Interviews

29/11/2019 - 06:30

Stadt-Mama Katharina

Unser Sohn hat zwei Mütter - und nein, ihm fehlt keine männliche Bezugsperson!

Liebe Nehle, wir hatten lange kein Interview mit einer Familie, in der die Eltern gleichgeschlechtlich sind. Daher freuen wir uns sehr, dass wir Dich löchern dürfen :-) Erzähl mal ein bisschen was über Euch. 

Ich bin 33 Jahre alt, meine Frau ist 39 Jahre alt und unser Sohn ist 2. Wir leben in Wolfsburg und arbeiten beide für Tochterunternehmen des Volkswagen Konzerns.

Wie und wann hast Du Deine Partnerin kennen gelernt?

Wir haben uns 2015 über das Internet kennen gelernt und haben nach kurzem Schreiben festgestellt, dass wir nur wenige Kilometer voneinander entfernt lebten. Es funkte schnell und ich zog zu ihr, weil sie in einem Haus lebte und ich damals aus meiner Wohnung ausziehen musste. 

Wie schnell war für Euch klar, dass Ihr Kinder wollt?

Meine Frau hat bald mit dem Thema Kinder angefangen. Ich hatte bislang keinen Kinderwunsch. Dazu muss man wissen, dass ich mich erst recht spät geoutet habe. Ich war sogar vorher mit einem Mann verheiratet, in dieser Beziehung waren Kinder kein Thema. Mit meiner Frau aber änderte sich das. Und nach etwa eineinhalb Jahren Beziehung wurde der Wunsch konkreter. 

Wie ist Euer Traum von einem Kind dann in Erfüllung gegangen? 

Uns war wichtig, dass wir dafür unter uns bleiben, also ohne Ärzte. Wir wollten auch nicht in die Klinik. Deshalb haben wir uns für eine Samenspende einer großen dänischen Samenbank entschieden, die schicken den Samen nach Hause. Ich hatte vorher über Monate hinweg meinen Zyklus ganz genau beobachtet und alles notiert, damit wir auch wirklich den richtigen Zeitpunkt erwischen. Und tatsächlich hat der erste Versuch gleich geklappt. 

Hat der Erzeuger irgendwelche Rechte und Pflichten?

Da es eine anonyme Spende ist, gibt es keine Rechte und Pflichten. Das war auch der Grund, warum wir uns bewusst dafür entschieden haben. Wenn man den Spender später mal kennen lernen möchte, müsste man das mit der Samenbank besprechen. 

Und wie ist das bei Euch - welche Rechte hat Deine Frau?

Naja, meine Frau musste den Kleinen adoptieren. Es gibt zwar die Ehe für Alle, aber dieser Bereich Kinder ist da nicht mit abgedeckt. Zwei Mütter zu haben ist biologisch unmöglich, daher wird es auch rechtlich erstmal so gehandhabt. Heißt: Obwohl das Kind in eine Ehe hinein geboren wurde, galt es nicht rechtlich als Kind von beiden Müttern.

Das war ein langer und nerviger Weg, denn es ist eine klassische Stiefkindadoption und wir mussten beide einen Lebensbericht schreiben, erklären, warum das Kind adoptiert werden soll und das Jugendamt kam uns auch besuchen. Diese Zeit fanden wir absolut anstrengend und es hat leider nicht viel mit Gleichstellung zu tun. Aber wir haben es geschafft und nun haben wir beide die gleichen Rechte und Pflichten. 

Habt Ihr irgendwann mal negative Rückmeldung darauf bekommen, dass Ihr als lesbisches Paar ein Kind bekommt? 

Unsere Familien haben sich gefreut und wollten auch genau wissen, wie wir das alles gemacht haben. Negative Reaktionen aus dem nahen Umfeld gab es nicht - wenn dann von Fremden und leider auch von Behörden. 

Hat Eurer Sohn schon mal gefragt, warum er zwei Mamas hat und was sagt im da?

Er ist ja noch sehr klein, daher hat er noch nicht danach gefragt. Aber seine Cousine und Cousin sind älter und die waren natürlich neugierig. Neulich hat mich im Zug eine Sechsjährige gefragt, wie es sein kann, dass unser Sohn zwei Mamas hat. Ich habe es ihr dann erklärt. Ich hoffe, dass es für unseren Sohn einfach normal sein wird. Und natürlich bin ich da, um seine Fragen zu beantworten. 

Du sagst, Regenbogenfamilie ist ein Wort, das dir nicht gefällt. Warum?

Für uns sind wir als Familie normal und Regenbogenfamilie klingt immer exotisch und etwas schrill. Das sind wir gar nicht. Ich denke, die Definition von normal ist sehr individuell und je normaler wir mit dem Thema umgehen, desto weniger wird es exotisch. Daher braucht es keinen Begriff dafür. Familie ist einfach Familie.

Was würdest du dir von der Gesellschaft wünschen für Familien mit gleichgeschlechtigen Paaren?

Ich würde mir wünschen, dass die Ehe für Alle tatsächlich Gleichstellung meint. Und ich würde mir wünschen, dass die Frage, ob dem Kind dann nicht eine männliche Person im Leben fehlt, endlich aufhört. Er wächst eben in einer Familie auf. Wichtig ist aus meiner Sicht nur, dass er geliebt wird. Ach, und eine Sache noch: Wir werden sehr oft gefragt, wer denn nun die Mutter sei. Ich antworte nur noch: Wir beide. Das einfach zu akzeptieren wäre ganz toll.

Tags: Ehe, gleichgeschlechtlich, Liebe, Familie

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Kommentare

Gast — Fr, 11/29/2019 - 08:33

Wir hatten in der Kita unsere Kinder auch eine Familie mit zwei Mamas. Es hat nie irgendjemand (Kinder, ErzieherInnen, andere Eltern) in Frage gestellt, dass beide Frauen die Mamas sind und das mit der fehlenden männlichen Bezugsperson ist sowieso Quatsch. Aber ich finde die Frage, wie das kommt (von Kindern gestellt) oder wer die leibliche Mama ist, nicht schlimm. Es weicht nunmal vom klassischen Familienbild ab und ist somit halt interessant. Für Kinder und auch für Erwachsene. Sofern die Fragen freundlich und selbstverständlich wertungsfrei gestellt werden, sind sie vielleicht einfach Ausdruck von Interesse kein Angriff.

Maria — Fr, 11/29/2019 - 16:14

Schade, dass der bürokratische Weg so lang und holprig war. Umso schöner, dass ihr es doch gewagt habt!

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