Jeden Donnerstag Sex? 10 Missverständnisse im Liebesleben von Baby-Eltern

Elternsex

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Ihr Lieben, es gibt ja so Themen, die man eher weniger gern in großer Runde bespricht, deswegen freuen wir uns heute umso mehr, dass uns unsere Kollegin Verena Carl – Autorin des brandneuen Buches Eltern sein, Paar bleiben. Besserer Austausch, mehr Selbstfürsorge, weniger Stress – uns diesen Gastbeitrag zum Thema Sex im ersten Jahr mit Kind verfasst hat… Denn man fragt sich ja schon, wie das gehen soll…. los geht´s. Viel Spaß beim Lesen.

Autorin Verena Carl. Foto: Silje Paul

„Ich weiß ja nicht, wie’s euch geht, aber in meiner ersten Zeit als Mutter habe ich beim Anblick eines Bettes nur an das eine gedacht: schlafen. Lang, tief und ungestört, am liebsten ganz für mich. Ich glaube, damit bin ich nicht allein: Bei den meisten frischgebackenen Eltern kreisen die Gedanken ja eher darum, ob das Baby einen wunden Po bekommt, wenn die Mutter Tomatensalat isst oder wie man jetzt eine größere Wohnung findet, ohne sich dumm und dämlich zu zahlen. Und nicht so sehr um neue Liebespositionen, Sextoys mit Fernbedienung per App oder ob man sich einfach mal ein Hotelzimmer mieten sollte und so tun, als wäre man einander nochmal völlig fremd. Schön wär’s, aber geht ja eh nicht, wegen Corona.

„Ist das normal, dass so wenig läuft zwischen uns?“

Irgendwann, so zwischen sechs Wochen und sechs Monaten, kommt oft ein weiterer Gedanke dazu: Ist das normal, dass (noch immer) so wenig läuft zwischen uns, oder fangen wir demnächst an, uns mit »Mutti« und »Vati« anzusprechen? Nicht immer geht es im Bett so einfach zurück auf Los, nur weil körperlich nichts mehr dagegen spricht und das Kind nicht mehr in Zwei-Stunden-Takt aufwacht. Was, wenn einer von beiden oder sogar beide die Lust an der Lust verlieren, Gelegenheiten eher vermeiden als nutzen, sich weder verführen lassen noch selbst aktiv werden – bis aus der vorübergehenden Funkstille eine dauerhafte Sendepause wird? An wem von beiden liegt es, und ist Sexflaute eher Ausdruck eines tiefer liegenden Beziehungsproblems, oder ist umgekehrt erst die Lustlosigkeit da, und die seelischen Gewitterwolken folgen?

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Sex ist nicht alles im Beziehungsleben. Aber was wir im Bett miteinander tun, wie wir uns dabei berühren, ansehen, miteinander sprechen – das kann den Ton setzen und die Stimmung für all das, was im Alltag vor und nachher zwischen uns passiert. Schließlich machen wir uns nackt im wahrsten Sinn des Wortes, sind empfänglicher, aber auch verletzlicher. Deshalb ist es gefährlich, wenn sich in der ersten Zeit mit Baby Misstöne dort einschleichen, die zu einer Entfremdung führen können.

Sollten wir uns zum Sex verabreden?

Als ich letztes Jahr anfing, ein Buch über Partnerschaft und Elternsein zu schreiben, dachte ich bei diesem Thema an einen Ratschlag, den ich als junge Mutter manchmal las: »Verabredet euch an einem festen Abend jede Woche zum Liebemachen!« Schon klar, welcher Gedanke dahintersteckt: Gelegenheiten schaffen, nicht auf den perfekten Zeitpunkt warten. Trotzdem fand ich den Gedanken unangenehm: Als wäre Sex so eine mechanische Angelegenheit: Rein, raus, aus die Maus, Haken dran. Deshalb habe ich im Gespräch mit einer Hebamme, einer Forscherin und einem Männer-Therapeuten und Psychologen eine Reihe von typischen Missverständnissen zwischen Männern und Frauen zum Thema Sex und Elternschaft gesammelt. Die Antworten sind überraschend und können helfen, den Knoten aufzulösen. Ob Liebe nach Zeitplan auch dabei ist? Lasst euch überraschen….

