Stadtleben

26/03/2015 - 08:15

Stadt-Mama Katharina

Und plötzlich bin ich wieder Kind...

Liebe Lisa,  ich bin 33 Jahre alt, habe zwei Kinder, bin verheiratet und berufstätig. Ich meistere meinen Alltag (meistens) ganz gut, bin halbswegs erwachsen. Aber es gibt einen Ort, an dem ich plötzlich wieder fühle, als sei ich 12 Jahre alt. An dem ich wieder Kind bin und keine organisierende Mami. Dieser Ort ist das Haus meiner Mutter.

Wenn ich ankomme, sind die Betten bereits überzogen und frische Handtücher liegen im Bad. Das Haus ist je nach Jahreszeit dekoriert. Ich koche nicht, sondern habe den wunderbaren Luxus, bekocht zu werden. Ich muss keine Wäsche waschen, sondern darf meine Sachen vor die Waschmaschine schmeißen. Ich gehe nicht einkaufen, weil der Kühlschrank wie durch Zauberhand immer voll ist. Ich werde gefragt "Hast Du Hunger?" oder "Bist Du auch satt?" - Fragen, die ich normalerweise meinen Kindern stelle. Abends darf ich mich auf dem Sofa auststrecken, bekomme sogar ab und zu eine Fußmassage.

Es ist eine Reise zurück in die Zeit, in der mich Alltagskram nicht interessierte. In dem ich keinen Zeitdruck kannte, keine Supermarkt-Öffnungszeiten, in dem ich nicht wusste, was eine 40 Grad Wäsche ist. Ich darf runter fahren, mich mal verwöhnen lassen, schutzbedürftig sein, ja, vielleicht sogar ein wenig schwach. Wenn ich bei meiner Mutter bin, reden wir manchmal bis spät in die Nacht. Und manchmal einen halben Tag gar nichts. Was herrscht, ist das tiefe Gefühl der Verbundenheit, der Heimat. Nichts vorspielen, nichts sein-müssen, nicht stark sein.

Auch wir hatten Zeiten, in denen die Kommunikation schwer war, die Lebenswirklichkeiten unterschiedlich, die Vorstellungen konträr. Seit ich selbst Kinder habe, habe ich für vieles Verständnis, was mir früher an ihr fremd war. Ich weiß ihre Leistung, fünf Kinder groß zuziehen, heute zu würdigen. Ich kann verstehen, warum sie früher nicht schlafen konnte, bevor wir alle zu Hause waren. Ich kann nachvollziehen, warum ich als Teenie nicht bis in die Nacht weg bleiben durfte. Ich weiß jetzt, wie anstrengend die Tage sein können, wie dünn der Geduldsfaden. Umso mehr bewundere ich es, wie gut sie es gemeistert hat.

Und ich wünsche mir, dass meine Tochter später genauso gerne zu mir kommt. Dass wir bis spät in die Nacht reden. Und gemeinsam schweigen können. Ich werde sie bekochen. Ich werde ihre Füße massieren. Und hoffen, dass sie ähnlich gute Gedanken über mich hat, wie ich heute über meine Mama.

Tags: Familie, Tochter, Mutter, Kind, Gefühle

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Kommentare

Nina — Sa, 03/28/2015 - 10:22

Jetzt musste ich gerade fast ein Tränchen verdrücken...Sehr schön und für mich auch so zutreffend geschrieben. Danke, Katha!

anita — Sa, 03/28/2015 - 13:09

Was für ein wunderschöner Beitrag! Genauso fühle ich mich bei meiner Mama <3

anita — Sa, 03/28/2015 - 13:10

Was für ein wunderschöner Beitrag! Genauso fühle ich mich bei meiner Mama <3

Ina — Sa, 03/28/2015 - 13:16

Genieße es , dass du das hast! Meine Eltern sind schon lange tot und nicht nur, dass wir somit keine Großeltern für die Kinder haben, fehlen mir solche Momente total. Wenn die eigene Mutter tot ist (bei mir seit ich Mitte 20 war)wird man leider irgendwie richtig erwachsen und hat diese schönen Momente nicht mehr. Beneidenswert. Und leider kann man auch der eigenen Mutter keine Anerkennung geben für ihre damalige "Leistung" mit der eigenen Erziehung, die sie mir hat zukommen lassen. Man versteht das mit eignen Kindern ja jetzt viel besser.

Beatrice — Sa, 03/28/2015 - 14:16

Schöner ist es nicht zu beschreiben!! Sehr sehr wahr! Danke für den gelungenen Beitrag! Da möchte ich am liebsten sofort zur Mama nach Hause;)

RonjaMama — So, 03/29/2015 - 22:06

Auch bei uns war es bis 2013 so,dass wir immer jederzeit auch als Erwachsene zu unserer Mama nach Hause kommen konnten und sie war einfach da.Teilweise spontan versammelten wir 4 Kinder uns aus allen Richtungen. Selbst als Mamas Krankheit immer mehr Gewalt über ihr Leben bekam und wir nicht mehr für Genesung ,sondern für einen friedlichen schmerzfreien Abschied von uns beteten(sind grossteils Atheisten!),konnten wir nach Hause kommen. Nun ist das Haus leer,die Stimme am Telefon fehlt.Wir waren längst erwachsen,doch jetzt beweisen wir es auch.Selber der mittlerweise 50jährige Bruder sitzt dann da und sucht etwas was fehlt... Das Zuhause fehlt,obwohl wir ja alle eines haben. Doch was mir als Mutter einer mittlerweile fast 2Jährigen fehlt,ist es einen ihrer letzten Sätze mit ihrer Stimme nochmal zu hören: Mädchen,du machst das toll.Weiter so.

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