Gastbeiträge

24/01/2018 - 06:45

Land-Mama Lisa

Tablet statt Windel: Warum wir finden, dass jede Mama glücklich im Job sein sollte

Irgendwann hat man die Schnauze voll von Wäschebergen und Pastinakenbrei, will wieder gesehen und nicht nur gebraucht werden. Man will wieder mitspielen im großen ich-bin-auch-wichtig-Poker aller Berufstätigen. Nur wie soll das gehen, wenn der Mann voll berufstätig ist und die Bindehaut der Kinder auf die Karrierewünsche der Mütter keine Rücksicht nimmt. Die Journalistin Katrin Wilkens über die kleinen und großen Pannen beim Wiedereinstieg in ihren Job - und das GSG mit kleinen Kindern.

Ich weiß noch genau, wann es angefangen hat, dieses GSG, das Große-Scheiß-Gefühl, das in einem hochsteigt, obwohl man die tollsten Racker der Welt hat. Eigentlich müsste die Welt voller Rolf Zuckowskis hängen. Aber ich wollte nicht nur Rolf, ich wollte auch einen Job. Und deshalb kam mir an einem stinknormalen Dienstag das GSG, mit voller Wucht. Ich hatte nach sechs Jahren Schwangerstillenschwangerstillenschwangerstillen wieder einen Auftrag. EINEN AUFTRAG!! Einen, für den man Koffer packen muss und busy zum Flughafen eilt. Endlich mal wieder I-Pad statt Pampers und all die jungen Business-Wichtigtuer mitleidig anlächeln.

Selbstverständlich kriege ich Beruf und Familie unter einen Hut. Mein Mann schaukelt die Kinder natürlich mit links, backt Kekse und bastelt mit ihnen Willkommens-Schilder. So sah das in meiner Fantasie aus. Die Realität war anders. Drei Monate vor dem Termin begann ich, meinen Mann zu impfen, dass er sich an diesem Tag frei nimmt. Ich hielt Kontakt mit meinem Interviewpartner und der Redaktion. Organisierte einen Babysitter. Und einen Ersatzbabysitter, falls der erste krank wird. Kaufte ein, kochte vor, besorgte Mitbringsel im Voraus, machte einen Friseurtermin, buchte ein Hotel, organisierte die Reise. Ich hatte schon Tage vor dem eigentlichen Termin Honorar und Kräfte verpulvert.

Dann kam der große Tag. Ich stand aufgeregt am Bahnsteig – und mein Interviewpartner sagte ab. Einfach so. Ohne Begründung. Beziehungsweise mit einer, die so lächerlich war, dass sie die Luft nicht wert war, die ich brauchte, um davon meinem Mann – heulend – am Telefon zu berichten. Der versuchte ehemannesk zu trösten: „Aber schau mal, da hast du jetzt schön einen Tag mal ganz für dich. Ich bin immer froh, wenn ein Patient absagt.“ Dieses Gefühl, allein zwischen seinen Kindern zu sitzen, laut zu heulen und sich sofort in sein altes Leben zurückzuträumen, nenne ich seitdem GSG. Großes Scheiß-Gefühl. Weil kaum einer, der arbeitet, es versteht. Weil kaum einer, der auf Kinder wartet, es versteht. Weil es so banal ist. Weil es so viele haben.

Ich will keinen Tag für mich. Ich will arbeiten. Meine alte Identität wiederhaben. Ich bin nicht nur Legoaufsammlerin und Bibi-Blocksberg-Kassetten-Umdreherin, ich bin auch Journalistin.

An diesem Tag haben Miriam, eine Kollegin, die die letzten drei Jahre in Shanghai gelebt hat, und ich i-do gegründet. Viel Eierlikör war dabei, viel Gelächter und immer wieder eine randvolle Bux voll Schiss: Schaffen wir das überhaupt? Ein Unternehmen gründen?