Eltern sein, Paar bleiben. Besserer Austausch, mehr Selbstfürsorge, weniger Stress

ER SAGT: »Das Leben mit Baby ist schön, aber oft anstrengend – warum nutzen wir nicht Sex zur Entspannung?«

»Die erste Zeit mit einem Kind wird oft als ausgesprochen fordernd empfunden, das gilt für beide Seiten«, sagt die Schweizer Psychotherapeutin und Forscherin Valentina Rauch-Anderegg. »Unterschiedlich ist aber, welchen Einfluss das auf ihre Sexualität hat. Bei einem mittleren Stresslevel nutzen Männer Sex tendenziell als Ventil – sie können sich dann besser entspannen, abschalten, Kraft tanken. Bei Frauen bewirkt mittlerer Stress genau das Gegenteil: Den meisten schlägt er auf die Libido.«

Denn einer der größten Stressfaktoren in dieser Zeit, der Schlafmangel, ist auch noch ungleich verteilt. In den ersten drei Monaten nach der Geburt eines Kindes schlafen Mütter im Schnitt etwa eine Stunde weniger pro Nacht, bei Vätern sind es nur 13 Minuten, so eine Studie der Universität Warwick. Und auch die Schlafzufriedenheit sinkt bei Frauen in dieser Zeit dramatischer. Das heißt im Umkehrschluss: Ein Mann, der seine Frau in den Monaten nach der Geburt verführen möchte, hat die besten Karten, je mehr er sich um das Baby kümmert und dafür sorgt, dass sie mal richtig durch- und ausschlafen kann. Candle-light-dinner, Blumenbouquets und edle Getränke können ja später wieder zum Einsatz kommen….

SIE SAGT: »Kuscheln? Davon bekomme ich mehr als genug!«

Wickeln, streicheln, herumtragen, alle paar Stunden anlegen oder beim Füttern im Arm halten – wenn junge Mütter jetzt eines im Überfluss haben, dann ist es Körperkontakt. Nicht nur, weil es für das Baby überlebensnotwenig ist, gehalten, berührt, gesehen zu werden, sondern auch weil es für beide Seiten eine ganz besondere Erfahrung ist, wie die körperliche Nähe und Verbundenheit über die Schwangerschaft hinaus andauert.

Dass in dieser Lebensphase Sex – und damit die Möglichkeit, erneut schwanger zu werden – nicht im Vordergrund steht, weil jetzt das Baby alle Nähe braucht, die es bekommen kann, das unterstützt die Natur durch einen raffinierten Trick. Beim Stillen wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das uns liebevoll und bindungsbereit macht – nicht zufällig derselbe Stoff, der auch bei einer sexuellen Begegnung den Körper überschwemmt.

Nicht von ungefähr kommt es, dass manche Mütter mit Befremden bemerken, dass die Stillsituation in ihnen latente Lustgefühle weckt. Kein Grund zur Sorge, das ist eine instinktive, körperliche Reaktion! Aber auch Mütter, die das Stillen selbst als weniger lustvoll erleben oder ihr Baby mit dem Fläschchen ernähren, fühlen sich in Sachen Zärtlichkeit oft richtiggehend gesättigt und haben eher das Bedürfnis, ihren Körper auch einmal für sich zu haben, statt den Körper ihres Partners zu spüren. Denn Hautkontakt und Nähe teilt man eben jetzt auch mit einem weiteren, innig geliebten Menschen. Das ist völlig normal und schon gar kein Grund zur Eifersucht – Bedürfnisse ändern sich auch wieder.

ER SAGT/SIE SAGT: »Ich kann nicht, wenn das Baby zuschaut!«

Von der Liebeshöhle zum Kinderzimmer – diese Verwandlung machen jetzt die meisten Elternschlafräume durch. Gut so, denn Experten wie die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Jugendmedizin raten: Ein Baby gehört ins eigene Bett, aber in unmittelbare Nähe der Eltern. Das ist nicht nur einer der besten Schutzfaktoren gegen den gefürchteten Plötzlichen Kindstod (SIDS), sondern auch ganz praktisch: kein weiter Weg zum nächtlichen Füttern, und manche Babys, die im Halbschlaf greinen, lassen sich schon dadurch beruhigen, wenn man ihnen sanft zuspricht – schläft das Baby in einem eigenen Raum, bekommen Eltern diese subtilen Signale oft gar nicht mit.

