Co-Elternschaft: „Ich bekam mein Kind mit einem guten Freund“

Co Parenting

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Liebe Jennifer, du bist 39 und hast eine vierjährige Tochter zusammen mit einem Co-Vater. Ihr seid also nicht als Paar, sondern als Freunde Eltern geworden, richtig?

Genau. Co-Elternschaft nennt sich unser Familienmodell.

Wie kam es dazu? Wann wuchs in dir der Wunsch nach einem Kind? Warst du da grad Single?

Ich wollte schon immer Kinder. Nur am Partner haperte es. Ich bin nicht so der Beziehungstyp. Also habe ich schon mit Ende 20 angefangen, mich darauf vorzubereiten, ein Kind alleine zu bekommen. Ein jahrelanger und auch schmerzhafter Prozess. Als ich fast soweit war, habe ich doch noch einen Partner gefunden. Er beschloss allerdings, doch keine Kinder zu wollen. Da war ich 34 und habe die Sache selber in die Hand genommen. Mir reichte es! Ich wollte einfach nicht länger passiv warten, sondern mein Schicksal aktiv in die Hand nehmen. Die beste, aber auch schwerste und mutigste Entscheidung meines Lebens.

Hattest du zunächst auch andere Möglichkeiten in Betracht gezogen? Also einen anonymen Spender oder Ähnliches?

Ja, ich wollte eigentlich Solomama mit einem Kind aus einer Samenspende werden. Das war die einzige Möglichkeit, die ich damals kannte. Ich war mitten in der Suche nach einer Samenbank, als mir jemand von der Co-Elternschaft erzählte.

Jennifer Sutholt
Jennifer Sutholt

Wie hast du den Co-Vater dann gefunden? 

Totaler Zufall! Oder Schicksal? Ich habe einer Kollegin von meinem Plan mit der Samenbank erzählt. Im Gegenzug erzählte sie mir von ihrer Co-Elternschaft und wie gut das bei ihr läuft. Ich hörte wie gesagt zum ersten Mal von diesem Konzept. Sie sagte dann zu mir: „Wenn du das auch machen willst, ein Freund von mir und auch Kollege von uns, der möchte auch unbedingt ein Kind, frag doch ihn mal.“ Das habe ich getan und hier sind wir. Es passte gleich perfekt, menschlich, aber eben auch, dass wir beide Flugbegleiter sind. So ist das Kind jeweils bei dem, der nicht fliegen ist.

Wenn zu indiskret, lass die Frage einfach weg: Wie ist euer Kind dann entstanden? Mit ärztlicher Hilfe? Auf natürlichem Wege? Durch Insemination?

Wir haben in unseren Verhandlungen abgemacht, es mit der Bechermethode zu versuchen. Das ist simulierter Geschlechtsverkehr. Sex wollten wir keinen haben. Der Weg zum Arzt war unsere zweite Option, dort hätten wir uns aber als Paar ausgeben müssen. Die Bechermethode hat dann allerdings direkt beim ersten Versuch geklappt.

Wie war da die Stimmung bei euch? Habt ihr euch getroffen und begrüßt mit: „Guten Tag, lass uns ein Kind machen“? Lacht man da, wie war die Stimmung zwischen euch?

Das Treffen zum Machen des Kindes war tatsächlich ganz entspannt, wir waren nämlich zusammen im Urlaub auf Ibiza. Es war auch kein bisschen komisch, eher neutral, da uns ja klar war, dass das der notwendige Schritt ist, um an unser Wunschkind zu kommen. Die Bechermethode ist ziemlich steril und klinisch, da kommen eigentlich wenig Gefühle auf, weder Ekel noch Romantik.

Wie waren denn eure Reaktionen auf den positiven Schwangerschaftstest – hat jemand noch kalte Füße bekommen? Wie hast du, wie hat er reagiert?

Wir waren beide gleich glücklich, denke ich. Und gezögert hat keiner von uns, wir hatten uns ja wirklich gut abgesprochen und vorbereitet und wollten es unbedingt. Da ich zuerst den Weg der Solomama gehen wollte, war ich ziemlich entspannt, denn ich war ja eigentlich mental und finanziell darauf vorbereitet, es alleine zu machen. Dass ich jetzt Hilfe und einen Papa hatte, war ein richtig toller Bonus.

Wie war das in der Schwangerschaft, war er auch mal bei Untersuchungen dabei?

