Gastbeiträge

27/07/2019 - 07:15

Stadt-Mama Katharina

Warum Patchwork schwierig ist– eine Meinungsäußerung von Ina

Zwei Mütter und zwei Väter, davon zwei leibliche und zwei Stiefeltern -nach der Trennung und dem Verlust unserer Heile-Welt-Familie war das meine Idealvorstellung für meine Kinder. Ich dachte: Zwei weitere Personen, von denen die Kinder geliebt werden, die sie um Rat fragen können oder bei denen sie sich ausheulen, wenn die Eltern mal wieder nerven. Eine Bereicherung für ihr Leben.

Leider kam es nicht so. Denn so logisch und offensichtlich es für mich schien, dass man meine Kinder ja nur lieben könnte, umso härter traf mich die Realität. Ich sage es gleich: Wir sind nach sechs  durchwachsenen Jahren Patchwork kläglich gescheitert.

Aber von vorne: Als mein Mann und ich uns trennten, waren unsere drei Wunschkinder noch ziemlich klein. Und obwohl unsere neuen Partner nicht die Gründe für die Trennung waren, hatten wir doch beide sehr schnell einen neuen Menschen in unserem Leben.

Trotz Trennungsschmerz empfingen unsere Kinder unsere neuen Partner mit offenen Armen und ohne Vorurteile. Sie machten es meinem Ex-Mann und mir in keiner Weise schwer und die neuen Partner an unserer Seite hatten schnell Zugang zu den Kindern.

Anfänglich lief alles wie in einem perfekten Bilderbuch. Wir trafen uns zum Grillen, um den Kindern Gemeinschaft zu demonstrieren. Man sprach über die Situation und beide Partner versicherten immer wieder, wie toll die Kinder seien und wie sehr sie die Kinder mögen.

Dennoch klappte es nicht wirklich. Mein neuer Partner fühlte sich schnell überfordert. Er wünschte sich mehr Verantwortung und Anteilnahme des leiblichen Vaters im Alltag. Die neue Partnerin meines Ex-Mannes dagegen war selbst einfach viel zu jung und unfertig, um die Rolle einer Mutter zu übernehmen. Und so kam es, dass die Kinder im besten Fall akzeptiert waren und gemocht wurden- aber ganz sicher nicht ins Herz geschlossen.

Zudem schien es immer mehr,  als würde mein neuer Partner mit den Kindern um meine Liebe konkurrieren. Immer wieder zeigte er mir die scheinbaren Unzulänglichkeiten meiner Kinder auf und damit verbunden meine - in seinen Augen - zu lasche Erziehung.

Die ewigen Diskussionen rund um das Thema Erziehung führten im Laufe der Zeit zu immer heftigeren Auseinandersetzungen. Seine Ansprüche an meine Kinder waren immens. Im Grunde wußte er das selber, aber umso mehr ich dagegen hielt, umso übertriebener waren seine Vorschläge.
Ich begann natürlich an mir zu zweifeln und befragte auch mein Umfeld. Aber tatsächlich gab es keine Familie und kein Kind, das seinen Anforderungen gerecht geworden wäre....
So stand ich ständig zwischen zwei Stühlen, wollte immer die Harmonie wahren. Und doch stand ich immer auf dem Verliererplatz, weil entweder die Kinder enttäuscht waren oder der neue Partner sauer...

Ein wenig Einsicht brachte die Geburt unserer gemeinsamen Tochter. Allerdings nur für die Ereignisse der Vergangenheit. Meine Kinder wurden älter und sein Verständnis beschränkte sich auf die frühe Kindheit, weil er hier nun selber die Erfahrung der Vaterschaft machte. Das half meinen Großen leider wenig. Obwohl sie unser neues Familienmitglied, ihre Schwester mit offenem Herzen aufnahmen und bis heute keinerlei Eifersucht oder Groll gegen sie hegen, tat mein Partner alles dafür, dass sie ihre kleinste Schwester normalerweise hassen müssten. Er maß mit zweierlei Maß.
Am Ende zerbrach unsere Beziehung auch am nicht vorhandenen Patchwork.

Dsas ich mit dieser Erfahrung leider nicht alleine bin, erlebe ich immer wieder in meinem Umfeld. Nach der Trennung und somit der 2. gescheiterten Ehe habe ich viel über das Thema Patchwork nachgedacht und mit vielen anderen Menschen darüber geredet. Nicht zuletzt, weil ein neuer Partner an meiner Seite ja auch in einer Patchwork Situation leben würde und ich den gleichen Fehler nicht nochmal machen möchte.