Einen großen Haken hat die neue Schlafsituation aber schon: sie wirkt auf viele Paare als Liebestöter. Was, wenn das Kind etwas mitbekommt von dem, was wir treiben – wird es davon nicht überfordert? Die Mainzer Hebamme und Sexualberaterin Clara Eidt gibt Entwarnung: »Kleine Babys werden davon nicht beunruhigt, denn sie können geistig gar nicht einordnen, was da passiert. Außerdem waren sie ja auch während der Schwangerschaft nah dran.« Bleibt die Hemmung trotzdem, ist die Lösung einfach: So lange nicht noch andere Kleinkinder abends durch die Wohnung turnen, bietet sich das Wohnzimmersofa oder eine Matratze an.

Oder steckt vielleicht ein größeres Problem hinter dem vordergründigen Argument? Sprich: Nutzt sie (oder er) das schlafende Kind bewusst oder unbewusst, um Sex aus dem Weg zu gehen? Dann lohnt es sich, dem auf den Grund zu gehen: Fühlt er/fühlt sie sich nicht mehr wahrgenommen? Oder hat vielleicht Lust auf Sex – aber nicht so, wie es der Partner oder die Partnerin will?

SIE SAGT: »Findet er mich nicht mehr schön?«

Er will am liebsten sofort wieder, sie nicht. Er gibt Gas, sie bremst. Sie gibt um des lieben Friedens willens nach, er will mehr. Ein typisches Szenario im Schlafzimmer junger Eltern – aber es kann durchaus auch genau anders herum sein. Vor allem bei solchen Paaren, die sich besonders aktiv um Gleichberechtigung bemühen, bei denen sich die Väter mit derselben Hingabe und Zeit um ihr Baby bemühen wie die Mütter oder, bei Rollentauschpaaren, auch noch mehr. »Väter, die viel Körperkontakt mit ihren Babys haben, tragen, wickeln, baden, haben häufig genau die gleichen Schwierigkeiten wie die Mütter: umschalten von der Rolle des treusorgenden Elternteils auf die Rolle des oder der feurigen Geliebten«, sagt der Bielefelder Männer-Psychotherapeut Björn Süfke.

Dasselbe Bild, nur spiegelverkehrt: Sie würde ihm gern an die Wäsche gehen, aber er mag nicht – oder sein Kopf mag, sein Körper verweigert sich. Süfke: »Die männliche Sexualität wandelt sich vielleicht nicht so sehr wie die weibliche nach einer Geburt, aber sie ist genauso Schwankungen unterworfen. Die Potenz ändert sich, und ob ein Mann Lust hat oder nicht, ist sofort sichtbar.« Das liegt dann aber meist weniger daran, dass sie noch ein paar Kilo mehr auf den Hüften hat oder Dehnungsstreifen am Po und er deshalb weniger angetörnt von ihr ist – auch wenn Frauen das befürchten. Sondern, dass er gerade von Kopf bis Fuß auf Vaterliebe eingestellt ist. Versteht sie das, versteht sie auch: Seine vorübergehende Unlust ist keine Zurückweisung und bedeutet nicht, dass ich nicht mehr begehrenswert bin.

ER SAGT: »Wozu anfangen, wir werden ja doch wieder unterbrochen!«

Nicht ausgeschlossen. Die Schlafzyklen Neugeborener betragen gerade einmal 45 Minuten, und wenn Babys es im ersten Lebenshalbjahr schaffen, sechs Stunden am Stück zu schlafen – also mehrere Zyklen miteinander zu verknüpfen – spricht man bereits von Durchschlafen. Es ist also rein rechnerisch gut möglich, dass Eltern auf den ein oder anderen Höhepunkt verzichten müssen, weil sich das Kind im unpassendsten Moment meldet. Nur: Wer darauf wartet, dass diese Phase vorbei geht, der kann sich auf eine lange, sexlose Zeit einstellen. Da hilft nur eins: Mut, Abenteuerlust, und Frustrationstoleranz.

