Trotz Hausbrand und Schlaganfall des Vaters: Evelyn bewahrt die Nerven

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Ihr Lieben, bei manchen Geschichten schüttelt man wirklich auch mal den Kopf. Die von Evelyn gehört definitiv dazu. Nach einem Hausbrand erlitt auch noch ihr Vater einen Schlaganfall. Nun sammelt sie bei GoFundMe gerade Spenden, um das Haus barrierefrei umzubauen. Was sie in all dem Schlamassel nie verloren hat ist ihr Galgenhumor. Der trägt sie durch die dunkelsten Stunden und gibt ihr Kraft. Dazu natürlich auch ihre Freundinnen, ihr Freund und Ihr Kind. Aber lest selbst. Was für eine starke Persönlichkeit!

Liebe Evelyn, du hast schon einige Schicksalsschläge hinter dir, unter anderem einen Hausbrand. Wann genau war das und konntet ihr irgendwas retten? 

Das ist richtig. Eigentlich fing meine beispiellose Unglückssträhne schon früher an. Ich bin 2019 in mein Elternhaus zurückgezogen, weil ich merkte, dass mein Papa das alles nicht mehr allein hinbekommt. Das war nicht ganz so einfach, da er als Nachkriegskind eine ziemlich extreme Sammelwut entwickelt hat. Aber mit viel gutem Zureden und einigen Zugeständnissen auf beiden Seiten haben wir es dann doch geschafft das Haus schön herzurichten und uns einzufinden. Dann kam der erste Schicksalsschlag.

Was ist passiert?

Mein Vater rutschte beim Reinigen der Dachrinnen (ich weiß bis heute nicht, warum er das unbedingt selbst und im Alleingang machen musste) von der Leiter ab und fiel 7,5m in die Tiefe. Er hat sich bei dem Sturz das Rückgrat gebrochen und beide Beine zertrümmert und wurde mit dem Rettungs-Helikopter ins Krankenhaus geflogen. Es folgte ein dreimonatiger Krankenhausaufenthalt. Ich werde nie vergessen, wie mir das Krankenhaus mitteilte, dass er am kommenden Tag entlassen werden soll.

Wieso?

Weil wir noch nicht fertig waren. Ich bat um ein Wochenende Schonfrist und wir haben an nur zwei Tagen mit der Hilfe von Familie und Freunden eine Rampe ans Haus gebaut und das Wohnzimmer zu einem Krankenzimmer umgebaut. Ich fand mich dann also in meiner neuen Rolle ein – als Tochter eines rollifahrenden, pflegebedürftigen Vaters. Geduscht wurde 1x wöchentlich in einem Kinderplanschbecken im Flur… dat kannste echt keinem erzählen.

Wie ging es dann weiter?

Wir haben es geschafft, bis zur Reha durchzuhalten, die tatsächlich so gut war, dass mein Vater es aus dem Rollstuhl rausschaffte. Einen Marathon ist er seitdem zwar nicht mehr gelaufen, aber wir kamen klar und waren glücklich. Bis zum 9. Mai 2022, dem Tag, der alles veränderte.

Erzähl.

An diesem Abend ist in der Garage vorm Haus der Akku eines E-Scooters explodiert und die Garage fing ziemlich schnell Feuer. Die Feuerwehr war schnell zur Stelle, trotzdem brannte leider das gesamte Dachgeschoss unseres schönen alten Fachwerkhauses ab. Die Löscharbeiten dauerten insgesamt 3 Tage und es wurden 2 Millionen Liter Wasser aus der Agger durch das Haus gepumpt. Da Wände und Decken aus Lehm bestehen, kann man sich ungefähr vorstellen, wie es dort aussah.

Wie ging es dann weiter?

Da das Haus versiegelt wurde, konnten wir uns das gesamte, inzwischen verschimmelte Ausmaß erst fast 2 Wochen später in Begleitung des Gutachters der Versicherung ansehen. Das war das erste und einzige Mal, dass ich seit dem Vorfall geweint habe. Wir waren obdachlos und haben alles, einfach alles verloren.

Was konntet ihr retten?

