Vierfachmama: „Ich kam ins Gefängnis, weil ich uns retten wollte“

Ihr Lieben, manche Geschichten bewegen uns einfach sehr, das geht uns auch bei Anna (29) und ihrer Geschichte so. Auf unserer Lieblingsseite Deine Lieblingsmenschen (denen ihr unbedingt folgen solltet, hier auf Insta und hier auf FB) haben wir sie und eine erste kleine Übersicht über ihre Geschichte entdeckt, seitdem folgen wir ihr (das könnte ihr hier auch tun) und erleben eine Frau, die ins Gefängnis kam, nachdem sie sich und ihre drei Kinder (das vierte war noch im Bauch) vor ihrem narzisstischen Mann retten wollte. Die drei Großen (7,6 und 4) kamen in zwei unterschiedliche Pflegefamilien. Die Kleine (1) kam in der Haft zur Welt.

Triggerwarnung: In einer Antwort erzählt sie auch von physischer und sexueller Gewalt. Im Moment kämpft sie darum, dass ihre großen Kinder wieder bei ihr wohnen können.

Liebe Anna, du bist schwanger und als Mutter von bereits drei Kindern ins Gefängnis gekommen. Verurteilt zu 26 Monaten, 13 davon musstest du absitzen. Wie hast du diese Zeit „überlebt“?

Im ersten Moment, saß der Schock tief. Ich habe lange gebraucht, das Urteil zu akzeptieren. Die Zeit in Haft war eine prägende Zeit. Der Gedanke an meine Familie und meine Kinder hat mir geholfen, jeden Tag aufs Neue zu überleben. Im Gefängnis lebst du von Tag zu Tag.

Du machst dir keine Gedanken, was vielleicht nächsten Monat sein könnte. Diese Gedanken darf man nicht zulassen, sonst verlierst du den Mut, den Glauben und die Hoffnung. Jeden Tag, den man überlebt, bringt einen näher ans Ziel.

Am Tag deiner Verhaftung kamen deine Kinder in Pflegefamilien, sie wurden voneinander getrennt und auf zwei verschiedene aufgeteilt. Weißt du, warum das so war? Warum man die Geschwister nicht zusammengelassen hat?

Ja, das weiß ich, die Verhaftung kam sehr spontan. Der Polizist (Herr H.) konnte es damals auch nicht verstehen und hat sich noch dafür eingesetzt, dass der Haftbefehl aufgehoben wird. Leider ohne Erfolg. Als wir gegen Mittag auf dem Jugendamt ankamen, waren die Damen sehr bemüht.

Aber: sie fanden keine Pflegefamilie, die die Kapazität hatte, drei Kinder aufzunehmen. Heute habe ich dafür Verständnis, das war nicht immer so. Wofür ich kein Verständnis hatte und habe, ist, dass ich sie nicht sehen durften. Nicht mal einen Versuch gab es, die Ausrede über zwei Jahre war die Pandemie. Telefonieren durften wir auch anderthalb Jahre nicht.

Wie war der Abschied von ihnen und was hat dieser Moment mit dir gemacht?

Sie haben gar nicht so richtig realisiert, was da gerade passiert, glaube ich. Als ich das Jugendamt verlassen habe, bin ich zusammengebrochen. Ich habe viele Tage nur geweint und dann nur geschlafen vor Erschöpfung.

Wie hast du Kontakt zu deinen Kindern gehalten, du durftest sie im offenen Vollzug sehen, oder?

Ich war für meine Kinder immer präsent. Im geschlossenen Vollzug habe ich ihnen jeden Tag einen Brief geschrieben mit ein paar persönlichen Worten und einer Gute-Nacht-Geschichte. Im offenen Vollzug konnten wir dann zum Beispiel auf den Spielplatz gehen und haben dort meist vier Stunden miteinander verbracht.

Wie hast du ihnen erklärt, was los war?

Das wurde von den Pflegeeltern übernommen. Die Pflegemama der Großen hat ihnen die Wahrheit gesagt. Die Pflegemama der Kleinen hat immer gesagt, ich bin im Krankenhaus. Ich weiß bis heute nicht, ob das wirklich so richtig war.

