Interviews

05/02/2019 - 07:00

Land-Mama Lisa

Rock den Himmel, mein Held: Der Krebs nahm dieser Familie den Papa - nicht aber die Würde

Ihr Lieben, wir haben durch dieses Blog so viel mit Menschen zu tun, mit unterschiedlichen Lebensweisen, mit verschiedensten Herausforderungen und tatsächlich wird es nie langweilig.

Wir sprechen mit LeserInnen, KollegInnen, AutorInnen, ExpertInnen, Widersachern und Unterstützern. Ines Gillmeister ist eine Blogger-Kollegin von uns, sie schreibt auf „Cancer is an asshole“ über die Geschichte ihrer Familie. Ines ist aber nun auch Buchautorin – und obwohl wir ihren Texten im Netz schon solange folgen, hat uns ihr Buch umgehauen – und zwar vor Begeisterung. Rock den Himmel, mein Held (Affiliate Link) heißt es.

Ines hat im letzten Jahr – sechs Jahre nach der Diagnose – ihren Mann an den Krebs verloren. Ach, was sag ich. Ines beschreibt das selbst viel schöner. Sie nennt es: Simon hat über Kunibert gesiegt. Kunibert, so nannten sie den Krebs vor den Kindern, denn sowohl Ines als auch ihrem Mann Simon war es unheimlich wichtig, dass die Kinder weiter in ihrer unbeschwerten Kinderwelt leben konnten. Kunibert, die Krabbe, knabberte also an Papas Knochen, das tat weh und macht ihn mitunter schwach.

Eine kleine Abenteuergeschichte tobte da durch Papas Körper. Die Ritter (aka Chemo), die gegen die Krabbe ankämpften, sorgten dafür, dass seine Haare ausfielen. Das war ein Zeichen dafür, dass die Ritter besonders stark kämpften. So erzählt es ihnen ihre Mama. Was Ines in dieser Zeit geleistet hat, ist unvergleichlich.

Nicht nur stellte sie Wahnsinns-Registrierungskationen für die DKMS auf die Beine, nein, sie kümmerte sich nachts um ihren immer schwächer werdenden Mann und tagsüber um die zwei Kinder, heute fünf und zehn Jahre alt. Und das immerzu voller Liebe und Verständnis und Lebensfreude.

Nutze den Tag! Jeder ist wertvoll! Das Buch ist - auch für Nicht-Betroffene - ein Lehrstück in Sachen Demut und Dankbarkeit. Ich konnte es nach der ersten Seite nicht mehr weglegen. Ich habe es am Wochenende komplett durchgelesen. Die letzte Seite gestern, am Weltkrebstag.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich muss auch bei Büchern, die rührend geschrieben sind, immer wieder weinen. Ich musste es, als Ines darüber schrieb, wie sie ihre Tochter Emma zum zehnten Geburtstag überraschten. Beim Heiratsantrag, der zwei Tage vor der Hochzeit so überraschend kam – denn gerade wenn eine Situation so schwer erscheint, sind es bei mir die fröhlichen Momente, die mir die Tränen in die Augen treiben.

Ein so berührendes, mutmachendes, bewundernswertes Buch: unglaublich. Von der ersten bis zur letzten Zeile mitreißend. Dankbar machend. Beeindruckend, vor allem, wie gesagt, wie den Kindern hier ein Recht auf Schatzsuchen und Seifenblasen und Freude und Leichtigkeit ermöglicht wird in einer solchen Ausnahmesituation. Meinen allergrößten Respekt!

Wir können Ines nur Danke sagen. Danke, dass sie uns Leser auf diese, ihre Heldenreise mitnimmt. Dass sie nicht müde wird, sich für die DKMS zu engagieren und Leben zu retten. Dass sie einen für ihre Familie so guten und richtigen Weg eingeschlagen hat.

Danke für ihre Liebe und Großherzigkeit, die durch jede Zeile dieses besonderen Buches fließt...

Und hier kommt unser Interview mit Ines. Nur falls ihr euch wundert: Die Fragen an Ines hatte ich bereits vor dem Lesen des Buches verfasst.

Liebe Ines, wir folgen dir schon so lang. Im letzten Jahr ist dein Mann gestorben. Nun hast du tatsächlich eure Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln unterbringen können, wie fühlt sich das für dich gerade an?

Ich habe das ehrlich gesagt noch gar nicht realisiert. Es fühlt sich toll an und gleichzeitig absolut unecht. Simon hatte diese Idee schon so viel länger als ich und ich hätte nie gedacht, diese auch tatsächlich umsetzen zu können. Immerhin habe ich gar keine Ahnung, vom Buch schreiben und ehrlich gesagt auch nicht wirklich vom bloggen. Ich schreibe einfach nur...

