Interviews

25/10/2018 - 06:45

Stadt-Mama Katharina

Mütter-WG: Wir haben uns als Alleinerziehende einfach zusammengetan

Liebe Annika, ihr seid zwei Muttis, drei Kinder zwischen fünf und sechszehn, zwei Hunde und zwei Katzen und wohnt in einer Frauen-WG. Wie kam es dazu? 

Steffi und ich waren quasi zeitgleich durch mit unseren Beziehungen und mussten nicht lange überlegen, ob wir uns einfach zusammen tun. Der Beschluss stand Anfang des Jahres und im Mai bin ich mit meiner Tochter (6) und meinem Hund Wassily zu Steffi gezogen. Sie hat eine fünfjährige Tochter, einen sechzehnjährigen Sohn, den Hund Grayson und die Katzen Lily und Socke.

Ihr lebt in Nürnberg, wie genau lebt ihr da?

Wir wohnen am Stadtrand in einem Haus aus den 60ern - noch so nah an der Stadt, dass man immerhin die Burg sieht. Das Haus hat sogar einen großen Garten mit Obstbäumen und eine Terrasse, auf der wir übersommert haben, allmählich ziehen wir uns nach drinnen zurück. Auf zwei Etagen verteilt hat jedes WG-Familienmitglied sein eigenes Zimmer und wir teilen uns ein großes Wohnzimmer, die Küche und ein Bad.

Nun ist es ja schon schwierig, eine Familie zu finden, mit der man mal zusammen in den Urlaub fahren kann, weil es andere Essensgewohnheiten, andere Schlafrhythmen, andere Erziehungsmethoden gibt. Weil sich die Kinder vielleicht nicht so gut verstehen wie die Eltern und so weiter… wie klappt das bei euch?

Wir sind beide nicht sonderlich starr bei Regeln und eher flexibel. Es ist auch für uns beide völlig ok, dass es eben nicht immer alles gleich sein kann - das lernen die Kinder auch nach und nach immer besser. Und wenn es ganz arg ist, die Kinderzimmer sind auf unterschiedlichen Etagen und dann können sich beide auch mal zurückziehen. Feste Regeln gibt es eh bloß so, dass sie für die Kinder nachvollziehbar sind und sich an den Bedürfnissen von allen orientieren. Wir Muttis sind uns da aber auch einfach extrem ähnlich - wir haben ähnliche Werte, Vorstellungen und Erwartungen.

Letztes Jahr waren wir tatsächlich sogar zwei Mal zusammen im Urlaub - einmal "mit allen" (Hund, Väter, großes Kind, Gepäck ohne Ende). Und einmal nur wir zwei mit unseren kleinen Mädels, haben uns sogar ein Hotelzimmer geteilt und hatten es paradiesisch miteinander. Uns war damals schon klar, dass wir am liebsten in einer Kommune wohnen würden, allein die Vorstellung, abends immer noch mal zusammen sitzen zu können - wir haben uns im letzten Jahre eigentlich jeden Abend geschrieben, wie gern wir jetzt noch einen Wein zusammen trinken würden.

Worüber gab es zuletzt Streit bei euch im Haus?

Richtigen Streit gab es bei uns bisher nicht. Ab und zu kriege ich einen kleinen Ausblick auf die Zeit mit einem pubertierenden Kind. Der Bub ist aber umgänglich und wenn es kein Geschirr mehr gibt, weil er es in seinem Zimmer hortet, mach ich kurz das WLan aus und schon ist es wieder da - bisher alles ganz entspannt...

Wie unterstützt ihr euch gegenseitig im Alltag?

Bis zu den Sommerferien waren beide Kinder noch im gleichen Kinderladen - da hat immer eine die Kinder gebracht und eine sie abgeholt. Jetzt geht meine Tochter in die Schule und wir sind jetzt morgens immer etwas früher dran, da gibt es kein gemeinsames Bringen mehr. Alltagssachen wie Kaffee kochen und Einkaufen macht immer nur eine, wir essen auch alle zusammen und so teilen wir uns alles immer irgendwie auf - superlange Absprachen und Pläne gibt es nicht, klappt auch so mit zwischendurch planen und überlegen gut.

Das Schönste ist natürlich, dass unsere Hunde auch ein Herz und eine Seele sind und man die beiden auch gut zusammen versorgen kann. Keine von uns hätte weiter arbeiten, allein mit Kind sein und ihren Hund behalten können. So geht halt eine spazieren und eine bleibt bei den Kindern oder eine kommt mittags heim und geht mit den beiden raus. Außerdem sind die Papas auch voll involviert und wir schauen alle immer, dass möglichst beide Mädels parallel bei uns bzw. bei ihnen sind, wir wollen alle, dass die beiden viel Zeit miteinander verbringen können und auch die Väter machen gern Ausflüge zu viert. Die Papas sind auch jederzeit willkommen und kommen mal zum Abendessen und bleiben mindestens auf einen Kaffee, wenn sie die Mädchen bringen oder holen.

Ist es ein Glücksfall, dass ihr euch gefunden habt und es so gut funktioniert oder glaubst du, das kann ein Modell für viele sein, wenn sie nur gewisse Voraussetzungen erfüllen?

