15 Jahre ohne Orgasmus: „Wir sollten offener über Sex reden!“

Ihr Lieben, mal Hand aufs Herz: Wie ehrlich seid Ihr beim Thema Sex? Sprecht Ihr mit Eurem Partner/in darüber, was Euch Lust bereitet und wie Ihr Euer Sexleben gerade so findet? Und wie geht Ihr mit Sex-Flauten um, die es wohl in jeder Beziehung gibt, die aber immer noch ein Tabu-Thema sind? Wir haben heute ein Interview mit Kathrin, die sich gerade auf einer spannenden Reise zu sich selbst befindet. Sie hat nach 15 Jahren „reinen Tisch“ zum Thema Sex gemacht – was das genau heißt, lest Ihr hier.

Liebe Kathrin, Du bist seit 15 Jahren mit Deinem Mann zusammen und Du hast – wie Du selbst sagst – Euer Sexleben voll vor die Wand gefahren. Kannst Du uns erklären, was Du damit meinst? 

Ich habe mich all die Jahre lang nicht getraut, ihm zu sagen, dass ich keinen Orgasmus beim Sex erleben kann. Ich dachte allen Ernstes, mit mir stimme was nicht. Dass ich die einzige Frau bin, bei der das nicht funktioniert. Denn ich hatte keine Vorbilder und das meiste „Wissen“ aus Film und Pornos, wo überall die gleiche Geschichte von der immer lustvollen und stets mit dem Partner gemeinsam kommenden Frau erzählt wird. Ausführlich erzähle ich das auch hier: https://frauleben.de/weibliche-sexualitaet-meine-wahre-geschichte/

Wie würdest Du Euer Sexleben in den letzten 15 Jahren beschreiben?

Mein Partner ist sehr gefühlvoll und ihm war es immer wichtig, dass es mir gut geht. Zudem mag ich ihn und seine Nähe, so dass ich mich sehr mit ihm verbunden fühlte. Das Problem war auch nicht in erster Linie, dass ich nicht kommen konnte – sondern dass ich immer so getan hab als ob. Denn ich hatte so ja nie die Chance ehrlich zu äußern, was ich wirklich will, dass ich etwas anderes brauche. Aus seiner Perspektive war also alles in Butter.

Diese Kombination – das ständige Schauspielern UND das Unterdrücken meiner Bedürfnisse – sorgte irgendwann dafür, dass ich mich immer mehr zurückzog. Im wahrsten Sinne des Wortes gar keinen Bock mehr hatte.

Konntest Du denn alleine zum Orgasmus kommen?

Ja, das konnte ich. Einerseits habe ich bereits als Kind dieses wohlige Gefühl im Schoßraum entdeckt, wenn ich mich an eine Spielplatzstange hängte und die Beine hochzog. Heute weiß ich, dass das sogenannte „Coregasm“ sind – Orgasmen ausgelöst durch reine Muskelanspannung. Quasi ein Reflex.

Zudem wurde später ein Klitoris-Vibrator mein bester Freund, denn mit der Hand war ich wenig erfolgreich. Auch hier arbeitete ich mit viel Druck, Luftanhalten und hoher Körperspannung. Eine Methode, die schnell und zuverlässig zum Ziel führte, aber sehr punktuell und mechanisch ablief. Beides war nett zum „Druckablassen“, aber nichts, was mich erfüllte oder was ich ständig brauchte.

Wann hast du beschlossen, Deinem Mann die Wahrheit zu sagen und wie sagt man so etwas nach all den Jahren?

Ich wachte eines Morgens im Januar 2019 auf und wusste plötzlich: Jetzt muss es raus und zwar sofort. Wir wohnten damals in New York und er war schon im Büro (ca. 40 Minuten entfernt). Ich schrieb ihm eine Textnachricht, dass ich ihm unbedingt etwas sagen muss. An meinem Wortlaut erkannte er die Dringlichkeit und kam mit der nächsten Bahn nach Hause. Als er dann erwartungsvoll in der Küche vor mir stand, packte ich tränenüberströmt aus.

Wie hat er darauf reagiert?

Er war total erleichtert, weil er dachte, es sei wäre was richtig Schlimmes passiert. So sein Wortlaut. Also eine schwere Krankheit oder so. Er nahm die Nachricht super entspannt auf und mich in die Arme. Doch zu dem Zeitpunkt hatte er auch keine Ahnung, was das für unsere Beziehung bedeuten würde…

Erzähl, wie ging es dann weiter?

Danach folgte Chaos. In unseren Köpfen. In unserer Beziehung. Wir hinterfragten alles, was wir über Sexualität wussten und gelernt haben. Redeten zunächst unglaublich viel. 

Die ersten Male Sex waren dann sehr ernüchternd, weil es genauso ablief wie bisher, nur dass jetzt klar war, dass ich nicht kommen kann. Ich wusste, so kann das jetzt nicht bis ans Ende meines Lebens weitergehen. Ich brauchte was anderes. Nur was?

Daraufhin forderte ich eine Sexpause ein, um mich zu sortieren. Um herauszufinden, welchen Kurs ich jetzt stattdessen einschlagen kann. Er war verständlicherweise nicht begeistert, versuchte mir aber trotzdem verständnisvoll zu begegnen, was leider nicht so richtig klappte, wenn er Lust auf mich hatte und ich ihn abwies. Dann reagierte er verletzt. Manchmal auch mürrisch und vorwurfsvoll. Was mich wiederum kränkte. Das war eine echt intensive und sehr schmerzhafte Phase für uns.

