Pubertätsblocker: Unsere fünfjährige Tochter bekam plötzlich Brüste

Pubertätsblocker

Foto: Pixabay

Ihr Lieben, im November hatten wir hier eine Leserfrage zum Thema Pubertätsblocker. Carlas Tochter ist viel zu früh in die Pubertät gekommen, die Ärzte empfahlen eine Hormon-Therapie. Carla suchte bei uns nach anderen betroffenen Familien – daraufhin hat sich Ina bei uns gemeldet, deren Tochter seit 2,5 Jahren Pubertätsblocker bekommt. Hier erzählt sie uns davon:

Liebe Ina, heute geht es um deine 8,5-jährige Tochter, die seit Sommer 2021 Pubertätsblocker bekommt. Wann ist euch zum ersten Mal aufgefallen, dass sie körperlich weiter ist als gleichaltrige Kinder? 

Tatsächlich hat meine Tochter als Erste ihre körperlichen Veränderungen bemerkt. Sie hatte eine leicht angeschwollene Brust, die etwas weh getan und gejuckt hat. Da wir gerade noch im Homeschooling wegen der Pandemie waren, fiel uns auch nicht auf, dass die auf einmal grösser als ihre Schulkameraden geworden war – das bemerkten wir erst im Sommer 2021.

Mein Mann sagt heute, dass sie damals auf einmal sehr tiefsinnige Fragen gestellt hat – viel zu tiefsinnige für eine Fünfeinhalb-Jährige. Dazu kamen Stimmungsschwankungen und mehr Konflikte mit uns. Ich muss zugeben, dass mir das alles gar nicht so auffiel, weil unsere Tochter schon immer ein sehr starker Charakter war. Doch dann sag ich einen leichten Haarflaum im Schambereich und das machte mich natürlich stutzig.

Mit wem habt ihr da erstmals darüber gesprochen und was war da der Rat?

Wir sind zum Kinderarzt und dieser sah sofort die Anzeichen einer sehr frühen, vorzeitigen Pubertät. Er schickte uns ins Krankenhaus, um verschiedene Tests durchführen zu lassen. Es gab Bluttests, um Hormonlevel zu bestimmen, Röntgenaufnahmen der linken Hand, um das Knochenalter mit dem kalendarischen Alter zu vergleichen, ein Gehirn-MRT, um eine Krebserkrankung auszuschließen und nochmal einen dynamischen Bluttest, in dem beobachtet wird, wie der Körper reagiert, wenn man Hormone einschüttet. Nach all den Tests war das Krankheitsbild ziemlich eindeutig: frühe vorzeitige zentrale Pubertät.

Wie habt ihr eurer Tochter klar gemacht, was mit ihr los ist?

Mit 5 Jahren haben Kinder noch keine Ahnung von Pubertät, es liegt völlig außerhalb ihrer kleinen Welt und ihres Wahrnehmungshorizonts und Verstands. Der Begriff Pubertät war und ist ihr noch völlig fremd. Wir waren am Anfang ziemlich hilflos und ratlos, wie wir darüber mit ihr sprechen sollten. Wir haben versucht, ihr kindgerecht mit einfachen Worten zu erklären, was in ihren Körper los ist – ohne ihre Psyche mit fremden und besorgniserregenden Begriffen zu bombardieren.

Wir haben ihr erklärt, dass ihr Körper auf einmal in ein eifriges Rennen geraten ist, in hohem Tempo wächst, viel schneller als normal und dass man ihr Medikamente geben wird, damit der Körper sich wieder Zeit nimmt zu wachsen. Das sei wichtig, damit ihr Körper genug Energie für ihr ganzes Wachstum hat und nicht alles auf einmal gibt und danach nichts mehr übrig ist. Wir haben es mit einem Getränk verglichen, das man während eines Rennens kleine Schlückchen trinkt, statt die Flasche auf der Startlinie leer zu trinken – und dann das Rennen nicht schafft, weil man so Durst hat.

Wie und wann seid ihr dann zu den Pubertätsblockern aufgeklärt worden und wie lief die Entscheidung, ob ihr das macht oder nicht?

Nach der Diagnose erklärte man uns den Behandlungsweg und sagte, dass diese Therapie seit 30 Jahren existiert und dass sie immer einschlägt und gute Ergebnisse bringt. Dennoch waren wir erstmal nicht sicher, denn natürlich ist das eine große Entscheidung, die unser Kind jetzt betrifft, aber eventuell auch im Erwachsenenalter.

Wir haben viel mit dem Klinikarzt und dem Kinderarzt diskutiert, zudem holten eine zweite Diagnose in einem zweiten Krankenhaus und bei einem anderen Kinderarzt. Ich habe auch sehr viel recherchiert darüber, wie die Behandlung geht und was es für Nebenwirkungen haben kann, wie die Kinder die Behandlung vertragen, wie es ist für die Kinder/Familien ist, die die Therapie nicht nehmen wollen, ob es (späte) Nebenwirkungen hat und welche das sind.

Zugleich hatten wir den Eindruck, dass die Zeit tickt und dass diese frühzeitige Pubertät sehr schnell voranschreitet. Mein Mann hatte Angst, dass wir nicht schnell genug reagieren und ich hatte Angst, dass wir nicht lange genug überlegen und die Therapie zu schnell beginnen. Nachdem wir aber die zweite Diagnose hatten und die zweiten Ärzte die gleiche Therapie vorschlugen, war ich beruhigt. Im Nachhinein war die Zeit zwischen Feststellung der körperlichen Veränderung, Diagnose und Anfang der Therapie die schwierigste für uns Eltern.

Wie lange wird eure Tochter die Blocker einnehmen und was bewirken diese genau?

Die Behandlung besteht darin, Hormone zu geben, die die Pubertät blockieren. Diese Hormone werden durch monatliche (oder eine größere Dosis jedes Vierteljahr) Spritze gegeben, bis das Kind das Alter erreicht, in dem es spontan in die Pubertät kommen würde. Diese Behandlung bringt das Wachstum, das auf einmal außer Kontrolle geraten war, zurück ins „natürliche“ Tempo. Die Behandlung legt sozusagen die Pubertät aufs Eis, bis das Kind die Größe und das normale Alter dafür erreicht hat. Sobald man die Therapie aussetzt, kann die Pubertät anfangen.

Ausschlaggebend für das Ende der Behandlung ist, dass das Kind seine „normale“ Größe erreicht hat, dabei wird auch darauf geachtet, dass das Kind das gleiche Entwicklungsniveau seiner gleichaltrigen Klassenkameraden erreicht hat.

Haben die Blocker momentan irgendwelche Nebenwirkungen?

In unserem Fall haben wir keine Nebenwirkungen. Zwar merken wir, dass unsere Tochter an manchen Tagen etwas emotionaler ist und ein paar Stimmungsschwankungen aufweist, aber sonst fällt uns nichts auf. Ich finde es persönlich schwierig, ob ich ihren starken Charakter dafür verantwortlich machen soll oder ob es an der frühzeitigen Pubertät liegt. Aber natürlich sind Hormontherapien nicht ohne und können starke Nebenwirkungen haben.

Was wünschst du dir für deine Tochter?

Zum jetzigen Zeitpunkt wünsche ich mir für mein Mädchen, dass sie eine normale und sorgenfreie Kindheit hat und die Behandlung weiter gut akzeptiert und verträgt.

Und für die junge Frau, die sie eines Tages sein wird: dass die Behandlung die richtige Entscheidung war und keine späte Nebenwirkung zeigt. Und dass sie selber problemlos Kinder bekommen kann, wenn sie sich welche wünscht.

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