Ist das Buch ein bisschen auch eine Liebesgeschichte geworden?

Ja, allerdings. Ich hoffe, dass das Buch es schafft, die Liebe zwischen Simon und mir zu zeigen. Vor allem aber die Liebe zum Leben.

Ich finde immer wieder faszinierend, wie viel Kraft aus Trauer wachsen kann, wie viel Energie da plötzlich ist. Auch bei dir habe ich dieses Gefühl. Ich mein, ein ganzes Buch schreiben, ein Blog füllen, sich um seine Kinder kümmern… Wird dir nicht auch manchmal schwindelig?

Ich bin müde, sehr so gar. Für viele Dinge brauche ich länger als noch vor einem Jahr. Manche Dinge klappen gar nicht. Vor allem die letzten Monate mit Simon zollen nun ihren Tribut. Ich bin nicht stark, ich mache nur das, was ich kann. Ich schütze meine Lieblingsmenschen und versuche, unseren Kindern ein Netz zu bieten, in dem sie sich fallenlassen können. Das Buch schrieb sich fast von allein, in zehn Tagen. Es war alles in meinem Kopf und musste raus. Es half mir, zu realisieren, was da eigentlich geschehen ist.

Du gehst mit deiner Trauer offen um, nimmst deine LeserInnen mit auf diesem Weg. Hast du auch schon mal an diesem Weg gezweifelt?

Ja, oft. Trauer bedeutet für viele Menschen schwarze Kleidung, das Verbot zu lachen und Kinder, die in ihrer Verzweiflung untergehen. Trauer und Tod scheinen nach wie vor Tabuthemen zu sein. Weil diese Themen Angst machen. Weil sie bedrückend sind. Weil sie vor Augen führen, dass das Leben endlich ist. Darum schreibe ich darüber. Es ist schlimm, Trauer zu leben, und diese Trauer ist nicht immer schwarz. Bunt geht auch. Oder mit Glitzer. Oder mit Eis und vielen bunten Streuseln.

Ich habe versucht, die Kinder in viele Dinge mit einzubeziehen; Sarg anmalen, den Baum im Friedwald aussuchen. An Simons Geburtstag am 30.12. sind wir zu seinem Baum in den Friedwald gefahren. Mit seinem Lieblingskuchen, Luftschlangen und Musik. Die Kinder bastelten eine Geburtstagskrone für ihn und wir alle haben Happy Birthday gesungen. Trauer kann lebendig sein. Trauer sollte lebendig sein. Ich möchte zeigen, dass besonders Kinder von dieser Art der Trauer profitieren. Ich möchte zeigen, dass es okay ist, nicht okay zu sein.

Meinst du, Trauer ist noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft? Gibt es also auch Menschen, die euch aus dem Weg gehen?

Definitiv ja. Trauer kann das Umfeld sprachlos machen. Unser Sohn geht sehr offensiv mit dem Tod unseres Helden um. Er erzählt es jedem. Das überfordert. Ich verstehe das. Ich verstehe die Sprachlosigkeit.

Dein neues Leben, das Leben danach, besteht aus vielen Emotionen. Bei welchen Gedanken an Simon musst du denn auch heute noch immer grinsen?

Immer wenn wir Auto gefahren sind, war ich Beifahrer. Ich hab doch keinen Führerschein. Immer wenn Simon bremsen musste (sachte bremsen, an einer roten Ampel, keine Vollbremsung) hielt er seinen rechten Arm vor meine Brust, als würde ich sonst durch die Windschutzscheibe fliegen. Wenn ich heute bei irgendwem mitfahre und diese Person muss bremsen, dann vermisse ich diesen Arm und muss gleichzeitig lächeln.

Ich muss besonders doll grinsen, wenn ich daran denke, was Simons erste Worte waren, als wir in unser neues Zuhause gezogen waren. Wir haben einen Garten vor der Tür und unser Held sagte, dass da auf gar keinen Fall irgendwelche Spielgeräte hineinkommen. AUF GAR KEINEN FALL. Und Haustiere werden wir uns auch nicht anschaffen. Drei Monate später zog der erste Hund bei uns ein. Das Schaukelgerüst stand fast zeitgleich im Garten. Etwas später gesellte sich ein riesiger Sandkasten dazu und am Ende noch ein Trampolin. 2016 zog Hund Nummer Zwei bei uns ein. Und letztes Jahr die Schildkröten unserer Tochter. Naja...

Was können wir von den Kindern in Sachen Trauer und den Umgang damit lernen?