Wie war das soziale Gefüge im Knast, gibt es da auch so eine Art „Freundschaften“?

Jein. Es ist einfach sehr viel Schein. Jeder denkt nur an seinen eigenen Hintern. Aber ich hatte Glück, ich habe zwei Frauen kennengelernt. Sonja und Claudia und ja, eine der beiden Frauen ist meine beste Freundin geworden.

Ich bin dankbar, so einen Menschen an meiner Seite zu haben, der immer für mich da ist und bei dem ich mich nicht rechtfertigen muss. Niemals. Ebenso sehe ich in beiden Fällen ausschließlich den Menschen in ihnen – und nicht die Tat.

Du warst schwanger mit deinem vierten Kind. Nicht von deinem narzsisstischen Mann, sondern von einem neuen Partner.

Ja, genau, unsere Tochter kam in der Haft zur Welt. Drei Tage nach der Geburt ist sie zum Papa gezogen. Da war ich aber schon im offenen Vollzug, so konnte ich sie tagsüber stillen und nachts abpumpen. Ich hatte auch eine Hebamme, die mir zur Seite stand.

Du bist im letzten Jahr entlassen worden, wie waren die ersten Schritte in Freiheit für dich?

Zu sagen, es wäre einfach gewesen, wäre gelogen, aber durch mein Netzwerk stand ich ziemlich schnell wieder auf eigenen Beinen.

Du durftest dein mittleres Kind wieder zu dir nehmen, um die beiden anderen Größeren kämpfst du noch immer…

Genau. Ich habe mein zweitjüngstes Kind zu Hause, meine Tochter. Nun kämpfen wir dafür, wieder zusammen zu sein.

Warum durfte gerade sie zu dir zurück und die anderen nicht?

Das versuchen wir gerade mit meiner Anwältin zu klären, vor allem, weil Motti ohne Auflagen zurückgekommen ist. Das heißt: Es wurden keine Hilfen installiert oder Ähnliches. Es schaut niemand, ob es ihr gut geht oder ob hier alles läuft.

Eure Wohnung, euer Zuhause von vorher – das gibt es alles nicht mehr. Du musstest alles zurücklassen, nicht nur dein altes Leben, sondern auch Erinnerungsboxen der Kinder, Fotoalben etc. Wie fühlt sich das für dich an?

Stellenweise fühle ich mich entwurzelt. Mir fehlen die kleinen Sachen, auf die ich gerne in ein paar Jahren zurückgeblickt hätte. Sachen, die ich meinen Kindern gerne mitgegeben hätte, wenn sie irgendwann mal ausgezogen wären. Mir fehlt meine Bettwäsche, die ich immer am liebsten draufhatte. Aber am meisten fehlen die Sachen der Personen, die diese Welt bereits verlassen haben.

Hast du keine Verwandten oder Freunde, die die Sachen an sich nehmen konnten? Wer hat eure Wohnung entrümpelt, sind die Dinge wirklich verloren?

Niemand hatte Zutritt zur Wohnung und als ich wieder draußen war, war der Container bereits abgeholt. Der Vermieter hat damals in Eigenregie gehandelt.

Du wurdest straffällig, um dich vor deinem narzisstischen Mann zu retten. Als die Lage bedrohlich wurde, hast du dir auf illegale Weise Geld besorgt, um da rauszukommen, um dich und die Kinder aus der misslichen Lage zu befreien. Würdest du das wieder tun?

Nein. Denn heute weiß ich, dass man nicht zu stolz sein darf, um nach Hilfe zu fragen. Und dass man sich nicht schämen muss, wenn einem Grausames angetan wird. Denn es war nie meine Schuld, nicht die Schläge, die ich bekommen habe, noch dass mir auch sexuelle Gewalt angetan wurde.