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Das Einzige, was ich retten konnte, war das alte Fotoalbum meines Großvaters, das dieser schon durch den Krieg gebracht hatte… und einen Ganesha. Eine indische Gottheit mit einem Elefantenkopf, der als der Überwinder der Hindernisse gilt. Ich habe das als gutes Omen aufgefasst und besagte Skulptur steht hier noch immer überzogen von Lehm.

Ich werde ihn am Tag des Rückzugs in unser Heim, nach indischer Tradition (ich habe ein Faible für Asien) feierlich im Fluss vor dem Haus reinigen und mit Blumengirlanden geschmückt an seinen angestammten Platz zurückstellen.

Wie geht deine Familie heute damit um, ist da im wahrsten Sinne des Wortes ein „schwarzer Fleck“ in eurer gemeinsamen Geschichte bzw. auf eurer Familienseele übrig geblieben?

Erstmal sind wir unfassbar dankbar, dass wir alle und auch unsere Tiere den Vorfall weitgehend unbeschadet überlebt haben. Dieses Glück hat auch nicht jeder und wenn ich anfange, mit dem Schicksal zu hadern oder rumzujammern, mache ich mir das immer wieder bewusst.

Besonders als nach dem Brand auch noch mein Arbeitsvertrag nicht verlängert wurde und ich in der ganzen Misere auch noch arbeitslos wurde, war ich zeitweise wirklich am Ende meiner nervlichen und finanziellen Möglichkeiten. Aber wir haben uns!

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Wer oder was hat euch geholfen?

Wir haben dank der Hilfe unserer unglaublich fürsorglichen Bürgermeisterin innerhalb einer Woche eine Wohnung gefunden und haben so viel Unterstützung bekommen, dass ich irgendwann einfach begonnen habe, meine Sorgen abzugeben und dem Universum, Gott oder wem auch immer zu vertrauen. Denn immer, wenn ich dachte, dass ich den Punkt erreicht habe, wo nichts mehr geht, erschien ein kleiner Hoffnungsschimmer am Horizont. Man darf nicht in die Dunkelheit schauen, sondern muss das Licht suchen.

Nun hatte auch noch dein Vater einen Schlaganfall. Wie hast du davon erfahren und wie geht es ihm grad?

Das Schicksal dachte sich wohl, dass es gerade „zu rund“ läuft, nachdem nach 10 Monaten die Feuerversicherung endlich einen ersten Abschlag gezahlt hatte und mit Monaten Verzögerung endlich die Aufbaumaßnahmen am Haus weitergingen. Und dann hatte mein Papa Anfang Januar 2024 während ich ihn aufs Bett umsetzte, in meinem Beisein einen Schlaganfall. Er hat leider bereits vor dem Schlaganfall körperlich abgebaut, aber die Folgen des Anfalls schränken ihn nun noch weiter ein.

Was bedeutet das konkret?

Er leidet an einer Aphasie und Apraxie, womit unsere Kommunikation und seine Beweglichkeit leider sehr eingeschränkt sind. Tatsächlich bin ich momentan die Einzige, die ihn einigermaßen versteht, vermutlich weil wir so ein eingespieltes Team sind und ich ihm schon immer jeden Wunsch von den Augen ablesen konnte. Aber es ist hart. Vor allem für ihn, da er in seiner Selbständigkeit stark eingeschränkt ist.

Ich bin fast jeden Tag bei ihm im Krankenhaus, wir warten darauf, dass er vom Krankenhaus in die Reha gehen kann und darauf freut er sich sehr, denn diese Klinik hat es schon einmal geschafft, ihn aus dem Rollstuhl rauszuholen. Auch wenn er vermutlich nie wieder laufen wird – Stehen zu können und einfache Wünsche zu artikulieren wäre schonmal ein super Anfang.

Dein Papa braucht nun ein barrierefreies Bad, wie organisierst und finanzierst du das grad zusätzlich zu eurem Familienalltag? Was muss für deinen Vater noch alles umgebaut werden?

