Stadtleben

08/08/2016 - 07:30

Stadt-Mama Katharina

Müssen Schwangere eigentlich dauerhappy sein?

Eine Freundin von mir ist gerade mit dem ersten Kind in der achten Schwangerschaftswoche schwanger. Es ist ein Wunschkind und meine Freundin ist der Typ Frau, der schon immer Mutter werden wollte.

Und trotzdem beichtete sie mir neulich, dass sie nachts oft wach liegen würde und Panik-Attacken hätte. Dass sie sich wirklich auf das Baby freuen würde, aber eben nicht 24/7.

Dass sie oft daran denken würde, was sich alles ändern wird und dass sie da ganz schön Bammel bekäme. Und vor allem, dass sie sich gar nicht traue, über diese Gefühle zu sprechen. 

Ich kenne dieses emotionale Auf und Ab! Als ich bei meiner Großen den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, ging ich in die Küche, rauchte drei Zigaretten und starrte aus dem Fenster. Dann schmiss ich die Kippenschachtel in dem Müll und dachte: „Das war´s jetzt!“ Damit meinte ich natürlich das Rauchen – aber auch ein bisschen das ganze Drum Herum. Weggehen, Ausschlafen, Kultururlaube, Clubbesuche, DVD-Nächte und so weiter und so weiter. Das mag kindisch und egoistisch klingen, aber mir war einfach bewusst, dass ein unbeschwerter Lebensabschnitt zu Ende geht. Natürlich habe ich mich wie Bolle auf mein Baby gefreut, aber es war auch eine Spur Wehmut dabei...

Ich gebe gerne zu, dass ich mich lange lange sehr schwer mit Veränderungen getan habe. Ich weiß noch, dass ich richtig geheult habe, als die Schulzeit vorbei war. Ich hatte so Angst, meine Freunde zu verlieren und das Nest zu verlassen. Kurz darauf habe ich mich begeistert ins Studium geschmissen und diese Zeit voll ausgelebt.

Als ich damit fertig war, war ich ebenfalls richtig traurig. Nach ein paar Tagen, in denen ich absolut in den Seilen hing, begann ich auf der Journalistenschule und war mega happy dort.

Als ich mein Zeugnis in der Hand hielt, hatte ich super Bammel. Vorbei der Welpenschutz, jetzt musst Du richtig Geld verdienen, dachte ich. Und wollte mich lieber verkriechen. Bis ich merkte, wie toll das ist, was ich da beruflich machen kann.

An meinem letzten Arbeitstag vor der Elternzeit brachte ein Kollege meine Sachen in mein Auto. Ich wollte stark wirken, sagte lässig: „Bis in einem Jahr!“ Als mein Kollege weg war, heulte ich. Ich hatte Angst. Denn ich verließ gewohntes Gebiet und würde bald eine neue Chefin haben, die ich nicht einschätzen konnte – meine Tochter.

Doch auch hier merkte ich bald, dass es eine neue Aufgabe ist, die mich erfüllt. Die mir Spaß macht und in die ich hineinwachse.

Trotzdem habe ich auch beim zweiten positiven Schwangerschaftstest erst geschluckt und gedacht: „Jetzt läuft doch alles so gut mit Job und Kind. Und jetzt fängst Du wieder von vorne an?“

Ich habe mit kaum jemand darüber gesprochen, weil ich nicht als undankbar gelten wollte. Schließlich weiß ich ja, wie viele Frauen gerne schwanger werden würden – und es nicht werden. Ich bin mir bewusst, wie viel Glück ich also habe.

Und trotzdem brauchte ich immer eine gewisse Zeit, um mich an die neue Situation zu gewöhnen.

Das Gute ist: All die Jahre habe ich mich sehr schwer getan mit Veränderungen. Durch Kinder merken wir schnell, dass sich alles ständig verändert. Sie werden groß, selbstständiger. Was gerade noch gut klappte, funktioniert plötzlich nicht mehr. Rituale, die bis vor Kurzem noch gut zum Familienleben passten, müssen verändert werden. Kinder lehren uns: Nichts bleibt wie es ist. Und mittlerweile kann ich tatsächlich viel besser mit Veränderungen umgehen. 

All das habe ich meine Freundin jetzt gesagt.

Ich habe ihr auch gesagt, dass sie sich nicht schuldig fühlen soll. Dass wir Mütter sowieso ständig gesagt bekommen, wie wir uns zu verhalten haben. Dass alle Welt meint, zu wissen, wie wir uns fühlen sollen. Wie und wo wir unsere Kinder bekommen sollen, wie wir sie erziehen sollen, wann wir abstillen sollen, wann wir wieder arbeiten gehen sollen.

Ich habe ihr gesagt, dass es eben ein Ideal-Bild einer Mutter gibt. Und dazu gehört auch, dass jede Schwangere nonstop übers ganze Gesicht zu strahlen hat.

Ich habe ihr gesagt, dass sie gut beraten ist, auf all das zu pfeifen. Je früher sie das versteht, desto besser.

Nur sie ist für sich und ihr Kind verantwortlich. Ich weiß, sie wird eine wunderbare Mutter sein. Keine fehlerlose, aber eine authentische. Eine mit Schwächen, mit Zweifeln, mit Ängsten, mit Höhen und Tiefen.

Ich habe ihr auch gesagt, dass Kinder ein Geschenk sind und dass das das Leben zwar anders, aber wunderbar werden wird. 