I-do kommt aus dem Japanischen und bedeutet Reise und Veränderung. Die größte Veränderung einer Frau beginnt üblicherweise mit den Presswehen: rein ins Mutterglück, raus aus dem Job. Wir gründeten eine Firma, die sich darauf spezialisiert, junge Mütter nach der Babypause zu beraten. Mütter, die wieder arbeiten wollen, aber nicht in ihren alten Job zurück können. Weil der Chef keine Halbtagsmuttis mag, weil die Geschäftsreisen mit Kita-Öffnungszeiten schwer kompatibel sind, weil sich mit Kind der Horizont erweitert und irgendwie auch verändert hat, weil der Job irgendwie nicht mehr zu einem passt. Oder weil man feststellt, dass man ohnehin schon immer eigentlich etwas ganz anderes machen wollte. Weil sie einmal im Leben wieder gesehen werden wollen, wie sie seit langer Zeit keiner mehr gesehen hat.

Umfragen zufolge sind 70 Prozent aller Deutschen im falschen Job. Haben Jura studiert, weil Papi das so wollte oder „irgendwas mit Medien“ gelernt, weil das in der Achtzigern gerade schick war. Den Satz „Ich würde so gern was ganz Anderes machen … aber ich weiß nicht was … was kann ich überhaupt?“ haben wir schon so oft im Bekannten- und Freundeskreis gehört und gewissermaßen wurde er zum Startpunkt unserer Idee. Wir sind nämlich der Überzeugung, dass jeder etwas Besonderes kann. Jeder ist für einen bestimmten Beruf geschaffen. Welcher das ist, lässt sich herausfinden und der richtige Zeitpunkt ist genau dann, wenn man mit einem grummeligen Gefühl morgens in die U-Bahn steigt oder auf Gartenpartys nicht gern erzählt, was man macht.

Es muss nicht immer die ganz große Veränderung sein, die es braucht, um im Beruf glücklich zu sein:

-manchmal reicht es, wenn man die Zielgruppe wechselt

-manchmal ist die Unternehmensgröße falsch (und ein Familienunternehmen statt einem Großkonzern wäre passender – oder umgekehrt)

-manchmal braucht es nur eine Mini-Weiterbildung, um eine passendere Abzweigung zu finden.

Nicht jeder Projektleiter muss ein Barkassenkapitän werden, Orginalitätszwang bei der Neuorientierung kann ein ziemlicher Bremsklotz sein.

Unsere erste Kundin, die zu uns kam, hieß, sagen wir mal, Klara, weil uns mit ihr vieles klarer wurde: Klara war lässig und trotzdem bewusst gekleidet, Marc O`Polo aber mit einer dezenten, hanseatischen Körpersprache. 39 Jahre alt, BWL-erin, Teilzeit-Projektleiterin in einem mittelständischen Betrieb, seit 20 Jahren liiert, zwei Kinder, 3 und 1, eher ruhiger, fürsorglicher Typ, so eine, die immer zur Elternsprecherin gewählt wird, weil sie nicht nur klug, sondern auch noch sausympathisch rüberkommt.

Ihre Lebensattitüde ist zurückhaltend, leise, manchmal schillernd ironisch. Loslassen fällt ihr schwer, deswegen will sie auf keinen Fall aufhören zu arbeiten. Aber andererseits wünscht sie sich auch deutlich mehr Überschaubarkeit. Diese ewige Zerrissenheit zwischen Windel und wichtig. Ihr heimlicher Wunsch: sich einmal im Leben großartig finden, nicht artig. Schon nach dem Mittagessen wurde uns klar: Nicht Klaras Beruf war schief, sondern die Unternehmensform. Alles, was mit BWL, mit Zahlen, Fakten und der Möglichkeit, sich auf Projekte vorbereiten zu können, zu tun hatte, gefiel ihr, weil es Sicherheit versprach. Nur die Größe des Betriebes wurde bei ihr zu einem Unsicherheitsfaktor. Sie fühlt sich wohl, wenn sie ein wenig Bullerbü auch im Betrieb (nicht im Job!) hat. Bullerbü bedeutet: eine überschaubare Zahl von Kollegen, eine überschaubare Zahl von Projekten, keine Stoßzeitenjobs, wegen der Kinder.

