16/06/2014 - 09:56

Land-Mama Lisa

Wie ich eine Landmama geworden bin. Ein hoffentlich ausgewogener Erklärungsversuch

Guten Morgen, Ihr Lieben! Nun hat Caro am Samstag beschrieben, warum sie so gern eine Stadt-Mama ist, also widme ich mich heute einmal dem Landleben. Ich möchte ganz ehrlich sein. Es hat etwas gedauert, bis ich mich auf dem Land richtig wohl fühlen konnte.

Der Unterschied zwischen Caro und mir ist, dass Caro bislang nur die Stadt-Mutterschaft kennt. Ich kenne mittlerweile beide Seiten. Meine Tochter war fast sechs als wir aus der Stadt aufs Land zogen, das heißt: Sechs Jahre lang war ich selbst eine Stadtmutter, zwei Jahre lang bin ich nun eine Landmama.

Mit unserem Umzug aus Berlin ins Bergische bei Köln haben wir dieses Blog begonnen und es „Stadt Land Mama“ genannt. Caros Idee war, dass wir uns gegenseitig von unseren Lebensmodellen erzählen. Ich konnte das aber nicht so richtig, denn am Anfang fiel mir das Einleben wirklich noch schwer. Und wenn ich ganz, ganz ehrlich bin, fühle ich mich auch erst seit Kurzem, also nach zwei Jahren des Landlebens so richtig angekommen hier. Die Kinder? Die nicht. Die waren vom ersten Tag begeistert. Aber ich, ich war gern Stadtmama, deswegen möchte ich hier nichts verteufeln, aber ich kenne die Unterschiede ganz gut und habe mir viele Gedanken gemacht, warum die Umstellung so schwierig war. Es hat sich einfach viel verändert.

Die Fixierung auf das Äußere (und damit meine ich nicht nur das Aussehen) fällt hier weg oder ist zumindest nicht so präsent. Nicht so präsent, weil wir hier gar nicht so viel auf den Straßen unterwegs sind. In Prenzlauer Berg habe ich mit den Kindern quasi auf der Straße gelebt. Wir hatten eine Vierzimmer-Wohnung zu Fünft, wir wohnten im ersten Stock im Vorderhaus und eine vierspurige Straße führte direkt an unserer Haustür vorbei. Wir hatten weder Garten noch Dachterrasse, also hielten wir uns hauptsächlich zum Essen und nachts in der Wohnung auf, ansonsten war ich mit Zwillingswagen samt Kiddyboard zu Fuß unterwegs mit meinen Dreien. Wir waren sehr viel auf Spielplätzen unterwegs, immer Kinder und andere Eltern um uns herum. Heute muss ich die Kinder mit dem Auto herumkutschieren, da ist dieser Austausch mit den anderen so spontan nicht mehr möglich.

In Berlin hatte ich das Gefühl, viele sind auf der Suche, gierig nach dem Leben, probierten neue Trends aus, waren irgendwie gehetzt und mir gefiel das. Diese latente Unzufriedenheit, diese Suche nach Optimierung, in welcher Form auch immer. Als wir hierher kamen irritierte mich die Zufriedenheit der Menschen, dieses Angekommensein. Dieses Ich-hab-ein-Haus-einen-Mann-einen-Hund-und-einen-gepflegten-Vorgarten-wonach-soll-ich-also-noch-suchen. Ich hatte noch Hummeln im Hintern und dachte: Das kann´s doch jetzt nicht gewesen sein.

Ich musste lernen, mich zurückzulehnen und zu denken: Ja, schön. Genieß es doch einfach. Lass Dich doch auch mal in Deinen Sessel fallen und genieß. Die Ruhe in der Nacht. Keine Abgase, keine Autos, frische Luft, sooo viele Tiere, das Sammeln von Raupen und Beobachten, wie sie zu Schmetterlingen werden, das Schlüpfen der Küken, das grüne Gras, der Vollmond über der Wiese. So schön!

