Interviews

15/11/2016 - 07:30

Stadt-Mama Katharina

Wie verändert sich der Sex nach der Geburt? Interview mit einer Sexual-Therapeutin

Ihr Lieben, wenn man frisch verliebt ist, kommt man kaum aus dem Bett. Leidenschaft, Lust, Erotik, Nähe - all das ist im Überfluss da. Meist nimmt das mit den Jährchen doch etwas ab - und wenn Kinder im Haus sind, nutzt man die Zeit im Bett lieber zum Schlafen als zum Kuscheln. Diese Phasen kennen eigentlich alle Eltern. Doch was, wenn die Lust so gar nicht zurück kehren will? Wenn Sex so gar kein Thema mehr ist? Wieviel Sex ist eigentlich normal und kann eine Ehe auch ganz ohne auskommen? Darüber haben wir mit Diplom-Psychologin Dr. Angelika Eck gesprochen. Sie hat eine Praxis für Paar-und Sexualtherapie in Karlsruhe - ist also Profi auf dem Gebiet. Vielen Dank für die tollen Antworten! 

Wir bekommen häufig Leserbriefe von Müttern, die beschreiben, dass sich das Sexleben seit der Geburt des Kindes doch sehr verändert hat. Kurz gesagt: Papa will kuscheln, aber Mama ist einfach zu müde. Können Sie diesen Konflikt aus Ihrer Arbeit bestätigen?

Natürlich, so geht es vielen Frauen bzw. Paaren. Abgesehen davon ist sexuelle Lustlosigkeit auch jenseits der Kinder ein heißes Thema in länger dauernden Beziehungen. 

Häufig haben die Frauen ein schlechtes Gewissen deswegen. Müssen sie das haben, oder ist so eine Sex-Flaute mal ganz normal?

Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft bringen Veränderungen auf so vielen Ebenen. Vor allem anfangs im 24-Stundenmodus dem Säugling Nahrung und Nähe zur Verfügung zu stellen entfernt viele Frauen erstmal ein Stück von ihrer Lust auf Erotik. Die Körpergrenzen sind aufgeweicht, der Bedarf an Zärtlichkeit mehr als gestillt. In die Partnerschaft muss die Elternrolle integriert werden. Es gibt viel zu tun.

Wieso sollte die Sexualität hier unbeirrt weitergehen? Die meisten Frauen - und Männer! - brauchen eine Zeit, um sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Wichtig ist, davor keine Angst zu haben, weder vor der eigenen Unlust, noch vor der Reaktion des Partners. Ein schlechtes Gewissen ist verständlich, aber es ist nicht nützlich. Frauen sollten vielmehr  a) genau betrachten und klar kommunizieren, was sie aktuell nicht möchten und warum b) am Thema selbstverantwortlich dranbleiben, d.h. daran interessiert sein, den Zugang zur eigenen Erotik in eigener Zeit wiederzuentdecken.

Welchen Zeitraum sollte so eine Sex-Flaute aber eher nicht übersteigen und warum?

Es gibt ein paar Zahlen, die sagen, dass im ersten halben Jahr bis Jahr nach der Geburt bei vielen Frauen weniger Verlangen nach Sexualität vorhanden sei und die meisten ihre gewohnte sexuelle Aktivität spätestens dann wieder aufnehmen. Hier muss man aber weniger auf die Statistik als auf die einzelne Frau und vor allem das Paar schauen: Wenn Selbstbefriedigung und Paarsex vor den Kindern als lustvoll und erfüllend erlebt wurden, kann er unter neuen Vorzeichen leichter zurückerobert werden, als wenn bereits früher Schwierigkeiten bestanden, die vielleicht unterschwellig waren, nun aber nicht mehr zu umgehen sind.

Viele Frauen haben auch ein Problem mit ihrem Körper nach der Geburt - weil er einfach noch nicht wieder in alter Form ist. Was raten sie diesen Frauen?

Irgendwo habe ich mal den etwas plumpen Satz gelesen: „Freunde dich lieber mit dir an, denn mit dir bist du ein Leben lang zusammen.“ Da ist was dran. Wir wohnen in unserem Körper. Wir verändern uns über die Zeit und bleiben doch dieselben. Wir leben andererseits in dieser Kultur und sind ihren Schönheitsidealen ausgesetzt. Wir haben unsere Geschichte mit unserem Körper. Je nachdem haben wir mehr oder weniger Spielraum, unseren Körper positiv anzunehmen.