Ja, er war bei jeder Untersuchung dabei. Ab dem Zeitpunkt, ab dem der Ultraschall über die Bauchdecke gemacht wurde.

Wie war das bei der Geburt?

Auch beim Kaiserschnitt war er dabei. Erst saß meine Mama an meinem Kopf, um mich zu stärken, denn ich hatte wahnsinnige Angst. Als das Baby da war, hat er sie dann zur U-Untersuchung begleitet und saß ab da bei mir.

Wie habt ihr das rechtlich geklärt? Läuft das mit der Elternschaft dann im Grunde wie bei einem Elternpaar, das zusammen, aber nicht verheiratet ist?

Ganz genau so. Er hat schon vor der Geburt die Vaterschaft anerkannt und ist damit genauso Vater, wie jeder Partner einer Frau oder ein Ehemann.

Verbringt ihr heut Zeit zusammen mit eurem Kind oder wechselt eure Tochter zwischen euch?

Unsere Tochter wechselt hin und her, je nach Monat ist die Verteilung ungefähr 70/30. Sie ist mehr bei mir, dafür bekomme ich Unterhalt oder eher einen Betreuungsausgleich. Wir unternehmen aber auch öfter mal was gemeinsam, besonders, wenn unsere Tochter sich das wünscht, sie steht ja im Vordergrund. Wir fahren auch mindestens einmal im Jahr gemeinsam als Familie in den Urlaub.

Wie hat euer Umfeld anfangs reagiert? Und wie geht es jetzt mit der besonderen Situation eurer Familie um?

Am Anfang mussten wir viel erklären. Wir wussten ja selber nicht, wie es laufen wird. Jetzt weiß natürlich jeder Bescheid und alle freuen sich mit uns, wie gut es läuft.

Hattest du schon mal das Gefühl, dich in den Vater deiner Tochter zu verlieben, vielleicht einfach schon aus dem Grund, wie sehr auch er eure Tochter liebt?

Eigentlich nicht. Das Umfeld hat es schon irgendwie gedacht, vielleicht auch gehofft, warum auch nicht? Unser Papa ist ein sehr attraktiver, angenehmer Mann. Aber wir sind sehr unterschiedlich, als Paar wären wir grauenhaft. Er wäre mir viel zu gemütlich und ich ihm viel zu anstrengend. Aber als Eltern funktionieren wir gut, gerade weil wir so gegensätzlich sind.

Welche Vorteile hat euer Familienmodell?

Gerade ist mein Kind mit seinem Papa unterwegs und ich habe vier Tage frei. Vier Tage alleine in meiner Wohnung, komplett ohne Mental Load, denn den hat er. Ich kann ausruhen, wirklich ausruhen. Ich vertraue ihm komplett, er macht das schon immer richtig gut, ich weiß, ich kann mich zu 100% drauf verlassen, dass er die richtige Entscheidung zu egal was trifft. Das macht mich sehr frei. Wenn du selber Mama bist, dann weißt du sicher, was ich meine.

Wie stellst du dir deine Familie in fünf Jahren vor? 

Das überlasse ich ehrlich gesagt unserer Tochter. Bis zu einem gewissen Grade. Wenn es für sie so ok ist, dann machen wir weiter wie bisher. Mehr bei mir kann sie nicht sein, ich arbeite ja auch irgendwann wieder regelmäßig. Wenn sie mehr als Familie machen möchte, dann machen wir das. Zusammenziehen werden wir allerdings nicht. 

Im Moment ist es noch kein wirkliches Thema bei meiner Kleinen. Es ist eher so, dass ihre Freundinnen sauer sind, weil sie zwei Zuhause hat und zweimal Weihnachten feiern darf.

Zu guter Letzt: Du hilfst so vielen Frauen und Männern, ihr alternatives Familienmodell zu leben. Lass uns mal alle Links da, damit wir uns weiter bei dir durchstöbern können! 

Auf meinem Blog planningmathilda findest du eigentlich alle Informationen zur Co-Elternschaft. Auch die Erfahrungsberichte anderer Co-Eltern. Mittlerweile arbeite ich mit Katharina Horn zusammen, einer zertifizierten Kinderwunschberaterin. Ich habe einfach gemerkt, dass so viel Bedarf bei den Frauen ist. Sie brauchen Austausch, Informationen und Hilfsangebote. Und es sind viele Frauen, die Hilfe suchen. Das konnte ich nicht mehr alleine stemmen und Katharina ist perfekt qualifiziert, auch weil sie selber ein Kind aus einer Samenspende hat. Viele Frauen wissen zu Anfang nicht, ob sie den Weg der Co-Mama oder den der Solomama gehen möchten. Dort versuchen wir zu unterstützen.

