Interviews

23/05/2018 - 06:45

Land-Mama Lisa

Wunschkaiserschnitt: Warum ich mir nicht vorstellen konnte, mein Baby natürlich zu bekommen

Liebe Marlen, erzähl erstmal, wer zu Deiner Familie gehört. 
 
Wir sind zu viert, mein Mann Paul, die Kinder Karl (6), Luise (4) und ich. 
 
Du hast uns geschrieben, dass Du mir 21 schwanger geworden bist und dass diese Geburt ein geplanter Wunschkaiserschnitt war. Wie sah Dein Leben zu dem Zeitpunkt aus? 
 
Mein Leben verlief endlich in geregelten Bahnen. Ich hatte meine Ausbildung mit Auszeichnung bestanden und direkt in einem tollen, jungen Unternehmen einen Job bekommen. Ich bin von Zuhause ausgezogen und hatte endlich eine eigene Bude mit pinken Wänden, so wie ich es immer haben wollte.
Paul lernte ich im Internet kennen, es war Liebe auf den ersten Blick. Wir waren seit unserem ersten Date unzertrennlich und nach 4 Wochen zog ich bei ihm ein. Dann kam die Beförderung, ich war noch nie so glücklich.
Kinder wollte ich nicht unbedingt, ich habe es nie komplett ausgeschlossen, aber ich war mir sicher, dass ich auch ohne Kinder glücklich sein könnte. Und dann blieb meine Periode aus. Karl war nicht geplant. Wir kannten uns gerade 3 Monate, als ich den positiven Test in der Hand hielt...
 
Wie hast Du die körperlichen Veränderungen während der Schwangerschaft wahrgenommen?
 
Meine Schwangerschaft war die ersten 4 Monate von heftiger Übelkeit überschattet , ich habe stark zugenommen und habe sehr mit mir gekämpft. Ich hatte Wassereinlagerungen und durfte nicht mehr arbeiten gehen.
 
Wie und wann hast Du Dich entschieden, dass Du keine vaginale Geburt haben möchtest? 
 
Es war einer meiner ersten Gedanken nach dem positiven Test. Ich dachte: "Scheiße, wie kriege ich das Baby aus mir raus? Ich schaffe das nicht auf normalen Weg. Ich kann das nicht. Ich will das nicht." Ich habe geweint, tagelang. Ich hatte Angst meinem Frauenarzt davon erzählen. Ich habe mich auch schuldig gefühlt. Ich dachte auch, dass ich meinem Kind mit einem Kaiserschnitt schaden könnte. Ich wusste: Ich bin bereit Mama zu sein, aber ich wusste auch, dass ich nicht bereit war, ein Baby aus mir rauszupressen. Ich konnte es einfach nicht.
 
Was hat Dich am meisten von einer natürlichen Geburt abgeschreckt?
 
Es war die Mischung aus Geburtschmerzen, dem Anblick des verschmierten Babys, der Ungewissheit, wann wird es losgehen wird und ob alles gut gehen wird. Ich hatte kein Vertrauen in mich und meinen Körper.
 
Wie hat Dein Umfeld auf Deine Entscheidung reagiert?
 
Meine Eltern waren kurz erschrocken, aber sie merkten schnell, dass es mir ernst war und dass es keine Modeerscheinung war. Sie haben mich dann sehr unterstützt. Mein Mann war sehr neutral und wollte nur, dass es mir und uns gut geht. Vor dem Rest der Familie habe ich es verschwiegen oder gesagt, es sei medizinisch notwendig. Meine Gyn war sehr locker, sie überwies mich in ein Krankenhaus, von dem sie wusste, dass dort auch Wunschkaiserschnitte durchgeführt werden. Da hatte ich großes Glück. 
 
Wie hast Du den Kaiserschnitt dann erlebt?
 
Der Kaiserschnitt war ein Alptraum. Es war eine große Uniklinik, aber gefühlt war es ein Schlachthaus. Der Chirurg kam in den OP-Saal und begrüßte mich mit den Worten: "Sectio 1, Beginn 8:24"  Danach sagte er kein einziges Wort. Ich habe geweint, ich hatte Angst, ich habe die Narkose nicht vertragen, musste mich übergeben und bin letztendlich kollabiert und musste intenivmedizinisch behandelt werden. Meinen Sohn habe ich nur kurz im Vorbeigehen gesehen. Keine Umarmung, kein Bonding. Er war einfach weg. Ich wurde vernäht und der Chirurg verließ wortlos den OP. Meinen Sohn habe ich erst etwa eine Stunde später gesehen. Gott sei Dank ist mein Mann dem Baby aus dem OP gefolgt , so war es nicht alleine.
 
