüllt.

Dann blickte ich mich um und sah, dass eine andere Mutter nur etwa 10 Meter hinter mir stand. Diese Frau ist wirklich unheimlich nett und gehört zu meiner innerlichen Top 3 der geduldigsten Mütter. Sie lächelte mich an, sagte nichts und ging weiter.

Ich schämte mich, weil ich von einer anderen Mutter erwischt worden war, wie ich meine Kinder anschrie. Und ich schämte mich, dass ich mich schämte, dass ich von einer Mutter erwischt worden war – und dass ich mich nicht etwa schämte, weil ich die Kinder angeschrien hatte.

Nachdem ich die Kinder zur Kita gebracht hatte, begegnete mir diese Mutter wieder. „Na, da hast Du mich heute mal bei einer meiner Erziehungs-Glanzleistungen gesehen“, sagte ich scherzhaft und immer noch peinlich berührt. Und dann – ganz plötzlich – öffnete diese andere Mutter mir ihr Herz. Sie sagte, wie schwierig es zu Hause bei ihr sei. Sie sei überfordert durch ihren anstrengenden Job und die zwei lebhaften Jungs. Sie könne so schlecht schlafen, weil sie nachts ständig Listen aufstelle, was sie alles noch zu tun habe.

Und mir fiel es wieder wie Schuppen von den Augen: Wir Mütter sind uns einfach so ähnlich. Die anderen haben auch Probleme. Bei denen läuft auch nicht alles rund. Auch die haben mal schlechte Tage und Wäscheberge im Keller.

An einem anderen Tag traf ich eine Frau, die ich beruflich sehr bewundere. Ich hatte sie persönlich vorher noch nie gesehen, in meiner Vorstellung war sie taff, nahezu unfehlbar, immer zu Höchstleistungen motiviert und dabei gut gelaunt.

Dann beobachtete ich sie. Sie wirkte nervös und müde. Und als wir mit einander sprachen, merkte ich, dass sie gar nicht so souverän ist, wie ich dachte. Noch immer bewundere ich sie für das, was sie beruflich leistet. Aber ich merkte: Die macht das auch nicht einfach so nebenbei. Es strengt sie auch an. Sie ist auch kein Übermensch.

Nicht, dass ich falsch verstanden werde. Ich freue mich nicht über eventuelle Unsicherheiten von anderen Frauen – es zeigt mir nur, dass alle anderen auch nur mit Wasser kochen.

Ganz generell kämpfe ich immer wieder gegen das Gefühl, dass andere alles viel besser können als ich. Ich weiss noch, dass ich früher oft davon träumte, dass mein Chef auf mich zu kommt und sagt, ich sei nicht qualifiziert genug. Ich war immer schlecht bei Gehaltsverhandlungen, worüber ich mich heute schwarz ärgere. Langsam werde ich selbstsicherer, kenne meinen Wert und traue mich dafür einzustehen. 

Ich glaube, dass das eine der wichtigsten Lektionen im Leben ist. Vetrau auf Dich selbst. Du hast Stätken und Du hast Schwächen - wie jeder andere auch. Sei nicht so streng mit Dir. Du bist kein Roboter, Du darfst Fehler machen, Du darfst mal müde sein und genervt. Aber: Du bist auch stärker als Du meinst. Rappel Dich auf, fass neuen Mut und erobere die Welt. 

PS: Dieses Foto entstand im Italienurlaub. Hach, da sehe ich doch echt ganz happy aus. Haben sich die Kids wahrscheinlich gerade mal fünf Minuten nicht gezofft :-)

 

Tags: Mutterschaft, Kinder, Familie, Frau, Erfolg, Beruf, Geduld

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Kommentare

Jutta von siebe... — Sa, 07/16/2016 - 10:29

Schön geschrieben und ja, genau so ist es. Und das Foto ist wirklich toll. Ein entspanntes Wochenende und liebe Grüße Jutta

Nele — Sa, 07/16/2016 - 12:15

Genau diesen Text habe ich heute gebraucht! :-) Danke dafür! Herzliche Grüße von einer absolut unperfekten, müden und oft überforderten Mutter, die im beruflichen Umfeld immer "bewundert" und als Modell dafür genommen wird, dass "Vereinbarkeit" ja offenbar kein Problem sei, weil ich das ja ach so toll alles hinbekomme... (und die davon träumt beim nächsten Mal auf den Tisch zu hauen und sich mal so richtig auszuk..., wie hoch der Preis dafür ist.)

Katja — Mo, 07/18/2016 - 09:02

Vielen Dank für diesen Beitrag! Wie oft geht es mir auch so und man schaut verschämt nach links und nach rechts, wer einen gerade beim Schreien erwischt hat... Man fühlt sich ja letztlich doch immer allein und fühlt sich, als wäre man die einzige Mutter, die so reagiert. Aber wir sind nicht alleine :-) Wir alle haben hin und wieder zu kämpfen und es gibt auch mal Tage, an denen es nicht rund läuft. Liebe Grüße von einer unperfekten Mutter.

isa — Mo, 07/18/2016 - 21:30

Hey, das kommt mir sehr bekannt vor... Und ich habe es auch schon anders herum erlebt..., dass mir gesagt wurde, ich würde immer alles so locker machen und wäre immer entspannt und gut gelaunt mit den Kids und sähe immer fit und gut aus, hihi, da sieht man mal, wie die Wahrnhemung Anderer ist, wenn sie selber gestresst sind.... Und meist war das dann an einem Tag, an dem ich am liebsten schon am Nachmittag ins Bett gegangen wäre oder die Kids zu ihrer Oma geschickt hätte (die leider nicht existiert ;-)- zumindest nicht in erreichbarer Nähe.... ach, wie ich darum Andere beneide!!!!). Wenn ich denen dann die Realität geschildert habe, waren die ganz erleichtert, eben so wie DU- Katharina (und sie mochten mich gleich viel lieber ;-))

Marina — So, 07/30/2017 - 03:29

... probiert es damit, kauft euch das Buch. Mein letzter Schrei war am 06. Mai. Und es ist soooo viel entspannter seitdem! Danke für dieses Buch!

Marina — So, 07/30/2017 - 13:59

... dieses Buch war gemeint ... das ist Link auf die Website, das Buch heißt "Erziehen ohne auszurasten"

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