Gastbeiträge

30/08/2019 - 06:45

Stadt-Mama Katharina

Mitarbeiterin im Jobcenter: Mehr Geld?! Was Kindern wirklich aus der Armut helfen würde

Ich heiße Hanne und ich habe wie viele andere auch die neue Studie zum Thema Kinderarmut gelesen. Mit Kinderarmut kenne ich mich aus, ich arbeite seit elf Jahren im Jobcenter.

Zunächst war ich im Norden Deutschlands beschäftigt, heute lebe ich im Süden. Über die Jahre hinweg habe ich viele Schicksale gesehen und muss sagen, dass ich auf Vieles heute einen anderen Blickwinkel habe.

Wenn Eltern sagen, dass sie kein Geld für Freizeitaktivitäten haben, dann habe ich bei einigen leider die leise Vermutung: Auch, wenn wir die Regelsätze erhöhen würden, würden ihre Kinder keinen Zoobesuch genießen können. Ganz einfach, weil viele von ihnen heute nicht mehr gut mit Geld umgehen können. Oder weil es jemand aus der Familie an anderen Stellen durchbringt. Leider.

In Deutschland ist der Regelsatz für Kinder so gestaffelt:

0 bis 5 Jahre     =   245,00 EUR
6 bis 13 Jahre    =   302,00 EUR
14 bis 17 Jahre  =   322,00 EUR

Auf diesen Regelsatz wird das Kindergeld angerechnet, die Mietkosten werden in jeder Bedarfsgemeinschaft noch zusätzlich gewährt. Von diesen Regelsätzen müssen Lebensmittel, Kleidung, eine Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr und Hygiene-Artikel erworben werden.

Kommt ein Kind in die Schule, erhält es folgende Leistungen aus dem Bildungspaket, solange die Eltern im Leistungsbezug sind:

100 EUR Schulgeld im August
30 EUR  Schulgeld im Februar
10 EUR im Monat für eine Vereinsmitgliedschaft oder Ähnliches

Jede Klassen- und Kitafahrt, jeder Wandertag und das Mittagessen in den Kitas und Schulen wird gezahlt.

Zurück zu meiner Aussage, viele Kinder würden nicht mehr Ausflüge machen oder am Sozialleben teilhaben, wenn die finanziellen Mittel erhöht würden: Ich sehe wirklich täglich, dass viele Menschen nicht mehr mit Geld umgehen können, es vielleicht nie gelernt haben.

Sie wissen auch nicht, wie man gesund kocht, wie man geschickt einkaufen geht. Manchmal denke ich: Diese Menschen brauchen erstmal keinen neuen Job, sondern sie brauchen Hilfsprogramme, in denen man ihnen zeigt, wie ein normaler Alltag funktioniert.

Ich hatte etwa eine vierfache Mutter als Kundin, sie war gerade einmal 24 Jahre alt. Es war Oktober, als sie zu mir kam. Ihr jüngstes Kind saß im Buggy, ohne Strümpfe und Jacke. Dem Kind war offensichtlich kalt.

Bei mir auf dem Schreibtisch stehen immer Kekse und ich habe bemerkt, dass die Kleine die Kekse anstarrt. Als ich dem Kind einen Keks angeboten habe, habe ich bemerkt, dass das Kind richtig Hunger hatte.

Als ich fragte, wann das Kind das letzte Mal etwas gegessen hat, sagte die Mutter: „Gestern. Ich hatte kein Geld mehr und brauchte erst noch neue Zigaretten, ohne die geht gar nichts.“

Diese Geschichte ist drei Jahre her, inzwischen hat das Jugendamt alle Kinder in Pflegefamilien untergebracht.

Leider habe ich sehr viele Fälle, in denen die Mütter bei mir sitzen und verzweifelt sind. Sie bitten mich dann um Lebensmittelgutscheine, damit sie für ihre Kinder Essen kaufen können. Das Geld, das wir überwiesen haben, ist nämlich längst weg.

Ihre Männer haben es in Shisha-Bars oder Kneipen durchgebracht oder haben irgendwelche dubiosen Verträge unterschrieben, um sich einen Fernseher oder ein Handy zu leisten.

Diese Frauen tun mir so unendlich leid, aber ich kann ihnen nicht helfen.