Meine Antwort und meine Meinung dazu, warum Patchwork so schwierig ist und so oft scheitert: Trotz steigender Scheidungsraten ist niemand darauf vorbereitet, wirklich Patchwork zu leben.Schon der Name, der ja irgendwie nach Hippie klingen soll, und somit an Liebe und buntes Miteinander erinnern soll, ist eigentlich falsch.

Ein menschliches Beziehungsgeflecht als Flickwerk zu bezeichnen, klingt nicht gerade nach Harmonie. Menschen lassen sich nicht wie bunte Stoffreste einfach zusammen legen und aneinander nähen. Menschen sind vielschichtig. Gerade im Patchwork bringen sie Verletzungen aus der Vergangenheit mit, gute Erfahrungen und schlechte.

Ein Gemisch an Gefühlen, das sich nicht so einfach lenken oder beherrschen lassen, bestimmt den Alltag. So sehr der neue Partner die Kinder auch mag, oder vielleicht sogar auf seine eigene Art liebt, so erinnern sie ihn doch täglich an die Ex-Beziehung seiner Partnerin. Die Kinder tragen eventuell zu einer gefühlsmäßigen Verunsicherung des neuen Partners bei. Vielleicht haben sie neben verschiedenen Charaktereigenschaften auch noch jede Menge äußere Ähnlichkeiten mit dem oder der Ex.

Selbst wenn die Beziehung schon lange vorher beendet war, so sind diese Kinder die fleischgewordene Erinnerung daran, dass man einen anderen Menschen einmal sehr geliebt hat. Und sie sind der Grund, warum der Kontakt zum Ex mehr oder weniger täglich stattfindet. Es gibt kaum eine Möglichkeit den Ex-Partner aus dem Alltag zu verbannen. Sie sehen sich dauernd der Gefahr ausgesetzt, dass die einst schwer verliebten Eltern über die gemeinsamen Kinder wieder zueinander finden könnten. Und nur die Wenigstens unter uns, können mit diesen beängstigenden Gefühlen umgehen. Man muss schon sehr mit sich selbst im Reinen sein, um das objektiv und vernünftig einordnen zu können und seine Unsicherheit in diesem Bereich ablegen zu können.

Ich als Partnerin und Mutter dagegen haben andere Schwierigkeiten. Meine Liebe zu den eigenen Kindern erlaubt keine Ablehnung durch andere Personen. Für die Mutter oder den Vater ist es vollkommen unverständlich, wie jemand seine Kinder nicht lieben kann. Sie sind einzigartig und vollkommen.

Außerdem ist jede Einmischung in die Erziehung eine Kritik an der eigenen Erziehungsmethode und somit an der eigenen Überzeugung. Ständig fühlt man sich unter Beobachtung gestellt und was noch viel härter ist, ständig sieht man die eigenen Kinder unter Generalverdacht und Beobachtung.

Eine klare Regelung zu treffen, in wie weit der neue Partner oder ob er sich überhaupt in die Erziehung einmischen darf, ist für beide Seiten sehr schwierig. Darf der neue Partner gar nicht mitreden, fühlt er sich schnell ausgeschlossen und überflüssig. Ich als Elternteil fühle mich irgendwann allein gelassen und unverstanden.

Darf er nur in bestimmten Bereichen mitbestimmen, verschwimmen schnell die Grenzen und bieten jede Menge Situationen für unnötige Diskussionen und Streit. Möchte man eine 'normale' Familie imitieren und der neue Partner darf alles mitentscheiden, benötigt es zum einen ein sehr ähnliches bis gleiches Erziehungsverständnis, sowie das Einverständnis des außerhäusigen Erziehungsberechtigen. Zudem braucht es Kinder, die sich auf das jeweilige Modell einlassen. Ein Dilemma ist quasi vorprogrammiert.

Noch schwieriger wird es, wenn beide Partner Kinder mit in die Beziehung bringen. Dann öffnet sich ein weiteres Mienenfeld. Mein Kind, dein Kind. 
Eifersucht macht sich schnell breit. Die Kinder mögen sich untereinander vielleicht auch nicht. Lebt ein Teil der Kinder permanent in der Patchwork Familie und ein Teil kommt nur am Wochenende ist oft eine weitere Art der Eifersucht im Spiel. Dazu kommen oft Vorwürfe der Ex-Partner, dass man sich um fremde Kinder mehr kümmert als um die eigenen Kinder.

Fazit: Einfach ist anders.