Die Events und Veranstaltungen und Restaurants, von denen Du erzählst, ja, die habe ich vor den Kindern auch genossen in Berlin. Aber nach den Kindern fand ich die Option zwar schön, dass noch machen zu können. Aber getan hab ich es nicht mehr. Dafür fehlten mir Zeit und Kraft. Und so eine große Stadt hat ja auch ihre Schattenseiten. Der betrunkene Obdachlose vor unserer Haustür für den wir den Notarzt rufen mussten. Der Dreck. Das hohe Verkehrsaufkommen.

Neulich stand ich mit einem Nachbarn zusammen im Garten, die Kinder rannten über die Wiese, der Eismann bimmelte und verkaufte seine kalten Schoko- und-Vanillekugeln und ich erwischte mich dabei, wie ich sagte: „Wow, das ist doch echt das Paradies hier!“ Und der Nachbar stimmte ein: „Klar, wo sonst können Kinder heute noch unbeaufsichtigt in den Wald, in den Garten, um die Häuser ziehen?“ Es ist ein Paradies für die Kinder.

Ich kann die Spülmaschine ausräumen, während die Jungs auf dem Rasen Fußball kicken. Damals musste ich dafür Taschen packen, Plastikdosen mit Apfelschnitzen füllen, alle nochmal zur Toilette jagen, bevor wir uns aufmachen konnten zum nächsten Bolzplatz. Die Kinder können sich schon jetzt kein Stadtleben mehr vorstellen, zumindest die Kleinen nicht. Die Große und ich wir reden schon noch drüber, wie es damals war. Und fahren im Sommer mal wieder hin in die alte Heimat zu den alten Freunden. Das war eine schöne Zeit, die ich als Stadtmutter hatte. Mit anderen Müttern auf dem Spielplatz zu „leben“, das war ein toller Austausch und da konnte etwas Intensives entstehen.

Ich bin ja ein Grundoptimist und sage immer: Es war genau so gut, wie es war. Die ersten Kinderjahre in der Stadt, wenn die Kinder noch im Kinderwagen liegen oder sitzen und die Mama sich jeden Tag an einer anderen neuen Kaffeebude mit Koffein eindecken kann, sich mit anderen austauschen kann. Mit dem Flüggewerden der Kinder dann aufs Land, damit die Kleinen wirklich mal auf einen Baum klettern können und alleine unterwegs sein können, um Baumhäuser zu bauen oder Pferdeparcours mit Ästen zu legen. Das war gut so. Für uns.

Du bist glücklich in der Stadt. Ich mittlerweile glücklich auf dem Land. Ich habe auch hier jetzt meine Leute und treffe mich viel, das ist wichtig. Und toll!

Ich bin gespannt, wie Du zu dem Thema stehst, wenn Dein Großer eingeschult wird und sich auch gern mal allein und ohne Mama aufmachen möchte. Ob Ihr dann doch in Eure Datsche zieht? Ich bin gespannt! Denn damals, als meine Kinder noch im Alter Deiner Kinder waren, da hab ich auch noch gedacht: Stadt. Das ist es. Da bleiben wir. Und dann. Kam es doch anders.



 

Tags: Landleben, Stadtleben, Familien, Mutter, Kinder, Einleben

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Kommentare

Lucy — Mo, 06/16/2014 - 12:46

Liebe Lisa, danke für diesen tollen Beitrag! Und danke auch an Caro für ihre Meinung zum Stadtleben! Genau aus diesem Grund habe ich vor einigen Monaten angefangen, euren Blog zu lesen - aufgrund des Namens hatte ich gehofft, einige interessante und aufschlussreiche Gedanken zum Thema "Stadt oder Land" zu lesen. Weil wir nämlich auch darüber nachdenken, evtl später aufs Land zu ziehen (wo man sich ein Haus mit Garten leisten könnte). Noch kann ich es mir nicht so richtig vorstellen, aber wer weiß, was die Zukunft bringt! Daher freu ich mich sehr, dass ihr eure Überlegungen zu dem Thema nun aufgeschrieben habt! Vielleicht gibt es hier noch mehr Mamas unter den Leserinnen, die Stadt gegen Land getauscht haben, und nun sehr glücklich oder eher unzufrieden sind. Ich wäre gespannt auf noch mehr Meinungen! LG, Lucy