Ich fände es viel besser, wenn das Jobcenter statt Geld lieber Gutscheine für Lebensmittel, Schulsachen, Hygieneartikel ausgeben würde – ich glaube, dann würden die Leistungen auch wirklich dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Nämlich bei den Kindern!

Ja, ich finde, dass Menschen in Not in Deutschland heute viel Hilfe bekommen. Früher war das anders.

Meine Eltern haben nie viel gehabt und auch heute als Rentner nicht. Aber sie sind lebenstüchtig, sie haben einen Garten und wecken Obst und Gemüse ein wie vor 30 Jahren. Sie sind sparsam und das haben sie auch an mich weitergegeben.

Sparsamkeit ist etwas, das viele Menschen nicht mehr kennen. Sie sehen nur, was andere haben und wollen das auch. Selbst wenn die anderen hart dafür gearbeitet haben – das Endprodukt zählt.

Wenn wir über Kinderarmut sprechen, meine ich nicht nur die finanzielle Armut. Ich sehe auch immer wieder Kinder, die emotional arm aufwachsen.

Ich sehe Kinder, deren Eltern sich nicht mit ihnen beschäftigen. Kinder, die keine gemeinsamen Mahlzeiten kennen, keine ordentlichen Wohnungen, keine Aufmerksamkeit. Dabei sind Liebe, Zeit und Zuwendung so viel wertvoller als materielle Geschenke.

Diese Dinge kann man mit keinem Geld der Welt bezahlen, sie bringen Kindern so viel mehr in ihrer Entwicklung. Ich glaube, dass Bildung, Zuwendung und Liebe der einzige Weg sind, um Kinder aus der Armutsspirale zu holen...

---Lest auch dazu unseren Beitrag: "Mama, sind wir arm?" 

 

Das könnte dich auch interessieren...

Kommentare

Dresden Mutti — Fr, 08/30/2019 - 08:47

Danke für diesen starken Artikel. Es zeigt auch, wie wichtig es wäre, an den Schulen eine gute Finanzbildung zu vermitteln, damit die Menschen früh lernen, mit Geld umzugehen. Gerade wenn es im Elternhaus nicht vermittelt wird. Das Hartz IV-System an sich finde ich aber schwierig - die oben genannten Leistungen funktionieren nur in der Theorie, in der Praxis schaut es dann doch in vielen Fällen wieder anders aus, was auch wieder an der Bildung liegt. Sanktionen und der Ausschluss aus Hartz IV verschlimmern das Finanzproblem zusätzlich, weil dann auch noch viele Schulden angesammelt werden...

Antje — Fr, 08/30/2019 - 09:33

Ein wirklich richtig toller Artikel. Danke dafür.bitte mehr davon.

Sarah — Fr, 08/30/2019 - 17:25

Ich finde den Kindern wäre viel mehr geholfen, wenn es in den Einrichtungen wie Schule und Kindergarten ein kostenloses, gesundes Frühstück und Mittagessen geben würde.

Sabrina — Fr, 08/30/2019 - 19:27

Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe heute von einer Studie gelesen, die belegt, dass knapp 20 % der Kinder, die aus der Unterschicht stammt, als Erwachsener der Oberschicht angehören. Das beweist doch, dass es möglich ist! Dass eine Kindheit in einer einkommensschwachen Familie nicht zwangsläufig zu einem einkommensschwachen Leben führt. Das Kinder aus der "Unterschicht" sehr wohl Zugang zu Bildung haben. Dass es einfach nur auf die Eltern ankommt. Dass die sich einfach kümmern müssen. Und es gibt so viele Möglichkeiten! Ich selbst habe das Glück, dass es uns finanziell (trotz 3 Kindern) sehr gut geht. Aufgewachsen bin ich aber in anderen Verhältnissen. Trotz wenig Geld habe ich eine gute Bildung genossen und meine Eltern haben uns so gut es eben ging Zeit gewidmet. Da sollte das ein arbeitsloser Harzt 4-Empfänger doch auch schaffen. Die Idee mit den Gutscheinen finde ich super!!!!

