Interviews

26/04/2019 - 07:00

Stadt-Mama Katharina

Update von Katja: Meine Tochter hat den selektiven Mutismus überwunden!

Liebe Katja, es ist nun über ein Jahr her, dass wir über Deine Tochter, die selektiv mutistisch ist, berichtet haben. Erklär doch nochmal kurz, was damals das Problem war.

Meine Tochter sprach außerhalb der Kernfamilie lange nur mit ausgewählten Personen.
 Prinzipiell kann man sagen, dass es ihr bei Kindern leichter fiel als bei Erwachsenen und bei Fremden besser klappte als bei bekannten Menschen (Lehrern, Ärzten etc.).
 Oft ging dieses „Nicht-Sprechen“ auch mit körperlichen Symptomen einher: sie vermied Blickkontakt, die Mimik war wie versteinert, sie hat nicht gelacht, geweint, gehustet…

Jetzt zum Schluss sprach sie mit Omas & Opas, entfernteren Verwandten/Bekannten/Nachbarn, sowie mit etwa 10 Kindern in ihrer Klasse relativ problemlos.
 Nicht jedoch mit den Lehrern, mit ihrem Therapeuten oder Ärzten.

Doch nun gibt es tolle Neuigkeiten....

Jaaaaaa! 
Seit den Herbstferien 2018 spricht meine Tochter mit allen! 
In der Schule mit allen Kindern und allen Lehrern. 
Und mit ihrem Therapeuten.

 Sie hat direkt mal eine der Hauptrollen im St. Martins Theaterstück übernommen und mit Mikrofon vor fast 400 Kindern und Lehrern gesprochen.

 Der Sonderförderbedarf ist mittlerweile aufgehoben und das hat uns ganz neue Möglichkeiten bei der Wahl der weiterführenden Schule eröffnet.
 In NRW ist es nämlich so, dass die Eltern dieser Kinder kein freies Schulwahlrecht haben; das Schulamt entscheidet, welche Schule das Kind besuchen wird.

Kam die Veränderung Schritt für Schritt oder passierte alles auf einmal?

Natürlich war das schon eine langsame Entwicklung über Jahre hinweg, aber der letzte Schritt war jetzt schon ein einmaliger und unerwarteter Sprung!
Meine Tochter hat das zusammen mit einer Freundin ausbaldowert und dann hat sie sich einfach vor die Klasse gestellt und hat verkündet, dass sie ab sofort mit allen spricht. 
Keiner wusste davon – auch nicht der Klassenlehrer.

Als ich sie dann nachmittags abgeholt habe, hüpfte sie wie ein Gummiball um mich herum und meinte, sie müsse mir unbedingt was Tolles erzählen.
 Ehrlich gesagt, hab ich das erst gar nicht glauben können,
 Ich hab immer wieder nachgefragt, ob das auch wirklich stimmt und sie meinte, ich solle doch den Lehrer anrufen und nachfragen.
 Das habe ich dann auch gemacht und er hat mir alles bestätigt.

Welche Therapien hatte Deine Tochter in der letzten Zeit?

Vor einem Jahr, als wir das letzte Mal gesprochen haben, hatten wir ja gerade die logopädische Therapie, die uns über Jahre begleitet hat, beendet und waren zum Kinderpsychologen gewechselt.
Hier waren wir jetzt aber noch in der Kennenlernphase: es gab Fortschritte bei kleineren Übungen, gesprochen hat meine Tochter dort aber nicht.

Wie hat sich Deine Tochter dadurch verändert, dass sie nun mit allen spricht?

Unsere Ansprechpartnerin an der TU Dortmund hat immer prophezeit, dass meine Tochter nicht mehr zu bremsen sein wird, wenn sie einmal die „Mauer des Schweigens“ überwunden hat – doch so ist es (leider?) nicht gekommen: sie ist nun erstaunlicherweise oftmals schüchterner im Umgang mit Fremden, als sie es vorher war. 
Nichts desto trotz ist das natürlich ein unglaublicher Erfolg und wird ihr in der Zukunft Türen öffnen, die sonst verschlossen geblieben wären.
 

Was sagen Ärzte/Therapeuten zu dem Erfolg?

Die waren natürlich auch alle total geflasht und haben sich für meine Tochter sehr gefreut. 
Wir konnten auch relativ zeitnah die Therapie beim Kinderpsychologen beenden und ihr damit nochmal signalisieren: du hast es geschafft!!!

Wie geht es Dir nun damit?

Dieses „mir fällt ein Stein vom Herz“ Gefühl, das ich eigentlich erwartet hatte, hat sich irgendwie nicht eingestellt. Das liegt zum einen vielleicht daran, dass sie ja in der Familie schon immer ganz normal gesprochen hat. Zum anderen kann man es nach so langer Zeit irgendwie gar nicht richtig glauben und ist immer noch ein bisschen in Habachtstellung…

Was möchtest du allen anderen Eltern sagen, die in ähnlichen Situationen stecken?

Wenn der Verdacht auf Mutismus besteht – auch wenn man unsicher ist, ob es sich nur um Schüchternheit oder wirklich Mutismus handelt – sollte man eine Diagnose nicht auf die lange Bank schieben.
Mutismus wächst sich nicht aus!
 Und je eher mit einer Therapie begonnen wird, desto größer sind die Erfolgschancen. 
Da Mutismus immer noch recht unbekannt ist und von Kinderärzten, Erziehern und Lehrern oft verharmlost, als Schüchternheit oder Trotz abgetan wird, empfiehlt es sich, direkt Hilfe von Fachleuten in Anspruch zu nehmen.
Ich kann hier nur nochmal jedem die TU Dortmund ans Herz legen. 

Und nochmal ganz deutlich: Wo ist der Unterschied zwischen Schüchternheit und Mutismus?

Schüchterne Kinder versuchen zwar auch, sich gegenüber Fremden oder in ungewohnten, unsicheren Situationen, verbal zu entziehen. Sie antworten jedoch, wenn auch gehemmt, sobald sie angesprochen werden. Bei einem mutistischen Kind würde genau das jedoch nicht passieren, denn diese Kinder entscheiden nicht bewusst darüber, ob sie schweigen oder reden, sondern die Situation "selektiert" darüber, ob der Sprechantrieb oder die Sprechangst die Oberhand behält.

HIER DAS ERSTE INTERVIEW MIT KATJA

Tags: Sprache, Kind, Selektiver Mutismus, Angst, Hilfe, Schüchtern

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