Ihr Lieben, neulich hatten wir hier den Beitrag von Lena, die als Jugendliche an Magersucht erkrankt war, heute aber stabil ist. Daraufhin meldete sich Tabea bei uns, deren 16-jährige Tochter Mia noch mitten im Kampf gegen die Anorexie steckt. Wie lange diese Krankheit schon das Leben der Familie bestimmt und wie es Mia heute geht:
Über die Magersucht meiner Tochter
Eigentlich hat alles mit der Einschulung angefangen. Mia hatte vom ersten Tag an Angst. Angst vor der neuen Umgebung, Angst vor den Lehrern, Angst vor den anderen Kindern. Niemand nahm diese Ängste ernst, es hieß, sie sei halt schüchtern, das würde sich schon geben. Wir Eltern nahmen unser Kind ernst. Immer wieder sprachen wir mit den Lehrern, begleiteten und stärkten Mia wo wir konnten…
In der 2. Klasse wurde schließlich Dyskalkulie, Schul-und Prüfungsangst diagnostiziert. Mia hörte auf, in der Schule zu essen – zu Hause war sie dann so ausgehungert, dass sie ständig aß und sehr an Gewicht zunahm. In der 3.Klasse nahmen wir sie von dieser Grundschule und schickten sie zur Waldorfschule, mit der Hoffnung, ihr so den Druck zu nehmen. Doch leider wurde Mia in der neuen Schule gehänselt, sie sei zu dick, keiner würde sie mögen, sie sei nicht gut genug.
Weihnachten 2022, kurz vor ihrem 13. Geburtstag, bekam Mia eine Magen-Darm-Erkrankung und konnte kaum was essen. Nach dem Infekt beschloss sie, ihre Ernährung umzustellen, was wir Eltern unterstützten. Innerhalb eines halben Jahres verlor sie fast 20 Kilo und erfuhr von ihrem Bekanntenkreis sehr viel Bewunderung dafür. Wir hofften, dass die Abnahme nun vorbei sei, aber es hörte nicht auf. Im Gegenteil – es kam noch Sport dazu. Als sie 14 war, blieb bei Mia die Regel aus und wir Eltern beschlossen, dass sie wieder „normal“ bei uns mit essen muss.
Es ging aufwärts, doch im November 2025 fing es wieder an. Mia aß immer weniger, joggte jeden Tag und ging viele Kilometer spazieren. Zu ihrem 16. Geburtstag wünschte sie sich einen Kuchen, der aus Melone bestand.
Wir begaben uns psychische Beratung, wo uns nach dem zweiten Termin gesagt wurde, dass man ambulant nichts mehr tun könne, da Mia so sehr im Kaloriendefizit sei, dass sie sofort in eine Klinik müsse. Das war Dienstag, 28.04.26. Am Mittwoch riefen wir in sämtlichen Kliniken für Anorexie an, bekamen immer sie gleichen Antwort: Es gäbe Wartezeiten bis zu einem halben Jahr.
Ein Krankenhaus im Norden Deutschlands sagte uns, wir wollten in die Notaufnahme kommen, dann könne man sehen, was man tun könne. In der Notaufnahme war dann schnell klar, dass Mia lebensgefährlich erkrankt ist. Mia hatte noch einen Herzschlag von 40 Schlägen pro Minute im wachen Zustand. Bei gesunden Menschen liegt er bei 60. Zu diesem Zeitpunkt aß Mia keine feste Nahrung mehr. Die letzte feste Nahrung, die sie zuvor überhaupt noch gegessen hatte, waren Melonen und Gurke gewesen.
Auf der somatischen Station wurde sie 24/7 monitorüberwacht, nachts schlug ihr Herz nur noch 28 mal pro Minute. Sie trank auf dieser Station hochkalorische Trinknahrung, allerdings nicht ausreichend, sodass wir uns für die Empfehlung der Ärztin entschieden, ihr eine Magensonde zu legen und sie künstlich zu ernähren.
Parallel meldeten wir sie in einer Spezialklinik an. Dort machte man uns Hoffnung, dass es vielleicht schon in 6 Wochen los gehen könnte. Nach drei Wochen in der Klinik im Norden wurde Mia erstmal nach Hause geschickt, sie bekam immer noch nur Trinknahrung, die sie – kaum waren wie zu Hause – wieder verweigerte. Als wir endlich in die Spezialklinik kamen, hatte sie all das, was sie in der ersten Klinik zugenommen hatte, schon wieder abgenommen.
Mia war nun 10 Wochen in der Spezialklinik und wurde mit einem Kilo unter ihrem untersten Normalgewicht entlassen. Aktuell ist sie wieder zu Hause, sie ißt wieder feste Nahrung und hält sich an die 6 Mahlzeitenregelung aus der Klinik. Sie darf auf Empfehlung der ambulanten Psychologin täglich 2 Stunden zur Schule gehen und 45 Minuten mit dem Hund spazieren gehen.
