Wir kämpfen um jedes Gramm – über die Magersucht meiner Tochter

Magersucht

Foto: pixabay

Ihr Lieben, neulich hatten wir hier den Beitrag von Lena, die als Jugendliche an Magersucht erkrankt war, heute aber stabil ist. Daraufhin meldete sich Tabea bei uns, deren 16-jährige Tochter Mia noch mitten im Kampf gegen die Anorexie steckt. Wie lange diese Krankheit schon das Leben der Familie bestimmt und wie es Mia heute geht:

Über die Magersucht meiner Tochter

Eigentlich hat alles mit der Einschulung angefangen. Mia hatte vom ersten Tag an Angst. Angst vor der neuen Umgebung, Angst vor den Lehrern, Angst vor den anderen Kindern. Niemand nahm diese Ängste ernst, es hieß, sie sei halt schüchtern, das würde sich schon geben. Wir Eltern nahmen unser Kind ernst. Immer wieder sprachen wir mit den Lehrern, begleiteten und stärkten Mia wo wir konnten…

In der 2. Klasse wurde schließlich Dyskalkulie, Schul-und Prüfungsangst diagnostiziert. Mia hörte auf, in der Schule zu essen – zu Hause war sie dann so ausgehungert, dass sie ständig aß und sehr an Gewicht zunahm. In der 3.Klasse nahmen wir sie von dieser Grundschule und schickten sie zur Waldorfschule, mit der Hoffnung, ihr so den Druck zu nehmen. Doch leider wurde Mia in der neuen Schule gehänselt, sie sei zu dick, keiner würde sie mögen, sie sei nicht gut genug.

Weihnachten 2022, kurz vor ihrem 13. Geburtstag, bekam Mia eine Magen-Darm-Erkrankung und konnte kaum was essen. Nach dem Infekt beschloss sie, ihre Ernährung umzustellen, was wir Eltern unterstützten. Innerhalb eines halben Jahres verlor sie fast 20 Kilo und erfuhr von ihrem Bekanntenkreis sehr viel Bewunderung dafür. Wir hofften, dass die Abnahme nun vorbei sei, aber es hörte nicht auf. Im Gegenteil – es kam noch Sport dazu. Als sie 14 war, blieb bei Mia die Regel aus und wir Eltern beschlossen, dass sie wieder „normal“ bei uns mit essen muss.

Es ging aufwärts, doch im November 2025 fing es wieder an. Mia aß immer weniger, joggte jeden Tag und ging viele Kilometer spazieren. Zu ihrem 16. Geburtstag wünschte sie sich einen Kuchen, der aus Melone bestand.

Wir begaben uns psychische Beratung, wo uns nach dem zweiten Termin gesagt wurde, dass man ambulant nichts mehr tun könne, da Mia so sehr im Kaloriendefizit sei, dass sie sofort in eine Klinik müsse. Das war Dienstag, 28.04.26. Am Mittwoch riefen wir in sämtlichen Kliniken für Anorexie an, bekamen immer sie gleichen Antwort: Es gäbe Wartezeiten bis zu einem halben Jahr.

Ein Krankenhaus im Norden Deutschlands sagte uns, wir wollten in die Notaufnahme kommen, dann könne man sehen, was man tun könne. In der Notaufnahme war dann schnell klar, dass Mia lebensgefährlich erkrankt ist. Mia hatte noch einen Herzschlag von 40 Schlägen pro Minute im wachen Zustand. Bei gesunden Menschen liegt er bei 60. Zu diesem Zeitpunkt aß Mia keine feste Nahrung mehr. Die letzte feste Nahrung, die sie zuvor überhaupt noch gegessen hatte, waren Melonen und Gurke gewesen.

Auf der somatischen Station wurde sie 24/7 monitorüberwacht, nachts schlug ihr Herz nur noch 28 mal pro Minute. Sie trank auf dieser Station hochkalorische Trinknahrung, allerdings nicht ausreichend, sodass wir uns für die Empfehlung der Ärztin entschieden, ihr eine Magensonde zu legen und sie künstlich zu ernähren.

Parallel meldeten wir sie in einer Spezialklinik an. Dort machte man uns Hoffnung, dass es vielleicht schon in 6 Wochen los gehen könnte. Nach drei Wochen in der Klinik im Norden wurde Mia erstmal nach Hause geschickt, sie bekam immer noch nur Trinknahrung, die sie – kaum waren wie zu Hause – wieder verweigerte. Als wir endlich in die Spezialklinik kamen, hatte sie all das, was sie in der ersten Klinik zugenommen hatte, schon wieder abgenommen.

Mia war nun 10 Wochen in der Spezialklinik und wurde mit einem Kilo unter ihrem untersten Normalgewicht entlassen. Aktuell ist sie wieder zu Hause, sie ißt wieder feste Nahrung und hält sich an die 6 Mahlzeitenregelung aus der Klinik. Sie darf auf Empfehlung der ambulanten Psychologin täglich 2 Stunden zur Schule gehen und 45 Minuten mit dem Hund spazieren gehen.

Sie muss einmal pro Woche zum wiegen zu unserer Hausärztin, hat zwei wöchentlich Psychotherapie und ab Ende August kommt noch Ernährungstherapie hinzu. Der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Mia muss ihr Normalgewicht erreichen und ihren Bewegungsdrang in den Griff bekommen. Ihr eigenes Körperbild ist immer noch komplett gestört.

Ich als Mutter kämpfe jeden Tag um das Leben meiner Tochter. Nur weil Mia zu Hause ist, ist sie noch lange nicht gesund. Wenn sie zwei Kilo verliert, muss sie wieder in die Klinik. Wir kämpfen wirklich um jedes Gramm….

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