Ich rate: Interessieren Sie sich für Ihren Körper! Das schlimmste ist, sich vom Körper abzuspalten, ihn oder bestimmte Bereiche davon nicht mehr wahrzunehmen, weil sich dann Schmerzen oder unangenehme Gefühle (Wut, Ekel, Trauer) einstellen könnten.

Der Körper ist und bleibt unser Sensorium, das wir für sexuelles Erleben brauchen. Ich rate Frauen, dass sie in eine aktive Beziehung mit ihrem Körper gehen, auch wenn diese Beziehung erstmal unangenehm sein könnte. Das heißt z.B.: Ihn täglich nach dem Duschen sorgfältig einzucremen und dabei bewusst wahrzunehmen. Auch das Geschlecht. Sich vor den Spiegel zu stellen und anzusehen. Warum nicht darüber trauern, dass er früher vielleicht schöner war? Und dann neugierig werden: wo ist es weich, wo zart, was ist sind das für Linien?

Wie fühlen sich Vulva und Vagina jetzt an? Wirklich sinnlich, d.h. sich mit den Sinnen interessiert erkunden. Manche Frauen haben nach der Geburt noch Schmerzen im Genitalbereich, andere beschreiben eine positive höhere Empfindsamkeit. Manche entdecken über die Geburt erst den vaginalen Innenraum und den Beckenboden, die für Sexualität wunderbare und wichtige Zonen sind.

Sorgen Sie gut für Ihren Körper und Ihre Weiblichkeit! Dazu gehört neben gesunder Ernährung und Zeit für Bewegung und Erholung unbedingt Rückbildungs- und Beckenbodengymnastik oder zumindest eine Bewusstheit für den Beckenboden. Außerdem lohnt es sich, über schöne Kleidung und Schminke ein Gefühl der eigenen Weiblichkeit jenseits des Mutterseins zu unterstützen.

Frauen, die gut für sich sorgen, schaffen bald wieder etwas Raum für eigene Bedürfnisse. Dann fühlen sie sich meist bald wohler in ihrer Haut und können sich auch unabhängig von ihrem Baby wieder als Frau im eigenen Körper wahrnehmen.

(Foto: pixabay)

Wie kann ich als Frau meinem Mann sagen, dass ich keinen Sex möchte - ohne ihn zu verletzen?

Wenn es nicht nur „heute nicht“ heißt, sondern ich merke, dass ich eine ganze Zeit lang nicht will, muss ich zuerst klar bekommen: Was genau möchte ich nicht und warum? Gar keinen Sex? Sex nur mit mir selbst? Nicht den Sex, der mit dem Partner im Angebot ist?

Dann kann ich feinere und selbstbewusste Meldungen an meinen Mann machen, die klarmachen, dass die sexuelle Unlust nicht eine Ablehnung seiner Person oder seines Verlangens bedeutet. 

Zum Beispiel: „Ich kann Dich immer noch gut riechen und mag, wenn wir uns berühren. Ich merke aber, dass ich in letzter Zeit so schrecklich müde bin, dass Sex wie zusätzlicher Stress ist. Im Moment habe ich da keine Lösung, ich merke nur, wenn ich einfach so mitmache, wird es schlimmer. Und ich verstehe, dass  es Dir was ausmacht.

Dann ist wichtig, zu signalisieren: Wie lange schätze ich die Lage so ein? Was könnte mir helfen, daran etwas zu verändern? Und: Ich kümmere mich um dieses Thema, es ist mir nicht egal. 

Wie kann ich als Mann sagen, dass ich gerne mehr Sex hätte - ohne meine Frau unter Druck zu setzen?

Das ist eine ganz wichtige Frage! Ich muss als Mann eine gute Beziehung zu meinem Begehren haben. Das heißt: Es muss für mich ok sein, dass ich Lust habe, auch wenn meine Frau mich hier gerade nicht bestätigt. Das klingt ein bisschen komisch, aber real fühlen sich die meisten Männer als Mann abgelehnt, missachtet usw. Dann verlieren sie an männlicher Kraft und fühlen sich oft schwach. Und dann sind sie nicht sehr erotisch.