Da sein Zustand schlechter ist als nach seinem Unfall und das Babyplanschbecken im Flur keine Dauerlösung sein kann, möchte ich nun am liebsten den Wintergarten des Hauses in ein barrierefreies Badezimmer umwandeln, weil dieser an sein Zimmer grenzt. Ein Treppenlift ins 1. OG, wo sich das Badezimmer derzeit befindet, scheidet leider aufgrund der uralten Bausubstanz und enger Laufwege aus.

Unterstützt denn da niemand?

Ich stehe mit der Pflegeversicherung im Austausch, von der es einen Zuschuss geben wird. Eine Rampe für den Eingang werden wir auch brauchen. Da wir jedoch aktuell nicht in dem Haus leben, ist das alles höllisch kompliziert und der Zuschuss deckt die tatsächlichen Kosten nicht ansatzweise.

Ich habe deshalb in meiner Verzweiflung einen Spendenaufruf gestartet, damit ich meinem Papa seinen letzten Wunsch, nämlich nach Hause zurückzukehren und dort noch ein paar friedliche Jahre zu verbringen, erfüllen kann. Irgendwie muss ich es ja hinkriegen, ein Heim ist definitiv keine Option, das wäre sein Untergang… und wenn ich dafür eine Niere verkaufen muss.

Woher nimmst du deine Kraft? Bei wem kannst du deinen Ballast auch mal abwerfen?

Woher ich meine Kraft nehme? Keine Ahnung. Ich habe ein paar tolle starke Frauen an meiner Seite, die ich meine Freundinnen nennen darf und die meine Seele wieder zusammensetzen, wenn sie in Scherben liegt. Außerdem hat mich das Leben mit einem grandiosen Galgenhumor ausgestattet, der vieles erträglich macht. 😉 Wenn es zum Weinen nicht reicht: lache!

Außerdem verarbeite ich vieles in den Büchern, die ich gerade schreibe und in denen mein Vater und unser Haus die Protagonisten sind. Ich sag Bescheid, wenn sie fertig sind. 😊 Sie werden super – denn eigentlich ist das Leben und das Zusammenleben mit einem kauzigen Vater vor allem eines: urkomisch und witzig.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, welche wären deine ersten drei Wünsche jetzt gerade?

Die wirklich wichtigen Dinge kann man mit Geld eh nicht kaufen. Gesundheit und damit einhergehend eine stabile Psyche wären daher ne feine Sache. Wir alle tragen Narben auf unserer Seele und haben mal mehr, mal weniger mit den Folgen zu kämpfen.

Ansonsten? Eigentlich nur, dass unser Haus sofort bezugsfertig ist und ich mir nicht auch noch Gedanken darüber machen muss, wie ich meinen Vater in unserer Übergangwohnung versorgen und die Treppe hochbekommen soll. Aber darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist. Momentan habe ich dafür keine Kapazitäten, weil ich mich mit anderem Behördenwahnsinn herumschlagen muss.

Mehr Wünsche habe ich eigentlich nicht. Alles andere zum Glücklichsein tragen wir ja in uns und unseren Herzen, oder nicht?

Gibt es zu guter Letzt noch Menschen, denen du Danke sagen möchtest, weil sie in all der schweren Zeit für dich da waren und sind?

Oh – das sind viele. Aber vor allem zwei: Ohne meinen Freund, der mich vor allem handwerklich bei allem unterstützt hat, hätte ich die Anfangszeit, als alles in Schutt und Asche lag, nicht überlebt. Er hat damals einfach angefangen und mir Hoffnung geschenkt, als es keine mehr gab. (Soviel zu dem Bericht über das Paar, wo der Mann 15 Jahre jünger ist. Jap, das ist bei uns auch so und wir sind nach fast 9 Jahren noch immer zusammen 😉).

Außerdem muss ich mich bei meinem wundervollen Kind bedanken, das die letzte Zeit so oft zurückstecken musste, das sich dabei nie beklagt hat, das gerade trotz allem schafft, das Abi zu rocken und in all dem Chaos noch aufbauende Worte für die Mama übrig zu haben <3

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3 comments

  1. Liebe Evelyn, ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie von Herzen alles Gute und viel Kraft weiterhin!
    Bewundernswert mit welchem Durchhaltevermögen und positiver Einstellung Sie die Situation meistern!

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