Interviews

03/12/2019 - 06:00

Land-Mama Lisa

Tillman Prüfer: Wie fühlst du dich als Vater von vier Töchtern?

Ihr Lieben, neulich entbrannte in unseren Kommentarspalten mal wieder eine Diskussion darüber, ob man sich als Eltern ein bestimmtes Geschlecht für sein Kind wünschen darf - oder nicht. Zu Wort kamen vor allem Mütter.

Solche, die gern ein weiteres Kind hätten, allerdings nur, wenn es ein bestimmtes Geschlecht hätte. Und eine Mutter, die ausschließlich Jungs bekommen hat. Nun wollten wir mal die männliche Sicht auf die Dinge erfahren und haben Tillmann interviewen dürfen.

Der hat nämlich vier Töchter und sogar gerade ein Buch über sein Leben in einem Fünf-Frauen-Haushalt gechrieben: Kriegt das Papa, oder kann das weg (Affiliate Link).

Tillmann, welche abwehrenden Reaktionen zeigt dein Körper, wenn jemand dir den Spruch "Jungs machen Jungs, Männer machen Mädchen" um die Ohren haut?

Das finde ich sehr unangenehm. Vor allem weil die Menschen ja eigentlich etwas Nettes sagen wollen, aber es total schief geht. Ich habe nie verstanden, was eigentlich damit gemeint ist; Dass die Zeugung von Söhnen etwas für Anfänger ist, es aber Reife und Erfahrung braucht, um Mädchen zu zeugen?

Am Seltsamsten finde ich dabei das Wort „machen“. Wenn überhaupt jemand unsere Töchter gemacht hat, dann meine Frau. Sie hat die Kinder ausgetragen, geboren und so lange ganz alleine ernährt, bis man als Papa mal ein Fläschchen warm machen konnte. Das ist ein absurdes Männlichkeitsverständnis: Obgleich der eigene Anteil bekanntlich herzlich gering ist, soll man als Mann das Kind „gemacht“ haben.

Wurdest du bemitleidet, als sich herausstellte, dass auch das vierte Kind wieder ein Mädchen würde...?

Jedenfalls nicht offen. Es ist aber überraschend, wie viele Menschen noch insgeheim davon ausgehen, ein Vater wünsche sich einen Sohn, in dem er sich verwirklichen kann. Und leide unter nichts mehr als rosa Stramplern.

Was ich seltsam finde: Frauen werden fast nie gefragt, ob ein Sohn oder ein Tochter genehm sei. Vielleicht wird Erziehung noch so sehr als Sache der Frau wahrgenommen, dass man glaubt, sie sei dem Mann nur zuzumuten, wenn er sich im Geschlecht des Kindes wiedererkennen kann.

Wenn dir nun jemand mit Klischees rund um Prinzessinnen und Zicken (oft im gleichen Atemzug genannt!) kommt, weil alle Mädchen ja gleich sind... was entgegnest du?

Oh, leider musste ich feststellen, dass die meisten Klischees über Mädchen nicht hinhauen. Mädchen sind nicht ordentlicher als Jungs, sie sind nicht ruhiger, sie haben nicht einmal bessere Tischmanieren. Dafür können sie sich übel prügeln – der einzige echte Unterschied: sie reden dabei mehr als Jungs.

Ein sehr schöner Satz aus deinem Buch geht so: "Ich habe Lotta, als sie noch ein Kita-Kind war, einmal einen Bagger von Lego geschenkt. Sie freute sich und spielte mit dem Bagger. Und dann sagte sie: "So, jetzt bist du müde, mein lieber Bagger" - und brachte ihn zusammen mit ihren Puppen ins Bett." Ist der weibliche Fürsorge-Aspekt also vielleicht doch angeboren?

Ich glaube ja, der Bagger war wirklich müde.

Fotos: Max Zerrahn

Mal ehrlich, hättest du dir einen Jungen gewünscht? Denkst du manchmal: was wäre, wenn?!

Ganz ehrlich: Wenn man ein Kind erwartet, ist man viel mehr beschäftigt mit der Sorge, das irgendetwas schief geht, dass es dem Baby im Bauch nicht gut geht oder man etwas falsch macht. Und man ist unendlich dankbar, wenn es gesund auf die Welt gekommen ist.

Ob es nun ein Mädchen oder ein Junge ist, spielt dabei keine große Rolle. Und jetzt noch ehrlicher: Ich bin so ein Vater, der Angst vor dem Autofahren hat. Ich bin also dankbar für jedes Kind, mit dem ich nicht „Need for Speed“ auf der Playstation spielen muss.

Was haben dich deine vier Töchter fürs Leben gelehrt - also außer, dass es mit ihnen IMMER laut ist?

Es ist wirklich IMMER laut. Ich glaube, sie haben mich vor allem gelehrt, dass Erziehung keine Einbahnstraße ist. Manchmal glaube ich, dass ich viel mehr von meinen Kindern lerne, als meine Kinder von mir. Sie geben einem mit all dem, was sie erleben die Gelegenheit, auch das eigene Leben immer wieder zu überprüfen.

Ich muss alle Gewissheiten immer wieder neu überdenken. Wer Kinder hat und ihnen gerne zuhört, der läuft nicht so schnell Gefahr, ein Gefangener der eigene Denkmuster zu werden.

Ich habe ein Mädchen und zwei Jungs. Was mir auffällt ist, dass sich die Außenwelt um Mädchen immerzu sorgt. Mindestens einmal wöchentlich höre ich in Bezug auf die Tochter den Spruch: "Oh, auf die müsst ihr aber mal aufpassen!" Als wäre sie ein Spielzeug, das wir nicht verlieren dürfen. Bei den Jungs höre ich das NIE. Dabei hab ich bei denen viel mehr Sorge, dass sie bei einer Schlägerei mal doof fallen. Wie erlebst du das? Hast du auch solche vermeintlich männlichen Beschützerreflexe mit Besitzanspruch ("Wer meine Tochter datet, kriegt es erstmal mit mir zu tun!), was deine Töchter angeht?

Ich glaube, alle Eltern leben in der Sorge, dass ihren Kindern etwas passiert, und dass sie einmal an falsche Leute geraten. Da sind Jungs genauso gefährdet wie Mädchen und man hat nur begrenzten Einfluss darauf.

Meine Frau und ich versuchen, den Kindern ein Gefühl zu geben, was die richtigen Leute sind. Ich glaube: Wenn du nett und respektvoll zu deinen Kindern bist, erhöhst du die Chancen, dass sie sich selbst einmal mit netten und respektvollen Menschen umgeben. Mal sehen, ob es klappt.

Erzähl uns doch zu guter Letzt noch deine ultimative Überlebensstrategie im Leben als einziger Mann in einem Fünf(!)-Frauen-Haushalt...

Wenn man etwas nicht gleich versteht erstmal sagen: „Interessant – so habe ich das noch nie gesehen.“

Tags: Vater, Tochter, Kinder, Frauen, Geschlechter, Gender, Klischees, Erziehung

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Kommentare

Richard — Di, 12/03/2019 - 13:16

Erstmal vielen Dank für die Buchempfehlung, klingt spannend & schön, die Papa-Perspektive zu lesen. Ich habe noch nie verstanden, weshalb das Geschlecht eine Rolle spielt. Wie Tillmann es sagt, grade als (werdender) Papa fiebert man als "Außenstehender"während der Schwangerschaft so doll mit & wünscht sich einfach nur ein gesundes Kind. Alles andere spielt in meinen Augen überhaupt keine Rolle! LG, Richard vom https://www.vatersohn.blog

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