Erwachsene tendieren dazu, im See der Trauer zu ertrinken. Kinder hingegen springen durch Pfützen. In einer Minute sind sie tief traurig, weinen, schreien und fluchen. Einige Minuten später aber springen sie wieder lachend durch die Gegend und erzählen davon, wie schön die Zeit mit dem Verstorbenen war. Als ich mit unserem Sohn den Sarg angemalt hatte, war das für mich sehr beklemmend. Leo aber fand das toll. Er war glücklich darüber, Simon solch ein Geschenk machen zu können.

In der einen Hand hielt er den Pinsel, mit dem er gemalt hatte. In der anderen Hand einen rosa Donut, der wohl sehr lecker gewesen war. Er hüpfte um den Sarg herum, malte ihn auch von innen an, damit Simon etwas „zum Angucken“ hat. Leo sang dabei die ganze Zeit. Kinder sind unbefangener, sie realisieren. Sie leiden. Aber sie vergessen trotzdem nicht, dass das Leben lebendig ist. Zumindest dann nicht, wenn sie Erwachsene an der Seite haben, die in der Lage sind, sie zu tragen.

Die Frage "Wie geht es dir?" ist für viele Trauernde schwierig zu beantworten, denn wie soll es einem nach einem solche Verlust schon gehen... Trauerbegleiter empfehlen, lieber andere Fragen zu stellen, z.B.: "Mensch, wie kommst du grad durch den Alltag?" Kannst du das bestätigen?

Wie geht es Dir? Das ist tatsächlich die Frage, die ich am schwierigsten beantworten kann. Ich glaube, dass besonders am Anfang Fragen jeglicher Art schwierig zu beantworten sind. Besser sind Dinge wie „Ich komme morgen mal auf einen Kaffee vorbei“ oder „wir fahren in den Zoo und würden gern Deine Kinder mitnehmen“. Klare Aussagen statt Fragen funktionieren am Anfang einfach besser. Und dann einfach da sein, auch wenn nicht geredet wird. Das waren mir die liebsten Menschen. Die, die da waren ohne Erwartungen an ein Gespräch zu knüpfen. Wenn der Trauernde dann sprechen will, dann wird er es tun. Aber nur dann, wenn einfach jemand da ist. Nur so.

Vermutlich erreichen dich durch deinen offenen Umgang mit dem Thema viele Nachrichten von Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Tut dir das gut, weil du so siehst, dass du nicht allein damit bist oder überfordert dich das auch manchmal?

Mir tut das gut, weil ich daher merke, dass meine Worte dort ankommen. Ein Austausch mit „Gleichgesinnten“ tut gut, weil ich dann merke, dass manche Gewohnheiten, die ich so entwickelt habe, ganz normal sind.

Nun hast du deine Buchpremiere genutzt, um weitere Spender für die DKMS zu gewinnen…

Ja, weil es wichtig ist. Weil ich damit nicht aufhören werde. Weil Simon zu den 10% der Patienten gehört hatte, die ihren Spender nicht gefunden haben. 10% sind zu viel.

Was möchtest du Menschen sagen, die gerade in einer ähnlichen Situation stecken wie du?

Macht das, was Euch gut tut. Umgebt Euch mit Menschen, die Euch gut tun. Wenn ihr Euch lieber im Bett vergraben wollt, dann tut das. Aber gebt nicht auf. Sollten Kommentare kommen, wie „Ist es immer noch nicht besser“ oder „So langsam müsste es doch besser werden“ oder auch „Wie, du bist darum krankgeschrieben?“", ignoriert diese. Ihr steckt in einer Ausnahmesituation, alles ist erlaubt. Auch lachen und weggehen!

 

 

Tags: Krebs, Krankheit, Gesundheit, Blutkrebs, Ines Gillmeister, Papa, Familie, Kinder, Trauer, Tod, Abschied, Liebe

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Kommentare

Julia — Di, 02/05/2019 - 09:44

Danke für diese bewegende Geschichte. Einige Artikel habe ich immer mal verfolgt und es hat mich immer zu Tränen gerührt.... Es macht einem bewusst, wie viel Glück man im Leben hat! Danke fürs aufschreiben und weiterhin ganz viel Kraft und alles Liebe :) Julia

Cornelia — Di, 02/05/2019 - 17:39

Ich habe gerade auf Focus Online von Ihnen erfahren und wünsche Ihnen und Ihren Kindern ganz viel Kraft. Eigentlich teilen wir ein ähnliches Schicksal. Ihnen hat diese Krankheit den Mann genommen, mir beide Eltern. Meine Mutter ist kurz vor Weihnachten verstorben, mein Vater 10 Jahre vorher. Er hat 11 Jahre gegen diese Krankheit gekämpft und unbewusst ganz viel richtig gemacht. Ich werde Ihr Buch lesen und finde es wunderbar, wie Sie für Ihren Mann und die Kinder sorgen. Alles Gute!!!

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