Das körperliche Bild wäre für mich: Ein Mann steht aufrecht und kraftvoll da. Er sagt: Ich kann nachvollziehen, dass Du gerade keine Lust auf Sex hast. Ich kann Dein Begehren nicht herzaubern und ich werde Dich nicht bedrängen, aber dennoch: Hier stehe ich und stehe zu meinem Wollen. Und sehe Dich an. Und warte auf Dich. Und möchte, dass du dich wieder zu mir hin bewegst. Weil ich dich will. Nicht bedürftig, sondern begehrend. Das ist ein großer Unterschied.

Gibt es auch Männer, die nach der Geburt weniger Lust auf Sex haben - und wenn ja, welche Gründe hat es?

Ja, das gibt es. Für manche ist abträglich, die Frau unter der Geburt leiden gesehen zu haben. Sie sind geflasht von Bildern, die sie mit Sexualität dann nicht mehr gut überein kriegen. Ein weiterer Grund kann sein, dass der Mann zusammen mit der Frau ganz im Fürsorge-Modus für das Baby aufgeht und den Kontakt zur eigenen Sexualität verliert. Wieder andere können mit körperlichen Veränderungen der Frau nicht so flexibel umgehen, weil sie tatsächlich auf visuell schlichte Reize wie straffe Brüste gepolt sind und die Partnerin nicht mehr recht erotisieren können. Eine Mehrzahl der Männer kann die Lust aber ganz gut an neue Gegebenheiten anpassen.

Oft verliert Sex dann jede Leichtigkeit - wie bekommt man diese zurück?

Ach, erstmal würde ich akzeptieren, dass es vielleicht aktuell eben nicht so leicht zugeht. Wieso soll es immer leicht sein? Wichtig ist, etwas miteinander zu veranstalten, das angehm und vielleicht sogar lustvoll für beide Partner sein kann. Eine intime Begegnung, in der es halt so sein darf, wie es gerade ist. Das wagen nicht viele, weil sie unangenehme Gefühle vermeiden wollen. Genau das kann zur Falle werden. Wenn ich müde in eine Begegnung starten darf, um in eigener Zeit mit dem Partner zu erwachen – oder auch nicht! - ist das zehnmal mehr wert als nur superleichte und supergeile Momente zu tolerieren. Ich gebe aber zu, dass das nur geht, wenn Partner noch prinzipiell Interesse aneinander und an Sexualität haben. 

Erotik ist doch per se ein Spiel, bei dem das Ergebnis offen bleiben darf. Spielen heißt, etwas zu wagen, z.B. den Partner überraschen, ohne zu wissen, wie er die Avance aufnimmt.

Was halten Sie von festen Sex-Dates? (also zb. jeden Mittwoch Abend)

Viele Paare profitieren davon, wenn sie ein paar Dinge berücksichtigen. Klar können Sie spontanen Sex vorziehen – vorausgesetzt, er hat eine Chance stattzufinden. Wenn nicht, und der Familien- und Berufsalltag ist gefräßig, sind Verabredungen dazu da, einen erotischen Raum zu beschützen. Wichtig ist die Aufladung: Tun wir dann müde unsere Pflicht, oder lassen wir uns was einfallen, oder beschließen wir, uns heute nicht zu stressen, sondern leise zu verwöhnen, oder ist einer der Gastgeber mit Überraschungsmenü...die Möglichkeiten sind vielfältig.

Wieviel Sex pro Woche/Monat ist eigentlich normal bzw. ist das nicht total individuell?

„Bin ich / ist er normal?“ – das ist wohl die wichtigste Sex-Frage in meiner Praxis. Auch hier gibt es Statisktiken, dass die Sex-Häufigkeit mit der Beziehungsdauer im Durchschnitt abnimmt und sich bei 1-2mal pro Woche einpendelt. Aber was habe ich von diesen Zahlen? Partner nehmen das auch gerne zur Rechtfertigung („Du bist nicht normal, die anderen haben zweimal pro Woche Sex“ oder „frag doch mal die anderen Eltern, da ist auch tote Hose“).

Entscheidend ist, wie einig oder uneinig sich Partner hier sind. Normal ist übrigens, dass meist nicht beide gleich oft wollen. Es gibt nichts Normaleres als die Differenz. Ein Problem wird das nur, wenn darüber ein Konflikt entsteht. Wenn ich eimal pro Jahr Sex möchte, mein Partner aber höchstens alle 4 Jahre, kann das problematisch sein. Wenn ich sechsmal täglich will, er aber nur einmal täglich, kann es das ebenso sein. Normal ist, was das Paar aushandelt.

