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08/01/2020 - 06:15

Land-Mama Lisa

Nachdem Tim am Schulsystem scheitert: Vater-Sohn-Auszeit in Neuseeland

Ihr Lieben, ihr wisst es vermutlich selbst: Manchmal kann aus einer vermeintlich blöden Situation etwas ganz Wundervolles erewachsen. Genauso ist es bei Andreas Seltmann und seinem Sohn Tim gewesen.

Als dieser den verlangten Notendurchschnitt nicht erreicht, den er für seine Fachhochschulreife braucht, bringt der Vater ihn auf eine Idee: Wie wäre es, jetzt in die Zukunft zu schauen statt sich über Vergangenes zu ärgern? Und so brechen die beiden auf, um 30 intensive Tage in Neuseeland zu verbringen. Die beste Vater-Sohn-Zeit, die sie je hatten.

Es ist sogar ein ganzes Buch über diesen Trip erschienen: NeuseeSOHNland (Affiliate Link). Im Interview erzählt uns Andreas Seltmann, wie sehr ihn und seinen Sohn diese Zeit geprägt hat.

Herr Seltmann, als Ihr Sohn mit 17 Jahren im deutschen Schulsystem scheitert, beginnt für Sie beide ein neues Leben. Erzählen Sie doch mal!

Ja, das stimmt. Mein Sohn Tim hatte sich nach der Realschule entschieden, die Fachhochschulreife zu machen und hat im Halbjahreszeugnis den erforderlichen Notendurchschnitt nicht geschafft.

Nach heftigen Auseinandersetzungen mit der Schule habe ich beschlossen, meine Energie nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft zu richten und ihm vorgeschlagen, eine gemeinsame Vater-Sohn-Auszeit zu unternehmen. Die Idee war, dass er Abstand von der Situation in der Schule bekommt und wir Zeit miteinander haben, verschiedene Dinge intensiver zu besprechen.

Schlummerte in Ihnen denn schon immer dieser Traum einer längeren Vater-Sohn-Auszeit?

Tim und ich habe immer wieder neben den jährlichen Familienurlauben unregelmäßig einen Vater-Sohn-Tag oder auch den einen oder anderen Kurzurlaub miteinander verbracht. Ob das nun ein paar Tage Skifahren oder die kleine Pfingst-Radtour in Südtirol war, diese Tage waren für uns beide immer etwas sehr Besonderes.

Eine längere Auszeit oder gar eine Fernreise und er und ich hatten wir noch nicht gemacht. Das war tatsächlich so ein Herzenswusch von mir und ich denke auch von ihm.

Wie genau können wir uns die Reise vorstellen? Die Route, die Planung, die Finanzierung?

Zunächst war es mir sehr wichtig, dass Tim sich freiwillig entschied Zeit mit mir zu verbringen. Es ist sicherlich nicht normal, dass ein 17-jähriger mit seinem 49-jährigem Vater 4 Wochen auf Reisen geht. Party machen mit Freunden auf Ballermann liegt da näher als eine Vater-Sohn-Reise. Als Tim mir sagte das er gerne mit mir zusammen on-Tour sein will begannen wir mit der Planung.

Da wir, wie gesagt noch nie eine „Vater-Sohn-Fernreise“ unternommen hatten, haben wir eine Liste unserer „Sehnsuchtsziele“ erstellt und recherchiert, wie das Wetter zu unserer Reisezeit sein wird. Viele Ziele vielen dann schon durch das Raster, da dort im April-Mai Regenzeit herrschte. So fiel die Wahl auf Neuseeland.

Vielleicht auch dadurch, dass ich 2008 dort schon einmal alleine unterwegs war und viele tolle Bilder und Erinnerungen mit nach Hause brachte und diese mit meiner Familie teilte.

Bezüglich der Finanzierung hatte ich tatsächlich das sehr große Glück, dass ich in einer verantwortungsvollen Position als Mitglied der Geschäftsleitung in einem mittelständischen Industrieunternehmen so gut verdient habe, dass wir uns die Reise leisten konnten. Wir setzten uns aber ein Budget, mit dem wir wirtschaften wollten und haben uns für einen Road-Trip in einem einfachen Camper entschieden.