Wann hast Du gemerkt, dass ihr Euch wieder annähern könnt? Und wie habt Ihr Euch dann angenähert?

Das dauerte ein paar Monate. Ich durfte so vieles lernen, z.B. dass die Person mit weniger Lust die Situation in der Partnerschaft kontrolliert. Ich lernte, mich in meinen Partner hineinzuversetzen, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. 

Zudem lernte sich, dass es eigentlich gar nicht um „Sex“ geht – also um das klassische „Rein-Raus-Spiel“, sondern um echte Nähe und Verbindung und wie man diese herstellen kann.

Seine Aufgabe war, mir den Raum zu geben, den ich in dieser Zeit so dringend brauchte. Und mir zu vertrauen, dass ich ihn nicht bis ans Ende seines Lebens abweise und ernsthaft bemüht war, die Situation zu ändern. Nur eben Zeit brauchte. 

Wir haben es tatsächlich geschafft – und ich spreche wie gesagt von einem Zeitraum, der sich über viele Monate erstreckt – den anderen voll und ganz in seiner Person, seinem Verhalten und seiner Entscheidung zu akzeptieren. Den anderen zunächst voll und ganz loszulassen und gleichzeitig unsere inneren Wunden – jeder für sich – zu heilen.

Die Annäherung ging dann hauptsächlich von mir aus – als ich keinen Druck mehr, sondern tatsächlich inneren Frieden spürte – weil ich wusste, dass es in meiner Verantwortung liegt, wieder Nähe herzustellen. 

Wie geht es Euch heute? Was hat sich verändert, seit Du reinen Tisch gemacht hast?

Nun, ich kann jetzt nicht plötzlich auf magische Weise beim Sex kommen ☺.

Dafür hat uns diese Krise sehr eng zusammenrücken lassen. Wir können jetzt wirklich über alles reden, weil wir wissen, der Andere ist ernsthaft an unserem Standpunkt interessiert. Und weil wir uns nicht mehr verletzt und beleidigt zurückziehen, wenn der Andere nicht mit uns übereinstimmt. Hier ist viel Leichtigkeit und Humor eingezogen.  

Zudem ist unsere Sexualität sehr entspannt und gleichzeitig spannend. Weil ich mir einerseits immer noch Pausen erlauben darf, wenn ich sie brauche. Gleichzeitig erforsche ich weiterhin meinen Körper und entdecke allmählich eine neue, sehr wilde Seite an mir, die – so glaube ich – uns beiden gut gefällt.

Sexuelle Unlust ist immer noch ein Tabuthema – warum ist das so?

Gute Frage. Meine Erfahrung ist, dass kaum jemand offen und ehrlich über Sex redet. Dieses Thema ist sehr schambehaftet und viele denken – so wie ich damals – sie sind alleine mit ihrem Problem. Dazu kommt der Leistungsdruck, den die Medien erzeugen. Dass man/frau gefühlt immer willig sein muss und wenn das nicht der Fall ist, die Partnerschaft keine Gute ist. Unlust ist negativ konnotiert und wer will schon ein schlechter Partner sein?

Ich bin überzeugt, dass sich die Situation deutlich entspannen würde, wenn mehr Menschen ehrlich aussprechen würden, wie es wirklich bei ihnen im Bett ausschaut. Und wir die Maßstäbe an realen Menschen ausrichten.  Das ist im Übrigen auch mein Beweggrund für meinen Blog frauleben.de

Wenn eine Leserin hier genauso fühlt wie Du, welche Tipps würdest Du ihr gerne geben? 

  1. Hol dir ein gutes Aufklärungsbuch über den weiblichen Körper.
    Ich mag die amerikanische Sexologin Emily Nagoski diesbezüglich zum Beispiel sehr. (-> Komm, wie du willst: das neue Frauen-Sexbuch)
  2. Rede!
    Mit deinen Freundinnen und deinem Partner. Mit Menschen, bei denen Du das Gefühl hast, Dich anvertrauen zu können. Ich habe das für mich als die „erleichternste Zeit“ abgespeichert, weil ich plötzlich merkte, dass ich nicht alleine auf dieser Welt bin mit meinen Problemen. Wir sind so viele!
  3. Verbinde Dich mit deinem Körper!
    Und das beziehe ich jetzt nicht nur auf die Sexualität. Finde heraus, was Dir gefällt und erlaube Dir genau das mit gutem Gewissen. Das kann so simpel wie Barfußlaufen oder ein Tanz am Morgen in der Küche sein. Sei neugierig, probiere Neues aus und versuche beim Genießen bewusst die Sinne zu öffnen. Denn wenn wir unserem Verlangen nach Lust (auch im Alltag) folgen, schaffen wir uns eine genussvolle Welt – genauso wie sie uns gefällt!

Wer mehr über Kathrin und ihre spannende Reise erfahren will, kann dies auf ihrem Blog https://frauleben.de oder ihrem Instagram-Kanal https://www.instagram.com/frauleben.de/. Dort könnt Ihr heute auch ein Video schauen, in dem sie mehr über ihre Sexpause erzählt. Vielen Dank für Deine Offenheit, liebe Kathrin!

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