Aria — Fr, 09/06/2019 - 10:42

Das funktioniert so nicht. Meine Tochter besuchte ein Gymnasium, weißt du was da alles anfällt? Wieder eine Novelle, wieder ein Theater Besuch, da mal ein Taschenrechner usw usw usw. Das Geld musste ich mir damals vom Mund absparen und ich meine wortwörtlich vom Mund! Ich war 5 Jahre in diesem HartzIV Karussell gefangen, da mein Mann plötzlich und unerwartet verstarb und ich dann auch noch krank wurde. Ich weiß also genau wovon ich rede, du auch, oder sind das nur Klugscheißerische Aussagen? Nein, Bildung ist nicht gleich oder gar gerecht verteilt in Deutschland. Du hast zwar das Recht daraufin die Schule zu gehen, aber wie du das alles bezahlst (und in den Gymnasien fällt nun einmal eine Menge an), das bleibt dir überlassen. Der Hammer kommt erst noch, als meine Tochter 18 wurde (12.Klasse) gab es zb. gar kein Geld mehr extra, wie es das zb. im August wo die Einschulungen stattfinden (also das neue Schuljahr anfängt) noch gab. Das fiel dann plötzlich weg, sie sei ja 18....... Nennst du das fair und weiß Gott ich habe wirklich gehungert um dieses Kind übers Abi zu bringen

Jana — Fr, 09/06/2019 - 14:38

Ich war jahrelang auch Sachbearbeiter im Jc. Nur weil das Kind 18 ist fallen die Leistungen für Bildung und Teilhabe nicht weg. Vielmehr müssen ab dem 15ten Lebensjahr die Schulbescheinigungen regelmäßig vorgelegt werden. Vielleicht ist da ein fehlt passiert. Sicherlich ist es gerade mit Kindern schwierig, denn diese haben ja, egal ob solvent oder nicht, manchmal ganz besondere Wünsche. Gut finde ich beispielsweise nicht dass auch UVG und kindergeld angerechnet wird. Es wäre aber nicht gut im Sinne des Kibdeswohls, dieses Geld dann in bar weiterzugeben, denn es stimmt leider schon, dass dieses Geld nicht für Kinder verwendeten werden, sehr oft sogar. Dennoch darf man auch nicht vergessen, dass man das Geld bekommt, ohne zu arbeiten und es bezahlt wird vom Steuerzahler, welcher dafür arbeiten geht. Natürlich ist es nicht viel, ein Regelsatz von 424 wie bei alleinstehende Personen. Zwar bekommt man als alleinerziehende Person noch einen Mehrbedarf, aber zu großen Sprüngen verhilft er nicht. Aber: ein nur mittelmäßig verdienender Arbeitnehmer hat nach Abzug sämtliche ausgaben wie Miete, Auto, Versicherung, kinderbetreuung (Kosten die ein SGB II Empfänger so nicht hat bzw haben sollte) unter Umständen nicht mehr als den Regelsatz. Und er geht arbeiten..

Anonym — Fr, 08/30/2019 - 21:18

Hallo, ich arbeite auch in einem Jobcenter in der Leistungsabteilung. Und es stimmt wirklich jedes Wort. Außer, dass es aktuell im Februar 50 € für den Schulbedarf über Bildung und Teilhabe gibt ;) Ich sehe es leider auch aktuell im Arbeitsalltag täglich, Resignation und Überforderung mit den Kindern sowie fehlende Zuwendung und Beschäftigung mit den Kindern. Sobald keine finanziellen Mittel mehr da sind, werden die Kinder sogar teilweise als Druckmittel eingesetzt dem Mitarbeiter gegenüber. Auch wird uns oft unterstellt willkürlich zu handeln, was jedoch nicht stimmt. Wenn man dann diese Mütter vor sich sitzen hat und sie erzählen von leeren Kühlschrank, die Wohnung ist gekündigt aufgrund von Mietschulden oder der Strom eingestellt aufgrund von Stromschulden und man sieht die armen Kinder dazu fühlt man sich machtlos, da man am Grundproblem wie von dir beschrieben nicht viel ändern kann. Teilweise sind die Prioritäten der Eltern andere als sie sollten leider.... Wenn ich dann sehe, nachdem eine Mutter einen Vorschuss auf die nächste Monatsleistung bekommen hat, da der Kontostand im Minus ist und die Kinder Hunger haben, es aber gerade mal Mitte des Monats ist, wie genau diese Mutter nachmittags im Nagelstudio sitzt und sich die Nägel machen lässt... dann fühlt man sich gelinde gesagt etwas veräppelt. Die Kinder waren jedoch bei der Vorsprache dabei und wie im Bericht beschrieben hatten diese Kinder Hunger.... Manchmal möchte man diese Kinder nicht mehr mit aus dem Büro lassen und und sie am liebsten da behalten. Leider beobachtet man auch wie eine Generation die nächste Generation von Leistungsbeziehern hervor bringt.... Und hier sollte das Problem grundsätzlich angegangen werden. Bessere zugängliche gute Bildung für alle, gesundes und kostenlose Essenversorgung in Kita's und Schulen für alle Kinder, mehr Sozialarbeiter an den Schulen und soziale Angebote generell für Kinder welche sozial aufgefangen werden müssten (z.B. Jugendclubs und ähnliche Einrichtungen). Leider sind heutzutage viele Menschen mittlerweile wirklich unfähig alleine und ohne Hilfe ihren Alltag zu bewältigen.