SIE SAGT: »Nehme ich ihm eigentlich was weg, wenn ich mich erstmal um meine eigene Lust kümmere?«

Sex in einer Partnerschaft ist eine Schnittmenge: Das, was jeder für sich erotisch findet, und das, was beide miteinander teilen. Wenn sich zwei Menschen finden und lieben, bleiben deshalb fast immer Bereiche außen vor, die nur einem von beiden gehören: Meist hat jeder und jede eigene Bilder, Erinnerungen, Phantasien, die zuverlässig für Erregung sorgen. Dass eine Solo-Nummer kein kläglicher Ersatz für traurige Singles sein muss, sondern das Liebesleben sogar bereichern kann – schließlich ist es leichter, die eigenen Bedürfnisse zu benennen, wenn man sich mit dem eigenen Körper auskennt -, das zeigt eine Studie der Uni Bonn: 90 Prozent aller Männer und 86 Prozent aller Frauen besorgen es sich (auch) selbst, wobei die Frauen deutlich aufgeholt haben. Also auch Verliebte, Vergebene, Verheiratete. Was auch ein guter Einstieg sein kann für das neue Sexleben nach der Geburt.

»Viele Frauen nutzen Selbstbefriedigung, ehe sie wieder mit dem Partner schlafen, um herauszufinden: Was hat sich in meinem Körper verändert, fühlt sich etwas anders an als zuvor?«, berichtet Hebamme Clara Eidt. Es gibt Sicherheit, zu spüren: Auch wenn ich jetzt Mutter bin – ich bin noch immer ein sexuelles Wesen, und meine eigene Lust bleibt vertrautes Terrain. Gerade wenn sie eine größere Geburtsverletzung erlebt hat und Angst vor Schmerzen bei der ersten Penetration, kann das eine schöne Spielart für den Neustart sein: sich selbst neu kennen lernen, dann vielleicht den Partner Hand anlegen oder zuschauen lassen, und umgekehrt. Sex ist schließlich viel mehr als das Rein-Raus-Steckspiel!

ER SAGT: »Liebt sie mich nicht mehr, wenn sie weniger Lust hat? Oder war ich am Ende nur ein besserer Samenspender für sie?«

»Lustlosigkeit ist oft nur ein Zeichen des eigenen Körpers«, sagt Hebamme Clara Eidt: »Nicht »ich will gar keinen Sex«, sondern »diese Art von Sex möchte ich (gerade) nicht.« Hört darauf, was euer Körper euch stattdessen sagen möchte! Vielleicht ist gerade eine andere Form von Kontakt dran. Und sei es, dass sie nichts lieber hätte, als dass er ihr zärtlich das Gesicht streichelt oder ihr die Schultern massiert.

SIE SAGT: »Erotische Gedanken sind mir gerade fast wichtiger als Sex. Aber das zählt nicht, oder?«

Sex ist immer auch Kopfsache: Findet da oben nichts statt, nützt die tollste Technik in den tieferen Etagen nichts. Das heißt aber auch: Manchmal ist es völlig ausreichend, wenn Erotik im Oberstübchen bleibt – und gerade in der ersten Familienzeit ist das oft die beste Alternative zur Totalflaute. Männertherapeut Björn Süfke: »Es geht nicht darum, so häufig wie möglich miteinander zu schlafen, sondern sich einfach weiterhin mit dem Thema zu beschäftigen. Und zwar, in dem beide Partner einander signalisieren: Ich sehe dich immer noch als sexuelles Wesen. Sind die Kinder schon etwas größer, kann das auch ein anzüglicher Insiderwitz sein, eine Bemerkung zwischen Tisch abräumen und Zähne Nachputzen, die Kinder nicht verstehen, Eltern aber sehr wohl: »Wenn wir jetzt allein wären, ich würde die Fischstäbchen vom Tisch fegen und…. « So hält man die Anziehung lebendig, auch wenn man den Gedanken nicht immer in die Tat umsetzen kann.«

ER SAGT: „Wenn wir uns jeden Donnerstag abend zum Sex verabreden und in unseren Kalender eintragen, wird’s schon wieder rund gehen!«

Uff, denken jetzt vor allem die Mütter: Kennen wir das nicht schon aus der Zeit, in der wir unsere Leidenschaft nach Eisprungkalender eingeteilt haben, damit es bald klappt mit dem Wunschbaby? Der klassische Erotik-Tipp für junge Eltern klingt nach einem ziemlichen Downer. Schließlich ist die Zeit mit einem Baby ohnehin immer zu knapp, so manche Sportstunde oder Verabredung muss dran glauben, weil das Kind in letzter Sekunde Hunger hat oder eine neue Windel braucht, und jetzt erinnert auch noch jeden Donnerstag die Kalender-App per Signalton: 21 Uhr, los, Liebe machen? Nein: so ist das nicht gedacht.