Sie muss einmal pro Woche zum wiegen zu unserer Hausärztin, hat zwei wöchentlich Psychotherapie und ab Ende August kommt noch Ernährungstherapie hinzu. Der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Mia muss ihr Normalgewicht erreichen und ihren Bewegungsdrang in den Griff bekommen. Ihr eigenes Körperbild ist immer noch komplett gestört.
Ich als Mutter kämpfe jeden Tag um das Leben meiner Tochter. Nur weil Mia zu Hause ist, ist sie noch lange nicht gesund. Wenn sie zwei Kilo verliert, muss sie wieder in die Klinik. Wir kämpfen wirklich um jedes Gramm….




7 comments
Liebe Tabea,
vielen Dank, dass du eure Situation teilst. Auch unsere Tochter ist an Anorexie erkrankt und derzeit in stationärer Behandlung.
Den Kampf um jedes Gramm hatten wir davor auch und ich weiß so gut, was ihr durchmacht. Die Sorge um das eigene Kind, die Verantwortung, das Leben des eigenen Kindes retten zu müssen ohne die richtige Unterstützung ist mehr, als man teilweise tragen kann. Ich wünsche Euch von Herzen, dass der Weg Eurer Tochter bergauf führt und Euch viel Kraft!
Liebe Grüße
Cathi
Liebe Tabea,
Dein Beitrag hat mich sehr berührt und ich möchte mich für deine Offenheit und deine Reaktion auf meinen Beitrag von vor einer Woche bedanken.
Ich wünsche Euch als Familie und Mia sehr, dass ihr mit eurer Stärke und guter fachlicher Betreuung & Unterstützung den Kampf gegen diese blöde Krankheit gewinnt – lasst die Magersucht nicht Euch als Familie nehmen!
Alles erdenklich Gute,
Lena!
Hallo Tabea, wir tragen einen ähnlichen Kampf, allerdings ohne Klinik. Musste bei eurer Geschichte wirklich mit den Tränen kämpfen. Ich wünsche auch ganz, ganz viel Kraft, gebt die Hoffnung nicht auf.
Diese Krankheit ist so furchtbar, für eine Familie das schlimmste…
Liebe grüß e
Liebe Tabea,
bei der Magersucht unserer Tochter hat uns eine Familienaufstellung geholfen.
Diese haben mein Mann und ich 2023 bei einem Therapeuten und mit Hilfe einer Gruppe gemacht.
Unsere Tochter weiß davon nichts. Es wirkt trotzdem.
Viele Grüße
Vera
Liebe Tabea, als Ökotrophologin bin ich tätig in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung und arbeite therapeutisch mit Betroffenen von Essstörungen. Leider kenne ich diese langen Wartelisten und das Bibbern im jedes Gramm, bis konkrete Hilfe da ist, auch sehr gut. Anorexie ist eine starke Gegnerin und ich wünsche euch ganz viel Kraft, das auszuhalten und der Anorexie entgegen zu treten. Leider sehe ich in meiner Arbeit auch, wie sehr die gesamte Familie unter dieser Erkrankung leidet und wünsche dir, dass du auch Kraft und Zeit für dich findest, damit du dir etwas Leichtigkeit bewahren kannst.
Alles Gute, Bea
Wow, was für ein bewegender Bericht – danke für die Offenheit. Alles Glück der Welt, dass Mia lernt sich selbst so zu lieben wie sie ist. Ich bin mir sicher, gemeinsam als Familie schafft ihr das!!!
Kämpfe hier gerade wirklich mit den Tränen. Auch unsere Tochter ist im letzten Jahr an Anorexia Nervosa erkrankt. Die Hausärztin wollte sie auch in eine Klinik schicken, durch die lange Wartezeit war ich aber sehr abgeschreckt und habe lange mit der Krankenkasse gekämpft um schnellstmöglich einen Therapieplatz zu bekommen. Am meisten geholfen hat uns aber die Ökotrophilogin, hierzu hatte unsere Tochter sofort großes Vertrauen. Leider ist auch nach einem Jahr noch nicht alles gut, unseren Jahresurlaub mussten wir abbrechen, im selben Urlaubsort, der im letzten Jahr so viel Kraft gespendet hat, kamen in diesem Jahr die Flashbacks. Und auch ich merke wie meine Kraft langsam zu Ende ist. Es ist ein immerwährendes Auf und Ab und ich wünsche allen, die in dieser Situation sind, viel Kraft um das gemeinsam durchzustehen.