Ich glaube, es ist in jeder Hinsicht ein Glücksfall für uns beide, dass wir uns haben - denn wir sind einfach sehr gute Freundinnen und dadurch ist das Zusammenleben einfach schon herrlich, weil ich mich jeden Morgen freue, sie zu sehen. Man muss aber definitiv ein WG-Typ sein, ich glaub, nicht jeder mag das unbedingt, auch wenn man in unserem großen Haus mit den vielen kindfreien Zeiten echt Raum für Rückzug hat. Wir machen natürlich auch nicht alles zusammen, aber wir verbringen einfach gerne Zeit miteinander, gehen zusammen aus, gammeln zusammen unseren Kater weg und reden über alles. Aber ich glaube, wenn noch andere involviert sind, die man so zum Zusammenwohnen "zwingt", muss es zwischen allen schon gut passen. Zum Glück verstehen sich alle Kinder auch sehr gut und vermissen sich richtig, wenn sie sich ein paar Tage nicht sehen. Diese Form des Wohnens ist so noch ziemlich unbekannt.

Offenbar ist es auch schwierig, Förderungen dafür zu bekommen, weil es „dafür kein Formular gibt“… welche Hürden musstet ihr nehmen?

Unsere Hürde war ganz anderer Art - wir haben sehr nette Vermieter, die allerdings etwas weiter weg wohnen. Dadurch, dass das Haus schon etwas älter ist und sie es ziemlich günstig vermieten, war eine Bedingung des Mietens, dass man kleine handwerkliche Dinge selbst erledigt. Da mussten wir selbst erstmal überlegen, ob wir uns das zutrauen und haben dann versichert, dass wir genug Hilfe haben und manche Sachen auch selbst erledigen können.

Was meinst du, warum sich nicht viel mehr Alleinerziehende zusammen tun, um sich gegenseitig zu unterstützen, Kosten zu sparen und sich zusammenzutun?

Ich weiß sowieso nicht, warum sich Mütter überhaupt nicht mehr zusammen tun. Seit meine Tochter in die Krippe geht, habe ich mich mit anderen Müttern (unter anderem Steffi) zusammen getan und wir haben an festen Nachmittagen gegenseitig unsere Kinder mitgenommen und uns dann abends getroffen und für einander gekocht. Die Kinder profitieren meiner Meinung nach wahnsinnig davon, Spielpartner zu haben mit denen sie gemeinsam wachsen können und einfach auch andere Familien kennen zu lernen.

Ich habe keine Familie hier und diese Nachmittagsverabredungen waren und sind für mich und die anderen Mütter das Highlight der Woche! Man hat einen Nachmittag, an dem man länger arbeiten kann oder den man für sich nutzen kann, abends nette Gesellschaft und Zeit, sich auszutauschen, Tipps zu holen und dadurch, dass die Kinder miteinander spielen, ist es meistens super entspannt. Außerdem sitzt jemand am Tisch, der sich freut, weil jemand anderes gekocht hat und mäkelt garantiert nicht am Essen rum. Das kann sehr schön sein...

Dann geht man mit seinem satten Kind nach Hause, ist beseelt von einem netten Plausch und das Kind ist ausgeglichen, weil es den ganzen Nachmittag gespielt hat. Vielleicht hatte ich immer Glück und hab nur nette Mütter und nette Kinder kennen gelernt? Aber das war und ist für mich Gold wert. Und dadurch, dass das eigene Kind den anderen Haushalt so gut kennt, sind wir auch irgendwann dazu übergegangen, Übernachtungen der Kinder beieinander zu organisieren.

Dann kann die Partymutti ausschlafen, zum (späten) Frühstück kommen und es ist für alle wahnsinnig entspannt. Und wenn es nicht entspannt ist, wirft man die Glotze an und damit kommen wir alle klar, weil wir alle wissen, wie es ist. An einem Nachmittag hat man Lust, zehn Runden UNO zu spielen und erträgt Knete oder Wasserfarbe überall und manchmal halt nicht.

Auch wenn man nicht alleinerziehend ist, Mutter sein kann einfach mega anstrengend sein und Kind sein sowieso - da braucht man unbedingt gute Freunde, die einen verstehen und mit denen man ehrlich über alles reden kann und einfach sein kann wie man ist.

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Kommentare

Kasia Mielniczek — Do, 10/25/2018 - 12:02

Hallo Ihr Lieben, danke für das Interview! Ich fühle mich ermutigt und inspiriert. Ich wohne in der Nähe von Nürnberg und überlege seit Wochen, ein ähnliches Projekt zu starten (WG oder Kommune). Ich würde total gerne mit Annika und Steffi Kontakt aufnehmen! Könnt Ihr mir helfen? Alles Liebe, Kasia

Annika — Do, 10/25/2018 - 19:09

Schreib mir doch einfach bei facebook, ich bin in zwei Kommentaren unter dem dort geteilten Artikel markiert und hab den Artikel geteilt, vielleicht findest du mich so:) ansonsten findet sich bestimmt ein anderer Weg!

Fraki — Do, 10/25/2018 - 14:21

Cooles interview. Gerade komm ich von Leuten, wo 2 Geschwister plus Familie in einem Haus leben und hätte gedacht, dass das für mich und meine Geschwister auch schön sein könnte und dann dieser Artikel hier!

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