Kathrin — So, 09/01/2019 - 19:19

Wird in solchen Fällen nicht direkt das Jugendamt informiert? Und falls ja warum lassen sie das dann weiter zu dort? Ich wäre ja voll dafür für solche Fälle eine Möglichkeit zu schaffen nahezu alle Geldmittel zu streichen und durch Gutscheine und Sachleistungen zu ersetzen, damit die Kinder nicht unter Sanktionen leiden müssen

Verena — So, 09/01/2019 - 10:33

Mir ist völlig klar, dass es die oben beschriebenen Familien gibt. Da fehlt es an so vielem. Der Hartz 4aSatz ist niedrig. Mich würde interessieren, was den Familien zum Thema Umgang mit Geld an die Hand gegeben wird? Es ist ja Fakt, dass sie es nicht können. Einigen (sicher nicht allen) kann man viel effektiver helfen, wenn sie Hilfe zur Selbsthilfe bekommen. Auch was die Kinder angeht. Ich habe auf dem Spielplatz mal eine junge Frau mit Familienhelferin getroffen, ihr wurde erklärt, dass sie mit ihrem Kind jederzeit kostenlos auf den Spielplatz gehen kann. Die Mutter war ganz überrascht, dass wir Sandspielzeug dabei hatten. Sie wusste nicht so richtig, wie sie das besorgen soll. Wir haben spontan einen Teil unserer Sachen geschenkt. Natürlich kann man nur denen helfen, die die Hilfe wollen und nur nicht wissen wie.

Sabrina — Di, 09/03/2019 - 00:34

... ist es nur traurig. Wir wohnen in einem Neubaugebiet in einer großen Stadt. Hier wurden, wie ich sehr gut finde, auch Wohnungen für Finanziell schwache Familie gebaut. Ansonsten gibt es sehr viel Eigentum und viele Familien mit Putzfrau und zwei großen Autos. Natürlich gibt es auch in den Sozialbauwohnungen fleißige und einfach nicht vom Glück verfolgte Nachbarn die ihre Kinder toll versorgen und mit wenig irgendwie super viel schaffen. Oder für einen Mini Lohn harte Jobs machen weil sie nur nicht Zuhause sitzen wollen. Aber leider entsprechen sehr viele dem Klischee das Hartz4 Empfänger umgibt und sie teilweise runterzieht. Bereits am Spielplatz kann man ab Hörweite den ein oder anderen erkennen da wird mit dem Kindern gesprochen und geschimpft ( teilweise beschimpft) so rede ich nicht Mal mit jemanden denn ich wirklich nicht leiden kann, da wird direkt am Spielplatz Kette geraucht aber für ein einfaches Wasser war kein Platz mehr in der Tasche. Nach Verlassen des Platzes fragt man sich ob gerade eine Parade durchgezogen ist so viel Müll liegt herum. Die Leidtragenden sind die Kinder. Sie sind schon untersich bevor sie aus dem Kindergarten raus sind, Einladungen erfolgen im eigenen "Kreis". Und die Spirale dreht sich weiter. Natürlich gibt es gute und vernachlässigende Eltern in allen Finanz Schichten, persönlich würde ich mir aber auch wünschen das die Kinder besser geschützt werden und Ihre Armut nicht so direkt spüren müssen.

Neuen Kommentar schreiben