Wir haben schon oft von Kaiserschnitt-Müttern gehört, dass sie Angst hatten, ihnen könnte die Bindung zum Baby fehlen, wenn sie es nicht unter Schmerzen gebähren. Hattest Du auch davor Angst?
 
Nein, davor hatte ich nie Angst. Ich habe meine Schatz in meinem Bauch getragen. Er weiß wer ich bin , dazu braucht es aus meiner Sicht keine natürliche Geburt.
 
Wie war die Zeit nach der Geburt? Klappte das Stillen problemlos?
 
Die Zeit nach der Geburt war sehr schwierig. Die Narbe war nicht gut vernäht, nach acht Tagen habe ich mir die Fäden selbst gezogen, da es sich wahnsinnig entzündet hatte. Gestillt habe ich nicht. 
 
Hast Du je doofe Kommentare wegen des Kaiserschnittes bekommen?
 
Jain. Nach der schrecklichen Geburt und den Komplikationen gab es viele altkluge Sprüche a la: "Wir haben es ja vorher gesagt." Oder: "Na ja jetzt hast du den Salat." Das hat weh getan und ich habe geglaubt, dass sie recht haben. Ich habe eine Depression bekommen
 
Hast Du manchmal das Gefühl, ein Kaiserschnitt ist eine Geburt zweiter Klasse?
 
Ich glaube, die Gesellschaft sieht das manchmal. Und manche Frauen glauben, dass sie die "besseren" Mamas sind, wenn sie eine natürliche Geburt geschafft haben, Ich glaube das nicht (mehr).
 
Was möchtest Du anderen Frauen sagen, die ebenfalls an einen Wunsch-Kaiserschnitt denken, sich aber noch nicht sicher sind?
 
Das Wichtigste ist, dass ihr eure Schwangerschaft nicht durch die Angst bestimmen lasst. Trefft die Entscheidung, die für EUCH die Beste ist. Für Dich und Dein Baby. Für niemanden sonst! Auch das gehört für mich zu einer guten Mama: Dass man sich auch eingestehen kann, dass man etwas nicht durchstehen kann, dass man Ängste hat, die vielleicht irrational sind, aber es sind eure Ängste. Punkt.
Übrigens habe ich mein zweites Kind auch per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Damals wurde mir die Entscheidung aber abgenommen, weil ein Kaiserschnitt medizinisch notwendig war. Dieser KS in einer kleinen ländlichen Klinik war wirklich eine schöne Geburt. Ich hatte liebevolle Chirurgin, eine tolle Hebamme und ich durfte meine Tochter sofort halten. Das war für mich eine vollwertige, wunderschöne Geburt.
 
Foto: Pixabay

Tags: Geburt, Kaiserschnitt, OP, Angst, Krankenhaus, Baby, Eingriff, Wunschkaiserschnitt

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Kommentare

shiri — Mi, 05/23/2018 - 08:08

Hallo ihr Lieben, Es ist mir als Klinikhebamme sehr wichtig folgende Ergänzungen da zu lassen. (vor allem für diejenigen Frauen, die ebenfalls aus Angst einen KS planen und nun von der Erzählung des ersten KS abgeschreckt wurden.) 1. Ein KS wird immer von einem Gynäkologen/einer Gynäkologin durchgeführt 2. Der oder die Operateurin ist heute verpflichtet die Frau vorher zu begrüssen und im Normalfall wird auf Ängste und Schmerzen eingegangen.