Warum war gerade Neuseeland das richtige Land für diesen Trip?

Neuseeland ist für mich „Die Welt auf 2 Inseln“ und damit das ideale Reiseziel. Darüber hinaus fühle ich mich persönlich immer besonders wohl, wenn ich Englisch sprechen kann und ich auch verstanden werde.

Tim konnte dadurch auch seine Sprachkenntnisse verbessern und last not least ist Neuseeland eine tolle Mischung aus tollen abwechslungsreichen Landschaften, relaxten und freundlichen Menschen und einer guten Infrastruktur.

Sie hatten 30 intensive Tage zusammen. Haben den 18. Geburtstag gefeiert, das Erwachsenwerden. Was hat Sie diese Reise über sich selbst und über Ihren Sohn gelehrt?

Wenn man so intensiv unterwegs ist und Zeit hat Abstand vom Alltag zu bekommen setzt automatisch auch eine innere Reise ein. Durch die Unbekümmertheit meines Sohnes habe ich auch die „Unbeschwertheit meiner Jugend wiederentdeckt“.

Ich habe gelernt, dass Dinge auch gut werden können, wenn sie nicht exakt so eintreten, wie ich sie als Beschützer und Ernährer geplant habe. Das Wichtigste, dass wir beide gelernt haben ist aber gewesen, dass gemeinsame Entscheidungen auf Augenhöhe zu einem tollen Ergebnis führen, das von uns beiden gleichsam getragen und getrieben wurde.

Als Vater erfüllte es mich immer wieder mit Stolz zu sehen, wie mein Sohn mit beiden Beinen im Leben steht, sich organisieren konnte und sich bei den täglichen Herausforderungen des Unterwegsseins zu helfen wusste.

Bei mir stellte sich dadurch ein tolles Gefühl ein, dass ihn „sein Scheitern“ nicht aus der Bahn wirft, sondern ihn stark gemacht hatte selbstbewusst seinen Weg zu gehen. Ich hatte das Gefühl, als Vater einiges richtig gemacht zu haben und ihn auf seinem Weg ein ganzheitlicher erwachsener Mann zu werden begleitet zu haben.

Sie haben in dieser Zeit auch über Familien Geheimnisse gesprochen – können Sie da etwas verraten?

Ja gerne. Zum Beispiel war Tim vor der Reise nicht klar, welche folgenreiche Entscheidungen Menschen vor ihm in seiner Familie getroffen haben und unter welchen Umständen seine Vorfahren gehandelt haben.

So ist mein Großvater 1952 mit seiner Familie mit nur einem Koffer aus seiner Heimat im heutigen Sachsen über Berlin und Frankfurt nach Konstanz geflohen, wo mein Vater – Tims Opa – dann aufgewachsen ist.

Ich finde die Geschichte der eigenen Familie sehr wichtig, da man erkennt, dass wir dazugehören und ein Teil eines Ganzen sind. Dass Entscheidungen, die ich heute treffe, Menschen nach mir beeinflussen werden und je nach Tragweite Mut und Entschlossenheit erfordern.

Es ging auch um die Liebe und den Tod, um Männerfreundschaften und euer Vater-Sohn-Gespann. Wie können wir uns das konkret vorstellen?

Vor ein paar Jahren ist einer meiner besten Freunde plötzlich gestorben. Unsere beiden Familien haben immer viele gemeinsame Unternehmungen gemacht und wenn ein Mensch geht fehlt einfach ein Stück. Wir sprachen darüber, dass er so eine Reise mit seinem Sohn nicht mehr unternehmen kann, dass der Tod zum Leben dazugehört und dass jedem Tag auch ein Abschied innewohnt.

Wir sprachen darüber, dass Männer auch über Gefühle reden sollten und dass es hier und da einfacher ist einem guten Freund etwas anzuvertrauen als seiner Freundin oder Frau.