Denise — Mo, 06/16/2014 - 13:13

Ich bin jetzt seid einem Jahr Landmama und in meinem Garten bin ich schon vollends angekommen - im Dorf da arbeite ich noch dran. Da auch die Arbeit viel einspannt arbeite ich noch an meinen Kontakten hier. ich liebe genau das was du betonst - die ungezwungenheit für unsere Motte. Sie flitzt durch den Garten egal was für ein Wetter, hier werden Bienen geguckt und Regenwürmer umgetopft, herrlich. Danke für deinen schönen Beitrag Gruß Denise

Bea — Mo, 06/16/2014 - 13:18

Dank dir Lisa für den interessanten Beitrag. Ich stimme irgendwie beiden Mamas (Stadt und Land) in bestimmten Punkten zu. Allerdings finde ich eure Beschreibungen schon sehr schwarz-weiß dargestellt. Es gibt nicht nur Stadt und Land. Ich sehe es mit mehr grauen Tönen dazwischen. Ich wohne z.B. mit drei Kindern in einer großen Stadt (Köln), aber eben nicht in der Innenstadt, sondern 3 km aus der Innenstadt raus in einem Haus mit gar nicht so kleinem Garten. Kinder können da spielen und auch frei auf den Straßen rumlaufen (unser Sohn geht z.B. mit fünf schon längst allein auf den Spielplatz. Trotzdem kann ich abends mit dem Rad ins Kino oder in eine Kneipe. Diese Kombi gibt es also auch und man muss sich nicht immer für das eine oder andere entscheiden: Man kann mit kleineren Abstrichen auch beides zusammen haben, nicht nur entweder oder.

M — Mo, 06/16/2014 - 15:36

Hallo Lisa, etwas neugierig - wir sind auch in der Grossstadt, und es geht mir zunehmend auf die Nerven, kein Platz, so viel Verkehr, immer diese Lauferei zum naechsten Park, Spielplatz. Wir haben zwar einen Garten, aber man bzw. ich kann auch nicht nur zuhause rumhocken. Das Angebot der Grossstadt nehmen wir nur noch sehr begrenzt wahr, und unser Viertel ist auch ziemlich problembehaftet - in sehr vieler Hinsicht. Da bin ich mir nicht sicher, ob ich ueberhaupt will, dass unser Zwerg das jeden Tag sieht und dort weiter aufwaechst. Daher traeume ich manchmal vom Land... Da ich aber selbst in einem Kaff aufgewachsen bin, und es wirklich in der Pubertaet hassen gelernt habe, immer und ueberall nur mit dem stuendlichen Bus hinzukommen, abends nicht nach Hause, immer Schulbus fahren zu muessen, weiss ich auch nicht, ob das die dauerhafte Loesung ist. Jobpendelei mal nicht mit eingerechnet. Daher meine Frage - wollt ihr wieder in die Stadt, wenn die Kinder groesser sind? Glaube, Beas Loesung klingt fuer mich sehr gut...

kristin — Di, 06/17/2014 - 19:14

Ich kann auch nur das Wohnen in einem Randbezirk empfehlen. Wir leben am nördlichen Rand von Berlin,in Berlin, unmittelbar an einem Naturschutzgebiet.Meine Kinder kennen dadurch eine Menge Vögel,darunter Kranich und Kuckuck :-) ,es ist supergrün um sie herum, im Garten kann gepflanzt und getobt werden. Zur Schule fahren die Kinder mit dem Rad und nachmittags werden Freunde oder der Fussballplatz ebenfalls mit dem Rad aufgesucht. Trotzdem ist beispielsweise der KuDamm nur 10 Minuten mit dem Auto entfernt und wir nutzen das Angebot der Großstadt oft und gerne. Schön finde ich auch, was den Kindern über die Schulen an Ausflügen geboten wird, einfach durch Fahrten in die Mitte Berlins. Das ist Geschichte live und in Farbe. Nein, die Stadt würde ich nie aufgeben,aber mittendrin mit Kind muss es auch nicht sein.Wohnen im Randbezirk ist dagegen m.M.nach ideal. Kristin