Sascha — Mi, 05/23/2018 - 13:18

Ich möchte schwangeren Frauen Mut machen: Angst vor der Geburt ist etwas Normales. Jede Frau sieht der Geburt mit gemischten Gefühlen entgegen und es sind schon grosse Ausnahmen, die die gesamte Schwangerschaft hindurch total entspannt und komplett angstfrei der Geburt entgegensehen. Ein Wunschkaiserschnitt kann eine Lösung sein, diesen Ängsten zu begegnen. Ich wünschte mir allerdings für alle Frauen mit grosser Angst vor der Geburt eine gute Begleitung in der Schwangerschaft und jemanden an ihrer Seite, zu dem sie Vertrauen haben. Ich glaube, so können Ängste auch gemindert werden und es könnte so auch möglich sein, zu erfahren, dass die eigene Angst überwunden wird. Das wiederum ist eines der bestärkendsten Erlebnisse, die es gibt! Ich habe meine Kinder daheim geboren, in Begleitung von Hebammen. Beim ersten Kind hatte ich nicht so grosse Angst VOR der Geburt, dafür umso grössere Ängste WÄHRENDDESSEN. Beim zweiten Kind hatte ich VOR der Geburt riesige Ängste (und habe ebenfalls an einen Wunschkaiserschnitt gedacht) und die Geburt war einfach wundervoll und bestärkend. Mich würde es interessieren, wie viele Mütter sich mit Ängsten rund um die Geburt auskennen und wie sie damit umgegangen sind. Mir hat die Begleitung meiner Hebamme enorm geholfen und ich möchte die Erlebnisse beider Geburten nie missen.

Michaela — Mi, 05/23/2018 - 13:34

Liebe Stadt-Land-Mamas, danke, dass Ihr das Thema aufgreift. Ich hatte beim zweiten Mal auch einen Wunschkaiserschnitt und habe mich deshalb die ganze Schwangerschaft über "verrückt" gemacht, weil man so viel Negatives hört. Letztendlich bin ich total froh, dass ich es gemacht habe, denn es war kein Vergleich zu meiner ersten Geburt, die mit Einleitung und Saugglocke sehr traumatisch verlief und fast dazu geführt hätte, dass ich nie wieder schwanger geworden wäre. Der Kaiserschnitt hat mich von allem geheilt, auch wenn einige Außenstehende wie z.B. meine Hebamme der Meinung waren, dass das am besten mit einer zweiten natürlichen Geburt passieren würde. Ich hatte jedoch Angst, nochmal die Kontrolle abzugeben und Ähnliches zu erleben wie beim ersten Mal. Im Vergleich war die zweite Geburt traumhaft schön. Wir konnten direkt bonden und ich konnte es einfach nicht glauben, dass das jetzt nach 30 Minuten wirklich alles war - ohne Schmerzen und mit einem gutgelaunten OP-Team. Auch die Nachwehen und der erste beschwerliche Tag danach gingen schnell vorüber, hatte ich doch beim ersten Mal etwas Anderes erlebt, u.a. wochenlang nicht sitzen zu können. Trotz allem habe ich das Gefühl, dass ich nur ganz wenigen Leuten von meinen Erfahrungen erzählen kann, weil es in der Öffentlichkeit einfach nicht gut ankommt und ich mich auch nicht vor jedem rechtfertigen möchte. Für uns war dieser Wunschkaiserschnitt auf jeden Fall die beste Entscheidung: Unserem Kleinen geht's auch super. Kein Schreikind, sehr aufgeweckt, schläft gut. Hat also offenbar nicht unbedingt etwas mit der Geburt zu tun ...

Katja — Mi, 05/23/2018 - 16:57

Ich hatte auch einen Kaiserschnitt, der gut verlaufen ist. Ich habe auch das Gefühl, da hat sich in den letzten Jahren in den Krankenhäusern viel getan. Es wird inzwischen schon darauf geachtet, die Frauen einzubeziehen. Und ich konnte bereits am nächsten Tag aufstehen und herumlaufen. Insgesamt denke ich, es sollte die Mutter entscheiden, was sie für richtig hält. Der Arzt und die Hebamme bekommen das Kind nicht.

Vreni — Mo, 05/28/2018 - 14:31

Ich hatte große Angst vor der zweiten Geburt, da die erste komplikationsreich verlief. Ich haben mich dann angefangen zu informieren und letztendlich für ein Training mit Epi no entschieden. Ich habe versucht, so die Geburt vorzubereiten )trainieren)und dann weniger Angst zu haben. Außerdem bin ich in einen hebammengeleiteten Kreissaal gegangen und habe ein langes Vorgespräch geführt, in dem meine Ängste durchgesprochen wurden. Es war dann eine Bilderbuch-Geburt. Das Training mit dem Ballon hat mich ganz gezielt mitarbeiten lassen. Es war echt super. Ich würde auch eine Beleghebamme empfehlen, wenn man große Angst hat.

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