Sie arbeitet heute bei einem kirchlichen Träger, operiert mit größeren Zahlen als früher, die aber familiärer eingebunden sind. Alle im Team haben Kinder. Moden spielen keine große Rolle. Sie singt wieder im Chor. In einem ganz und gar unartigen: Hardrock.

Klara lehrte uns eines, was ganz wichtig war für die Geschäftsidee von i-do: Es geht nicht immer darum, einen großartig, neuen originellen Job zu finden. Manchmal sind es kleine Stellschrauben, die fein justiert werden müssen. Und das, was auf den ersten Blick hemmend für einen beruflichen Weg schien, war in Wirklichkeit ihr großes Plus, ihre Ängstlichkeit, ihre dezente Art, ihre Fürsorge und letztlich auch ihre Unentschiedenheit (oder soll man sagen: ihre Art zu durchdringen?) machte sie für den Träger einer kirchlichen Einrichtung „naturgeeignet“.

Klara hat uns beigebracht, dass Schwächen für das Finden einer Gabe keine Rolle spielen, sondern ausschließlich die Stärken einen weiterbringen. Es ist kein amerikanisches „Hey, du bist der Größte“-Gejaule, sondern zutiefst die Einsicht, dass jeder Mensch einen Berg voll ungenutzter Gaben in sich trägt, der nur freigelegt werden muss und dann bestiegen werden kann. Nennt man einen langweilig – oder stetig? Ist jemand flatterhaft oder begeisterungsfähig? Ist jemand sozial reduziert – oder kommt er gut mit sich selbst zurecht?

Inzwischen haben wir 800 Frauen zu neuen Ideen, Arbeitsplätzen und Perspektiven verholfen. Von der Bankerin zur Schuldenberaterin, von der Innenarchitektin zur HomeStayerin, von der Konzernfrau zur – kein Witz – Domina.

Neulich hat mein Sohn zu mir gesagt: „Mama, eigentlich ist das doch doof, wenn Ihr Mamas aufhören müsst zu arbeiten.“ Ich wollte schon ausholen mit der großen Emanzendebatte, doch dann holte ich tief Luft und sagte: „Nein, Sohn, es ist klasse. Man hat die Chance auf etwas Neues, etwas komplett Großartiges.“

 

Da gerade einige nachfragten: Katrins Internet findet ihr unter i-do Hamburg.

Zum Weiterlesen: Johanna über Vereinbarkeit: Irgendwas bleibt halt immer auf der Strecke

Tags: Job, Vereinbarkeit, Arbeit, Glück, Zufriedenheit, Mut, Veränderung, Aufbruch, Mutter, Frauen, Emanzipation

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Kommentare

Dinah — Mi, 01/24/2018 - 13:03

Liebe Katrin, liebe Lisa, dieser Text hat mich förmlich angesprungen. Weil er ehrlich ist, weil ich mich als Mama von zwei Kindern so darin wiederfinde. Mit all den Wünschen und den vermeintlichen Widerständen, diese schließlich umzusetzen. Als wir uns vor 3 Jahren für ein zweites Kind entschieden haben, war ich voller Zuversicht. Ach, Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist doch heute Alltag in Deutschland. Irgendwie werde ich aber tagtäglich eines Anderen belehrt. Ich habe verstanden, daß ich nicht die Welt da draussen ändern kann, aber mein eigenes "Angebot". Also habe ich mit viel Energie und Mut nun einen Weg eingeschlagen, der mir durch Weiterbildung ein neues Standbein ermöglichen kann. Das ist anstrengend aber auch erfüllend. Euer Angebot für Frauen und Mütter finde ich klasse. Ich wünsche Euch weiterhin viel Erfolg damit! Liebe Grüße