Es waren unsere Geh-Spräche auf Wanderungen, die Begegnungen mit anderen Menschen, die täglichen Erlebnisse, die Fahrten zum nächsten Ziel oder das gemeinsame Bierchen am Abend vor dem Camper das die Themen wieder von selbst hervorbrachte.

Sie würden vermutlich jedem Vater wünschen, einmal eine so intensive Zeit mit dem eigenen Sohn zu verbringen, oder?

Auf jedem Fall! Es muss nicht Neuseeland sein. Es ist die Quality-Time, die man zusammen verbringt und es sind die gemeinsamen Erlebnisse, die das Band zwischen Vater und Sohn knüpfen!

Im speziellen unsere Söhne sind oft umgeben von tollen Müttern, tollen Erzieherinnen und tollen Lehrerinnen. Aber wo bitte sind die männlichen Angebote, die es ihnen ermöglichen zu einem ganzheitlichen Mann heranzuwachsen?

Wie ging es mit Ihnen – und vor allem mit Ihrem Sohn -nach der Reise weiter?

Tim hat nach der Reise seine Berufsausbildung als Industriekaufmann begonnen und geht voll darin auf. Die Arbeit macht im sehr viel Spaß, er geht sehr gerne mit Menschen um und die Firma - ein toller Mittelständler hier in der Region – setzt seine Kompetenzen, wie ich finde sehr gut ein.

Tim ist nun 20 Jahre alt, steht seinen Mann und wird seinen ganz eigenen Weg weitergehen – davon bin ich absolut überzeugt. Ich bin nun mehr der Berater, der Mentor und der Unterstützer.

Wir haben seit der Reise einen festen Vater-Sohn-Tag im Jahr ohne Enddatum (immer der 1. Samstag im Juni) und organisieren diesen immer im Wechsel. Einmal er und dann wieder ich. Dieses Jahr waren wir Kanufahren im Elsass und hatte wieder einmal einen Tag mit tollen Erlebnissen, die uns niemand mehr nehmen kann.

Auch bei mir ist durch die Reise etwas in Bewegung gekommen und ich habe mich entschieden, dass ich mehr von den Dingen machen möchte in meinem Leben die zu mir und meinen Kompetenzen passen.

Ich bin gerade dabei mich als Unternehmensberater und Businessmoderator selbstständig zu machen und werde Mittelständler auf ihrem Weg zu einem Top-Arbeitgeber beraten, damit diese auch morgen noch die Mitarbeiter bekommen und halten, die zu Ihnen passen und die sie so nötig brauchen werden.

Vielleicht kann ich ja auch meine Kunden davon überzeugen gute Voraussetzungen für eine bessere Vereinbarkeit von „Vater-Sein und Beruf“ zu schaffen!

Andreas Seltmann: NeuseeSOHNland. Wie aus 30 Tagen Auszeit unsere allerbeste Vater-Sohn-Zeit wurde (Affiliate Link)

Tags: Schule, Bildung, Vater, Reisen, Sohn, Weltreise, Bindung

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Kommentare

Maria — Mi, 01/08/2020 - 10:46

Vielen Dank für diesen Artikel. Es klingt, als ob ihr schon vor der Reise eine gesunde und schöne Beziehung hattet und das ist wertvoll. Toll, dass ihr beide so viel aus Neuseeland mitgenommen habt

Katharina — Mi, 01/08/2020 - 22:37

Bitte, wie ist es möglich im Schuljahr eine Reise zu unternehmen? Wahrscheinlich liest es sich nur so, doch bei mir blieb der Eindruck: da lief es nicht rund in der Schule, also haben wir uns Zeit für eine intensive Familienauszeit genommen. Sowas ist attraktiv, darum gerne Fingerzeig, wie das möglich ist :-)

Eva — Do, 01/09/2020 - 06:14

Die Schulpflicht in Deutschland geht nur bist zur 10. Klasse. Danach ist man freiwillig Schüler und darf jederzeit gehen.

annika — Do, 01/09/2020 - 20:11

In Deutschland besteht Schulpflicht bis 18 Jahre, daher würde mich auch interessieren wie der Trip möglich wurde. Auf jeden Fall eine gute Idee!

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