Sie wird in ihre Rolle reinwachsen und eine ungeheure Liebe und Stärke entwickeln. Sie wird die beste Mutter werden, die sich ihr Kind wünschen kann...

PS: Das Foto oben zeigt mich, gerade schwanger in der 25 SSW und ziemlich happy :-)

Tags: schwanger, Glück, Familie, Kind, Mutter, Geburt, Veränderungen

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Kommentare

Lena — Mo, 08/08/2016 - 08:36

Ich war richtig übel! Beim ersten gings noch war ich beim 2. Regelrecht depressiv! Die Hormone haben mich fest im Griff gehabt. Klar für alte nervige Leute hab ich mein bestes lächeln aufgesetzt und ich weiß auch wie schuldig ich mich gefühlt habe weil ich wieder schwanger bin und mehrere freunde so schlimme Probleme haben schwanger zu werden. Ich bin eine schlechte Schwangere! Erst ist mir ständig schlecht dann bin ich ständig müde und zweifel ob ich 2 kinder wuppe hatte ich jeden tag! Aber es ist sllrs gut gegangen, ich hab gerade das lustigste baby der welt zu hause und alles ist gut! Nur schwanger sein will ich nie wieder - ich fands bis auf babymomente die toll sind - meistens ätzend! Also kopf hoch! Alles gut!

Lisa — Mo, 08/08/2016 - 09:09

Die Auflistung der Momente in denen Veränderung anstand und das stets mit Geheule und Schmerzen verbunden wurde, fand ich super, danke! Weil es mir gezeigt hat, dass es nicht nur mir so geht. Mir fallen Lebensveränderungen sau schwer und ich brauche immer eine ganze Weile um emotional hinter her zu kommen oder darein zu wachsen. Auch, wenn es was positives ist. Aber jedes Neue ist bei mir mit Angst, Unsicherheit und Aufregung verbunden. Und da ich diese Tatsache gut weg gedrängt habe, hat sich daraus eine ordentliche Wochenbettdepression entwickelt. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass mir diese Veränderung eine Mama geworden zu sein, so extrem schwer fällt. Hab mir nicht gestattet Abschiedsschmerz zuzulassen.. von daher! Immer raus mit den Sorgen und Ängsten.. kommunizieren und im Gespräch bleiben! Gefühle nicht wegdrängen sondern ernst und wahr nehmen!

Ute — Mo, 08/08/2016 - 09:29

Ich war auch total durcheinander, obwohl du mir ein Kind gewünscht hatte. Vielleicht war es ein bisschen die Hormone, vielleicht eben auch die allgemeine Umstellung. Aber natürlich ist es ein riesiger Schritt, Mutter zu werden. Und darüber darf man auch mal ein bisschen grübeln. danke für eure Ehrlichkeit

Schloeres — Mo, 08/08/2016 - 09:33

Das tut so gut zu lesen, dass selbst eine nach außen sehr stark wirkende Frau wie Du manchmal mit Veränderungen zu kämpfen hat und man nicht alleine damit ist! Mir fallen Veränderungen auch schon immer schwer, mittlerweile machen sie mir häufig sogar Angst... Ich versuche mir dann bewusst zu machen, dass jede Veränderung auch eine Chance ist und nicht nur die Risiken zu sehen. Aber es ist so schwer... Während der Schwangerschaft hatte ich oft Zweifel und es lief alles gut. Ich hab mir also völlig umsonst die Zeit vermiest. Nun steht die Kita-Eingewöhnung und die Rückkehr ins Arbeitsleben bevor und ich bin wieder am üben ;-)

eva — Mo, 08/08/2016 - 09:38

so eine gute Freundin und Beraterin, wie Dich zu haben. Danke, ein schöner Artikel

Lila — Mo, 08/08/2016 - 20:23

Ich muss das jetzt einfach mal sagen: ich hab so die Schnauze voll von diesem sozialen Diktat für Mütter, bei dem jede Abweichung zum Punktabzug führt. Ich bin so eine ganz andere Mutti: ich gehe mit Absicht Vollzeit arbeiten, mein Mann ist zuständig für Kita, die Nächte und den Kinderarzt. Im ersten Jahr hab ich das alles gemacht und was soll ich sagen: ich hab gekämpft, gelacht,gelitten und gewonnen. Ich bin stolz wie Oscar darüber, dass ich mich der Selbstaufgabe, die ich so gefürchtet habe, gestellt habe. Niemand sollte einer Schwangeren unf einer Mutter vorschreiben wie sie sich zu fühlen hätte. Sie fühlt was sie fühlt und ist Wer sie ist. Das Kind wird das alles verändern, aber das ist ein Prozess. Keiner wird mit der Befruchtung zum strahlenden Supermenschen und keiner darf das verlangen.

Greenkerstine — Di, 08/09/2016 - 07:06

Einfach nur danke für diesen Post. Du sprichst mir aus der Seele und machst mir Mut. Mir geht es nämlich genau so! 20. SSW, Wunschkind und glücklich, dass es ENDLICH geklappt hat. Und trotzdem mache ich mir so oft Gedanken, ob ich das schaffe und darüber, was mit Kind dann alles vorbei ist. Es kommen dann neue tolle Zeiten und trotzdem trauere ich den alten ein bisschen hinterher. Aber das gehört wohl dazu.

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