Andrea — Mi, 01/24/2018 - 13:36

Danke für den tollen Beitrag! Ich finde mich da auch absolut wieder. Du hast das nieder geschrieben was mir im Kopf rum geistert. Liebe Grüße Andrea

Tatjana — Mi, 01/24/2018 - 14:40

Super Beitrag. Entspricht auch meiner Situation, danke dafür. Ich orientierte mich, nachdem ich jetzt knapp 10 Jahre parallel zu meinen drei Kindern (5, 7 und 9) immer viel gearbeitet habe, neu. Ich möchte nicht mehr so lange pendeln, ich möchte auch diesen mega-Spagat nicht mehr in der Form. Gerade pausiere ich zum ersten Mal. Und es tut so gut, das mit Bedacht zu machen und mal ganz anders und "neu" nach einem guten Job zu suchen. . Es ist aber - als Mutter dreier Kinder - trotz Fachkräftemangel und guten Referenzen - nicht so einfach, was in Teilzeit zu finden. Es tut doch weh, wenn mir z.B. der Personaler bei einem Großunternehmen kackfrech am Telefon sagt "In Vollzeit wären sie mit ihrem Profil sehr interessant für uns. Wir haben derzeit 300 offene Stellen, aber in Unternehmen ist so viel Druck, dass wir nur in Vollzeit einstellen....". Ich habe dann recherchiert, von den 300 offenen Stellen sind tatsächlich nur 4 teilzeitgeeignet! Wie sind eure Erfahrungen mit Bewerbungen in Teilzeit? Habe den Eindruck, im öffentlichen Dienst ist es einfacher, in der Wirtschaft oft immer noch katastrophal, trotz Fachkräftemangel etc. wird man aussortiert, wenn man offen und ehrlich den Teilzeitwunsch angibt (und ich schreibe schon immer "vollzeitnah", d.h. zwischen 30 und 40 Stunden....). Was meint ihr? Teilzeitwunsch weglassen u. gar nicht äußern und dann erst im Bewerbungsgespräch damit rausrücken? Damit habe ich auch schon negative Erfahrungen gemacht....

GG — Mi, 01/24/2018 - 16:14

Danke für den schönen Beitrag. Das mit den kleinen Veränderungen gefällt mir, denn oft sind nur kleine Korrekturen nötig. Meine Erfahrungen sind andere. Ich habe mit den Kindern meinen Job erst so richtig schätzen gelernt, denn ich kann sehr gut in Teilzeit arbeiten und mein Arbeitgeber kommt mir auch im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr entgegen. Ich bin jetzt mit Kindern in meinem- gleichen - Job zufriedener als vorher ohne Kinder. Liebe Grüße

Arlette — Do, 01/25/2018 - 11:22

Danke für diesen tollen Artikel, der gerade richtig kommt vor einem Vorstellungsgespräch, von dem ich mir nach acht Jahren Familienzeit und mit Teilzeitselbständigkeit echt was verspreche. Passenderweise sind zwei aus vier Kindern krank und der Mann nicht abkömmlich heute... wie war das mit GSG? Es kann nur besser werden.

Verena — Sa, 01/27/2018 - 12:07

Ich habe den Text mit großem Interesse gelesen. In manchen Dingen finde ich mich wieder: im Job (Erzieherin) werde ich auf der Karrierelleiter nicht mal eine halbe Sprosse aufsteigen, wenn ich nicht Vollzeit arbeiten gehe. Was mich am meisten ärgert : In Teilzeit sitze ich beruflich also fest. Dabei würde ich aber nicht lieber 100%, sondern 0% arbeiten gehen! Ich habe den Job zwischen Möhrenbrei und Stillen nicht vermisst. Die Zeit für mich und das Sprechen mit Erwachsenen schon. Ich definiere mich nicht über meine Arbeit.

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