Nicht als Druckmittel, schon gar nicht als einzuforderndes Recht, sondern als Möglichkeitsfenster: Heute schaffen wir uns Raum für uns zu zweit, wie wir ihn füllen, ist Stimmungssache. Jedenfalls erhöht das die Vorfreude sowie die Chance, überhaupt mal wieder gemeinsam zur Sache zu kommen, ungemein. Denn auf eine Gelegenheit, bei der alles stimmt – die eigene Laune, die freie Zeit, frisch enthaarte Beine – können junge Eltern buchstäblich lange warten. Wenn das Möglichkeitsfenster am Donnerstag abend zuklappt, weil das Baby gerade heute besonders unruhig ist, dann keinen Stress machen: Lieber den Paar-Abend verschieben oder zur Not ausfallen lassen, als gar nicht erst ansetzen. So kann’s tatsächlich was werden mit dem Klassiker…

ER SAGT/SIE SAGT: »Ich bin einfach zu traurig für Sex. Wenn das vorbeigeht, dann kommt die Lust sicher von selbst wieder.«

50 bis 70 Prozent aller Mütter erleben in den Tagen nach der Geburt den so genannten »Baby Blues«, auch bekannt unter dem volkstümlichen Namen »Heultage«: Egal wie groß das Glück, plötzlich ereilt sie ein Stimmungstief, das auch mit Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit und anderen Begleitsymptomen einher gehen kann. Dauert von wenigen Stunden bis zu maximal einer Woche, und hat mit dem starken Absinken des Östrogen- und Progesteronspiegels nach der Schwangerschaft zu tun – also eine Frage der Körperchemie, die sich in der Regel von selbst wieder einpendelt, und damit auch die Stimmung. Ganz anders bei der so genannten »postpartalen Depression«: eine behandlungsbedürftige, psychische Krise, die schätzungsweise zehn bis 15 Prozent aller Mütter im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes treffen kann. Auch Väter können davon betroffen sein, diese allerdings eher gegen Ende des ersten Lebensjahres.

Die Symptome sind unterschiedlich – nicht alle Frauen sind niedergeschlagen und antriebslos, manche werden auch hyperaktiv und kommen kaum zur Ruhe, auch nicht nachts. Bei den Männern äußert sich eine solche Depression eher in Angstzuständen, Aggressionen oder Rückzug. Aber ob in der stillen oder der agitierten Form, auch sexuelle Lustlosigkeit und eine Art Gefühlstaubheit gegenüber dem Baby, aber auch dem Partner oder der Partnerin gehören zum Bündel der verschiedenen Symptome. Deshalb können Probleme im Bett auch ein Warnhinweis sein: Achtung, ich brauche Hilfe! Sprecht in einem solchen Fall mit der Nachsorgehebamme, Gynäkologin oder Gynäkologen, Hausärztin, und sucht euch weitere Informationen, z.B. hier.

Für weibliche Lustlosigkeit gibt es noch weitere psychische Gründe, die mit den Umständen der Geburt zu tun haben können. Zum einen: verletzende Bemerkungen, die sich tief ins Bewusstsein eingegraben haben. Hebammen berichten, dass im Kreißsaal manchmal Sätze fallen, die keine Frau gerne hören möchte: »Das sieht ja hier aus wie nach einem Bombenangriff« (ein Arzt beim Nähen einer Dammverletzung). Zum anderen: Die Mutter hat das Gefühl, dass über sie bestimmt wird, und ihre Bedürfnisse übersehen werden. Was als entwürdigend, kränkend, übergriffig empfunden wird, ist dabei oft stark subjektiv – in manchen Fällen, so schreibt etwa die Geburtshelferin Viresha Bloemeke in ihrem Buch »Es war eine schwere Geburt« (Kösel Verlag), triggern solche Erlebnisse auch frühere Erfahrungen sexueller Gewalt, häufig jene, die der Frau gar nicht bewusst sind. Auch hier der dringende Rat: Holt euch die Hilfe einer Therapeutin oder eines Therapeuten!“

Verena Carl ist Autorin und Journalistin mit Schwerpunkt Psychologie und Gesellschaft. Sie hat zwei Kinder und schreibt unter anderem regelmäßig fürs ELTERN-Magazin und die BRIGITTE.

Für weiterführende Infos zur Verarbeitung einer schweren Geburt oder postpartaler Depression empfiehlt die Autorin den Verein Licht und Schatten.

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