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Vielen Dank für das tolle Gespräch und so viel Offenheit!


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3 comments

  1. Huh, ein spannendes wenn auch kontroverses Thema. Es scheint ja doch zunehmend immer schwieriger zu werden, dass klassische Familienmodell zu leben. Ich selbst hatte nie wirklich einen Kinderwunsch – und wenn ich dann doch einmal an das Thema Kind gedacht habe, sah ich mich in meinen Gedanken immer nur als Single-Mutter. Keine Ahnung, ob das eine unbewusste Projektion meines Unterbewusstseins ist oder ob es daran liegt, dass ich selbst bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen bin. Auf jeden Fall habe ich wohl von vornherein die Chance auf eine glückliche Normalfamilie ausgeschlossen. Mag auch daran liegen, dass ich wie die Dame im Interview auch eine Einzelgängerin bin und generell wenig Interesse an anderen Menschen habe – bis auf einen sehr engen Freundeskreis. In den letzten Monaten, ich werde demnächst 42, denke ich jedoch häufiger über das Thema nach. Emotional fühle ich mich immer noch zu jung und unreif dafür, andererseits weiß ich auch, dass ich nicht ewig darauf warten kann, dass sich meine Gefühle ändern. Und obwohl ich keinen instinktiven Kinderwunsch verspüre, betrachte ich Paare ohne Kinder, gerade wenn die biologische Chance dazu auch vertan ist, immer mit einem gewissen Gefühl des Mitleids und der Tragik. Ein Leben ohne Nachwuchs erscheint mir doch letztlich auch als nicht gelungen, leer. Da ich zudem eher der rationale Typ bin, habe ich auch überlegt, meine romantischen Hoffnungen zur Seite zu legen und nach einem Mann zu suchen, der mir sympathisch ist, den ich respektieren kann und der ähnliche Wertvorstellungen hat, um ein Kind zu bekommen. Ich glaube sogar, dass dieses Modell stabiler sein kann als eine hormongesteuerte Beziehung, die ja meistens doch nicht hält. Und das Kind hat eine Beziehung zu beiden Eltern ohne emotionale Dramen. Von einer Samenspende halte ich gar nichts. Das ist dem Kind gegenüber nicht fair und sehr egoistisch. Man muss immer bedenken, dass jeder Mensch wissen möchte, wo er seine Wurzeln hat. Sich anonym befruchten zu lassen, ist aus psychologischer Sicht für Mutter und Kind eine Belastung. Dann lieber adoptieren oder nach einem Co-Elternteil suchen. Denn das Kindeswohl sollte am erster Stelle stehen, nicht die oft recht egoistischen Bedürfnisse potentieller Eltern. Ein Kind ist kein Produkt sondern ein Mensch. Deswegen sollte die Wege der Reproduktion auch menschlich bleiben. Ich werde weiter darüber nachdenken, welche Konstellationen für mich in Frage kommen und wie ich aktiv werde. Danke für den informativen Artikel.

  2. Ich weiß nicht ob das für das Kind so gut ist wenn sie die zwischenmenschliche Beziehung ohne küssen etc ihrer Eltern betrachtet. Das prägt ja später für ihre eigenen Beziehungen…meine Hebamme sagte zb mal ich solle meinen Sohn bei der Zwillingsversorgung ruhig mit einbeziehen, das präge ihn für seine spätere Vaterrolle. So stell ich mir das eben schwierig vor für das Mädel

    1. Ich denke nicht, dass es ein Problem darstellt die Eltern nicht beim Küssen zu sehen. Nicht wenige Eltern trennen sich innerhalb des ersten Babyjahres, und nicht immer bleibt die Elternschaft danach so harmonisch.
      Ja, es ist wichtig, dass Kinder lernen, wie sie mit anderen umgehen können und sollten. Aber Vorbilder für Liebesbeziehungen gibt es andere als nur die Eltern: Großeltern, Tanten, Onkel, Freunde der Familie, (wenn die Kinder älter sind) Fernsehen und entsprechende Bücher.

      Es ist – meiner Meinung nach – sehr viel wichtiger, dass Eltern ihren Kindern einen harmonischen, respektvollen und liebevollen Umgang mit anderen Menschen lehren.
      Liebe ist so viel mehr als nur romantischer Natur.

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