Kann eine Beziehung komplett ohne Sex funktionieren?

Selten ja. Es hängt ganz davon ab, mit welchen Bedeutungen der Sex aufgeladen wird. Für die meisten Paare ist der Sex ein versicherndes Ritual, es festigt die Bindung und macht die Exklusivität der Paarbeziehung fühlbar. Außerdem erleben sich viele dadurch als Mann und Frau im umfassenderen Sinn bestätigt, gestärkt und lebendig. In manchen Partnerschaften könnte eine Person prima ohne Sex leben, die andere aber gar nicht. Das ist knifflig, wird aber oft über sehr lange Zeit ausgehalten! Oft kommen Paare zu mir, die 15 Jahre keinen Sex hatten und dennoch zusammen geblieben sind – dabei unterschiedlich glücklich. Selten messen beide Partner dem Sex so wenig Bedeutung bei und gründen ihre Beziehung ganz auf andere Werte, so dass es funktioniert. Eine andere Minderheit öffnet die Beziehung, um sexuelle Bedürfnisse außerhalb zu stillen.

Wenn beide Partner ihr Sexleben wieder beleben wollen, aber nicht genau wissen, wie - können Sie drei gute Tipps sagen?

  1. Beantworten Sie sich die beiden Fragen: Wodurch törne ich mich selbst / wir uns maximal ab? (Und tun Sie das weniger) und: Wodurch kann ich mich selbst / wir uns antörnen? (und ermöglichen Sie das)
  2. Sorgen Sie gut für sich, d.h. sorgen Sie für Zeit mit sich allein und tun Sie alles für Stressabbau (Stress und Lust vertragen sich nicht) und: Beleben Sie sich selbst erotisch: Pflegen Sie Ihren Kontakt zum sinnlich-erotischen Körper. Berühren, beleben und stimulieren Sie ihn sexuell, schwelgen Sie in Fantasien. Seien Sie die Expertin im Erwecken der eigenen Lust. Das kann keiner für Sie übernehmen. 
  3. Wagen Sie sich aus der Reserve: Teilen Sie mit, was Sie nicht (mehr) mögen, und machen Sie ein erotisches Angebot nach Ihrem Geschmack. Suchen Sie den intimen Kontakt mit Ihrem Partner jenseits der Elternrolle.

Welchen Paaren empfehlen die eine Sexualtherapie?

Paaren, die unter ihrer Situation leiden und den Eindruck haben, allein nicht genug verändern zu können. 

Und wie läuft diese in der Regel ab?

Das hängt sowohl von der therapeutischen Ausrichtung als auch vom Fall ab. Ich mache mir zunächst ein Bild von der Situation. Dann wird meist deutlich, wo Stärken sind, die wiederbelebt werden können, wo das Paar an Grenzen kommt, und wo wir am besten ansetzen können. Manchmal geht es nur darum, eine entstandene Kränkung aufzulösen oder überhaupt das Gespräch des Paares über dieses heikle Thema neu anzuregen. Oft geht es darum, den Verlust einer bisherigen Qualität von Sexualität zuzulassen und diese unter neuen Vorzeichen neu zu verhandeln und zu beleben.

Im Gespräch vermittle ich, rege an, dass die Partner für sich selbst einstehen, halte ggf. den Konflikt und ermutige, etwas zu wagen. Oft unterstütze ich die Partner mit konkreten Körperübungen, um die Qualität von Berührungen und sexueller Erregung sowie die Feinabstimmung der Partner verbessern zu helfen. Fast immer gibt es für zwischen den Sitzungen etwas auszuprobieren.

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Die Homepage von Dr. Angelika Eck findet ihr HIER

 

Tags: Sex, Sexualleben, Elternsex, Liebe, Nähe, Zärtlichkeit, Dr. Angelika Eck, Paartherapie, Ehe

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Kommentare

Judith — Di, 11/15/2016 - 13:41

Tolles Interview- Danke

Mahmoud Jaafar — Sa, 11/26/2016 - 09:13

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hentai bilder — Do, 02/02/2017 - 10:00

Interessante Interview. Ich mag die Art und Weise eine Realität zu analysieren, die wir Tag für Tag leben. Vielen Dank für vustra Beitrag.

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