Was also tun? Kapitulieren? Als alleinerziehendes Elternteil nur noch ambulante Beziehungen führen? Vielleicht keine schlechte Idee. In der Umsetzung aber sicher auch nicht leichter.

Meine Idee? REDEN. Ehrlich und offen und das von Anfang an. Am besten mit professioneller Begleitung. Damit dieses Familienmodell funktionieren kann, benötigt es viele Gespräche, Vertrauen in sein Gegenüber und Offenheit auf jeder Ebene.

Wie oft hört man den Satz: „Er wußte doch, worauf er sich einlässt. Dass du Kinder hast, war ja kein Geheimnis.“ Das stimmt nur sehr begrenzt. Ja, es war kein Geheimnis, dass und wieviele Kinder ich habe. Aber was auf uns zukommt, wußte keiner von uns. Welche Probleme auf uns warten und welche Schwierigkeiten dieses Flickwerk mit sich bringt, davon hatten wir keinen Schimmer.

Und deshalb: REDET. Alle! Auch ihr, die eine gescheiterte Patchwork-Familie beklagen müsst. Erzählt davon. Hätten wir vorher gewußt, welche und wieviele Schwierigkeiten auf uns warten, wären wir mit anderen Erwartungen in dieses Abenteuer gestartet. Wir hätten uns früher professionelle Hilfe geholt, in dem Wissen, dass es keine Schande ist, keine perfekte Patchwork-Familie zu sein.

Und zu guter Letzt wünsche ich allen das, was uns am Ende wahrscheinlich auch gefehlt hat: Das bekannte Quäntchen Glück.

Tags: Patchwork, Liebe, Trennung, Erziehung, Verantwortung, Ex, Partner, Familie

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Kommentare

Dresden Mutti — Sa, 07/27/2019 - 07:52

Wahrscheinlich kann mich sich nur richtig hineinfühlen, wenn man es selbst erlebt (hat). Es ist sehr schade, dass es nicht geklappt hat mit euch! Ich sehe auch in verschiedenen Familien, wie Patchwork sein kann, wobei es von außen gut zu klappen scheint. Im Inneren hat man aber doch mit vielen Hürden zu kämpfen... Danke für den Beitrag!

Annegret Maack — Sa, 07/27/2019 - 09:47

Hey Ina, ich bin dankbar für deinen Artikel. Ich habe auch das Gefühl, dass es kein Selbstverständnis ist , dass zusammen alle ihre Egos für die Kinder zurücknehmen (können). Wie du sagst, da ist immer viel Gefühl dabei. Ich selbst lebe seit 1 Jahr getrennt und denke, das zu verarbeiten reicht fürs Erste. Da brauche ich nicht noch schnell einen neuen Partner, um dann Patchwork auszuprobieren. Du schreibst viel über die Probleme der Erwachsenen, ich glaube aber auch dass es für die Kinder komisch sein kann, gerade wenn nicht alles toll läuft. Danke nochmal für deine Gedankenanstöße und den super geschriebenen Artikel. LG Anne

Sabine — Sa, 07/27/2019 - 10:27

Ich finde du bringst es gut auf den Punkt. Als ehemaliges Patchwork Kind, habe ich dieses Modell alles andere als bereichernd gefunden. Ich bin ehrlich, viel lieber hätte ich darauf verzichtet. Ich habe die Kinder in meinem Umfeld, die aus einer stinknormalen Vater, Mutter, Kind Spießer Familie kamen immer so schrecklich beneidet. Selbst hatte ich immer das Gefühl, dass meine eigene Familie irgendwie kaputt sei.:-( Und das ist mir lange, bis ins Erwachsenenalter hinein, nachgehangen. Natürlich kann man eine intakte Beziehung nicht erzwingen und eine Trennung ist manchmal unvermeidlich. Aber man sollte gaaanz sensibel und umsichtig vor gehen wenn Kinder mit im Spiel sind, bevor man sich auf eine neue Beziehung einlässt. Patchwork ist kein Abenteuer in das man sich locker, flockig eben mal hineinstürzt. Danke, dass du das so offen ansprichst.