Chrissi — Mi, 06/18/2014 - 11:51

Ich lebe genauso wie Lisa im Bergischen bei Köln. Das jetzt seit gut 1 1/2 Jahren. Mein Sohn ist jetzt 2 geworden und kennt eigentlich nichts anderes. Ich mache die Tür auf und er kann auf unserem riesigen Grundstück flitzen. Klar muss man da auch immer ein Auge drauf haben(so ein 2 Jähriger hat ja viel Mist im Kopf :-) ) Aber sowas würde in der Stadt nicht gehen. Für ihn gibt es nichts schöneres als draußen zu sein. Für mich war es eine ziemliche Umstellung. Ich bin in Köln geboren und habe dort gut 30 Jahre gelebt. Früher habe ich auch immer gesagt, niemals Land. Aber auch wir konnten uns kein Haus in der Stadt leisten. Also habe ich mich drauf eingelassen. Ich arbeite jetzt von zzuhause aus. Muss aber alle 14 Tage ins Büro nach Köln. Die Großeltern und Freunde sind auch in Köln. Wir sind alles mindestens einmal in der Woche in der Stadt. Mir ist wichtig, dass mein Sohn auch das kennenlernt. Ich möchte nicht, dass er ein totales Landei wird:-) Ich habe also auch meine Zeit gebraucht. IDer Sommer auf dem Land ist einfach ein Traum. Ich habe neulich noch zu meinem Freund gesagt, wenn ich jetzt noch ein Meer vor der Tür hätte, bräuchte ich nie wieder in den Urlaub fahren. :-) Klar vermisse ich das Stadtleben. Aber ich hätte garnicht mehr die Zeit groß auszugehen und auch nicht den Elan. Also passt das alles schon ganz gut. Mein Kind ist super glücklich und ausgeglichen! Das ist die Hauptsache.

Christine — Mi, 10/12/2016 - 09:07

Liebe Lisa, danke für diesen schönen Erfahrungsbericht. Das mit dem "angekommen sein" kenne ich nur zu gut. Wir wohnen zwar nicht auf dem Land, sondern am Stadtrand (richtiges Landleben können wir uns beide nicht vorstellen, vor allem wegen der langen Pendelwege ins Büro...), aber ich kann trotzdem riesige Unterschiede feststellen zu unserem "alten" Stadtviertel in der Innenstadt, wo wir bis vor einem Jahr gelebt haben. Dort war ständig alles im Fluss, alle haben geplant, Veränderungen vorangetrieben, waren in Bewegung. Wir haben auch quasi auf dem Spielplatz gelebt, waren in ständigem Austausch mit anderen Familien. Das ist hier komplett anders. Unsere Nachbarn wohnen seit Jahren hier, bei ihnen hat sich eigentlich nichts geändert, außer dass die Kinder wachsen, und es wird sich vermutlich auch in den nächsten Jahren dort nichts ändern (gleicher Job, gleiche Urlaubsziele, gleiche Tages- und Jahresabläufe). Ich tue mir damit ehrlich gesagt noch richtig schwer, und es schleicht sich oft der Gedanke ein "War's das jetzt?!" Wir sind offen für Neues, möchten uns weiterentwickeln, jobmäßig bin ich auch noch nicht da angekommen, wo ich hinmöchte, da stehen hoffentlich noch Veränderungen an in den nächsten Jahren. Für mich/uns ist das schön, ich merke aber auch, dass unsere Nachbarschaft das eher verwundert beobachtet und wir Exoten hier sind. Ich bin gespannt, wie's weitergeht. Die Kinder fühlen ich jedenfalls hier pudelwohl, und das ist wichtig.

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