Alles begann 2013 so schön, mit der ersten Schwangerschaft begann das das Martyrium. Aber ich kam da lang nicht raus. Er redete mir ein, ich sei selbst schuld. Weil wir 350 Kilometer von meiner eigentlichen Heimat wegwohnten, bekamen Freunde und Familie kaum mit, wie es mir wirklich ging. Ich schämte mich auch, darüber zu reden.

Du magst nicht verraten, was genau du getan hast, richtig?

Es ging im weitesten Sinne um Betrug. Ich möchte da nicht weiter drauf eingehen, da ich nicht möchte, dass jemand auf eine doofe Idee kommt. Meine Betrüge waren schnell ausgeführt und mir folgen so viele Menschen, die auch in schweren Situationen sind. Da möchte ich keine Nachahmer auf den Plan rufen.

Wurde dir deine verzweifelte Lage strafmildernd ausgelegt?

Ja. Zunächst waren 48 Monate Haft angedacht.

Welche Dinge triggern dich seit der Beziehung – und welche seit der Haft?

Geschlossene Räume sind furchtbar. Wenn Glas zerbricht. Lautes Knallen. Kellerräume kann ich bis heute nicht betreten aus Angst, wieder Tage dort verbringen zu müssen. Aber ich kann damit mittlerweile gut umgehen. 

Wie geht es deinen Kindern heut? Und was möchtest du ihnen für ihr Leben mit auf den Weg geben?

So geht es ihnen gut. Sie leiden immer noch unter dem Getrenntsein, aber das ist mal mehr oder weniger präsent. Ich möchte ihnen mitgeben, dass sich jeder Kampf lohnt, egal wie schwer er sein mag. Und dass sie bei mir immer ihren Anker werfen können, wenn sie das möchten. Ich werde da sein – immer. Egal, was das Leben für uns bereithält. Es ist einfacher, seit sie verstehen, dass ich immer wiederkomme.

Und wie geht es dir?

Mir geht es so lala, ich habe gute Tage und das freut mich. Aber ich habe auch schlechte Tage. Nun, auch damit kann ich umgehen. Es gehört zu mir und zu meiner Vergangenheit. Heute würde ich mir mehr Sorgen machen, wenn es mir nur gut gehen würde…

Ansonsten kämpfe ich um meine kleine Familie. Deswegen habe ich eine Spendenaktion ins Leben gerufen, weil mir leider die finanziellen Mittel für einen Prozess fehlen, um meine Jungs zurückzubekommen. Ich liebe meine Kinder und würde alles für sie tun. Ich wünsche mir nichts mehr, als ihnen sagen zu können das auch sie nach Hause dürfen. Dass ich sie nicht wieder abgebe und das wir ab jetzt immer zusammen sind. So wie sie es sich wünschen. So wie wir es uns wünschen.

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3 comments

  1. Wenn einem finanzielle Mittel für einen Prozess fehlen, kann man auch Prozesskostenhilfe beantragen. Und so irre finde ich unser Rechtssystem eigentlich nicht (bezieht sich auf den Kommentar von Elli). Alles Gute für die Autorin des Artikels.

  2. Seh ich ganz genauso! Eine traurige Welt!
    Ich wünsche dir liebe Anna, euch alles erdenklich Liebe und Gute!!!

    Hoffentlich könnt ihr schnell wieder ein gemeinsames Leben führen und schafft eure Wunden zu heilen.

    Ganz viel Kraft und Durchhaltevermögen!

  3. Was für ein irres Rechtssystem, in dem eine misshandelte Mutter ohne Vorstrafen für einen Betrug 26 Monate ins Gefängnis muss. Egal was für ein Betrug es gewesen sein mag, es ist letztendlich doch „nur“ Geld. Sehr oft bekommen Täter*innen viel kürzere Haftstrafen für Vergewaltigung oder Körperverletzung. Und damit haben sie immerhin einen Menschen verletzt und traumatisiert. Das kann ich nicht verstehen.

    Ich wünsche Anna alles Gute und hoffe, dass auch ihre Söhne bald wieder bei ihr leben dürfen. Und dass die Familie wieder eine Art „Normalität“ erleben und glücklich werden kann.

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