alexandra — Sa, 07/27/2019 - 12:12

ich bin mit meinem Partner jetzt seit über 11 Jahren zusammen . Allerdings wohnen wir nicht zusammen . Ich mein Kinder waren damals 11 und 15 und sein Sohn 13 . Da wir 300 km auseinander wohnen und keiner von uns den Kindern eine Entwurzelung zumuten wollte war klar Fernbeziehung. Und ich muss sagen Gott sei Dank ich mag seinen Sohn ganz gerne aber mit ihm zusammenleben niemals . Ich ärgere mich regelmäßig schon am Wochenende über ihn , das Problem ist das mein Freund und ich komplett unterschiedliche Erziehungsstile haben das wäre niemals gutgegangen . So verstehen wir uns alle gut und wenn das letzte Kind ausgezogen ist werden wir zusammen ziehen . Aber vorher nicht.

aleXXblume — So, 07/28/2019 - 23:05

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es unglaublich hilfreich ist, diesen Prozess nicht alleine durchzustehen. Es gibt gute Literatur zum Thema, die schon sehr erhellend ist. Was uns aber sehr geholfen hat, waren Seminare für Patchwork-Eltern. Dort konnten wir uns mit anderen Eltern in ähnlicher Situation austauschen und bekamen professionelle Unterstützung. Das hat uns sehr geholfen und so kam keiner der Partner und auch kein Kind zu kurz. Viel Erfolg allen neuen Patchworkern! Wir haben es vor 15 Jahren gut hinbekommen und sind inzwischen alle sehr zufrieden mit der Situation.

Dieverlorenenschuhe — Di, 07/30/2019 - 10:26

Ich glaube an Patchwork. Natürlich verlangt es allen Beteiligten viel ab, vor allem auch viel Selbstreflektion und evtl. Selbstregulierung. Und die Umstände mögen immer ein bißchen anders sein. Wenn beide Kinder mitbringen, wenn die ExPartner einem die Butter auf dem Brot nicht gönnen, wenn sogar der neue Partner auf die Vergangenheit eifersüchtig ist, die Kinder nicht klar kommen, kommt man ohne professionelle Hilfe schon mal nicht aus. Und manchmal muss man eben seine Sicht der Dinge und auch manche Wünsche begraben. Meine Kinder sind nun fast 8 und fast 6. Mein neuer Partner, seit über 2 Jahren zusammen, hat keine Kinder, nur fordernde Eltern. Zusammziehen und ein gemeinsames Kind stehen nicht zur Debatte. Gemeinsam Leben möchten wir, aber später. Die Kinder sehen ihn sporadisch, dann klappt alles gut. Ein freundschaftliches Verhältnis von neuem und Ex wird aus diversen Gründen nicht angestrebt. Die Kinder verbringen viel Zeit mit ihrem Vater. Mein Freund sagt, er sehe in erster Linie mich in den Kindern. Er muss damit leben, dass viel Kontakt zu m Ex wegen der noch kleinen Kinder besteht. Er vertraut mir wohl und glaubt mir, dass unsere heutige Liebe etwas besonderes ist, tiefer und größer. Auch ich muss mit seiner Langzeitbeziehung klar kommen und ihm glauben. Klar, am Anfang habe ich auch davon geträumt, mit ihm endlich ein harmonisches Familienleben zu leben. Hätte auch trotz meines Alters noch ein Kind bekommen. Ihm war letzteees nicht so wichtig. Muss es also imner sein, wenn rs dadutch so kompliziert wird? Jetzt genießen wir einfach nur unsere Liebe, jeden Moment, wo wir zusammen sein dürfen und freuen uns auf unsere gemeinsame Zukunft, die wir beide so gerne wollen. Alles zu seiner Zeit. Wir sind schon durch viele Gefühle durch, er hatte auch Bedenken, aber die Liebe ist stark genug. Allen Patchworkern viel Glück und vor allem die Fähigkeit, eigene negative Befindlichkeiten, Eifersucht z. B. in den Griff zu bekommen.

Dieverlorenenschuhe — Di, 07/30/2019 - 10:35

(Sorry erst mal für die Tippfehler, sehe das am Handy so schlecht). Ich wollte noch anmerken: wenn Erziehungsstile so unterschiedlich sind, Ansichten über bestimmte Dinge, kann das immer zu einem Problem werden, das aber nicht nur Patchwork betrifft. Ich hatte das Problem mit meinem Ex, eines von vielen, aber ein sehr entscheidendes, gerade wenn Kinder da sind zeigt sich, wie gut man als Team funktioniert. Das möchte ich so nicht noch mal erleben. Da würde ich schon die Reißleine ziehen und irgendwie Maßnahmen ergreifen, Hilfe holen oder im schlimmsten Fall die Beziehung beenden. Es mag schön sein, zusammen zu leben, aber es sollte auch ohne gehen, wenn es dadurch weniger Probleme gibt.

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